1. Einleitung
In dieser Arbeit möchte ich mich mit der höfischen Minnedarstellung zwischen Lavinia und Eneas in Heinrichs von Veldeke „Eneasroman“ auseinander. Die Minnemonologe zwischen Eneas und Lavinia scheinen von besonderer Bedeutung für die Darstellung von Veldekes Minnedarstellung, weil Veldeke diese in seiner Umgestaltung des Eneasromans ergänzte. Auch die Nutzung von höfischen Umgangsformen zeigen, dass Veldeke sein Werk zu einem bestimmten Zweck umgestaltet hat. 1
Zu Beginn werden die Minnemonologe der Lavinia und des Eneas’ chronologisch interpretierend dargestellt, um zu zeigen, welche Entwicklung die Figuren in der Erfahrung der Minne durchleben. Anschließend folgt ein kurzer Blick auf die Rolle des Götterapparats, der für das Entstehen der Minne von Relevanz ist. Daraufhin folgt eine zusammenfassende Analyse der Darstellung der höfischen Minne bei Veldeke, die sich vor allem auf die Höfisierung der Minnedarstellung bezieht, die anhand der Minnemonologe dargestellt wurde. Mit den bereits erarbeiteten Ergebnissen wird nun die Frage der Kohärenz in Bezug auf die Minnedarstellung zwischen Lavinia und Eneas und dem Ende des Romans gestellt, nachdem kurz erläutert wurde, was unter Kohärenz zu verstehen ist. Die Frage der Kohärenz erscheint im Hinblick auf die Höfisierung der Minnedarstellung besonders wichtig, weil es zu beantworten gilt, ob Veldeke trotz seiner Umgestaltung des Romans, zu einem kohärenten Ende gelangt.
Insbesondere die Minnemonologe der Lavinia und des Eneas sind seit geraumer Zeit Bestandteil von wissenschaftlichen Arbeiten. Hier konnte ich auf eine Fülle von Publikationen stoßen. Anhand dieser Forschungsergebnisse und meinen eigenen Rückschlüssel, greife ich die Frage der Kohärenz auf, zu der die germanistische Forschung bisher keine Ergebnisse veröffentlichte. 2
2. Die Darstellung der höfischen Minne am Beispiel von
Lavinia und Eneas
Lavinia und Eneas werden im Folgenden, auch wenn sich die Minnedarstellung ähnelt, getrennt betrachtet und erst in der gemeinsamen Analyse betrachtet. Beide Figuren bringen unterschiedliche Voraussetzungen in die Minneerfahrung mit und gehen auf andere Weise mit der Minne um.
1 Vgl. Schieb, Gabriele: Henric van Veldeken, S. 53.
2 Für diese Arbeit konnten keine Publikationen über die Kohärenz der Laviniaepisode gefunden werden.
3
2.1 Lavinia
2.1.1 Liebesmonolog der Lavinia
Lavinias Minnevorstellung ist zu Beginn der Laviniaepisode vor allem durch ihre Unwissenheit gegenüber der Minne gekennzeichnet. Lavinias Mutter, die Königin, versucht Lavinia in einem Gespräch die Minne und ihre Erscheinungsform näher zu bringen. Ihre Mutter erklärt ihr, dass /Turnûs der helt hêre der dînre minnen starke gert/ (En. 260 16-27 ). Um Lavinia das Wesen der Minne näher zu bringen, listet die Königin die Symptome 3 der Minne auf, auch wenn sie selbst behauptet, dass es unmöglich ist „einem Menschen das Wesen der Liebe begreiflich zu machen“. 4 Weil das Wesen der Minne aber mit Worten allein nicht zu begreifen ist, dient Lavinia diese Darstellung als Lernvorgang hinsichtlich der Terminologie der Minne. Es hilft ihr später ihren Zustand selbst zu analysieren. 5
Die Minne ist demzufolge eine Macht, der sich kein Mensch entziehen kann. Genauso überkommen den Liebenden auch Symptome, gegen die er sich nicht wehren kann; denn Leib und Seele sind im Besitz der Minne. In der Figur des Königs wird hier das Dilemma der Minne deutlich. Die Minne ist nicht beherrschbar und sie ist in der Lage, andere Autoritäten zu entmachten.
Die Königin führt ebenfalls an, wie es zur Minne kommt. Dafür ist der /hêre Amôr/ (En. 264 19 ) zuständig, der einen goldenen Pfeil und einen Pfeil aus Blei besitzt. Wer mit dem goldenen Pfeil verwundet wird, der /vil starklîch minnet/ (En. 264 32 ). Wer aber mit dem Pfeil aus Blei verwundet wird, der /is der rehten minnen iemer ungehôrsam/ (En. 264 40 -265 1 ). Auch die Büchse, in der die Pfeile stecken hat eine Bedeutung für die Minne. Sie /senftet al die arbeit und machet ez allez gût, swen diu Minne wunt tût, daz si in geheilet/ (En. 265 12-15 ). Der Bezug der Minne zu den Göttern tritt in der Laviniaepisode hier zum ersten Mal auf. Nach dem Ratschlag der Königin an Lavinia, Turnus zu lieben, folgt eine Drohung der Königin: Sie will Lavinia erschlagen lassen, falls sie Eneas lieben wird, weil sie damit das Königshaus entehrt (En. 266 1-6 ). Die Königin stellt sich hier als eine Autorität dar, der Lavinia um jeden Preis Folge leisten muss. Sie vertritt sowohl persönliche als auch politische Motive.
3 Im Folgenden werde ich von den „Symptomen“ der Liebe sprechen, weil die Minne im Eneasroman wie eine
Krankheit geschildert wird.
4 Wenzelburger, Dietmar: Motivation, S. 168.
5 Kistler, Renate: Heinrich von Veldeke, S. 135-136.
4
In ihrem Gespräch mit dem König wird allerdings deutlich gemacht, dass auch die Königin schon von der Götterweissagung des Eneas’ wusste 6 (Vgl. En. 124 33ff. ), sie diese aber als Autorität nicht ernst nimmt und auf ihren eigenen Willen setzt, indem sie sich den Götterprophezeiungen widersetzt.
Die Königin stellt Lavinia vor ein unlösbares Dilemma, indem sie Lavinia auf der einen Seite auffordert Turnus zu lieben, auf der anderen Seite aber sagt, dass es kein Entkommen vor der Minne gibt, weil es nicht möglich ist, sich zu /erweren/ (En. 262 35 ). Wenn die Minne einen aber befallen hat, wird aus /rouwe/ /froude/ (En. 263 25-26 ). Die Minne ist folglich kein aussichtsloses negatives Schicksal. Sie versucht Lavinia aber „nur“ mit „menschlichen Mitteln zur Liebe zu ihm (Turnus) und gleichzeitig zum Haß gegen Eneas zu bewegen“ 7 . Es sei „geradezu ihre Pflicht, rehte scholt (261,4), ihm keine genâde und êre zu erweisen (261,5ff.) […]“ 8 . Lavinia ist hier durch ihre Unerfahrenheit gegenüber Minne noch nicht dazu im Stande zu beurteilen, was ihre Mutter sagt. 9
Als Lavinia Eneas das erste Mal erblickt, erkennt sie in ihm den /minnesâligen Troîan/ (En. 267 11 ) 10 . Der Blickkontakt zu Eneas ist hier von besonderer Bedeutung, weil in diesem Moment die Göttin Venus /mit einer scharphen strâle/ schoss, /sô daz sie mûste minnen/ (Vgl. En. 267 30 ). Bevor Venus allerdings mit dem /scharphen strâle/ schoss, bewundert Lavinia Eneas’ Schönheit: /hern mohte niemer schôner sîn/ (En. 267 13 ). Kurz nach dem Schuss beginnen sich die Symptome der Minne zu zeigen. Sie /want […] bran und si frôs/ (En. 267 34 ). Schönheit und Götterwirken spielen folglich beim Ausbruch der Minne eine Doppelrolle.
Erst dann folgt der erste Minnemonolog. Zunächst fällt es Lavinia schwer ihren Zustand eigenständig zuzuordnen, doch dann erkennt sie, /ez is als mîn mûter sprach/ (En. 268 30 ). Nun kann sie ihren Zustand, nachdem ihre Mutter ihr zuvor die Terminologie geliefert hat, während des Wirkens der Minne analysieren. Ihr fällt auf, dass die Qualen von der Minne herrühren, Amor mit einem goldenen Pfeil auf sie geschossen hat und auch Venus’ für ihren Zustand verantwortlich ist. Lavinia selbst erklärt den mythologischen Hintergrund der Minne. Sie versteht, dass sie ihren Zustand nicht vor ihrer Mutter geheim halten kann, weil unerkennbar ist, dass die Minne sie befallen hat (Vgl. En. 270 9f. ). Die inneren Minnezeichen sind aber auch außen sichtbar. Das Äußere dient hier folglich als Spiegel des Inneren. Lavinia selbst erkennt in Eneas aber auch, genauso wie Veldeke es bereits im Erzählerkommentar deutlich macht (Vgl. Fn. 9), den /helt lussam/ (En. 269 6 ).
6 Vgl. Dittrich, Marie-Luise: Die „Eneide“, S. 305.
7 Dittrich, Marie-Luise: Die „Eneide“, S. 302.
8 Dittrich, Marie-Luise: Die „Eneide“, S. 306.
9 Vgl. Dittrich, Marie-Luise: Die „Eneide“, S. 304.
10 Die Beschreibung der Schönheit des Eneas’ und deren Unterstreichen durch die doppelte Nennung der
Schönheit erfolgt hier nicht durch eine direkte Rede der Lavinia, sondern in Form eines Erzählerkommentars.
Auf dieses Verhältnis wird in der späteren Analyse noch eingegangen, wird hier aber schon genannt.
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Daraufhin folgt die erste Personifikation der Minne durch Lavinia, die die Minne als Gegenüber ansprechen kann: die Minne /twinget/ (En. 270 21 ) zur Liebe. Hier wird Lavinia selbst das erste Mal bewusst, dass sie sich der Minne nicht entziehen kann. Lavinia selbst gesteht sich ihre Unerfahrenheit gegenüber der Minne ein und erkennt, dass sie durch die Minne in Bezug auf die Liebe /wîse/ (En. 271 23-26 ) geworden ist. Sie weiß nun selbst, dass es unmöglich ist, sowohl Eneas als auch Turnus zu lieben, denn die Liebe kann nicht auf zwei Menschen aufgeteilt werden. Lavinia selbst sieht sich als „Dienerin“ der Minne. Sie fällt anschließend wieder in die alte Fragestellung, die sie zuvor eigentlich schon für sich beantwortet hat, zurück. Warum kann sie nicht Turnus und Eneas gleichermaßen lieben (En. 274 14-35 )? Diese Darstellung zeigt, dass die Minne nicht zu sofortiger Zuversicht und Erkenntnis führt. Lavinia erkennt allerdings in der Zuversicht ihres Glaubens an die Götter, dass diese /[…]mûzens walden/ daz Ênêas der here/ gestadege sîn êre/ und behabe sînen lîb/ (En. 275 2-7 ). Die Rolle des Götterapparats durchzieht folglich den gesamten Minneverlauf.
Für Lavinia steht nun fest, dass sie Eneas auch deutlich machen muss, dass sie ihn liebt, denn nur in der Gegenliebe kann die Minne erfüllt werden. Sie ist sich allerdings unsicher, auf welche Art und Weise sie dies tun kann. Falls sie einen Boten schickt, fürchtet sie, ihre /werltlîhen êre/ (En. 277 18 ) verlieren zu können. Der Verlust der Ehre ist hier ein sehr entscheidender Gegenpol zum Erfolg der Minne. Die Liebende muss also „ihre Liebe aufs Spiel setzen […], falls sie nicht auf die Liebeserfüllung verzichten“ 11 will. In der darauf folgenden Nacht, während Lavinia allein ist, überfallen sie die Minnequalen erneut.
Während des nächsten Zusammentreffens der Mutter mit Lavinia, bemerkt die Königin sehr schnell, dass ihre Tochter von der Minnekrankheit befallen ist (En. 279 14-17 ). Veldeke verdeutlicht durch die folgende Darstellung erneut die Polarität der Autoritäten. Zunächst geht es nur darum, dass Lavinia ihre Liebe überhaupt bestätigt. 12 Die Königin ist darüber erzürnt: /ich hân dir urloub gegeben/ daz dû minnest Turnûm/ (En. 279 26-27 ). Dieser Erlaubnis ist Lavinia aber abgeneigt, denn wie edel Turnus aus sei, ihr herze sei ihm unholt (280 30 ). Ihre Mutter aber beteuert weiterhin die Gegenliebe des Turnus’, Lavinia aber erkennt die Beeinflussung ihres Herzens und ihres Verstandes durch die Minne und das Mitwirken der Götter und die Unmöglichkeit sich daraus zu befreien (En. 284 9f. ). Lavinia wendet sich deswegen standhaft gegen den Ratschlag ihrer Mutter. Diese Standhaftigkeit zeigt erneut die Unmöglichkeit sich der Autorität der Minne zu widersetzen.
Nach dem zweiten Zwiegespräch mit der Mutter folgt ein weiterer Liebesmonolog der Lavinia. Hier steht erneut die Überlegung im Vordergrund, wie sie Eneas ihre Liebe gestehen
11 Giese, Albrecht: Heinrich von Veldeke, S. 88.
12 Vgl. Dittrich, Marie-Luise: Die „Eneide“, S. 315.
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Arbeit zitieren:
Urte Borchardt, 2010, Darstellungskonzepte höfischer Liebe bei Heinrich von Veldeke, München, GRIN Verlag GmbH
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