1 Der Löwe aus dem Norden
rief Gustav II. Adolf von Schweden seinem Widersacher Graf Tilly nach der Niederlage der kaiserlichen Armee bei Breitenfeld laut einem im protestantischen Deutschland verbreiteten Lied hinterher. 2 Mit dieser Schlacht am 17. September 1631 begann ein weitreichender Siegeszug der schwedischen Streitkräfte, der eine hegemoniale Stellung über weite Teile West-, Nord- und Mitteldeutschlands bis zum Jahr 1634 zur Folge hatte und damit eine grundlegende Verschiebung der Machtverhältnisse im Reich und in Europa nach sich zog. 3 Nach Breitenfeld blickten Gustav II. Adolf und seine Mitstreiter auf eine politisch und militärisch grundlegend veränderte Landkarte. 4 Dabei verbreiteten Propagandisten, nachdem die schwedische Flotte am 6. Juli 1630 5 in Peenemünde auf Usedom landete, man reagiere nur auf die Ostseepolitik des Kaisers. 6 Möglicherweise wollte sich König Gustav II. Adolf zu Beginn der Invasion tatsächlich damit zufrieden geben, lediglich die ostdeutschen Flussmündungen sowie einen schmalen Streifen an der Küste zu kontrollieren. 7
Die Meinungen zeitgenössischer Historiker über die wahren Absichten, die das schwedische Königreich zum Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg bewogen, gehen jedoch auseinander. Im Folgenden soll zunächst kurz auf die Person Gustav II. Adolfs, dann auf die anfänglichen und die im Verlauf des Krieges neu heranwachsenden Motive und Ziele Schwedens sowie auf die Vorgehensweise und den Kriegsverlauf aus Sicht des Königreiches eingegangen werden.
1 Peter Engelund: Die Verwüstung Deutschlands. Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges / Aus dem
Schwedischen von Wolfgang Butt / 2. Auflage, Stuttgart 1998, S. 120
2 Vgl. Ebd., S. 120
3 Vgl. Christoph Kampmann: Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg. Geschichte eines europäischen
Konflikts, Stuttgart 2008, S. 79 f.
4 Vgl. Engelund: Die Verwüstung Deutschlands, S. 120
5 Gregorianischem Kalender: Nach dem alten Julianischem Kalender wäre es der 26. Juni 1630.
6 Vgl. Jörg-Peter Findeisen: Das Ringen um die Ostseeherrschaft. Schwedens Könige der Großmachtzeit, Berlin
1992, S. 141
7 Vgl. Jörg-Peter Findeisen: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Epoche in Lebensbildern, Graz u.a. 1998, S. 203
2
2 Gustav II. Adolf von Schweden - Erziehung und Ausbildung
Am 9. Dezember 1594 wurde Gustav II. Adolf in der königlichen Residenz, dem alten Stockholmer Schloss, geboren. Sein Vater, der Reichsverweser Herzog Karl von Södermanland (später Karl IX.) sah offensichtlich schon in frühen Jahren seinen Sohn als zukünftigen König von Schweden. Deshalb sorgte er dafür, dass dieser gemäß der Tradition Gustavs I. Vasa eine vielseitige und herausragende Ausbildung und Erziehung genoss. 8 Im Mai 1602 wurde der Gelehrte Johan Schroderus mit diesen Aufgaben betraut. Dieser lehrte den jungen Prinzen unter anderem Latein, Mathematik, Optik und Rechtswesen. Zudem soll der Knabe neben seinen Muttersprachen Schwedisch und Deutsch (seine Mutter war Christina von Holstein-Gottorp) das Französische, Italienische und Holländisch beherrscht haben. Er verstand Spanisch und Englisch und erwarb sich darüber hinaus Grundkenntnisse des Russischen und Polnischen.
Zusätzlich sollte sich der junge Prinz auf dem Gebiet der Rhetorik üben. So musste er auf Wunsch des Königs unter anderem im Jahre 1605 eine Anklage gegen einen aristokratischen Gegner formulieren. Bereits früh zeigte er großes Talent als Politiker, Staatsmann und Historiker. Mit Johannes Bureus, der unter anderem der Entschlüsseler der Runenschrift war, stand Gustav II. Adolf ein weiterer Gelehrter zur Seite. Er vermittelte ihm die historische Lesart schwedischer Geschichte und seinen Glauben an die Tradition von den Goten bis zur zeitgenössischen Geschichte. Der junge Prinz glaubte sein Leben lang an die direkte Verbindung der schwedischen Geschichte bis hin zu den Tagen der biblischen Sintflut und sah sich zeit seines Lebens als Erbe gotischer Heldengeschichten. 9 In diesem Sinne kämpfte er bei einem Turnier anlässlich seiner Krönung im Jahr 1617 als König Berik (vierzehnter König der Svear und Goten). Er ließ verkünden, dass sich sein Volk in seiner Ausdehnung nicht auf die Grenzen des Vaterlandes beschränke, sondern im Sinne seiner Großmachtpläne nach Raum und Mitteln streben wird. Dieser Gotizismus rief in der schwedischen Bevölkerung den gewünschten Stolz auf die eigene kriegerische Tradition hervor. Gustav II. Adolf verstand es später während seiner Regentschaft sehr gut, das Volk und dessen Eifer für seine Zwecke zu gewinnen. 10
Neben der geistigen Ausbildung wurde auch das ritterliche Können des Prinzen gefördert. Vom Hofmeister Bernt Dietrich von Mörner lernte er das Reiten, Fechten und Schießen. 11
8 Vgl. Jörg-Peter Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden. Der Eroberer aus dem Norden, u.a. Köln 1996, S.
70
9 Vgl. Findeisen: Das Ringen um die Ostseeherrschaft, S. 132 f.
10 Vgl. Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden, S. 81
11 Vgl. Findeisen: Das Ringen um die Ostseeherrschaft, S. 134
3
Schon als junger Mann studierte Gustav II. Adolf die militärischen Taktiken bedeutender Feldherren. 12 Unbestritten ist auch die Tatsache, dass er als späterer König diese Taktiken in herausragender Weise umzusetzen wusste 13 (siehe 3.3). Frühzeitig erlebte Gustav II. Adolf den Krieg auch am eigenen Leib, als sein Vater ihn und seine Mutter im Sommer 1600 mit auf eine Seereise nach Estland nahm. Im gleichen Jahr war Karl IX. nämlich mit seiner Armee ins polnische Livland einmarschiert, um das reiche Gebiet an sich zu reißen. Im Herbst 1601 mussten die Schweden vor den siegreichen Polen fliehen, woraufhin eine kräftezehrende Rückreise nach Schweden begann. Ohne solche frühkindlichen Erfahrungen hätte er als König die Strapazen und Anstrengungen des Dreißigjährigen Krieges vielleicht nicht ertragen können. 14
Der Vater sorgte in allen Bereichen dafür, dass er frühzeitig auf das Herrscheramt vorbereitet wurde, obwohl einiges dafür sprach, dass er wohl bestenfalls ein Territorialfürst 15 werden konnte. Noch bevor sich Karl IX. 1607 zum König krönen ließ, musste Gustav II. Adolf regelmäßig an den Sitzungen des Reichsrates teilzunehmen, um möglichst viel politische Erfahrung zu sammeln. 16
Bereits im Jahr 1611 ernannte ihn sein Vater zum regionalen Befehlshaber. Da Russen, Polen und Dänen das Land bedrohten, befand sich Schweden in einer schwierigen Phase. Angetrieben von seinem großen Stolz, der zukünftige König des traditionsreichen Gotenreiches zu werden, glaubte der damals Sechzehnjährige dennoch daran, dass die Zukunft seines Landes auch in Europa lag. 17
12 Vgl. Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden, S. 81
13 Vgl. Findeisen: Der Dreißigjährige Krieg, S. 195
14 Vgl. Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden, S. 71
15 Johan III. (König seit 1569) hatte mit Sigismund und Johan zwei Söhne hinterlassen. Karl von Södermanland
(der spätere Karl IX.) entriss jedoch gegen Ende des 16. Jahrhunderts in schweren, konfessionell begründeten
Kämpfen seinem Widersacher, dem katholischen Neffen Sigismund, die Krone Schwedens.
16 Vgl. Findeisen: Der Dreißigjährige Krieg, S. 198
17 Vgl. Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden, S. 82
4
3 Motive für den Kriegseintritt und der Verlauf der Kampfhandlungen bis Lützen
Es war der 19. Mai des Jahres 1630, als Gustav II. Adolf in Stockholm vor den Reichsrat trat und zu seiner Rede ansetzte, welche die eben von den Herren im Rat beschlossene Landung der schwedischen Truppen auf deutschem Boden betraf. Dank seiner herausragenden rhetorischen Fähigkeiten überzeugte er nahezu alle Anwesenden. 18 Dazu war Gustav II. Adolf bereits bei seiner Krönung im Jahr 1617 beim Adel sehr beliebt, denn schon am 1. Januar 1612 hatte der Thronfolger mit dem „Königsversprechen“ die Adelsprivilegien bestätigt. Im Gegensatz zu seinem als „Bauernkönig“ bekannten Vater räumte der junge Herrscher den Grafen, Freiherren und Rittern ausgreifende Rechte und Mitbestimmung ein. Im Zuge seiner Krönung unterstrich er erneut die weitgehenden Rechte des Adels und schuf sich so eine Basis für seine Macht. 19
Indem er sich als opferbringender Vertreter Schwedens darstellte, bereit, sein eigenes Leben in Gefahr zu bringen, seine eigene Tochter in Schweden zurückzulassen, nur um das Wohlergehen seines Vaterlandes zu sichern, überzeugte er die große Mehrheit der Vertreter der Reichsstände. Außerdem versicherte er, diesen Krieg weder aus persönlichem Antrieb noch um der Kampfeslust willen zu befürworten. Vielmehr sei er durch die internationale Lage, das Bündnis des Kaisers mit dem feindlichen Polen und das Drängen bedrohter Nachbarn und konfessionell Gleichgesinnter gezwungen. 20 Er ließ zudem bereits 1629 das Gerücht verbreiten, es seien kaiserliche Schiffe vor der Küste Schwedens gesichtet worden. Zwar konnte dem König und seinen Spionen kaum entgangen sein, dass ein derartiger Angriff angesichts der schwachen Flotte der kaiserlichen Armee unmöglich war, aber so konnte ein Präventivkrieg legitimiert werden. 21 Kaum ein Anwesender im Reichsrat konnte ob dieser Gründe noch an der Richtigkeit der Entscheidung zweifeln. 22 Es stellt sich jedoch die Frage nach den wahren Motiven und den äußeren Einflüssen, welche Schweden in den Krieg trieben.
3.1 Äußere Einflüsse auf das Königreich Schweden
Schwedens Reichsrat und König Gustav II. Adolf hatten den Machtgewinn der kaiserlichkatholischen Seite aufmerksam beobachtet. Als schließlich kaiserlich-ligistische Truppen 1627/1628 an der Ostseeküste auftauchten und sich damit die Machtverhältnisse in Nord-deutschland zu verschieben begannen, war die Situation für Schweden nicht mehr haltbar.
18 Vgl. Findeisen: Das Ringen um die Ostseeherrschaft, S. 122 f.
19 Vgl. Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden, S. 85 f.
20 Vgl. Findeisen: Das Ringen um die Ostseeherrschaft, S. 123 f.
21 Vgl. Findeisen: Gustav II. Adolf von Schweden, S. 115
22 Vgl. Findeisen: Das Ringen um die Ostseeherrschaft, S. 123 f.
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Arbeit zitieren:
Felix Wellisch, 2009, Schweden unter Gustav II. Adolf im Dreißigjährigen Krieg , München, GRIN Verlag GmbH
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