TU Braunschweig 12.07.2002
Historisches Seminar, Abteilung für Alte, Mittelalterliche und Neuere Geschichte Sommersemester 2002
Proseminar: Deutscher Kolonialismus in Afrika um 1900 Autor: Michael Fürstenberg
Kolonialismus - Verdammt lang her?
Die Epoche des Kolonialismus bzw. des Imperialismus - verdammt lang her? Verdammtaus Sicht der unterworfenen Völker in den meisten Fällen wohl schon, lang her - sicherlich nicht.
Schon rein zeitlich gilt dies nicht wirklich: Das ehemalige Südrhodesien erhielt seine Unabhängigkeit als Zimbabwe erst 1980, Namibia unterstand sogar bis 1990 dem Apartheidregime Südafrikas, und auch heute existieren noch überseeische Besitzungen europäischer Mächte, wie etwa die französischen „Überseedepartements“. Und so lange sind die 60er und 70er Jahre, die Hochzeit der afrikanischen Dekolonisation, nun auch nicht her. Von weit größerer Bedeutung als der tatsächliche zeitliche Abstand zur Epoche des Kolonialismus bzw. des Imperialismus ist jedoch die Frage nach der Relevanz jener für unsere heutige Zeit. Denn Geschichte ist eben nicht nur Quelle für interessante und unterhaltsame Anekdoten, nicht nur eine (allerdings durchaus wichtige) Orientierungshilfe, meist wie man es nicht machen sollte, sondern auch und vor allem ein grundlegendes Element im Verständnis unserer Welt. In diesem übertragenen Sinne wird die Frage nach dem „verdammt lang her“ zu einer Frage nach der Relevanz vergangener Ereignisse für die Gegenwart - der konkrete zeitliche Abstand spielt keine Rolle mehr. Schließlich wird die Bedeutung des iberischen „Kolonialismus der Krone“ für Südamerika nicht dadurch geringer, dass er länger her ist.
In einem gequälten „das ist doch alles sooo lange her, was soll mich das heute noch interessieren?“ eines mit Daten traktierten Schülers drückt sich die Frage vermutlich am besten aus. Die Antwort: Nicht weil man es „halt wissen muss“, sondern weil der europäische Kolonialismus/ Imperialismus wohl eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste konstitutive Merkmal der modernen Welt ist. Und dies nicht nur im Hinblick auf ihre Entstehung, sondern auch auf ihre heutigen Strukturen, Mechanismen und Entwicklungen. Ohne in seinen pathetischen Fatalismus zu verfallen kann man dem Schweizer Historiker Herbert Lüthy zugestehen, dass er mit der Aussage, der Kolonialismus sei „nicht ein Kapitel, sondern das ganze Buch“ der (im Wortsinn) Weltgeschichte nicht ganz Unrecht hat. 1 Die
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„Entdeckung“ der Welt, und damit das ganze Bewusstsein für den Begriff „Welt“ im Sinne des Planeten Erde, ist untrennbar mit kolonialer Expansion verbunden. Wichtiger als die für die Politik der Zeit bedeutende Balgerei um meist völlig wertlose Landstriche oder das möglichst schnelle Hissen von Flaggen, ist die damalige Etablierung einer genuin europäischen Struktur in der Sichtweise und Organisation der Welt. Das Ergebnis, oder besser, die beschleunigte Fortsetzung dieser „Europäisierung“ kennen wir heute als die Herausforderung des 21. Jahrhunderts - die Globalisierung. 2
Wie sehr die heutige Welt durch die europäische Organisation geprägt ist wird deutlich, wenn man einige Selbstverständlichkeiten als das ansieht was sie sind, nämlich erstaunliche Produkte verschiedener miteinander verknüpfter historischer Umstände, gemixt mit einer ordentlichen Portion Zufall. Als Beispiel soll das heutige politische Weltsystem gelten: Dies ist eines von unabhängigen, souveränen Nationalstaaten - ein aus dem Europa des 19ten Jahrhundert stammendes Konzept, das vermutlich nicht ganz zufällig mit der Epoche des Imperialismus zusammenfällt. Die nach dem 2. Weltkrieg unabhängig gewordenen vormaligen Kolonien übernahmen dieses Konzept ebenso wie die kolonialen Grenzen und das von den Europäern umgekrempelte Wirtschaftssystem. Den asiatischen Staaten gelang es dabei zumeist, diese grundsätzlich an ihre Traditionen anzupassen, bzw. besser gesagt andersherum. Die vor Ankunft der Europäer bereits hoch entwickelten Staatswesen des fernen Ostens, insbesondere Indien, blickten auf eine lange Tradition von Herrschaft zurück, die teilweise der des europäischen Mittelalters (Feudalherrschaft u.a.) nicht unähnlich war. Diese bildeten ein Fundament, dass die koloniale Elite unabhängiger von westlichen Strukturen machte. In Indochina gewann der Kommunismus großen Einfluss - obwohl erklärtermaßen anti-kolonialistisch trotzdem eine europäische Ideologie, die in europäischen Denkmustern verhaftet blieb. China bildet dabei einen Sonderfall, da dass Land niemals eine echte Kolonie war, aber trotzdem unter europäischer Herrschaft stand, trotz der langen, über weite Strecken der europäischen weit überlegenen, Kultur und Technologie. China wurde zum Spielfeld der Weltmächte, die sich hier ihre Auseinandersetzungen lieferten - einig waren sie sich allerdings, wenn es gegen die Chinesen ging. Dies alles geschah unter der formalen Aufrechterhaltung der maroden Kaiserherrschaft, so dass deren Unterlegenheit den Einheimischen deutlich vor Augen geführt wurde, was sie nachhaltig diskreditierte und den Weg für Maos Langen Marsch freimachte. Allgemein jedoch gelang es den Ländern des fernen Ostens, ihre der westlichen extrem gegensätzliche eigenständige Kultur zu bewahren, und sie mit dem westlichen Prinzip des Nationalstaates zu verbinden. Hinterasien ist im Grunde die einzige Region der Welt, die zur westlichen einen konstruktiven (im Gegensatz
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Arbeit zitieren:
Michael Fürstenberg, 2002, Kolonialismus - Verdammt lang her?, München, GRIN Verlag GmbH
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