heilig wie der Schlaf, und Kostbarem, das geschützt und bewahrt werden muss. So diktiert gewissermaßen das Träumen seiner Geliebten, wie der Wanderer sich zu verhalten hat. "Will Dich im Traum nicht stören, wär Schad um deine Ruh, Sollst meinen Tritt nicht hören-Sacht, sacht die Türe zu!" 2
Der Traum wird zur Ursache, zum Motiv für das vorsichtig-bedächtige Verhalten des Wanderers. Gar verhindert er einen direkten, intensiven Abschied zwischen dem Wanderer und seiner Geliebten. Dieser kann aufgrund der Unantastbarkeit des Traumes nur indirekt erfolgen, durch eine kleine Nachricht, die der Wanderer an das Tor schreibt, in der Hoffnung, dass seine Geliebte diese am Morgen nach dem Erwachen aus dem Schlaf und Traum lesen wird. Die Nachricht "Gute Nacht", gleichzeitig Titel des Liedes, meint hierbei mehr- sie wünscht einen guten Schlaf und vor allem gute, angenehme Träume. Der Umstand des indirekten Abschieds nimmt bereits ein wesentliches lyrisches Mittel vorweg, das in der gesamten Winterreise konstant aufrechterhalten wird und wiederkehrt. Es ist dies der fingierte, imaginierte Dialog des Wanderers mit seiner Geliebten und sich selbst, durch den wir einen Einblick in sein tiefstes Innenleben erhalten und all seine brennenden Qualen erfahren. Nur durch die Augen des Wanderers erfahren wir etwas über seine Geliebte, die selbst niemals in Erscheinung tritt. Die bis an die menschliche Existenz gehende Einsamkeit und Verzweiflung des Wanderers, die im Laufe des Zyklus in eine nimmer manifester werdende Lebensmüdigkeit und Todessehnsucht mündet, wird durch dieses lyrische Mittel besonders intensiv zur Schau gestellt.
Die positive Konnotation des Traumes bleibt vorerst beibehalten. Im Lied Nr. 5 "Der Lindenbaum" träumt der Wanderer selbst: "Ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum". 3
Es ist ein angenehmer, lebensfroher, optimistischer Traum, der das Lebensgefühl erhöht und das reale Leben bereichert, diesem in glückbringender Weise zugewandt ist. Jedoch entpuppt sich diese vermeintliche Glückseligkeit schon bald als trügerisch. "Tiefe Nacht", Dunkelheit setzt ein, in die der Wanderer weiter wandern muss, "kalte Winde" 4 richten sich gegen ihn und blasen seinen Hut vom Kopfe. Scheinheilig-verlockend suggeriert ihm der Lindenbaum, ähnlich der Schlange im Paradiese Eden, er würde Ruhe bei ihm finden; ein beträchtlicher Irrtum. Diese trügerisch-verlockende Verheißung klingt dem Wanderer noch hämmernd nach, schon lange, nachdem er sich von diesem hinterhältig-manipulativen Lindenbaum entfernt hat.
2 Wilhelm Müller, Die Winterreise, Erste Auflage, Hans-Rüdiger Schwab (Hrsg.), Frankfurt am Main: Insel
Verlag 1986, S.44
3 Ebd., S.46
4 Ebd., S.47
2
Die in diesem Lied angedeutete Fatalität der Träume wird im Lied Nr.11 "Frühglingstraum" aufgegriffen und fortgeführt.
"Ich träumte von bunten Blumen". "Ich träumte von grünen Wiesen." 5 „ […]“ "Ich träumte von Lieb um Liebe, von einer schönen Maid." 6
Das vermeintliche Idyll des Traumes wird in diesem Lied scharf aufgebrochen: "Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?" „ […]“ "Nun sitz ich hier alleine und denke dem Traume nach" 7 .
Immer mehr und stärker wird sich der Wanderer der Defizienz, der Fehlbarkeit des Traumes bewusst. Die Diskrepanz und immer breiter werdende Kluft zwischen Traum und Realität wird zu einer schmerzvollen, erschütternden Erkenntnis. Der Traum verliert all seine Heiligkeit und Unschuld und wird zu einer bedrohlichen Instanz, die durch ihre Kontrastwirkung zur Realität selbige nackt und brutal widerspiegelt. Im Lied Nr. 17 "Im Dorfe" kulminiert die Negativität der Träume. Der Wanderer erzählt von träumenden Menschen in einem nächtlichen Winterdorf. Auf diese Menschen, zu denen er sich in jeder Hinsicht entgegengesetzt fühlt, projiziert er sein eigenes unglückliches und unheilvolles Verhältnis zum Traum. Er konstatiert eine konstitutive, und somit allgemeingültige Unerfüllbarkeit des Traumes an sich, sein Verurteilt- und Verdammtsein zum unaufhaltbaren Zerplatzen, Zerrinnen und Zerfließen. Am Ende dieses Liedes erfolgt ein bis ans Mark gehendes Bekenntnis des Wanderers. Er singt: "Ich bin zu Ende mit allen meinen Träumen, was will ich unter den Schläfern säumen?" 8 Dem Wanderer sind endgültig alle Träume abhanden gekommen, ja er hat gar die Traumfähigkeit an sich verloren. Diese sich hierbei vollziehende Entmenschlichung des Wanderers mündet in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, Resignation und Selbstaufgabe. So signalisiert dieser bittere und verbitterte Satz auch die Sinnlosigkeit noch weiter im Leben unter schlafenden Menschen zu verweilen, und die Hin- und Preisgabe des Wanderers an den Tod.
Diese für den gesamten Liederzyklus so gewichtigen Zusammenhänge greift Schubert in seiner Komposition und Konzeption der Winterreise auf. Um den Prozess des allmählichen Traumverlustes des Wanderers zum Ausdruck zu bringen, hat er die beiden Lieder 'Frühlingstraum' und 'Im Dorfe' umgestellt. Ursprünglich stand das Lied 'Im Dorfe' vor dem 'Frühlingstraum', Schubert dreht diese Reihenfolge um kann dadurch diesen entscheidenden individualpsychologischen Vorgang voll zur Geltung bringen.
5 Ebd., S.59
6 Ebd., S.60
7 Ebd., S.60
8 Ebd., S.54
3
Die mit dem Traum einhergehende Täuschung, die sich der Wanderer aussetzt, wird im Lied Nr.19 "Täuschung" explizit zum Ausdruck gebracht, auf das ich im Folgenden näher eingehen möchte. In diesem gibt der Wanderer, sich selbst vollends aufgegeben habend, einem Trug. bzw. Irrlicht hin. Das Irrlicht steht hierbei metaphorisch für die ewigen Illusionen, die der Mensch gewöhnlich anheim zu fallen pflegt. Der Wanderer singt:
"Ein Licht tanzt freundlich vor mir her, ich folg ihm nach die Kreuz und Quer.“ 9 Das Licht, sich als freundlicher, wohlgesonnener Gefährte maskierend, führt den Wanderer tanzend an der Nase herum, welcher diesem in blindem Gehorsam bedingungslos folgt. Harry Goldschmidt beschreibt in dem Buch 'Um die Sache der Musik' das Lied "Täuschung" als "der einzige Fremdkörper in der Winterreise". 10 Denn bezeichnenderweise hat Schubert für dieses Lied eine Melodie aus seiner 1823 komponierten Oper ‚Alfonso und Estrella’ verwendet. Diese dreiaktige ‚ Große heroisch-romantische’ Oper, basierend auf einem Libretto Franz von Schobers, einem guten Freund Schuberts, weist inhaltlich einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zu der Winterreise auf. Ein Lied erzählt in dieser Oper von einem Jäger, der von einer schönen Mädchenerscheinung ins wilde Gebirge gelockt wird, auf dem ein prachtvolles Schloss stehen soll. Doch dies erweist sich als ein Trugbild, als eine fatale Täuschung. Denn sobald der Jäger den Gipfel erklommen hat, zerfließen Mädchen und Schloss im Nebel und der Jäger stürzt im Abgrund zu Tode. Durch diese inhaltliche Verknüpfung wird die Tragweite und Bedeutungstiefe des Liedes ‚Täuschung’ erst richtig offenbar. Somit hat auch diese Lichtmetapher- bzw. Symbolik eine besondere Relevanz im und für den Gesamtkontext des Liederzyklus.
Im Lied Nr. 9 "Irrlicht" steckt die Eigenschaft des fehl- und in die Irre leitenden Lichtes bereits im Titel. Der Wanderer singt: "In die tiefsten Felsengründe lockte mich ein Irrlicht hin" und wartet mit einer Beobachtung auf, die über ihn selbst hinausgeht: "Unsre Freuden, unsre Wehen, alles eines Irrlichts Spiel." 11 Das Irrlicht wird hierbei zur Metapher für die ewigen Illusionen der Menschen, des Lebens und der Welt, die, so scheint es, notwendig zum Leben dazugehören.
Im Lied Nr.14 "Der greise Kopf" bemerkt der Wanderer in tiefem Selbstmitleid "Vom Abendrot zum Morgenlicht ward mancher Kopf zum Greise." 12
Das Licht fungiert hier als tages- bzw. nachtstrukturierendes Element, als Zeitanzeiger, und damit als unbestechliches Maß unser aller Existenz.
9 Ebd., S.55
10 Harry Goldschmidt, Um die Sache der Musik. Reden und Aufsätze, Leipzig: Reclam 1976, S.135
11 Wilhelm Müller, Die Winterreise, Erste Auflage, Hans-Rüdiger Schwab (Hrsg.), Frankfurt am Main: Insel
Verlag 1986, S.57
12 Ebd., S.52
4
Arbeit zitieren:
Nathaniel Mandal, 2009, Ein Wintertraum, München, GRIN Verlag GmbH
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