Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
2. Menschliches Erhaltungsverhalten unter Stress. S.2
2.1 Entstehung von Stress S.3
2.2 Aktive Stressbewältigung S.3
3. Das stalinistische Lager als extreme Stresssituation S.4
3.1 Entmenschlichung S.5
3.2 Mangel S.5
3.3 Zwangsarbeit S.6
4. Lagerstress und Überlebensstrategien S.7
4.1 Häftlingsgesellschaft S.7
4.2 Individualverhalten S.8
4.3 Sozialverhalten S.10
5. Fazit S.12
6. Literaturverzeichnis S 13
1. Einleitung
Mit dem Tod von Josef Stalin am 5. März 1953 1 endete auch seine grausame Gewaltherrschaft. In den folgenden Jahren öffneten sich die Lagertore des Gulags 2 , eines gigantischen Lagersystems in der Sowjetunion, für eine Vielzahl von Häftlingen. Das waren Überlebende aus einer Parallelwelt von Schreckensorten, in denen das Regime seine angeblichen und tatsächlichen Feinde gefangen hielt, erniedrigte und in einer besonderen Mangelsituation durch Repressionen und schwere Zwangsarbeit unterdrückte. Es gab aber auch Möglichkeiten, sich das Lagerleben zu erleichtern und die Überlebenschancen zu verbessern. Wie es Häftlingen auf verschiedene Art und Weise gelang die extremen Bedingungen dieser Lager zu überleben, wird in den folgenden Kapiteln dargestellt. Dabei werden ausschließlich die Faktoren untersucht, die von den Häftlingen beeinflussbar waren. Der stalinistische Repressionsapparat konnte jeder Zeit durch seinen Eingriff alle Überlebensaussichten zunichte machen. Ausgehend von der modernen Verhaltensforschung, die als Psychobiologie unterschiedliche Verhaltensformen untersucht, wird in Kapitel zwei menschliches Erhaltungsverhalten unter Stress beschrieben. Anhand der Forschungsliteratur von Richard Lazarus und Klaus Immelmann wird geschildert, wie sich Stress auf den Menschen auswirkt und welche Möglichkeiten das Individuum hat, mit belastenden Situationen fertig zu werden. In Kapitel drei wird die extreme Stresssituation des Lagerlebens im Gulag gezeigt, wie die Häftlinge entrechtet und ihrer Freiheit beraubt, schwierigsten Lebensbedingungen ausgesetzt waren. Durch den erheblichen Mangel in allen Bereichen, verbunden mit schwerer körperlicher Belastung, gelangte der menschliche Organismus oft an die Grenzen seiner Belastbarkeit oder versagte, indem der Häftling starb. Unter diesen Umständen war das Überleben primäres Ziel vieler Häftlinge, mitunter um jeden Preis. Welche Möglichkeiten und Verhaltensweisen es dabei gab, wird in Kapitel vier dargestellt. Da sich die Häftlingsgesellschaft aus verschiedenen Menschentypen zusammensetzte, gab es auch unterschiedliche Bewältigungsformen und Überlebensstrategien. In den besonderen Belastungssituationen des Lagerlebens wurde das Handeln vieler Häftlinge vom vorrangigen Bedürfnis nach Selbsterhaltung bestimmt. Die Sicherung der Nahrungsgrundlage und die Schonung der körperlichen Ressourcen waren Voraus-
1 AnneApplebaum: Der Gulag, Berlin 2003, S. 501.
2 Glawnoe Uprawlenie Lagerei, Abkürzung: GULag. Hauptverwaltung für mehr als 450 Lagerkomplexe mit Tausenden Haupt- und Nebenlagern. Siehe Wladislaw Hedeler, Meinhard Stark: Das Grab in der Steppe. Leben im Gulag. Die Geschichte eines sowjetischen „Besserungsarbeitslagers“ 1930-1959. Paderborn 2008, S. 2.
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setzungen für das Überleben und rückten in den Mittelpunkt aller Bestrebungen. Es entstand eine Lagerwelt mit eigenen Regeln und Verhaltensformen, in der fast jegliches Handeln dem Gebot der Selbsterhaltung untergeordnet war, wo aber auch Formen gegenseitiger Hilfe Überleben ermöglichten.
Bis zum Ende der 1980er Jahre waren es vor allem biographische Überlieferungen, wie die von Alexander Solschenizyn, Warlam Schalamov und Jewgenija Ginsburg, die Zeugnis über das Schicksal im Gulag ablegten und auf die im weiteren verwiesen wird. Nur für kurze Zeit nach dem Tod Stalins öffnete sich unter Nikita Chruschtschow eine Öffentlichkeit für kritische Publikationen. Erst mit den politischen Veränderungen unter Michail Gorbatschow war es ab 1986 wieder möglich, einen offenen Diskurs über den Gulag zu führen und mit der publizistischen Erschließung fortzufahren. Die Öffnung von staatlichen Archiven ermöglichte es ab 1989, Einblick in amtliche Statistiken und Dokumente zu erlangen, wodurch vor allem die bis dahin mythisch überhöhten Opferzahlen genauer bestimmt werden konnten. 3
Die Untersuchung zum Gulag ist eine historiographische Herausforderung, da nur wenige Quellen von Betroffenen selbst vorliegen und viele ehemalige Häftlinge inzwischen verstorben sind. Es waren vor allem Intellektuelle, die über das Lager schrieben, wobei sie nur einen Minderanteil der Betroffenen bildeten. Diese Berichte sollte man kritisch lesen und keinesfalls verallgemeinern. Ebenso liegt es in der Natur des Menschen, eigene Schwächen und mögliches „Fehlverhalten“ zu verdrängen, gerade mit wachsendem zeitlichem Abstand zum Geschehen. Eine wichtige Ergänzung zu den Erinnerungen der Lagerinsassen bildet die Forschungsliteratur. In den folgenden Kapiteln wird unter anderem auf die Veröffentlichungen von Wladislaw Hedeler, Meinhard Stark, Gerhard Armanski und Nicolas Werth Bezug genommen, die sehr gut das stalinistische Lagersystem beschreiben, auch durch die treffende Verwendung von Häftlingsbiographien und Archivmaterial.
2. Menschliches Erhaltungsverhalten unter Stress
Auf den menschlichen Organismus wirken biotische und abiotische Umweltfaktoren. Abiotisch ist die unbelebte Natur mit bestimmten Klimafaktoren, während Nahrungsangebot, Parasiten, Krankheitserreger und Mitmenschen die belebte, biotische Umwelt bilden. Wichtigste Voraussetzung für das Überleben ist das Nahrungsangebot. In
3 Nicolas Werth: Der Gulag im Prisma der Archive. Zugänge, Erkenntnisse, Ergebnisse. In: Osteuropa 57/6 (2007), S. 10-14.
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Wechselwirkung mit seiner Umwelt zeigt der Mensch ein funktionales Verhalten, welches aus ererbten und erlernten Anteilen besteht. Obwohl beim Menschen als höher entwickeltes Lebewesen der Anteil des Erlernten überwiegt, bleiben genetisch vorbestimmte Verhaltensweisen im Sinne von Rahmenbedingungen bedeutsam und können bei bestimmten Extremsituationen, unter Stress, zur Selbsterhaltung dominieren. Ob die Verhaltensweise dabei dem Ego oder der Gruppe dient, zeigt sich im Individual- und Sozialverhalten des Betroffenen. 4
2.1 Entstehung von Stress
Bei akuten Belastungen kommt es im menschlichen Organismus zu einer vermehrten Ausschüttung von Hormonen. Bei der Stressreaktion nach Hans Selye wird die Nebennierenrinde aktiviert, welche dann verstärkt Corticoide bildet und in die Blutbahn abgibt. Dieses Reaktionsmuster wurde eher beim passiven Erdulden einer Belastung festgestellt und wird deshalb in der Psychobiologie als „passiver Stress“ bezeichnet. Bei aktiver Auseinandersetzung mit Stress nach Walter Cannon tritt eine Erregung des sympathischen Nervensystems auf, wodurch das Nebennierenmark zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin veranlasst wird und die demzufolge „aktiver Stress“ genannt wird. Bei andauerndem Stress wird durch die dauernd erhöhte Adrenalin- und Noradrenalinausschüttung der Blutdruck erhöht und der Blutzuckerspiegel steigt an. Dadurch wird das Herz überbelastet und die Immunfunktion geht zurück. Zwangsaufenthalte in Gefängnissen oder anderen Institutionen sind laut Beobachtungen und Befragungen neben dem Verlust von nahestehenden Personen die als am schwersten empfundenen Belastungen mit den größten Stressreaktionen, wobei Menschen Belastungen unterschiedlich schwer wahrnehmen und auch verschieden auf diese reagieren. Stress ist demnach die Folge einer Interaktion zwischen Individuum und Umwelt und abhängig vom Zusammenspiel spezifischer Faktoren beider Seiten. 5
2.2 Aktive Stressbewältigung
Auf eine belastende Situation kann der Mensch in verschiedener Form reagieren. Das können aktive oder passive Reaktionen im offenen Verhalten sein, wie Aggressionen oder komplette Inaktivität. Aber auch nonverbale Ausdrucksweisen, wie Sprechweise, Gesichtsausdruck und Körperhaltung können wechseln. Offenes Verhalten oder
4 Klaus Immelmann (Hg.): Psychobiologie: Grundlage des Verhaltens. Stuttgart, New York 1988, S. 3-5, 842f.
5 Ebd.: S. 304-311, 314, 851; vgl. Richard Lazarus, Susan Folkman: Stress, Appraisal, and Coping. New York 1984, S. 2f, 21.
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Jan Andrejkovits, 2010, Selbsterhaltung unter Lagerstress - Überleben im Gulag, München, GRIN Verlag GmbH
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