Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis IV
Einleitung 6
1 Psychodrama nach Moreno 10
1.1 Biographische Daten Morenos. 10
1.2 Philosophischer Hintergrund des Psychodramas. 12
1.2.1 Kosmologie. 12
1.2.1.1 Kosmos. 13
1.2.1.2 Zeit 13
1.2.1.3 Raum 13
1.2.1.4 Realität. 13
1.2.2 Anthropologische Konzepte. 14
1.2.2.1 Begegnung 14
1.2.2.2 Spontaneität. 14
1.2.2.3 Kreativität 14
1.2.2.4 Gesundheit 15
1.3 Pädagogisches Kinderpsychodrama 15
1.4 Kinderpsychodrama in der pädagogischen Praxis. 18
1.4.1 Rahmenbedingungen. 18
1.4.2 Allgemeines zum Gruppenspiel. 19
1.4.2.1 Initalphase des Gruppenspiels. 19
1.4.2.2 Aktionsphase des Gruppenspiels 22
1.4.2.3 Integrationsphase des Gruppenspiels. 24
1.5 Beispiele für klassische Gruppenspiele 25
1.5.1 Bauernhof 26
1.5.2 Zoo. 27
1.5.3 Hotel 27
1.5.4 Schiff. 28
1.5.5 Weltraum. 28
1.5.6 Märchen. 29
1.6 Kreative psychodramatische Interventionen. 29
1.6.1 Doppeln 32
1.6.2 Spiegeln 32
1.6.3 Selbstgespräch 33
1.6.4 Benennen was ist. 34
I
Inhaltsverzeichnis
1.6.5 Reporter. 35
1.6.6 Außenfeind 36
1.7 Einzelarbeit im psychodramatischen Handpuppenspiel 37
1.8 Einzelarbeit im psychodramatischen Handpuppenspiel 40
2 Pädagogische Grundhaltung als Voraussetzung
psychodramatischer Arbeit. 41
2.1 Pädagogik als multidisziplinäres Unterfangen. Ein
(notwendiger) Exkurs 41
2.2 Erziehung - Eine Definition 43
2.3 Verhaltensproblem - Eine Definition. 45
2.3.1 Abweichendes Verhalten - Eine Definition 45
2.3.2 Wann ist abweichendes Verhalten ein
Verhaltensproblem ? 46
2.4 Zusammenfassung 47
3 Zielsetzungen pädagogischen Handelns und psychodramatischer
Arbeit - Eine Verknüpfung. 50
3.1 Allgemeine Zielsetzungen des Psychodramas. 50
3.2 Besondere Zielsetzungen des psychodramatischen
Gruppenspiels. 52
3.3 Herleitung von Zielen pädagogischen Handelns unter
Ber ücksichtigung psychodramatischer Zielsetzungen. 53
3.3.1 Stärkung des kindlichen Bedürfnisses nach Wachstum54
3.3.2 Stärkung und Förderung selbstbestimmten und
selbstwirksamen Handelns 57
3.3.3 Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit 60
3.3.4 Unterstützung bei der Entwicklung einer dauerhaften
Zuversicht 63
4 Fazit 66
Anhang. 70
Anlagenverzeichnis. 70
A Ausführungen zu Psychodrama im Allgemeinen. 71
A.1 Aufbau einer Psychodrama-Sitzung 71
A.2 Zielsetzung einer Psychodrama-Sitzung 72
A.3 Das Soziale Atom. 72
A.4 Surplus-Reality 73
II
Inhaltsverzeichnis
B Ausführungen zu Pädagogik im Allgemeinen 74
B.1 Pädagogik - Wissenschaft, Philosophie oder Praxisfeld? 74
C Ausführungen zu Banduras sozial-kognitiver Lerntheorie. 78
C.1 Psychophysiologische Voraussetzungen. 78
C.2 Lernen am Modell 79
C.3 Definition Selbstwirksamkeitserwartung 80
C.4 Quellen der Selbstwirksamkeit 80
D Ausführungen zur Moralentwicklung nach Kohlberg. 82
D.1 Entwicklungsstufen der Moral nach Kohlberg. 82
D.2 Das Heinz-Dilemma 83
D.3 Kohlbergs Konzept der „Just Community“ 85
E Ausführungen zur Salutogenese nach Antonovsky. 87
E.1 Salutogenese. 87
E.2 Generalisierte Widerstandsressourcen 87
E.3 Stressoren 88
Quellenverzeichnis 90
Literaturverzeichnis 90
Verzeichnis der Internetquellen. 92
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Bedürfnispyramide nach Maslow
Abbildung 2: Reziproke Einflüsse nach Bandura
Abbildung 3: Verlauf des psychodramatischen Prozesses im tetradischen
System.
Abbildung 4: Struktur der Pädagogik.
Abbildung 5: Nachbardisziplinen der Pädagogik
Abbildung 6: Entwicklungsstufen der Moral nach Kohlberg
IV
Einleitung
Die Idee zu dieser Arbeit entstand durch meinen Wunsch die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ganzheitlich zu betrachten. Der Begriff „Ganzheitlichkeit“ begegnet jedem von uns hin und wieder mal. Welche Bedeutung hat er jedoch für den Einzelnen?
Seit ca. drei Jahren mache ich Erfahrungen mit Gruppen in Seminarform. Die Seminarthemen waren u. a. soziales Lernen, Teamfindung, Anti-Mobbing-Arbeit, Gewaltprävention und Sexualpädagogik. Das Teilnehmerspektrum reichte von Grundschülern bis zu jungen Erwachsenen in der Berufsvorbereitung. Leider waren meine Seminare selten langfristig angelegt. Eine tiefgründige Beziehungsarbeit kam daher häufig zu kurz. Während des Studiums absolvierte ich eine Weiterbildung zur pädagogischen Psychodramatikerin. Diese Weiterbildung löste in mir einen Prozess der Selbstreflexion bezüglich meines pädagogischen Auftrags und meines pädagogischen Handelns aus. Dies war der Baustein, der mir bis dahin gefehlt hatte. Die in der Weiterbildung erlernten Methoden und die dort gemachten Erfahrungen brachten mir eine Rollenklarheit und stärkten mich bei der Bewältigung meiner Aufgaben.
Die Inhalte dieser Arbeit sind ein Versuch diese blinden Flecken, die fehlenden Bausteine zu entlarven und zu benennen. Die Fragestellungen der Arbeit sind neben der Eingangsfrage was „Ganzheitlichkeit“ eigentlich bedeutet folgende: „Was genau sind Verhaltensprobleme bei Kindern?“ und „Welcher pädagogische Auftrag ergibt sich daraus?“.
Die Bewältigung der Aufgabe die relevanten Punkte ausfindig zu machen und in Worte zu fassen, bereitete mir zugegebenermaßen Kopfzerbrechen. Auch ist mir bewusst, dass einige Leser beim Lesen der folgenden Seiten den einen oder anderen Punkt als befremdlich empfinden werden. Es wird auch Leser geben, welche die Umsetzbarkeit von Psychodrama in ihrer pädagogischen Einrichtung anzweifeln werden. Es werden Sätze fallen wie „Das ist nicht machbar.“ oder „Dafür ist nicht genug Personal da.“ oder „Das machen die anderen nicht mit.“.
Ich möchte diesbezüglich auf das einleitende Zitat hinweisen und lade Sie dazu ein, diese Arbeit nicht intellektuell zu analysieren und nach Widersprüchlichkeiten zu durchforsten. Lesen Sie sie einfach und finden Sie für sich heraus, wo Sie gemeint sind.
Ich hoffe, dass es mir gelungen ist eine Verknüpfung von Theorie, Philosophie und Praxis zum Ausdruck zu bringen. Zielsetzung der Arbeit
Diese Arbeit richtet sich an Pädagogen, welche in pädagogischen Institutionen mit Kindern im Vorschul- und Grundschulalter arbeiten. Damit sind insbesondere Kindergärten, Kindertagesstätten und Grundschulen gemeint. Die Altersspanne bewegt sich zwischen fünf und zwölf Jahren. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass das Psychodrama ursprünglich in der Erwachsenentherapie eingesetzt wurde, zwischenzeitlich jedoch vielfach modifiziert wurde und dadurch auch Anwendungskonzepte im pädagogischen Bereich entwickelt wurden. Hierzu gehören u. a. psychodramatische Gruppenspiele für offene und geschlossene Gruppen, sowie Handpuppenspiele für die Einzelarbeit mit Kindern. Psychodrama ist eine Methode, die über die Erfahrung gelehrt wird. Eine praxisorientierte Weiterbildung ist daher erforderlich.
Die pädagogische Praxis ist vielfachen Herausforderungen ausgesetzt. Der Einsatz psychodramatischer Methoden kann erzieherisch Handelnde bei der Bewältigung dieser Herausforderungen unterstützen. Diese Arbeit soll dazu anregen den pädagogischen Alltag kreativ zu gestalten und den Anteil positiver Erfahrungen zwischen Pädagogen und Kindern zu erhöhen. Psychodrama ist viel mehr als eine Methode. Es ist eine Weltanschauung, eine Philosophie. Die hier vorliegende Arbeit beschränkt sich nicht auf Kinder mit speziellen Bedürfnissen, Belastungen und Störungen. Auf Belastungsfaktoren im psychomedizinischen Sinn werde ich in dieser Arbeit nicht vertieft eingehen, da diese eine intensiv-therapeutische Behandlung benötigen, welche der pädagogische Alltag nicht gewährleisten kann. Diese Arbeit will vielmehr die Selbstreflexion von Pädagogen anregen und einen ganzheitlichen Blick auf die Lebenswirklichkeit von Kindern werfen.
Es ist davon auszugehen, dass in jedem Kindergarten und jeder Grundschule Kinder verschiedenen familiären oder milieubedingten Belastungen ausgesetzt sind. Ein Teil dieser Belastungen kann aber auch strukturell bzw. institutionsbedingt sein. In der pädagogischen Praxis sind damit entwicklungsbehindernde Erziehungsmethoden, rigide pädagogische Grundhaltungen, sowie eine institutionalisierte, zweckbehaftete Erziehung gemeint. Auf diesen strukturell bedingten Faktor haben pädagogische Institutionen Einfluss. Daher lege ich auf diesen Aspekt mein Augenmerk. Das Psychodrama als Methode hat „Heilung aus der Begegnung“ als Ziel. Gesunde und Belastete begegnen sich unweigerlich und das Psychodrama gestaltet diese Begegnung heilsam. In pädagogischen Institutionen kann somit die „gesunde Basis“ mittels Psychodrama die Gesamtheit stärken und die Kinder in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung fördern. Die Prognose belasteter Gruppenmitglieder sich gesellschaftlich selbstständig handlungsfähig zu entwickeln wird dadurch verbessert. Die Wirksamkeit pädagogischer Arbeit mit Hilfe psychodramatischer Methoden ist abhängig von der Identifikation des Psychodramaleiters mit dem philosophischen Hintergrund. Daher reicht es nicht aus lediglich das Psychodrama in seiner Anwendung zu beschreiben. Aufbau der Arbeit
Im Kapitel 1 widme ich mich zunächst dem philosophischen Hintergrund des Psychodramas und beschreibe das Menschenbild, welches sich dahinter verbirgt. Anschließend beschreibe ich das psychodramatische Gruppenspiel und kreative psychodramatische Interventionen. Hierbei handelt es sich um Teilbereiche des Psychodramas, welche in der pädagogischen Praxis sinnvoll eingesetzt werden können und keine therapeutische Absicht verfolgen. Im zweiten Kapitel setze ich mich mit der erforderlichen pädagogischen Grundhaltung auseinander, welche für psychodramatisches Arbeiten Voraussetzung ist. Aus diesem Grunde beschreibe ich das Themenfeld Pädagogik zunächst im Allgemeinen um seine Vielschichtigkeit deutlich zu machen und arbeite den dieser Arbeit zugrunde liegenden Erziehungsbegriff heraus. Des Weiteren unternehme ich den Versuch mich dem Begriff Verhaltensproblem anzunähern und ihn teilweise als gesellschaftliches
Konstrukt zu entlarven. Der Begriff Verhaltensproblem soll durch diese Arbeit weicher gezeichnet werden.
Im Kapitel 3 setze ich mich mit Zielsetzungen pädagogischen Handelns auseinander. Im Zuge dessen setze ich meine Zielformulierungen mit Zielsetzungen psychodramatischer Arbeit in Beziehung. Um meine Zielformulierungen zu untermauern, begründe ich sie mit einigen Aspekten anthropologischer Grundlagenforschung und Sozialisation. Dies soll gleichzeitig der Entmystifizierung des Psychodramas dienen und seine Wirkungsweise wissenschaftlich begründen.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich ausführlichere Inhalte des wissenschaftstheoretischen Hintergrundes im Anhang dargelegt. Der geneigte Leser findet in den einzelnen Kapiteln entsprechende Verweise. Das vierte Kapitel enthält eine Schlussbetrachtung zu den zusammengetragenen Aspekten und einen Ausblick.
1 Psychodrama nach Moreno
Das Psychodrama als Methode ausführlich zu beschreiben ist faktisch unmöglich. Morenos Werk umfasst 410 Publikationen, welche überwiegend in englischer Sprache verfasst wurden und in amerikanischen Fachzeitschriften erschienen. 1 Hinzu kommt, dass es eine Erfahrungstherapie ist und somit auch über die Erfahrung gelehrt wird. Frei übersetzt aus dem altgriechischen bedeutet es sinngemäß „Die Wahrheit der Seele durch Handeln ergründen“. 2 Einigen Autoren ist jedoch eine Einordnung gelungen. Als Einstieg empfiehlt es sich Petzolds Ausführungen aus dem Handbuch der Klinischen Psychologie Band 8, 2. Halbband zu verweisen.
Die Ausführungen des Unterkapitels 1.2 sind größtenteils Petzolds theoretischer Überblicksdarstellung entlehnt. Auf andere Quellen wird explizit hingewiesen. Petzold ordnet das Psychodrama u. a. historisch ein, beschreibt auch neben dem Psychodrama entstandene modifizierte dramatische Schulen 3 , beschreibt den philosophischen Hintergrund und geht auf Morenos Persönlichkeitstheorie ein. Des Weiteren widmet er jeweils ein Kapitel den psychopathologischen Konzepten, der Theorie und Praxis der Therapie, sowie den Anwendungsgebieten des Psychodramas. Im Rahmen dieser Arbeit werden die relevanten Auszüge dieses theoretischen Hintergrundes zusammengetragen.
1.1 Biographische Daten Morenos
Jacob Levy Morenos Eltern stammten von in der Türkei angesiedelten, 400 Jahre zuvor aus Spanien vertriebenen, sephardischen Juden ab. 4 Seine Mutter Paulina heiratete im Alter von 14 den 32-jährigen Kaufmann Moreno Nissim Levy. Jacob wurde 1889 von seiner damals fünfzehneinhalbjährigen Mutter als erstes von sechs Kindern auf einem in Bukarest vor Anker gehenden Schiff geboren. Er wuchs in spannungsgeladenen familiären Verhältnissen auf. Sein Vater war häufig geschäftlich unterwegs und seine Mutter war für die
1 Zeintlinger-Hochreiter 1996, S. 3
2 ebenda, S. 10
3 Hier seien exemplarisch die Gestalttherapie von Perls, Kelleys "fixed role therapy" und Formen der analytischen und nondirektiven Spieltherapie erwähnt
4 Quelle: URL:
http://members.cnh.at/jutta.fuerst/Psychotherapie/Moreno_Text%20deutsch.htm (Stand 15.01.2010)
Kindererziehung zuständig. Sie lebte vor ihrer Heirat als Halbwaise einige Zeit in einem katholischen Konvent. Sie vermittelte ihm die Wertschätzung für die Botschaft Jesu Christi. Jacob Levy Moreno wuchs in einer Umgebung verschiedener religiöser Einflüsse auf, welche sich in seiner späteren Philosophie widerspiegeln. Als Moreno sechs Jahre alt war, siedelte die Familie aus wirtschaftlichen Gründen nach Wien über. In dieser Zeit genoss er seine Kindheit und war sogar gelegentlich mit seinem Vater auf Reisen. Im Alter von 14 übersiedelte die Familie nach Berlin. Jacob kehrte allerdings kurze Zeit später allein nach Wien zurück, um die Schule zu beenden. Seine Eltern trennten sich in dieser Phase. Jacob machte seine Mutter für das Scheitern der Ehe verantwortlich, verließ die Schule vor der Matura und durchlebte eine Zeit des Widerstandes und der Auflehnung bevor er sich endgültig von der Familie lossagte. Vor seinem Medizinstudium in Wien schrieb er sich 1909 wegen der fehlenden Matura zunächst an der philosophischen Fakultät ein. Als Student bewegte er sich anonym aber auffällig gekleidet und mit einem langen Bart unter seinen Kommilitonen. Im Wiener Stadtpark machte er Stegreiftheater mit Kindern. 5 Er widmet sich der Arbeit mit Randgruppen und gründete das „Haus der Begegnung“, ein Asyl für Flüchtlinge und Einwanderer, arbeitete mit Prostituierten vom Spittelberg und als Arzt im österreichischen Flüchtlingslager Mitterndorf. Begegnungen mit Chaim Kellmer, Elisabeth Bergmann, bei der er als Hauslehrer tätig war, und das Stegreiftheater im Wiener Stadtpark prägten seine weitere Entwicklung. Während seines Studiums kam er auch in Kontakt mit Freud. Er setzte sich mit dessen Theorien auseinander, distanzierte sich jedoch von ihnen. 1917 schloss er sein Medizinstudium ab und arbeitete als Betriebsarzt in einer Kammgarnfabrik in Bad Vöslau. Er verkehrte zunächst in Literaten- und Theaterkreisen 6 und brachte zusammen mit anderen die literarischen Jahresschriften „Der Daimon“ 7 , „Der Neue Daimon“ und „Die Gefährten“ heraus. 1924 stellte er in Wien sein neues Konzept des Theaters ohne Zuschauer vor. 1925 siedelte er aufgrund antisemitischer Strömungen in Wien in die USA über, in der
5 Moreno war vom Stegreiftheater fasziniert. Dieses hatte zur damaligen Zeit in Wien eine große Popularität mit zeitweise über 180 freien Bühnen. Moreno selbst gründete ein Stegreiftheater in der Mayseder Gasse und unterhielt dort zusammen mit anderen das Publikum.
6 Pawelczak/ Ollech 2009, S. 54
7 Der Begriff "Daimon" bezeichnet in der griechischen Mythologie die Personifikation der Schicksalsbestimmung eines Menschen.
Hoffnung ein selbst entwickeltes Tonbandgerät vermarkten zu können. Im selben Jahr stirbt sein Vater vereinsamt in Konstantinopel (heute Istanbul). Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sein Tonbandgerät findet keinen Anklang und die neue Sprache stellt ihm ein Hindernis dar, heiratet er die Kinderpsychologin Beatrice Beecher um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Nach vier Jahren erfolgte die Scheidung. Seine soziometrischen Studien im Sing-Sing-Gefängnis und einem Erziehungsheim für Mädchen brachten ihm öffentliche Aufmerksamkeit. Mit seiner zweiten Frau Florence Bridge, mit welcher er zehn Jahre verbrachte, bekam er eine Tochter. 1949 heiratete er Zerka Toeman. Er eröffnete in Beacon ein psychiatrisches Sanatorium, in welchem er seine Vision der Arbeit mit einer Psychodramabühne verwirklichte. Beacon entwickelte sich zu einer internationalen Lernstätte. In den späteren Jahren reisten die Morenos viel aufgrund vieler Einladungen von Universitäten und bildeten zahlreiche Psychodramatiker aus. Am 14. Mai 1974 stirbt Moreno in Beacon und wurde später in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Er gilt heute als Begründer der Gruppenpsychotherapie. 8
1.2 Philosophischer Hintergrund des Psychodramas
Bereits in seinen frühen expressionistisch geprägten, dichterischen und philosophisch-theologischen Schriften formulierte Moreno seine Kosmologie und Anthropologie. Quellen seines Denkens sind seine jüdische Herkunft, philosophische Schriften Kierkegaards und Nietzsches, sowie Bergsons Konzept der „Schöpferischen Entwicklung“. Des Weiteren wurde seine Philosophie beeinflusst vom Welttheatergedanken der Antike und Werken Shakespeares.
1.2.1 Kosmologie
Moreno formulierte vier Universalia, welche das Leben und das Psychodrama bestimmen: Kosmos, Zeit, Raum und Realität.
8 Moreno bezeichnet Gruppenpsychotherapie als "eine Methode, welche die zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Probleme mehrerer Individuen einer Gruppe bewusst im Rahmen empirischer Wissenschaft behandelt." Zeintlinger-Hochreiter 1996, S. 3
1.2.1.1 Kosmos
Der Kosmos entwickelt sich beständig. Als Bestandteil des Kosmos wird der Mensch zum Mitschöpfer (homo creator). Der Schöpfungsakt entzweit den Menschen von Gott. Gleichzeitig vollzieht sich durch den mitschöpferischen Akt der menschlichen Selbstverwirklichung in der Begegnung von Gott, Mensch und Kosmos und ihrer Verwobenheit miteinander eine „Gottgleichheit des gesamten Universums“. Die Intention ist somit „Alles ist Gott“.
1.2.1.2 Zeit
Es gilt das Hier- und Jetzt-Prinzip. Alles Geschehen ist gegenwärtiges Geschehen. In der Gegenwart treffen Vergangenheit und Zukunft aufeinander. Bereits Geschehenes und noch nicht Eingetretenes haben so lange keine Realität, bis sie vergegenwärtigt werden im psychodramatischen Spiel und dadurch erinnernd oder antizipierend erlebbar werden.
1.2.1.3 Raum
Der Mensch ist an seinen aktualen Raum gebunden. Der Raum und der Mensch bedingen sich gegenseitig in ihrer Existenz. Somit kann der Mensch nicht von seinem Lebensraum abstrahiert werden. Die Behandlung von Pathologien erfordert somit eine Behandlung des pathogenen Umfelds. Der Lebensraum kann auf der psychodramatischen Bühne aufgebaut werden und für den Protagonisten somit existentiell erlebbar gemacht werden.
1.2.1.4 Realität
Realität entsteht durch das lebendige gegenwärtige Erleben, den Raum und das Jetzt. Das Einschränken des Erlebens kann einen Realitätsmangel mit pathologischen Folgen bedeuten. In der Realität des Alltags vollzieht sich das Leben. Diese Lebensrealität birgt noch nicht ausgeschöpfte Potentiale (die sog. Surplus-Reality 9 ). Durch Techniken des Doppelgängers, des Rollentauschs, der Zukunftsprojektion können diese Potentiale psychodramatisch erschlossen werden. Je mehr an Realität verfügbar und integrierbar wird, desto intensiver kann der Mensch seine Wirklichkeit erweitern und schöpferisch tätig sein.
9 siehe Anhang A.4 "Surplus-Reality"
1.2.2 Anthropologische Konzepte
Morenos anthropologische Konzepte dürfen nicht als theoretischer Überbau missverstanden werden, sondern sind im psychodramatischen Prozess selbst verankert. Psychodrama ist laut Moreno „angewandte Anthropologie“
1.2.2.1 Begegnung
Der Mensch ist nicht nur Akteur, sondern Interakteur. Die Begegnung, also Interaktion mit anderen Menschen, ermöglicht ihm eine Begegnung mit sich selbst, der Gruppe, der Gesellschaft, der Welt. Morenos Soziometrie ist in diesem Sinne eine Wissenschaft über die Mechanismen der Begegnung und das Psychodrama eine Therapie in der „Heilung aus der Begegnung“. 10
Die Begegnung ist das Mittel den in der Kosmologie genannten aktualen Raum Realität werden zu lassen bzw. ihn sichtbar zu machen. Der Mensch fällt bei jeder Begegnung eine Entscheidung für sich, die Gruppe, die Gesellschaft, die Welt. Das Psychodrama bzw. die psychodramatische Handlung hilft ihm dabei diesen Prozess als bewusste Entscheidung anzuerkennen.
1.2.2.2 Spontaneität
Laut Moreno ist Spontaneität eine adäquate Reaktion auf neue Bedingungen oder eine neue Reaktion auf alte Bedingungen. Sie ist an Aktion im „Hier und Jetzt“ gebunden. Ein hohes Maß an konstruktiver Spontaneität 11 zeichnet den gesunden Menschen aus. Sie ermöglicht ihm ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten. Fehlende Spontaneität kann pathologische Formen annehmen.
1.2.2.3 Kreativität
Laut Moreno ist die Kreativität die Fähigkeit des Menschen schöpferisch zu handeln und dadurch seine Wirklichkeit zu gestalten. Auch sie ist an das „Hier und Jetzt“ gebunden. Das vollendete Produkt einer kreativen Leistung wird zu
10 Morenos Begegnungsprinzip wurde zur Grundlage der amerikanischen Encounter-Bewegung. Es entspricht dem Ich-Du-Konzept von Martin Buber und es finden sich Entsprechungen zu Gabriel Marcels Intersubjektivitätstheorie und dem "I-and-Thou-principle" Friedrich Perls.
11 Während konstruktive Kreativität das Umfeld berücksichtigt, bedeutet destruktive Kreativität bedeutet, dass man seine Spontaneität ohne Rücksicht auf andere auslebt. Vgl. Melbeck-Thiemann 2002, S. 76
einer Kulturkonserve. 12 Sie ist an sich nicht mehr spontan und kreativ. Das Überleben in dieser Welt erfordert laut Moreno „kreative Anpassung“ und „kreative Veränderung“. Die Kreativität ergibt sich somit als neue Dimension, welche aus der Spontaneität erwächst.
1.2.2.4 Gesundheit
Die Psychodramatherapie geht von einem positiven Gesundheitsbegriff aus. Ein Mensch, welcher zu Begegnung und spontanem, kreativem und angemessenem Handeln 13 in seinem sozialen Umfeld in der Lage ist, ist laut Moreno gesund. Er betont, dass die Begegnung und Einbindung in das soziale Umfeld gesundheits- und persönlichkeitsbestimmend ist. 14 Krankheit wird bestimmt durch das Fehlen dieser Merkmale.
1.3 Pädagogisches Kinderpsychodrama
Das Psychodrama ist laut Moreno in seiner Anwendung praktisch unbegrenzt. Lediglich der Kern der Methode bleibt unverändert. Psychodrama ist „Therapie in der Gruppe, durch die Gruppe, für die Gruppe und der Gruppe“. 15 Der therapeutische, also heilende Aspekt ist die Begegnung. Die Übergänge zwischen pädagogischen Anteilen des Psychodramas und Therapie sind fließend.
Es kann gar nicht anders als therapeutisch und pädagogisch sein, denn sich selbst erkennen, sich klar werden, wer man ist, sich ändern, neue Rollen übernehmenwer könnte sagen ob das pädagogisch oder therapeutisch ist? 16
Begegnungen mit anderen gehören sowohl für Kinder, als auch für Erwachsene zum alltäglichen Erleben. Einige zwischenmenschliche Begegnungen und Interaktionen können pathogene Folgen haben. Pathogene Beziehungsmuster gehören höchstwahrscheinlich zur persönlichen Lebenserfahrung eines jeden. Es spricht also mehr dafür zwischenmenschliche Begegnungen mittels Psychodrama heilsam zu gestalten, als sich mit Befürchtungen aufzuhalten es sei doch eine Therapie.
12 vgl. Zeintlinger-Hochreiter 1996, S. 170: Kulturkonserven sind sozusagen Kreativität in erstarrter Form (z. B. Kunstwerke, Gedichte , Kompositionen, Maschinen, Zeremonien)
13 siehe konstruktive Kreativität. Der Mensch muss in der Lage sein gemäß seinen eigenen Bedürfnissen und denen seines Umfelds angemessen zu reagieren.
14 Moreno beschreibt dies theoretisch mit Hilfe des "Sozialen Atoms", siehe Anhang A.3
15 Leutz 1974, S. 92
16 Schützenberger 1976, S. 72
Warum Befürchtungen therapeutischer Risiken beim Kinderpsychodrama unbegründet sind soll näher erläutert werden. Kinder nutzen das Rollenspiel vielmehr um ihre persönlichen Probleme darzustellen und Entwicklungsprozesse zu gestalten. 17 Die Förderung dieser Entwicklungsprozesse ist das pädagogische Ziel. Die Ziele des Psychodramas sind mit den Zielen pädagogischen Handelns vereinbar. Dieser Aspekt wird in Kapitel 3.2 ausführlich erläutert.
Die Lebenserfahrung von Kindern ist natürlicherweise vom Umfang her gering. Je früher ihr Erfahrungsschatz wächst, desto besser sind sie vor pathogenen Einflüssen ihres Umfelds geschützt. Die Unterstützung von außen, entsprechende Fähigkeiten zu entwickeln, bringt sie diesem Ziel näher und macht sie gleichzeitig unabhängig. Insbesondere jüngere Kinder im Vorschul-und Grundschulalter profitieren vom frühzeitigen Kontakt mit psychodramatischen Methoden. Kinder werden durch den spielerischen Charakter des Psychodramas in ihrer Wesensart angesprochen. Das Psychodrama stellt dadurch ein niedrigschwelliges Angebot für Störungen im Sozialverhalten dar. Kinder aller Kulturen solidarisieren sich im Spiel. Im Gruppenspiel bekommen sie die Gelegenheit Erlebtes zu verarbeiten. Gleichzeitig werden neue Verhaltensmuster für die Zukunft eingeübt. Während Psychodrama-Sitzungen mit Erwachsenen überwiegend protagonistenzentriert sind, führt man mit Kindern in der Regel psychodramatische Gruppenspiele durch: Gruppenzentriertes Psychodrama
Es geht um die psychodramatische Behandlung von Problemen der
Gruppenstruktur, wie z. B. Isolation einzelner Gruppenmitglieder, aktuelle Konflikte zwischen den Gruppenmitgliedern, die den Zusammenhalt in der Gruppe gefährden. 18
Das Konzept vom gruppenzentrierten Kinderpsychodrama wurde von Aichinger und Holl entwickelt, nachdem sie ab 1976 erfolglos Versuche unternahmen mit Kindern protagonistenzentriertes Psychodrama
17 Paasch 2008, S. 141 f.
18 Zeintlinger-Hochreiter 1996, S. 26
durchzuführen. 19 Das Psychodrama mit Kindern ist in erster Linie eine Form des sozialen Lernens:
Das pädagogische Psychodrama versteht sich als eine Methode, durch die Kreativität, Spontaneität und Empathie gelehrt und gelernt werden kann. 20
Im psychodramatischen Gruppenspiel erwerben Kinder soziale und emotionale Kompetenzen. Hierzu gehört die Fähigkeit zur Kontaktaufnahme und Kommunikation, sowie die Kooperations- und Konfliktfähigkeit. Außerdem wird die Wahrnehmung und Achtsamkeit geschärft und die Empathie gefördert. Das tetradische Modell 21 dient in diesem gruppenzentrierten Psychodrama gleichermaßen als Orientierung für die Leitung. Eine therapeutische Arbeit im Sinne von Traumabewältigung und Konfrontation mit Belastungsfaktoren ist nicht Ziel der Gruppenarbeit mit Kindern. Es werden niemals real erlebte Szenen oder echte Familienkonstellationen dargestellt, sodass eine Retraumatisierung ausgeschlossen ist. Aichinger und Holl stellten im Rahmen ihrer Konzeptentwicklung fest, dass reale Probleme oder Konflikte für die Kinder eine Belastung darstellten, ihre Spontaneität lähmten und ihre innerpsychischen Konflikte verstärkten. 22 Die Kinder handeln kreativ und spontan und bringen dadurch auf einer symbolischen Ebene Themen ein, welche sie gerade beschäftigen. Die „Realität [wird dadurch] (…) 'durch die Phantasie verkleidet' in die Psychodrama-Sitzung eingebracht“. 23 Unsichtbares wird dadurch nicht nur sichtbar, sondern auch veränderbar gemacht. Konflikte werden auf der Symbolebene erlebbar und auf der Spielebene abgehandelt. Kinder schützen sich im Spiel selbst. Über die Abwehr geht die Gruppenleitung nicht hinaus um die Integrität des Unbewussten zu wahren. Eine Deutung durch die Spielleitung erfolgt im Kinderpsychodrama nicht. Eine Integrationsrunde am Schluss dient dazu, die Erfahrungen der Kinder, die sie während des Spiels gewonnen haben, mit den anderen zu teilen. Die Psychodramagruppe bildet einen geschützten Rahmen, in dem Verhalten ausprobiert werden kann.
19 Melbeck-Thiemann 2002, S. 83
20 Petzold 1978, S. 2782
21 siehe Anlage A.1, Abbildung 3: "Verlauf des psychodramatischen Prozesses im tetradischen System"
22 Melbeck-Thiemann 2002, S. 84
23 ebenda. S. 84
1.4 Kinderpsychodrama in der pädagogischen Praxis
Dieses Kapitel soll im Sinne eines für diese Arbeit relevanten Ausschnitts einen praxisorientierten Einblick in die Anwendung psychodramatischer Methoden in der Arbeit mit Kindern von fünf bis zwölf Jahren gewähren. Auf eine vollständige Überblicksdarstellung sämtlicher Methoden wird aufgrund des Umfangs verzichtet. Zunächst wird auf die erforderlichen Rahmenbedingungen eingegangen. Anschließend werden einige Gruppenspiele beschrieben und dazu passende kreative Interventionen. Die kreativen Interventionen können auch unabhängig von einem Gruppenspiel in passenden Situationen angewendet werden. Im Zuge der Beschreibungen wird gleichzeitig erläutert welcher Sinn durch die Arbeit mit Psychodrama erfüllt wird. Allgemeine langfristige psychodramatische und pädagogische Zielsetzungen werden in Kapitel 2 ausführlich behandelt.
1.4.1 Rahmenbedingungen
Ein psychodramatisches Gruppenspiel dauert eine bis anderthalb Stunden. Bei zwei Spielleitern sollte sich die Kinderanzahl in der Regel zwischen vier und sechs bewegen. Ob mehr Kinder in Frage kommen hängt von der Gruppenzusammenstellung und dem Ermessen der Spielleiter ab. Die Zusammenstellung der Gruppe sollte ausgewogen sein. 24 Die Sitzungen sollten regelmäßig stattfinden. Ein wöchentlicher Abstand hat sich in der Praxis bewährt. Um einen sichtbaren Erfolg zu erzielen, sollte sich die Gruppe zumindest zehn Mal treffen. Ein längerer Zeitraum von einem halben Jahr oder länger ist wünschenswert. Ob eine Gruppe nur aus festen Teilnehmern besteht, oder ob auch mal neue dazukommen können oder nicht ist Ermessensache der Spielleitung. Bei einem offenen Angebot, muss der Beginn festgelegt werden. Sobald alle da sind, bleibt die Tür bis zum Ende der Spielrunde zu. Man sollte darauf achten, dass der Spielablauf nicht durch Dritte (beispielsweise andere Kinder oder abholende Eltern) gestört wird. Der Raum sollte schlicht gestaltet sein. Grelle Farben und überflüssige Gegenstände können den Spielfluss beeinträchtigen, da die Kinder dadurch abgelenkt werden. Die Größe des Raumes sollte angemessen sein. Eine Turnhalle ist beispielsweise zu groß. Die einfache bis doppelte Größe eines Klassenzimmers
24 Die Mischung zwischen Jungen und Mädchen, sowie zwischen lebhaften und stillen Kindern sollte stimmen.
Arbeit zitieren:
Dijana Pereglin, 2010, Mit Psychodrama Verhaltensproblemen von Kindern kreativ begegnen, München, GRIN Verlag GmbH
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