München Hauptbahnhof. Siegfried wartet auf den Zug zurück nach Münster. 20 Minuten Verspätung - wie immer, denkt er. Da fällt ihm ein Plakat auf: cVolksbegehren Nichtraucherschutz^. Er denkt an die heiß diskutierten Forderungen der Nichtraucher und ruft sich die Schlagzeilen und Ereignisse rund um die Streitfrage der letzten Jahre nochmal vors innerliche Auge:
Die Zugankunft wird durchgegeben und der Zug fährt in den Bahnhof. Siegfried läuft zum Gleis, vorbei am Raucherbereich, an welchem sich die Rauchenden zitternd die letzte Zigarette vor der Abfahrt anzünden. Er steigt ein und setzt sich zu einem einzelnen Herrn. Beide sehen gedankenverloren aus dem Fenster, der Blick wie durch Zufall auf den Raucherbereich gerichtet.
Francisco: Wie sie so dort stehen und frieren in ihrem eingezeichneten Bereich, richtig isoliert wirkt das. Bei den ganzen Diskussionen und den eingeführten Bestimmungen im Zuge des Nichtraucherschutzes habe ich oft das Gefühl, die Welt unterscheidet sich nur noch anhand dieser Gruppen, der Raucher und der Nichtraucher.
Siegfried: Ja, den Eindruck könnte man anhand der Schlagzeilen bekommen. Stets wird in diesen zwei Unterteilungen der Bürger gesprochen. Ich würde dabei nicht von einer Unterscheidung sprechen, denn beide Gruppen sind ja erst einmal gleichwertig.
Francisco: Gleichwertig schon, aber es sind doch zwei zu unterscheidende Gruppen, oder was meinen Sie?
Siegfried: Auf einer allgemeinen Ebene müsste man in einem neutralen System von Distinktionen ausgehen, das ich als Wirklichkeitsmodell bezeichne. Neutrale Distinktionen, wie die Raucher und die Nichtraucher, werden in konkreten Situationen, immer dann, wenn geredet und gehandelt wird, erst zu Unterscheidungen und zwar durch individuelle Bewertungen. Man favorisiert eine Seite, zum Beispiel aufgrund der Handlungen der Raucher oder der Aussagen der Nichtraucher, und wenn das entschieden ist, dann kann ich Raucher oder Nichtraucher mit anderen semantischen Unterscheidungen, wie abhängig oder unabhängig, moralisch oder unmoralisch beobachten. 1
Francisco: Hm, eine Seite bevorzugen werde ich dabei nicht. Diese ewige Diskussion um den Nichtraucherschutz scheint jedoch ein größeres Anliegen zu sein, als bisher angenommen. Beide Seiten haben Rechte, die sie einfordern, was in der Interaktion jedoch ein Problem darstellt. Für die Raucher gehört gerade der Konsum in einer Bar, einer Diskothek oder einem Restaurant zu einer geselligen und entspannten Atmosphäre. Die Nichtraucher sehen dies genau andersherum. Für sie ist der entstehende Rauch eine Belästigung, die ihnen den
1 Pörksen B., S. 170-171
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Aufenthalt in einer solchen Umgebung sehr unangenehm werden lässt. Für mich besteht Wirklichkeit darin, dass das Subjekt und das Objekt sich gegenseitig bestimmen und bedingen, der Erkennende und das Erkannte in wechselseitiger Abhängigkeit entstehen. 2 Ein Raucher und seine Umgebung bedingen sich zum Beispiel insofern gegenseitig, da ein Raucher nur ein Raucher sein kann, wo es ihm erlaubt ist zu rauchen. Die Umgebung wird durch die Existenz der Raucher mittlerweile in Raucherbereiche und Nichtraucherbereiche eingeteilt. Die Nichtraucher in Interaktion mit den Rauchern bringen dazu den Streitpunkt des gesundheitsschädigenden Rauchs hervor, durch welchen sich erst die Diskussion in der Gesellschaft über das Rauchen etabliert hat. Erst ihre Reaktion, welche sich im Laufe der Jahre immer stärker gezeigt hat, brachte den Stein ins Rollen. So kann man sagen, dass alles, was man selbst, sozusagen subjektiv in der Welt wahrnimmt, in der man lebt, hängt eng mit dem, was man tut, zusammen. 3
Siegfried: Wahrnehmung und Erkennen bilden demgemäß nicht eine objektive Wirklichkeit ab, sondern sie errechnen bzw. konstruieren etwas, das wir erkennend als Wirklichkeit akzeptieren und dem entsprechend wir uns verhalten und handeln. 4 So wie Sie eben in ihrem Wirklichkeitsbegriff beschrieben haben, müssen sich beide Seiten in diesem Streifall gegenseitig aufeinander einlassen, um eine nachhaltige Lösung zu finden und ihren Disput nicht immer weiter zu vertiefen. D] u s}olPZv cE]ZµZZµÌ^ P]vP ] Diskussion bereits in die nächste Runde. Ich hoffe nur, dass Raucher und Nichtraucher doch noch bald einen gemeinsamen Nenner in ihren Ansichten finden. Ihre beschriebene Theorie kann ich daher gut nachvollziehen, wobei ich Subjekt und Objekt eher als unabhängige Ausgangseinheiten sehe, welche dann interagieren.
Francisco: So, Sie beschäftigen sich also mit dem Konstruktivismus, interessant.
Siegfried: Nun ja, ich habe mich einige Zeit mit konstruktivistischen Themen beschäftigt und dazu auch einiges veröffentlicht. Daher gehe ich in meiner Denkweise viele Dinge aus dieser Sichtweise an. Ich kann ihnen daher auch Recht geben, dass man ein Individuum nicht isoliert betrachten kann. Es ist ein Teil der Gesellschaft und darin eingebettet, auch wenn sie unterschiedliche Einstellungen haben. So verhält es sich auch mit den Rauchern und
2 Pörksen B., S.118
3 Pörksen B., S.114
4 Schmidt S. J., S. 151
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Arbeit zitieren:
Daniela Manske, 2010, Streit um den Nichtraucherschutz, München, GRIN Verlag GmbH
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