Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis III
1.Einleitung und Aufbau der Arbeit 4
2. Zum Begriff der Integration. 7
3. Assimilation, Akkulturation und Migration: Im Dschungel der
Begrifflichkeiten und Eingliederungsprozesse 9
3.1 Assimilation. 9
3.2 Akkulturation. 12
3.3 Migration 13
4. Migration und ihre sozialen Folgen. 17
4.1 Zurückbleiben der Frau im Kontext der Migration 17
4.2 Nachwanderung der Frau im Zuge des Anwerbestopps 18
4.2.1 Die Lebenswelt der Frau und die soziokulturelle
Lebensbedingungen in der Türkei vor der Nachwanderung 19
4.2.1.1 Die Frau in ihrem Dorf 19
4.2.1.2 Das Leben in der Stadt. 22
4.3 Das Leben der türkischen Frau in der BRD. 25
4.3.1 Die rechtliche Situation- Ausländerpolitik 25
4.3.2 Ausländergesetz 1965. 27
4.3.3 Aufenthaltsrecht. 27
4.3.4 Arbeitserlaubnis. 29
4.4 Die Situation der Frau nach der Familienzusammenführung 31
4.5 Resümee. 34
5. Vom Bild der Frau in der Migrationsgesellschaft 36
5.1 Die arme unterdrückte Ausländerfrau - Klischees und Vorurteile. 37
5.2 Das Bild der Migrantinnen in der deutschen Gesellschaft 41
5.2.1 Zum Bild der muslimisch- türkischen Mädchen in der
Aufnahmegesellschaft 42
5.2.2 Zum Bild der muslimisch- türkischen Frau im Aufnahmesystem. 46
5.3 Diskriminierung von Migrantinnen in der Gesellschaft 50
5.3.1 Fremdenfeindlichkeit in den Medien 52
5.4 Resümee. 56
6. Die Frau im Islam 57
6.1 Grundzüge des Islams. 60
6.1.2 Die Praktiken des religiösen Lebens- Fünf Säulen des Islam 63
6.2 Die muslimische Frau- Ihr Leben nach den Richtlinien des Islam. 66
6.2.1 Die Familie im Islam 66
6.2.2 Die Rechte der Frau 69
6.3 Das Kopftuch im Islam- Religiöse Unterdrückung oder ein politisches
Symbol ? 71
6.3.1 Der ewige Streit um das Stück (Streit-) Stoff. 73
6.4 Resümee. 80
7. Integrationskurse für Migranten- ein neuer Anfang in Deutschland 81
7.1 Genese der Integrationskurse. 83
7.2 Integrationskurs- Was ist das? 85
7.2.1 Inhalte und Ablauf 86
7.2.2 Teilnahmeberechtigung und Kosten 88
7.2.3 Kursträger und Trägerstrukturen 90
7.2.4 Lehrkräfte und Lehrkräftequalifikation in Integrationskursen 92
7.2.5 Kurse für spezielle Gruppen 93
7.2.6 Zur Teilnahme muslimischer Frauen an den Integrationskursen 95
7.3 Zwei Fallbeispiele aus den Integrationskursen. 98
7.3.1 Fallbeispiel: Laila 99
7.3.1.1 Lailas Leben vor der Migration 99
7.3.1.2 Neubeginn mit Anfangsschwierigkeiten. 101
7.3.1.3 Religion und Kultur in Lailas Leben 102
7.3.1.4 Der Integrationskurs und die Auswirkungen. 105
7.3.2 Fallbeispiel: Mehtap 106
7.3.2.1 Mehtaps Lebenswelt vor der Migration. 107
7.3.2.2 Viel Neuland für Mehtap 108
7.3.2.3 Mehtaps Einstellung gegenüber der Kultur und Religion 109
7.3.2.4 Der Integrationskurs und Auswirkungen auf Mehtaps Leben 110
7.3.3 Vergleichende Analyse. 111
7.4 Resümee. 115
8. Fazit 116
9. Literaturverzeichnis
Anhang. 133
a.) Interview mit Mehtap
b.) Interview mit Laila
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Ausländische Bevölkerung am 31.12.2008 nach Geschlecht und
ausgew ählten Staatsangehörigkeiten
Abbildung 2: Plakat der Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz
Abbildung 3: Der Spiegel Nr. 13, 26.03.2007.
Abbildung 4: Der Spiegel Nr. 12, 22.12.2007.
Abbildung 5: Positionen pro und contra Kopftuchverbot.
Abbildung 6: Warum wird das Kopftuch getragen?
Abbildung 7: Teilnahmeberechtigungen in den Jahren 2005 und 2006
Abbildung 8: Verteilung der Kursträger nach Bundesland am 31.12.2006
Abbildung 9: Firmenart der zugelassenen Träger
Abbildung 10: Kursteilnehmer nach Kursart.
Abbildung 11: Teilnehmergruppen nach Herkunftsländern- ohne Spätaussiedler
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
1.Einleitung und Aufbau der Arbeit
Es vergeht kaum eine Woche, in dem über die Integration von Migranten ein Beitrag veröffentlicht wird. Nicht nur die Boulevardpresse, sondern auch Stimmen aus der Wirtschaft und Politik werden immer lauter, wenn es um die Integration von Migranten geht. Sie werden als „Integrationsmuffel“ oder „Integrationsunfähig“ bezeichnet. Einige dieser Äußerungen grenzen an der Fremdenfeindlichkeit und lösen eine große Empörung in der Gesellschaft aus. Vor allem türkische und arabische Migranten würden auf Staatskosten leben, diese nicht anerkennen und weitere „Kopftuchmädchen produzieren“. 1 Das Bundesbank- Vorstandsmitglied Thilo Sarazzin löste mit seiner umstrittenen Äußerung Entsetzen aus. Die Sprachprobleme dieser Migrantengruppen seien größer als die Sprachprobleme anderer ethnischer Gruppen. Die Art und Weise, wie diese Problematik in den verschieden Bereichen behandelt wird, zeigt die Erwartungen an die geleistete Integrationsarbeit. Es ist fast unmöglich, sich vom Themenkomplex Migration und Integration abzuwenden. Die Integrationsdebatte in Deutschland wird intensiver und öfter denn je diskutiert. Auch der Vorschlag des Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer, im öffentlichen Dienst einen höheren Anteil an Migranten einzustellen, kommt gelegen. Ein weiterer Schritt von Seiten der Bundesregierung wird von Migrationsverbänden mit Begeisterung aufgenommen. Diese Begeisterung hält sich dennoch in Grenzen, da man eine Migrantenquote im öffentlichen Dienst einführen muss, um bessere Chancen für Migranten anbieten zu können, so Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. 2
Die schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sozio- strukturelle Disparitäten, aber auch die besondere rechtliche Stellung der Migranten sind mögliche Indikatoren für die Unterrepräsentation in den verschiedenen Bereichen. Vor allem Frauen sind von der andersartigen Behandlung betroffen. Denn das Bild der Migrantenfrau ist von der manchmal gut gemeinten, aber
1 Vgl. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2009-10/sarrazin-aeusserungintegration?page=all
2 Vgl. http://www.welt.de/politik/deutschland/article5845807/Mehr-Migranten-imoeffentlichen-Dienst-aber-wie.html
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
letztendlich diskriminierenden Vorstellung einer unterdrückten, ungebildeten, hilflosen Frau geprägt. Damit wird diesen Frauen selbstständige Handlungsmöglichkeit nicht zugeschrieben. Bei muslimischen Frauen fängt diese Etikettierung bei der Betrachtung ihres äußeren Erscheinungsbildes an. Das auffallende Merkmal dieser Frauen ist ihr Kopftuch. Sie sind mittlerweile vom alltäglichen Straßenbild nicht mehr weg zu denken und ein häufig diskutiertes Konfliktthema. Sie sind nicht nur auf den Straßen Deutschlands zu sehen, sondern bilden auch die Mehrheit der Teilnehmerinnen in Integrationskursen. Das besondere Augenmerk auf diese
Religionsgemeinschaft ist die Thematisierung des Islam im öffentlichen Diskurs. Große Moscheebauten, die stärker sichtbar werden, das Kopftuch im öffentlichen Dienst oder das Schächten sind einige der viel diskutierten Themen, die die Integration der Muslime in der Öffentlichkeit in Frage stellen. Der Islam wird als terroristische und kulturelle Bedrohung angesehen, weshalb auch die Ablehnung stark zu beobachten ist.
Im Westen gilt der Islam wegen der oben erwähnten Probleme als Symbol der Frauendiskriminierung. Dabei werden Länder wie der Iran oder Afghanistan als Beispiele vorgezogen. Doch wie ist die Stellung der Frau im Islam wirklich? Werden sie wirklich diskriminiert und erfahren sie keine Akzeptanz in ihrer eigenen Religion?
Die vorliegende Arbeit untersucht unter anderem die Situation von muslimischen Migrantenfrauen in Deutschland. Dabei liegt der Arbeit die zentrale These zugrunde, dass Integrationskurse in Deutschland die soziale und psychische Lage der Frauen zum Positiven verbessern. Um die These der Arbeit zu stützen, wird überprüft, ob ausreichende Kurse speziell für Frauen angeboten werden und wie die Teilnehmer diese wahrnehmen. Darüber hinaus sollen muslimische Frauen besonders im Vordergrund stehen, um zu überprüfen, ob Besonderheiten bei dieser Gruppe zu beobachten sind.
Im Ersten Teil der Arbeit werden grundlegende Begriffe erläutert, die für die Arbeit relevant sind. Es wird der Versuch einer Definition des Begriffes Integration gestartet. Im Anschluss daran werden im zweiten und dritten Kapitel weitere Begrifflichkeiten zum besseren Verständnis und zur Differenzierung der Begriffe betont.
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Im vierten Kapitel wird auf die Geschichte der Migration detailliert eingegangen. Dabei wird der Schwerpunkt auf die Situation der Frau vor und nach der Migration gelegt. Hierbei werden verstärkt türkische Frauen thematisiert, da sie die größte Gruppe der muslimischen Migrantinnen bilden. In Kapitel fünf wird zum Bild der Frau in der Migrationsgesellschaft eingegangen. Anhand von Klischees und Vorurteilen soll die Situation der Migrantenfrauen sowohl in der Gesellschaft als auch in den Medien präsentiert werden. Dabei wird auch auf die Fremdenfeindlichkeit eingegangen. Im sechsten Kapitel soll die Frau im Islam dargestellt werden. Nach einer allgemeinen Einführung in die islamische Lehre soll die Stellung der Frau im Islam näher erläutert werden. Der Qur’an und die Hadithe vom Propheten bilden hier die Grundlage für die Quellen. Eine besondere Erläuterung zur Kopftuchdebatte soll unterschiedliche Perspektiven wiedergeben. Anschließen wird im letzten Kapitel die Integrationdebatte in Deutschland ausführlich mit den im nationalen Integrationsplan vorhandenen Integrationskursen diskutiert werden. Nach einer Vorstellung der Integrationskurse, mit besonderen Kursen für Frauen, wird an Hand von zwei Fallbeispielen die Wirkung der Kurse im Leben von muslimischen Frauen veranschaulicht. Hierbei wird zuerst die Biografie der beiden Frauen präsentiert und anschließend eine vergleichende Analyse im Hinblick auf bestimmte Themen dargelegt.
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
2. Zum Begriff der Integration
Das Leben miteinander bzw. nebeneinander mit einer fremden Kultur hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Es erfordert mehr Aufmerksamkeit denn je, sei es seitens der Wissenschaft oder der Politik. Kaum vergeht ein Tag ohne den Begriff der „Integration“ zu hören. Im universitären Alltag gehört er zum Pflichtprogramm jedes Seminars. Doch was ist mit Integration gemeint?
Aufgrund der Vielfalt der Definitionen, die auf die Vielzahl der Literatur zurückzuführen ist, ist es kaum möglich, eine klare Bestimmung für Integration fest zu legen. Der Duden bestimmt den Begriff folgendermaßen: Integration ist die „Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit.“ 3 Hier wird der Ausdruck als ein Prozess der Eingliederung jedes einzelnen Individuums in eine einheitliche kulturelle Gemeinschaft beschrieben. In diesem Zusammenhang ist der Begriff ambivalent und muss für den jeweiligen Kontext klar definiert werden. Unter Integration wird alles kompensiert, was im Zusammenhang mit der Eingliederung von Migranten steht. Der Eingliederungsprozess beinhaltet somit unterschiedliche Erwartungen an die Migranten, die sich an die einheitliche Mehrheitsgesellschaft anpassen sollen. Allerdings muss der Begriff hier konkretisiert werden.
Der Soziologe Hoffmann-Nowotny definiert den Begriff der Integration als Teilhabe des Einwanderers
Hoffmann-Nowotny verweist, anders als im politischen Diskurs, die die Integrationsbereitschaft seitens der Einwanderer als erforderlich sieht, auf die Vorleistungen der Aufnahmegesellschaft hin. Die Aufnahmegesellschaft hat nach Hoffmann-Nowotny die Aufgabe, die Einwanderer nicht am Rande der Gesellschaft anzusehen, sondern sie an der Kultur des Aufnahmelandes teilhaben zu lassen. 5
3 Dudenverlag, Duden: Deutsches Universalwörterbuch. 2007, S.889
4 Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. 2008, S.137
5 Vgl. ebd.
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Schramkowski betont, dass Integration ein Austauschprozess seitens der Eingewanderten und der Mehrheitsgesellschaft ist, welcher mit strukturellen, kulturellen und sozialen Veränderungen einhergeht. 6 Der erwähnte Veränderungsprozess geht davon aus, dass Eingewanderte ohne jegliche Einschränkung gleichberechtigt am Leben der Aufnahmegesellschaft teilhaben sollen und ihnen Zugang zu einflussreichen Positionen eingeräumt wird. Integration meint also die Anerkennung der Teilhabe. Daraus resultiert, dass Integration auf ein positives Verständnis abzielt. Laut Schramkowski wird der Begriff in der Politik als eine Forderung an die Eingewanderten verstanden, die sich an die Aufnahmegesellschaft assimilieren sollen. Sie sollen sich an das strukturelle, kulturelle und politische Leben anpassen. Integration wird hierbei häufig mit Problemen und Defiziten verbunden. Daraus resultiert, dass von den Eingewanderten Bemühungen einer problemlosen Anpassung an das Aufnahmeland verlangt wird.
Die Politik startet deswegen Versuche, um die Integration voranzutreiben. Diese Bemühungen sind seitens des Staates, der Gesellschaft und von Einwanderern selbst erforderlich. Der Einwanderer ist dazu aufgefordert, sein Leben nach dem Vorbild der Aufnahmegesellschaft zu leben und das Rechtssystem bedingungslos zu akzeptieren. Um sich Deutschland zugehörig zu fühlen, muss er die Sprache erlernen. Dies gelingt nur durch Eigeninitiative, Einsatzbereitschaft und Eigenverantwortung. 8 Jedoch muss beachtet werden, dass der Einwanderer nicht assimiliert, sondern integriert wird. Die Integration der Migranten ist heute die „Schlüsselaufgabe“, wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel es nennt.
Im Gegenzug fordert die Politik von der Aufnahmegesellschaft Toleranz und Akzeptanz. Sie hat die Aufgabe, Einwanderer willkommen zu heißen. Die Politik macht hier deutlich, dass den Einwanderern mehr Aufgaben zustehen
6 Vgl. Schramkowski, Integration unter Vorbehalt.2007, S.25
7 Auszug aus dem Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom 11.11.2005 in: Frech, Siegfried u. Meier-Braun, Karl Heinz (Hrsg.): Die offene Gesellschaft: Zuwanderung und Integration. 2007, S.44
8 Vgl. ebd. S. 53
8
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
als den Einheimischen. „Wer Rechte beansprucht, muss auch Pflichten erfüllen“ 9 , heißt es in der Integrationspolitik der Bundesregierung. Die Vorstellung von Integration aus politischer Sicht stellt sich aus Teilhabe, Verantwortung und Identifikation seitens des Einwanderers und Toleranz sowie Akzeptanz seitens der Aufnahmegesellschaft zusammen. Dafür muss die Aufnahmegesellschaft jedoch bereit sein. Wenn jedoch Einwanderer nur als Randgruppen gesehen und bezeichnet werden, ist es für diese Personen sehr schwierig, besondere Anstrengungen zur Teilhabe an der Gesellschaft zu leisten.
Zusammenfassend kann formuliert werden, dass eine einheitliche Definition nicht festgesetzt werden kann, da unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen und je nach Gebrauch des Begriffes die Auslegung anders gerichtet ist. Allgemein bezeichnet der Begriff in diesem Zusammenhang die Anerkennung und gleichberechtigte Teilhabe der Eingewanderten an der
Aufnahmegesellschaft ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft. In der Politik ist Integration mehr als nur die Akzeptanz und Anerkennung der Eingewanderten, nämlich die klare Aufforderung an die Migranten aktiv zu sein und etwas für das Ziel ihrer Integration beizutragen.
3. Assimilation, Akkulturation und Migration: Im
Dschungel der Begrifflichkeiten und
Eingliederungsprozesse
3.1 Assimilation
„Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ 10 Die Rede des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan am 10.02.2008 in der Köln- Arena vor 16.000 türkischen Zuschauern sorgte für großes Aufsehen. Kritiker von Erdogan bemängelten seine Kompetenz in Bezug auf die
9 ebd., S. 53
10 http://www.sueddeutsche.de/politik/85/432834/text/
9
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Integrationsdebatte in Deutschland. Erdogan appellierte an die Türken in Deutschland, sich zu integrieren aber nicht zu assimilieren. Was hat es mit dem Begriff der Assimilation auf sich? Warum wehren sich Einige gegen diesen Prozess und was überzeugt die Befürworter?
Im Fremdwörterbuch wird Assimilation als „Angleichung“ definiert. 11 Anders als der Begriff der Integration ist Assimilation kein ambivalenter Begriff. In diesem Zusammenhang handelt es sich um eine Angleichung des Einwanderers an die kulturelle Tradition des Aufnahmelandes. Der Prozess der Anpassung erfordert vom Einwanderer Persönlichkeitsveränderungen und Veränderungen des kulturellen Gutes. 12 Assimilation ist nicht als Gleichheit der Wertvorstellung der Einwanderer mit denen der Einheimischen zu verstehen, sondern als Aufforderung der Einbeziehung in ein gemeinschaftliches kulturelles Leben. Park und Burgess definieren es folgendermaßen:
Der Einwanderer hat keine andere Möglichkeit, als sein öffentliches Alltagsleben der Aufnahmegesellschaft anzupassen. Seine kulturelle und ethnische Identität muss er - dem Konzept der Assimilation folgend - außer Acht lassen, da sich diese Lebensweise nicht mit der Lebensform der Mehrheit vereinbaren lässt. Er entschließt sich neue Inhalte zu lernen, um das Zusammenleben mit der Aufnahmegesellschaft für sich zu erleichtern. Hartmut Esser unterscheidet vier mögliche Dimensionen von Assimilation: die kognitive und die identikative Assimilation, die er der personalen Ebene zuordnet, sowie die strukturelle und soziale Assimilation, die er der relationalen Ebene zuordnet. 14
Die kognitive Assimilation fordert das Erlangen von Wissen, Kompetenz und Fertigkeiten im Aufnahmesystem. Die strukturelle Assimilation verlangt das Eindringen des Einwanderers in die Status- und Institutionsordnung, womit das
11 Grosses Wörterbuch: Fremdwörter.2004, S.56
12 Vgl.: Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. 2008, S.89
13 ebd. S.89
14 Vgl. Schmidt- Koddenberg, Angelika: Akkulturation von Migrantinnen. 1989, S.22
10
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Einkommen und Berufsprestige gemeint ist. Die soziale Assimilation wird folgendermaßen erläutert: Der erste Schritt ist das Erlernen der Sprache. 15 Durch den Erwerb der Sprache erzielt der Einwanderer einen höheren gesellschaftlichen Status. Er besitzt nun die Fähigkeit, selbstständig in wechselseitiger Beziehung mit der Aufnahmegesellschaft zu kommunizieren und seine Kommunikationskenntnisse zu erweitern. Diese Fähigkeit hat den folgenden Belohnungsfaktor: Die Sprache ermöglicht ihm, sich frei zu äußern, sei es auf der Arbeit mit den Arbeitskollegen oder privat mit den Nachbarn. Der Belohnungseffekt motiviert ihn, aktiver in der Aufnahmegesellschaft zu agieren. Die Mittel von Interaktionen, wie z.B. die Sprache, Bezugsgruppenorientierungen und Rollenmuster sind die sozialen Rahmenbedingungen für die soziale Assimilation. Die vierte Dimension, die identikative Assimilation, muss ebenfalls erfüllt sein. Dies äußert sich in der Wertschätzung von Aspekten der Aufnahmegesellschaft. Dazu gehört, dass sich der Einwanderer die ethnische Zugehörigkeitsdefinition der Aufnahmegesellschaft als seine eigene Definition annimmt. 16 Auf den Prozess der Assimilation nehmen die Faktoren, die entweder auf die Person des Einwanderers oder auf die Umwelt bezogen sind, einen entscheidenden Einfluss. Die daraus resultierenden Handlungsebenen bieten unterschiedliche Möglichkeiten, die laut Esser je nach Zusammensetzung vorteilhaft oder hemmend auf den Assimilationsprozess wirken können. Je stärker die Motivation des Einwanderers und je weniger die Widerstände, desto eher kommt es zu assimilativen Handlungen und umgekehrt. 17 Somit kommt Esser zum Folgenden, viel zitierten Ergebnis: „Assimilation ist alles andere als ‚unvermeidlich‘ “. 18 Da in diesem Prozess die Einwanderer im Zentrum der Handlungs- und Wahlmöglichkeiten stehen, charakterisiert Hartmut Esser sie als „im Prozess lernende Individuen“. Ist also Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“? Anders als bei der Integration soll der Einwanderer die Kultur, die Tradition und die Lebensweise des Aufnahmelandes übernehmen und sich damit identifizieren. Dabei legt er seine eigene kulturelle Identität ab und distanziert sich davon.
15 Vgl.: Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. 2008, S.89
16 Vgl.: Esser, Hartmut: Aspekte der Wanderungssoziologie. 1980, S.76.
17 ebd. S.210f.
18 Vgl. ebd. S. 48
11
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Sein Verhalten und seine Denkweise sind nun dem der Aufnahmegesellschaft angeglichen und somit assimiliert. Dagegen ist Integration ein Prozess, in dem der Einwanderer in die Aufnahmegesellschaft eingegliedert wird, ohne dabei sein kulturelles und religiöses Erbe aufzugeben. Nun bleibt dem Betrachter die Entscheidung, ob Assimilation ein Verbrechen oder eine Voraussetzung für das Zusammenleben in einer fremden Kultur ist.
3.2 Akkulturation
Heutzutage ist es schwierig, richtige Begriffe in einem richtigen Kontext zu benutzen. Dies gilt vor allem in der Kulturwissenschaft, wenn über Integration, Migration und ähnliche Themen gesprochen wird. Integration wird mit Assimilation gleichgesetzt, wobei Integration als Eingliederung und Assimilation als Angleichung definiert wird. Zu diesem Themenkomplex gehört auch die Akkulturation. Der Begriff ist im Rahmen dieser Arbeit wichtig, da er bestimmte Prozesse sowie die Probleme der Migrantinnen begründet. Doch was beinhaltet Akkulturation und welcher Prozess wird als solcher bezeichnet?
Esser definiert den Begriff der Akkulturation als den Prozess der Angleichung von Personen mit Handlungsweisen und Einstellungen an gewisse kulturelle Richtlinien von Teilen des Aufnahmelandes. 19
Akkulturation darf nicht als ein systematischer Vorgang verstanden werden, vielmehr ist sie ein Prozess, der sich über die Interaktion von Zuwanderern mit den Mitgliedern des Aufnahmelandes definiert. Zahlreiche Kommunikationsversuche zwischen Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft scheitern dadurch, dass keine gemeinsame Basis für die Verständigung gegeben ist. Sie unterscheiden sich darin, dass der Kommunikationsprozess keine gemeinsamen Grundregeln beinhaltet und dass Definitionen von Sachverhalten variieren. Der misslungene
Kommunikationsprozess hat zur Folge, dass große Missverständnisse zu ungunsten von Zuwanderern entstehen. Demzufolge erleben sie die Ablehnung ihrer Regeln und erfahren „[…] die Zuschreibung einer sozialen Identität, die
19 Vgl. ebd.
12
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
konträr zur eigenen Selbstachtung steht.“ 20 Durch die Migration erlebt der Zuwanderer Veränderungen und Wandel seiner Identität. Er sieht seine Benachteiligung in der Gesellschaft und bezieht diese in sein Selbstkonzept ein, welches ihn wiederum in seinem Identitätsverständnis verunsichert. In Folge dessen begibt er sich auf die Suche nach sozialem Vergleich, der sich auf die Mitglieder des Aufnahmesystems richtet. Nun muss er eine neue Sprache, neue Werte, Normen und Erwartungen der Mitglieder des Aufnahmelandes in seine Identität mit einbeziehen. Dieser Identitätswandel, der für den Betroffenen einen Gewinn bedeuten kann, ohne dass er seine eigene Identität aufgibt, ermöglicht eine neue Handlungsbasis. Der Prozess beinhaltet folglich eine Umstrukturierung der eigenen Identität. Akkulturation ist kein einseitiger Prozess, sondern ein Prozess, der die Mitwirkung der Mitglieder des Aufnahmelandes voraussetzt. Demnach ist Akkulturation das Streben nach einer positiven sozialen Identität, die durch die Umstrukturierung der eigenen Identität möglich ist.
3.3 Migration
Die Großväter der türkischen Kinder und Jugendlichen erzählen oft, warum sie nach Deutschland kamen. Hauptgrund ihrer Einwanderung war das Versprechen, viel Geld zu erarbeiten. Sie wurden bei ihrer Ankunft mit Geschenken übersät und als Gastarbeiter mit offenen Armen empfangen. Doch wie sah es in Wirklichkeit aus? Warum kam es dazu, dass Deutschland ausländische Arbeiter anwarb? Und wie sieht der Prozess der Einwanderung aus?
Millionen von Menschen auf der Welt sind aus unterschiedlichen Gründen in Bewegung. Flüchtlinge aus Afghanistan oder Irak suchen Arbeit und ein friedliches Leben in europäischen Ländern, deutsche Männer suchen in Thailand nach einer Ehefrau und türkische Familien versuchen einen Neuanfang in Deutschland.
20 Schmidt- Koddenberg, Angelika: Akkulturation von Migrantinnen. 1989, S.37
13
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Mit Migration ist nicht nur eine räumliche Bewegung, d.h. eine Wohnortveränderung des Menschen gemeint. Nach Castles betrifft Migration „Menschen, die dauerhaft oder für längere Zeit außerhalb ihres Herkunftslandes leben.“ 21 Etwas präziser beim Begriffsverständnis ist die Definition von Eisenstadt: „Migration ist der Übergang eines Individuums oder einer Gruppe von einer Gesellschaft zur anderen.“ 22 Die Wissenschaftler machen in unterschiedlichen Bereichen eine Differenzierung. Für die Einen ist der Aspekt der Dauerhaftigkeit wichtig, für die Anderen jedoch der Wechsel von einer Gesellschaft in die Andere. Für den Zusammenhang der vorliegenden Arbeit ist es wichtig, die Geschichte der Arbeitsmigration zu betrachten. Die Arbeitsmigration war nach dem Zweiten Weltkrieg für die meisten westeuropäischen Länder von großer Bedeutung. Der Mangel an Arbeitskräften, bedingt durch den Wiederaufbau und Modernisierungsprozess, veranlasste die Länder dazu, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu importieren. 23 Seit ihrer Gründung 1949 hat die Bundesrepublik Deutschland im Durchschnitt jährlich mehr als eine Viertelmillion Zuwanderer aus unterschiedlichen Ländern aufgenommen. 24 In der Bundesrepublik Deutschland begann die Anwerbephase im Jahre 1955, als ein Bündnis mit Italien geschlossen wurde. Weitere Abkommen wurden mit Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Portugal (1964), Tunesien und Marokko (1965) sowie Jugoslawien (1968) unterzeichnet. 25 Die Beschäftigung der angeworbenen Arbeiter sollte nur von kurzer Dauer sein, was auch mit dem Begriff „Gastarbeiter“ deutlich zum Ausdruck kommt. Viele dieser Arbeiter planten einen kurzen Aufenthalt von wenigen Jahren, um mit ihrem Ersparnis wieder in die Heimat zurückzukehren und dort einen Neuanfang zu versuchen. Auch von Seiten des Staates war geplant, die angeworbenen Arbeitsemigranten nur befristet im Land zu dulden. Nach der Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse sollten die Ausländer erneut in ihre Heimat zurückgesandt werden. Das ist das so genannte Rotationsprinzip.
21 Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. 2008, S.19
22 ebd.
23 Vgl. Auernheimer, Georg: Einführung in die interkulturelle Erziehung. 1990, S. 43f.
24 Vgl. Diehm/Radtke: Erziehung und Migration.1999, S. 9
25 Vgl. Gereke, Iris/ Srur,Nadya: Integrationskurse für Migrantinnen. 2003,S. 39ff.
14
Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Zwischen 1960 und 1990 kamen 16 Mill. Zuwanderer in die BRD, aber im selben Zeitraum verließen auch 12 Mill. das Land. 26 Heute bilden Türken mit den Jugoslawen zusammen die größte Gruppe, die seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt.
Die zeitlich begrenzte Migrationsvorstellung der europäischen Länder spornte sie dazu an, die Aufenthalts- und Arbeitsregelung mit Rechtsvorschriften zu regeln. 1965 wurde das Ausländergesetz in der BRD verabschiedet. 27 Davor war das Aufenthaltsrecht für Ausländer aus Nicht-EG-Mitgliedsstaaten auf ein Jahr gesetzlich begrenzt. Die Einschränkung war zudem noch an den Arbeitgeber in Deutschland gebunden. Wer länger bleiben wollte, musste auf die Gnade der Behörden hoffen.
Die Länge der Aufenthaltsdauer, der höhere Lebensstandard und die uneingeschränkte Ein- und Ausreise hatten zur Folge, dass die Gastarbeiter begannen, ihre Familienangehörige nachzuholen. Die BRD erließ im November 1973 den Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte aus Nicht-EG-Mitgliedsstaaten. 28 Dies war in erster Linie eine politische Reaktion auf die Ölkrise. Die Rezession wurde durch diese Krise verschärft und die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschlechterte sich zunehmend. Doch das eigentliche Ziel des Anwerbestopps war die Senkung der Zahl der ausländischen Arbeitskräfte. Jedoch trat nicht das erwartete Ergebnis ein. Das gesicherte Einkommen war für viele der ausschlaggebende Punkt, um nicht mehr in die Heimat zurückzukehren. Eine Rückkehr mit Aussicht auf eine neue Anwerbung wie in früheren Jahren war nicht mehr möglich. Aus diesem Grund mussten sich die Gastarbeiter zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden:
1.) samt ihrem Eigentum das Land auf Dauer verlassen und zurückkehren oder
2.) die Familienangehörigen nachholen
Für die meisten ausländischen Arbeiter kam eine Rückkehr nicht in Frage, da sie finanziell besser situiert waren als in der Heimat. Sie entschieden sich für
26 Vgl. Meiner-Braun :Migration in modernen Gesellschaften. 2008, S.56
27 Vgl. Auernheimer, Georg: Einführung in die interkulturelle Erziehung. 1990, S. 44
28 Vgl. Firat, Gülsün: Der Prozess der Hausfrauisierung am Beispiel der Migration von Frauen aus der Türkei in die BRD.1987, S. 125
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
das Letztere. In den ersten Jahren nach dem Anwerbestopp blieb die Ausländeranzahl stabil. Zwischen 1973 und 1988 stieg sie von 4 Mio. auf 4.8 Mio. Diese Zahlen änderten sich innerhalb von elf Jahren drastisch. Von 1986 bis 1996 erhöhte sich der Ausländeranteil auf 7.8 Mio. Dieser Anstieg wurde durch den anhaltenden Zuzug von Familienangehörigen und der steigenden Geburtenrate ausgelöst. 29
Mittlerweile haben sich die Zahlen innerhalb dieses Prozesses geändert. Aus den angeworbenen „Gastarbeitern“ wurden letztendlich Mitbürger mit Migrationshintergrund. Die folgende Tabelle zeigt die aktuelle Zahl der Ausländer in Deutschland.
29 Vgl.
http://www.zuwanderung.de/nn_1068562/DE/Zuwanderung__hat__Geschichte/Anwerbung/A nwerbung__node.html?__nnn=true
30 Vgl.
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevo elkerung/MigrationIntegration/AuslaendischeBevoelkerung/Tabellen/Content75/Geschlecht,te mplateId=renderPrint.psml
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
Abbildung 1: Ausländische Bevölkerung am 31.12.2008 nach Geschlecht und ausgewählten Staatsangehörigkeiten
Mittlerweile ist ein Rückgang der Ausländeranzahl zu sehen, welches jedoch mit der Einbürgerung zusammenhängt. Die Migration ist ein Phänomen, das mit sozialen Folgen zusammenhängt. Die Zahlen sind die quantitative Erklärung für die Dynamik in diesem Prozess. Der Zuzug der Familienangehörigen ist der Anfang der Entwicklung einer neuen Dynamik in der Migration.
4. Migration und ihre sozialen Folgen
„Menschen mit Migrationshintergrund“; so definiert die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration in ihrem 7. Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland die Einwanderer, die zum Alltagsbild in Deutschland gehören. Im vorherigen Abschnitt legt die Statistik den Zuwachs der Migranten in Deutschland dar. Ihr kontinuierliches Wachstum in der Bevölkerung birgt unterschiedliche Gründe. Die meisten sind eingewandert, um ihre ökonomische Existenz zu sichern. Der durch die Ölkrise eingeleitete Anwerbestopp zwang jedoch die Gastarbeiter dazu, ihre Familien nachzuholen. Da die meisten angeworbenen Männer waren, kamen ihre Frauen und Kinder später nach. Bei der weiteren Darstellung wird der Schwerpunkt auf die Frau und ihre Situation in Folge der Migration gelegt. Aufgrund meines Interesses werde ich mich mit den sozialen Folgen der Migration für die türkische Frau auseinandersetzen.
4.1 Zurückbleiben der Frau im Kontext der Migration
Nicht nur ökonomische Faktoren, sondern auch persönliche Beziehungen zu anderen weggewanderten Bekannten und Verwandten sind Beweggründe für die Wanderung. Die Vorstellung von einem besseren Leben verbindet sich mit
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Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland
den Erfahrungsberichten der Verwandten und Bekannten, die sich wiederum dazu gezwungen fühlen, Positives zu berichten, um ihren Erfolg unter Beweis zu stellen. Diese Faktoren führen u.a. dazu, dass sich das männliche Mitglied der Familie entscheidet, auszuwandern. 31 Nach der Migration des Familienoberhauptes lastet die Versorgung der Familie auf den zurückgebliebenen Frauen. Für Frauen, die in größeren Familien leben, z.B. mit den Schwiegereltern, fängt eine schwierige Zeit an. Erfahrungsberichte türkischer Frauen, die vor ca. 25 Jahren nach Deutschland gekommen sind, zeigen Schwierigkeiten dieser Phase auf.
So beschreibt eine türkische Frau (Elif) ihre damalige Situation auf dem Land. Sie hatte im Gegensatz zu einigen Frauen mehr Glück, da sie nicht auf dem Land arbeiten musste. Für Frauen, die zusätzlich auf dem Land arbeiten, ist die Wertschätzung ihrer Arbeit sehr gering. Zum Einen, da ihre Arbeit nicht entlohnt wird und zum Anderen, weil sie doppelter Belastung ausgesetzt sind: Die Erziehung der Kinder und der tägliche Haushalt lasten auf ihnen. Ihre Situation scheint ohne Ehemann aussichtslos zu sein, sodass ihnen keine andere Möglichkeit bleibt, als zu ihrem Mann nach Deutschland zu ziehen. Die Migration erweist sich hier als Krisenfolge, in die die gesamte Familie eingeschlossen ist.
4.2 Nachwanderung der Frau im Zuge des Anwerbestopps
Der Migrationprozess zeichnet sich dadurch aus, dass in den meisten Fällen die Frau und die Kinder in der Türkei zurückbleiben. Durch den Anwerbestopp im November 1973 begannen viele der Zuwanderer ihre Familien nachzuholen.
31 Vgl. Schmidt- Koddenberg, Angelika: Akkulturation von Migrantinnen. 1989, S.54
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Dies war bei den Türken stark zu beobachten. Das Kindergeld war in diesem Zusammenhang ein großer Impuls, um so viele Kinder wie möglich aus der Heimat nach Deutschland zu holen. 32
Die Nachwanderung der Frau mit ihren Kindern zu ihrem Mann brachte mannigfache Veränderungen mit sich. Um diese Veränderungen deutlich zu machen, sollen zuerst mit den soziokulturellen Lebensbedingungen in der Türkei dargestellt werden.
4.2.1 Die Lebenswelt der Frau und die soziokulturelle
Lebensbedingungen in der Türkei vor der Nachwanderung
4.2.1.1 Die Frau in ihrem Dorf
Es ist kein großes Geheimnis, dass die Türkei ein agrarwirtschaftliches Land ist. Viele angeworbene Gastarbeiter stammten aus den ländlichen Gebieten der Türkei. Bei einer Gesellschaft, die von der Agrarwirtschaft abhängig ist, ist die Fruchtbarkeit der Frau ein finanzielles Kapital. 33 Auf dem Dorf bedeuten Kinder Arbeitskräfte und Altersversorgung der Eltern. In der türkischen Gesellschaft war damals das Faible für männliche Nachkommen sehr bekannt. Wenn es nach den Vätern ginge, sollten Söhne auf die Welt kommen, da sie den Namen und die Familie fortsetzten und weil sie zusätzlich auch die Altersversorgung der Eltern sind.
Töchter werden in ländlichen Gebieten bis zur ihrer Heirat als Hilfskraft im Haushalt betrachtet. Genauso wie die Mutter verbringen sie die meiste Zeit außerhalb des Hauses, nämlich auf dem Feld. Sie lernen die Rolle der Hausfrau kennen, die das Kochen und die Versorgung der jüngeren Geschwister beinhaltet. Der Bildungsaspekt eines Mädchens wird nicht ernst genommen, da sie ohnehin den Weg der Ehe früh einschlagen werden wird. Bei den Eheschließungen handelte es sich damals nicht in erster Linie um Liebesheiraten. Es sind eher arrangierte Ehen gewesen, die durch die Eltern oder Verwandtschaften organisiert wurden. Diese Art der Partnerfindung
32 Vgl. Korte, Hermann; Schmidt Alfred: Migration und ihre sozialen Folgen.1983, S. 20
33 Vgl.: Mikein, Buket: Die Stellung der Frau in der Türkei.1986, S.175
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erscheint aus heutiger Sicht befremdlich und wird mit Zwangsverheiratungen, Brautentführungen und Versprechungen in Verbindung gebracht. Dem ist hinzuzufügen, dass nicht alle jungen Mädchen auf entsetzliche Weise gezwungen werden zu heiraten. 34 Nach der Heirat ist es in einigen Regionen Sitte, dass die junge Frau zu ihren Schwiegereltern ins Haus zieht. Sie sind von nun an - nach ihrem Ehemann - die Autoritätspersonen. 35 Die ersten Ehejahre sind für das junge Paar besonders schwierig. Das Haus wird von mehreren Familienmitgliedern bewohnt, wodurch sich bezüglich des Sexuallebens die verzwicktesten Situationen ergeben. Das Paar wird mit Peinlichkeiten und Heimlichkeiten konfrontiert. 36
Die Hausarbeit, die sehr schwer ist und auf der Frau lastet, wird im Haus der Schwiegereltern weiterhin ausgeführt. Der jungen Frau fällt es schwer, die gesamte Last auf ihren Schultern zu tragen und die Unwissenheit in manchen Situationen macht sich bemerkbar. Zu all diesen Unannehmlichkeiten kommt zusätzlich die finanzielle Abhängigkeit hinzu, die mit Sitten und Bräuchen der Familie ein komplexes System ergibt. Die junge Frau befindet sich in einer Einbahnstrasse, in der keine Abweichung möglich ist.
Für Frauen im Migrationsprozess erweist sich die Lage schwieriger, da sich das Zurückbleiben mit den Kindern als eine Doppelbelastung herausstellt. Die schwere Hausarbeit und die Erziehung des Kindes sind mögliche Impulse für die Migrationsentscheidung der Frau. Um solch einer verzwickten Situation ein ‚Gesicht‘ zu geben, habe ich mich mit mehreren muslimisch-türkischen Frauen unterhalten. Die meisten von ihnen leben seit mehreren Jahren in Deutschland und weisen eine interessante Migrationsgeschichte auf. Eine dieser Frauen ist Elif. Sie kam vor ca. 25 Jahren nach Deutschland. Elif heiratete mit 17 und bekam nach einem Jahr ihr erstes Kind. Nach der Geburt ihres Kindes wanderte ihr Ehemann nach Deutschland aus. Sein Ziel bestand darin, an einer deutschen Universität zu studieren, um später seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen zu können. Jedoch schaffte er diesen Weg nicht und arbeitete in einer Fabrik. Währenddessen lebte Elif mit ihren Schwiegereltern in einem Dorf in der Nähe von Ankara. Für Elif zeichnet sich ihre Entscheidung zu migrieren dadurch aus, das sie nach einer bestimmten Zeit mit
34 Vgl. Steinhilber, Beate: Grenzüberschreitungen. 1994, 254f.
35 Vgl.: Mikein, Buket: Die Stellung der Frau in der Türkei.1986, S.176
36 Vgl. ebd.
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ihren Schwiegereltern nicht mehr leben konnte. Zu groß waren die Auseinandersetzungen mit ihnen, weshalb sie bei ihren eigenen Eltern auf ihren Ehemann wartete.
Elif ist eine von vielen Frauen, die solch eine Migrationsgeschichte erlebt hat. Die familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse haben die Frauen zum Entschluss geleitet, sodass sie für ein besseres Leben ins Ausland gehen. In der Migration sehen diese Frauen die Befreiung aus aufgezwungenen Bindungen. Das Leben mit den Schwiegereltern ist für viele mehr Qual als Wahl. In einer Gesellschaft, die von der Agrarwirtschaft lebt und kein soziales
Wohlfahrtssystem hat, hat die Großfamilie eine erhebliche gesellschaftliche Rolle und erfüllt unterschiedlichen Funktionen wie z.B.:
Wirtschaftliche und soziale Funktionen sind unzertrennliche Bereiche. Eine Frau, die mit ihren Schwiegereltern lebt und kein eigenes Einkommen hat, ist deswegen finanziell von diesen abhängig. Ihr Ehemann, der im Ausland arbeitet, schickt das Geld zu einem männlichen Familienmitglied, der das Geld in der Familie auch verwaltet. Somit hat die Ehefrau des Migranten keine Möglichkeit, das Geld an sich zu nehmen und nach ihren Bedürfnissen auszugeben. Überdies gewinnen die familiären und verwandtschaftlichen Beziehungen aufgrund der beidseitigen Abhängigkeit, sei sie wirtschaftlich oder sozial, an Bedeutung.
Die dargestellten soziokulturellen Lebensbedingungen in der Türkei zu Zeiten des Anwerbestopps zeigen auf, dass im Dorf Lebende vor ihrer Migration in die BRD Schwierigkeiten ausgesetzt waren, die einen bedeutenden Einfluss auf ihre Biografie hatten. Schon als Kind erlebten sie Diskriminierung seitens der eigenen Familie, indem sie keinen Schulabschluss erreichen konnten, weil das Bildungsprivileg den Söhnen der Familie vorbehalten war. Sie heirateten in jungen Jahren und wurden in das Leben einer Hausfrau früh eingewiesen. Die
37 Vgl. Steinhilber, Beate: Grenzüberschreitungen. 1994, S.252
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Verantwortung und Zuständigkeit lag in ihren Händen. Sie waren für die „inneren Angelegenheiten“ zuständig.
Doch das Leben fand für Frauen nicht nur in den Dörfern statt. Familienstrukturen, Sitten und Gebräuche sind in den Städten und Dörfern unterschiedlich. Um einen brauchbaren Vergleich machen zu können, ist es von Vorteil, einen Blick in die Lebensweise einer Frau in der Stadt zu werfen.
4.2.1.2 Das Leben in der Stadt
Im vorherigen Kapitel sah man die Lebenswelt einer türkischen Frau in ihrem Dorf vor ihrer Migration in die BRD. Nicht nur Frauen aus den ländlichen Gebieten der Türkei wanderten nach Deutschland aus. Auch solche aus den Städten sahen die Möglichkeit hinsichtlich der wirtschaftlichen und sozialen Lage, ein besseres Leben im Ausland zu führen.
Die Situation in der städtischen Familie unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensform im Dorf. Es ist wohl bekannt, dass die türkische Familie nach Geschlecht und Alter hierarchisch gegliedert ist. Jedoch muss man erwähnen, dass die geschlechtsspezifische Hierarchie einen größeren Einflussfaktor bildet als die altersspezifische Hierarchie. Der erste Einflussfaktor tritt im Dorf deutlich hervor. Diese hierarchische Gliederung kommt in den Städten von Schicht zu Schicht anders vor. Wenn Familien aus dem Dorf in die Stadt ziehen, setzt sich die Armut weiter fort. 38 Da die Mieten in der Stadt zu hoch sind, ziehen die „Unterschichten-Familien“ in die Randgebiete der Stadt. In solchen Wohnvierteln beschränkt sich die Lebensweise auf das Minimum. Grundversorgungen wie z.B. Wasser und Strom sind kaum vorhanden. Straßenhändler, Handwerker und Arbeiter bilden das Bild der „Unterschichten-Siedlungen“. Durch die unbegrenzte Mobilität im Gegensatz zum Dorf verändert sich die soziokulturelle Lebensweise drastisch. Die Sichtweise zu Familienbeziehungen, zu erzwungenen Bindungen zum Heimatdorf zeigt Veränderungen auf, welches sich durch Distanz zu den jeweiligen Bereichen bemerkbar macht. Durch das
38 Vgl.: Mikein, Buket: Die Stellung der Frau in der Türkei.1986, S.179
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Erleben der Binnenmigration werden Normen und Werte, die aus den ländlichen Gebieten mitgebracht worden sind, mit den soziokulturellen Gegebenheiten der Großstadt konfrontiert. Die Binnenmigration ist in diesem Zusammenhang der erste Schritt zu wirtschaftlichen und soziokulturellen Problemlösungsversuchen.
Nach dem wir einen Überblick über die Situation des städtischen Lebens bekommen haben, widmen wir uns der Lebensweise der Frauen in den Städten. Der Großteil der in den Städten lebenden Frauen ist berufstätig. Dadurch bekommt die türkische Frau eine andere Rolle zugewiesen als die sie auf dem Dorf innehat. Sie ist als Lohnarbeiterin, Putzfrau oder als Hilfskraft tätig und trägt zum Familieneinkommen bei. Die Haupternährerrolle des Mannes löst sich durch die Arbeit seiner Frau langsam auf, was für den Mann als Machtverlust gesehen werden kann. 39 Dies hat zur Folge, dass sich die traditionellen Machtstrukturen in der Familie auflösen. In den Städten sind Frauen nicht nur berufstätig, sondern versuchen auch ihre eigene Zukunft aktiv mitzugestalten. Trotz all dem ist es nicht einfach, die hierarchischen Strukturen der Familie zu durchbrechen. Lediglich 7% der Frauen erreichen die Mittlere Reife und den Hochschulabschluss sogar nur fünf von tausend Frauen. 40 Im Vergleich zum männlichen Geschlecht profitieren sehr wenige Frauen von der Hochschulbildung.
Auch der Anteil der erwerbstätigen Frauen in den 60er und 70er Jahren ist im Vergleich zu der männlichen Bevölkerung gering. Nur 10,5% der städtischen Frauen gilt als berufstätig. 41 Sie erhalten in der Regel die Arbeiten, die entweder schlecht bezahlt werden oder schwer sind. Die daraus resultierenden sozioökonomischen Probleme der Frauen sind davon abhängig, welcher sozialen Schicht sie angehören. Frauen aus der Oberschicht haben wesentlich höhere Chancen, Selbstständigkeit zu erlernen als Frauen aus der Unterschicht. Für diejenigen, die es geschafft haben einen Beruf zu erlernen, wie z.B. eine Krankenschwester oder Lehrerin, erhöhen sich die Möglichkeiten in Bezug auf die Selbstständigkeit. Die Berufstätigkeit der Frau gibt ihr mehr Selbstständigkeit und Selbstwertgefühl. Dadurch wandelt sich so langsam aber
39 Vgl. ebd.
40 Vgl. Firat, Gülsün: Der Prozess der Hausfrauisierung am Beispiel der Migration von Frauen aus der Türkei in die BRD. 1987, S. 112
41 Vgl. ebd.
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sicher die Rolle und der Status der türkischen Frau in der Gesellschaft. Auch wenn es dem Ehemann schwer fällt, seine Rolle als Familienernährer mit seiner Frau zu teilen, lässt die finanzielle Situation der Türkei keine andere Wahl als mit ihr diese Aufgabe gemeinsam zu meistern. Die Abhängigkeit der Frau von ihrem Mann wird jedoch durch diese Umstände nicht komplett aufgelöst. Abschließend lässt sich sagen, dass die Benachteiligung der Frau in allen Bereichen zu beobachten ist. Sie ist in der Öffentlichkeit nicht unmittelbar präsent und beteiligt sich kaum an gemeinschaftlichen Entscheidungen. Die dargestellten Entwicklungs-, Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten beschreiben die Situation der Türkei in den 60er und 70er Jahren. Heutzutage hat die türkische Frau eine andere gesellschaftliche Stellung als vorher. Die Zahl der weiblichen Studierenden betrug im akademischen Lehrjahr 2008-2009 1.274.618 von insgesamt 2.924.281. 42 Daraus resultiert, dass die Rolle und der Status der Frau erhebliche Veränderungen unterworfen ist. Wie überall auf der Welt ist die Emanzipation der Frau auch in der türkischen Gesellschaft keine unbekanntes Thema.
Für Frauen im Migrationsprozess gilt jedoch, dass sie mehr Kraft aufbringen müssen, um sich in einer fremden Kultur zu Recht zu finden. Ihre soziokulturelle Lage in der Türkei zeigt ihre Situation vor der Migration in die BRD. Sie stehen vor familiären Problemen und müssen sich mit gesellschaftlichen Vorschriften auseinandersetzen. Durch die Migration ins Ausland erhoffen sich die meisten Frauen, angegangene Probleme auf eine neue Art und Weise zu lösen. Sie streben nach sozialem Aufstieg und der Loslösung aus gezwungenen Vorschriften. Dabei steht der wirtschaftliche Aspekt an erster Stelle, da die Situation in der Heimat äußerst miserabel ist und diese Konstellationen für die Zukunft der Kinder keine große Möglichkeit bietet.
Im Folgenden soll nun die Situation der türkischen Frau nach ihrer Ankunft in Deutschland dargestellt werden. Dieser Lebensabschnitt beinhaltet viel ‚Neuland‘ für sie, da sie nun in einem neuen Kulturkreis für eine unbestimmte Zeit existieren wird.
42 Vgl. http://www.kalitelihayat.com/egitim-haberleri/universitelerde-ogrenci-sayisi-artti.html
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4.3 Das Leben der türkischen Frau in der BRD
Die Migration der türkischen Gastarbeiter in die fremde deutsche Kultur löste bei Vielen Entfremdung aus. Als Minderheit in der Gesellschaft war ihr rechtlicher Status begrenzt. Dadurch ergab sich ein eingeschränkter Handlungsraum. Außerdem war die Aufnahmebereitschaft nur von kurzer Dauer, sodass eine Akzeptanz seitens der deutschen Gesellschaft nicht groß war. Im Folgenden wird die Situation der angeworbenen Arbeitskräfte nach dem Anwerbestopp dargestellt. Das Hauptmerkmal liegt auf den Frauen, die nach dem Anwerbestopp nachgewandert sind. Um einen klaren Überblick zu verschaffen, ist es wichtig die politischen, ökonomischen und sozialen Gegebenheiten zu analysieren.
4.3.1 Die rechtliche Situation- Ausländerpolitik
Die Ausländerpolitik der Bundesrepublik Deutschland unterzog sich mehreren Entwicklungsphasen, welche sich nicht nur durch den Wechsel der Denkweisen, sondern vor allem auch durch gesetzliche Revisionen auszeichnete. Mit dem Anwerbestopp im Jahre 1973 sollte sowohl der Ölkrise, als auch dem Ansturm in die BRD entgegengewirkt werden. Dieser Anwerbestopp nahm jedoch andere Dimensionen an. Er verhinderte zwar die weitere Anwerbung der ausländischen Arbeiter, führte jedoch nicht zu einem Rückgang der ausländischen Bevölkerung.
Durch diesen Stopp wurde das Gegenteil erreicht. Die Gastarbeiter kamen mit dem Ziel, für eine bestimmte Zeit in der BRD zu arbeiten, um mit dem Ersparnis in der Heimat eine Existenz aufzubauen. Dieses Ziel ließ sich jedoch nicht schnell verwirklichen, welches dann zu einer Verlängerung des Aufenthalts führte. Die Verkürzung des Kindergeldes für die Kinder im Ausland war der zusätzliche Impuls, um weitere Familienmitglieder nachzuholen. Die Nachwanderung der Familie war jedoch die letzte Möglichkeit, in Deutschland zu bleiben. 43
43 Vgl. Özdemir, Cem: Currywurst und Döner. 1999, S. 88f.
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Um die Rotation der Arbeitskräfte zu ermöglichen, vergab man nur ein einjähriges Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. 44 Dies betont die Bezeichnung der Gastarbeiter, die durch diese Politik zum Ausdruck gebracht wurde. Diese Vorgehensweise der Regierung erklärt auch die Abwesenheit der Integrationspolitik in Bezug auf die angeworbenen Arbeitskräfte. Gegen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre wurde darüber diskutiert, ob die Beschäftigung der Migranten von vorübergehender Natur sei. 45 Zum Einen tendierten viele Gastarbeiter für einen längeren Aufenthalt, da sie ihre Sparziele noch nicht erreicht hatten. Zum Anderen befürworteten die Arbeitgeber den längeren Aufenthalt der Angeworbenen, da neue Arbeitskräfte Einarbeitungszeit in Anspruch nehmen und somit die Rentabilität senken würden. Die Bundesregierung hat zu diesen Zeiten keine erkennbare Integrationspolitik geführt, da sie sich in erster Linie nicht als Einwanderungsland bezeichnete und das Hauptanliegen ökonomisch ausgerichtet war. 46 Sie beharrte auch Anfang der 80er Jahre darauf, kein Einwanderungsland zu sein und machte die Rückkehrbereitschaft der Gastarbeiter mit der so genannten „Rückkehrprämie“ schmackhaft. 47 Die Gastarbeiterfamilie bekam für die Rückkehr 10 500,- DM und zusätzlich dazu 1500,- DM für jedes Kind. Davon profitierten lediglich 10 000 Menschen. 48 Dadurch zeigte die Regierung ihre Haltung gegenüber der Ausländerpolitik, die sich in diesen Jahren kaum veränderte.
Im Jahre 1975 sprach man in einem interministeriellen Ausschuss über die Beschränkung des Familiennachzugs. Die Begrenzung des Familiennachzugs wurde jedoch aus humanitären Gründen nicht vollzogen. Stattdessen wurde im Jahr 1981 die Altersgrenze für nachzuholende Kinder von 18 auf 16 Jahre gesenkt. 49
Doch welchen Status sah das Ausländergesetz für die angeworbenen Arbeitskräfte und deren Familien vor? Wie auch schon oben erwähnt, betrachtete die Bundesregierung die Arbeitskräfte nur als „Gäste“, weshalb man auch von Gastarbeitern sprach, die keine Dauerrechte besaßen.
44 Vgl. Gereke, Iris/ Srur,Nadya: Integrationskurse für Migrantinnen. 2003,S. 40
45 Vgl. ebd.
46 Vgl. Heckmann. ebd.
47 Vgl. Özdemir, Cem: Currywurst und Döner. 1999, S. 100
48 Vgl. ebd.
49 Vgl. Dr. Mehrländer, Ursula: In: Zukunft in der Bundesrepublik oder Zukunft in der Türkei? 1986, S. 59f.
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oder
„Wir müssen die Zahl der Ausländer vermindern.“ 51 ,
sind Zitate des damaligen Bundesinnenministers Dr. Friedrich Zimmermann, die für seine Ausländerpolitik stehen. Aus diesen Zitaten geht abermals hervor, dass die angeworbenen Arbeitskräfte nur als Gast gesehen und ihnen kein Recht zum Bleiben eingeräumt wurde.
4.3.2 Ausländergesetz 1965
Um die Anzahl der angeworbenen ausländischen Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt anzupassen, wurde im Jahre 1965 das Ausländergesetz (AuslG) verabschiedet. 52 Das Gesetz besagt, dass alle ausländischen Staatsbürger, die länger als drei Monate in Deutschland leben und arbeiten möchten, eine Aufenthaltserlaubnis sowie eine Arbeitserlaubnis benötigen. 53 Im Folgenden beschäftigen wir uns mit den Einzelheiten des Ausländergesetzes, welches auch soziale Folgen für die betroffenen Familien mit sich brachte.
4.3.3 Aufenthaltsrecht
50 Dieses Zitat ist aus dem Buch von Rolf Meinhardt, dem Herausgeber von „Türken raus? Oder verteidigt den sozialen Frieden.“ Das Zitat befindet sich auf der hinteren Einschlagklappe mit dem Vermerk: Innenminister Friedrich Zimmermann gegenüber BILD. Weitere Angaben zum Zitat wurden leider nicht gefunden.
51 http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/84/84_3/zimmer.htm
52 Vgl. Firat, Gülsün: Der Prozess der Hausfrauisierung am Beispiel der Migration von Frauen aus der Türkei in die BRD. 1987, S. 127
53 Vgl. ebd.
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So lautet der § 2 Abs. 1 des AuslG, der davon ausgeht und dies schriftlich festhält, dass der ausländische Staatsbürger keinen rechtlichen Anspruch auf Bewilligung der Aufenthaltserlaubnis hat. 55 Die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis liegt in der Gnade der Ausländerbehörde, die keine konkreten Kriterien der Erteilung einer Erlaubnis besitzt. Die Behörde muss auf „die Belange der BRD“ achten. Hier wird jedoch nicht konkret angegeben, was die Belange der BRD sind.
Die Arbeitserlaubnis kann entweder befristet oder unbefristet erteilt, räumlich und zeitlich beschränkt sowie mit Konzessionen und Vorschriften dotiert werden. Laut § 7 Abs. 1 des AuslG kann die Aufenthaltserlaubnis eingeschränkt und nach Abs. 3 auch mit Bedingungen und Auflagen versehen werden. 56
Die Aufenthalterlaubnis wurde in der Praxis von den Behörden für ein Jahr und nur für einen bestimmten Arbeitsplatz auferlegt. „Die Aufenthaltserlaubnis ist nur gültig für die Dauer der Beschäftigung bei der Firma X“ 57 so lautete die Vorschrift in den Behörden. Wenn der ausländische Arbeitnehmer seine Arbeitsstelle wechselte, verlor er automatisch seine Aufenthaltserlaubnis. Bei weiteren Vermittlungen traten große Schwierigkeiten auf. Wie bereits erwähnt war die Aufenthaltserlaubnis auf ein Jahr begrenzt. Bei einer erneuten Beantragung konnte sie um zwei Jahre verlängert werden, wobei der Antragsteller hierbei auf die Gnade der Behörden hoffen musste. Bei einem ununterbrochenen Aufenthalt von fünf Jahren mit bestimmten Voraussetzungen wie z.B. Sprachkenntnisse, angemessene Wohnung, Erwerbstätigkeit usw. konnte die unbefristete Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. 58
Diese Umstände betrafen nicht nur die männlichen Familienmitglieder. Vor allem Frauen waren von diesen Umständen stark betroffen. Die Mehrzahl der
54 Ucar, Ali: Die soziale Lage der türkischen Migrantenfamilien. 1982, S. 55
55 Vgl. ebd.
56 Vgl. ebd.
57 ebd.
58 Vgl. Firat, Gülsün: Der Prozess der Hausfrauisierung am Beispiel der Migration von Frauen aus der Türkei in die BRD. 1987, S. 127
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türkischen Frauen war durch den Familiennachzug nach Deutschland gekommen. Sie waren rechtlich an den Aufenthalt des Ehemannes gebunden, der seinen Arbeitsplatz in der BRD hatte. Kam es zu einer Rückkehr in die Heimat oder zur Trennung des Paares, wurde die Aufenthaltserlaubnis der Frau aufgehoben oder nicht verlängert, da ihr Dasein in Deutschland keinen Zweck mehr erfüllte. 59
Frauen waren in dieser Situation sowohl rechtlich, als auch finanziell auf ihre Männer angewiesen. Bei einer Scheidung war sie nur als Hausfrau tätig, aber auch wenn sie arbeitete, war ihr Gehalt so niedrig, dass sie auf Sozialhilfe angewiesen war.
Gerade dieser Umstand gefährdete ihren Aufenthalt in der BRD. Denn das AuslG § 10 Abs. 1 Nr. 10 besagt, dass die Inanspruchnahme der Sozialhilfe Grund für die Ausweisung darstellt. Dieses Gesetz galt, obwohl die angeworbenen Arbeitskräfte einen Rechtsanspruch auf Sozialhilfe hatten. 60 Bis Ende September 1979 besaßen erst 22% der Ausländer eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, obwohl sie seit acht Jahren oder länger in der BRD lebten. Da das wirtschaftliche Interesse für die Regierung Priorität hatte, wurden die angeworbenen Arbeitskräfte geduldet und das Gesetz sah vor, „das schutzwürdige Interesse der Wirtschaft zu befolgen.“ 61
4.3.4 Arbeitserlaubnis
Wie eben schon erwähnt, wurde eine Aufenthalterlaubnis nur dann erteilt, wenn der ausländische Staatsangehörige einen Arbeitsplatz hatte. In diesem Fall waren Staatsangehörige aus den EG-Mitgliedsstaaten im Vorteil, da sie keine Arbeitserlaubnis brauchten. Weil die Arbeitserlaubnis mit der Aufenthaltserlaubnis gekoppelt war, waren die Türken, Jugoslawen usw. den Interessen der Wirtschaft ausgeliefert. 62 Es gab zwei Arten von Arbeitserlaubnissen:
59 Vgl. ebd.
60 Vgl. ebd.
61 Ebd.
62 Vgl. ebd.
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Arbeit zitieren:
Sümeyye Özdemir, 2009, Zum Bild der Frau in Integrationskursen für muslimische Frauen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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