1. Einleitung:
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit dem vermittelten DDR-Bild in Jakob Heins (*1971) „Mein erstes T-Shirt“ beschäftigen. Dabei soll vor allem die Frage im Vordergrund stehen, ob es sich bei dieser Darstellung um ein stereotypes, klischeehaftes Bild oder doch um eine Art Abrechnung mit dem diktatorischen System und den vergangenen Lebensabschnitten im ‚Osten‘ handelt. Lässt sich das behandelte Werk in die Reihe der Bücher einordnen, die sich mit Ost-West-Differenzen beschäftigen oder findet man bei „Mein erstes T-Shirt“ eine gänzlich andere Art, sich mit der geteilten Vergangenheit Deutschlands auseinanderzusetzen? Ich werde mich hier auf einige besonders hervorstechende Passagen beschränken müssen, um den Rahmen der Arbeit nicht zu überschreiten.
Des weiteren soll die Wirkung des Buches im ‚Osten‘ sowie im ‚Westen‘ untersucht werden, wobei ich mich wiederum auf einige aussagekräftige Rezensionen beschränken werde. Insbesondere soll bei diesem Punkt der Fokus auf die Frage gelegt werden, ob die Bewertungen des Buches davon abhängig sind, auf welcher Seite der Mauer die Rezensenten aufgewachsen sind. Nehmen Personen, die in der BRD aufwuchsen Literatur, die sich mit der DDR beschäftigt, anders wahr als ehemalige DDR-BürgerInnen? Kann man als nahezu ‚Unbeteiligter‘ gänzlich verstehen, wie es auf der anderen Seite der Mauer wirklich war - Und ist „Mein erstes T-Shirt“ ein geeignetes Buch für diese Absicht?
An dieser Stelle möchte ich kurz bemerken, dass ich im Folgenden von der DDR als Osten, von der BRD als Westen sprechen werde, so wie es nach der Teilung Deutschlands der Fall war und im sprachlichen Alltag der Deutschen auch nach der Wende noch der Fall ist.
2. Jakob Hein „Mein erstes T-Shirt“:
2.1 Klischee oder Abrechnung? Das vermittelte Bild der DDR:
Bei „Mein erstes T-Shirt“, das 2001 von Jakob Hein veröffentlicht wurde, handelt es sich um eine Sammlung von 26 kurzen Geschichten, in denen der Autor „die eigene und fremde Realität […] in einer angenehmen, leicht verständlichen Sprache […] verarbeitet“ 1 . Der Ich-Erzähler stellt Heins persönliche Kindheit und Jugend in der DDR vor, sodass man von einem autobiographischen Werk sprechen kann.
Bei der Lektüre des Buches wird schnell augenfällig, dass es sich bei den beschriebenen Lebensabschnitten größtenteils um gewöhnliche Kindheits- und Jugenderfahrungen handelt.
1 Kaminer, Wladimir: Mein erster Jakob Hein. Vorwort. In: Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt. S. 7.
3
So sind die zwei relevantesten Themen, die Jakob Hein und den Ich-Erzähler beschäftigten, Musik und Mädchen. 2 Diese werden nicht in einer abgegrenzten DDR-Sicht beleuchtet. Hein legt keinen Wert darauf, die Unterschiede zwischen Ost- und Westjugend zwanghaft herauszuarbeiten, was er auch in einem Interview mit „Die Welt“ deutlich machte: „Die Überraschung war - gerade für Leute aus dem Westen -, dass vieles so gleich ist.“ 3 So erteilt insbesondere das Kapitel „Die schlimmsten Jahre“ 4 dem auf Klischees lauernden Leser eine klare Abfuhr. Hein schildert ausführlich die Gefahrenpotentiale, die Eltern in Ost und West gleichermaßen ihren Kindern aufzeigten und weiterhin aufzeigen, um unerwünschtes Verhalten der Sprösslinge zu unterbinden. Von der Warnung, dass man von Leitungswasser Flöhe im Bauch bekommt 5 über die tödliche Mischung von Speiseeis und Cola 6 bishin zu der permanenten Grimasse, die angeblich auftritt, wenn man zu oft Fratzen schneidet 7 - all das sind keine osttypischen Erfahrungen, die auf eine furchtbare Kindheit aufgrund der Diktatur schließen lassen. Das indirekte Aufzeigen der Ähnlichkeiten zwischen Ost und West ist gerade in der Literatur eher selten zu finden und macht Jakob Heins „Mein erstes T-Shirt“ damit zu einer besonderen Darstellung des DDR-Lebens. Vergleicht man zum Beispiel Heins Geschichten mit Jana Hensels „Zonenkinder“, Thomas Brussigs „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ oder Florian Henckel von Donnermarcks „Das Leben der Anderen“ fällt auf, dass bei den drei letztgenannten die Unterschiede von Ost und West im Mittelpunkt stehen. Sei es, dass die Grausamkeiten der Stasi in den Vordergrund gerückt werden, sodass die BRD als goldener und freier Westen idealisiert wird wie bei „Das Leben der Anderen“ oder sei es, dass die enormen Anpassungsschwierigkeiten von Ost an West nach dem Mauerfall und die damit verbundenen Verluste thematisiert werden wie bei „Zonenkinder“, im Fokus steht permanent die Ost-West-Differenz.
Dennoch finden sich auch in Jakob Heins „Mein erstes T-Shirt“ einige DDR-spezifische Gegenstände, Markennamen und Situationen, die jedoch nicht mit einem mahnenden Ton funktionieren, sondern vielmehr die Authentizität des Beschriebenen sichern. Ganz offensichtlich zeigt Jakob Hein die DDR-Realität seiner Jugend, wenn er von seiner ersten Schallplatte berichtet:
2 Vgl. Brüns, Elke: Generation DDR? In: Konkurrenzen, Konflikte, Kontinuitäten. Hrsg. von: Andrea
Geier und Jan Süselbeck. S. 91.
3 Susanne Leinemann und Antje Schmechler: Generation Trabant.
http://www.welt.de/print-welt/article420510/Generation_Trabant.html (01.03.2010)
4 Hein, Jakob: Mein erstes T-Shirt. S. 45 - 51.
5 Vgl. Ebd. S. 45.
6 Vgl. Ebd. S. 46.
7 Vgl. Ebd.
4
Also meine erste Schallplatte, die war in der FRÖSI, das hieß »Fröhlich sein
und singen«. Eine Ost-Jugendzeitschrift, ganz genau wie »Bravo«, nur ohne
Dr. Sommer, ohne Hitparaden, ohne Starfotos und ohne Foto-
mit Beilage. […] Und am 100. Geburtstag von
Vereinten Nationen, da war eine Schallplatte
Tondokumente von ihm. 8
Ein Aussparen der, wenn man so möchte, klischeehaften Jugendzeitschrift und dem, was man darin alles nicht finden konnte, in Abgrenzung zum Westmagazin „Bravo“ würde nicht funktionieren und würde der Ablehnung der eigenen Vergangenheit nahe kommen. Deshalb erweist sich dieses typische DDR-Bild nicht als Klischee, sondern gerade in Verbindung damit, dass der Ich-Erzähler unbedingt erfahren wollte, was denn nun „Sowjetmacht“ 9 sei, und wie enttäuscht er nach all seinen Mühen über die Antwort „Kommunismus und Elektrifizierung des ganzen Landes“ 10 war, eher als eine sarkastische Umwandlung des Bildes von einem ‚Ossi‘ als regierungstreuer und systemkonformer Mitläufer.
Zudem findet man auch indirekte Anspielungen auf den Ost-West-Unterschied, die jedoch derart beiläufig erzählt werden, dass sie auf den ersten Blick nicht zwingend als solche verstanden werden müssen.
Manchmal sangen wir auch englische Lieder nach. Da Jello Biafra
meistens so nuschelte, dachten wir, daß machen wir auch. Der Text war
dadurch meistens ein bißchen anders, und wer weiß, vielleicht hatte er
auch in Swaheli irgendeine Bedeutung. 11
Es kann vermutet werden, dass sich Heins Band Jello Biafra, den ehemaligen Sänger der englischen Punk-Band „Dead Kennedys“ aus dem Grunde zum Vorbild nahm, weil durch das nachgeahmte Nuscheln die fehlenden Englischkenntnisse überspielt werden konnten. Auch wenn Jakob Hein immer wieder unterstreicht, dass Westprodukte und Westkultur nicht fremd für ihn waren, so gab es dennoch gewisse Unterschiede, die nicht wegzureden sind, wie beispielsweise die Tatsache, dass man in der DDR nicht Englisch sondern Russisch auf dem Stundenplan stehen hatte.
Eher humorvoll-übertrieben thematisiert Hein im Folgenden die Zensur durch die DDR-Regierung, wenn er von seiner weithin unbekannten, erfolg- und talentlosen Band sagt:
8 Hein, Jakob: Mein erstes T-Shirt. S. 14.
9 Ebd. S. 15.
10 Ebd. S. 16.
11 Ebd. S. 21.
5
Arbeit zitieren:
Carolin Hildebrandt, 2010, Klischee oder Abrechnung?, München, GRIN Verlag GmbH
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