Danksagung
Bei Herrn Prof. Dr. André Beauducel bedanke ich mich zuerst einmal dafür, diese Diplomarbeit genehmigt und unterstützt zu haben. Des Weiteren danke ich für die angenehme Betreuung sowie die Hilfe bei der Datenauswertung.
Außerdem danke ich Frau Dr. Stephanie Wuensch und dem ganzen Team des TPS-Hamburg und der RPK- Hamburg für die schöne Zeit im Praktikum und der Möglichkeit, auch nach dieser Zeit die Daten erheben zu können.
Besonders möchte ich mich an dieser Stelle bei Herrn Dipl.-Psych. Matthias Heise bedanken. Während der Arbeit konnte ich immer mit Fragen zu ihm kommen, die angeregten Diskussionen haben mir sehr geholfen und auch viel Spaß gemacht. Danke dafür noch einmal.
Nicht zuletzt möchte ich mich auch bei den Klienten bedanken, die an dieser Untersuchung teilnahmen und sie dadurch letztendlich erst möglich gemacht haben.
Meiner Kommilitonin Katharina Boll danke ich für die Kaffeestunden und dem Korrekturlesen meiner ersten Entwürfe.
Und natürlich danke ich auch meiner Freundin, die meine Nervereien während der Arbeitsphase ertragen musste, ganz herzlich.
Inhalt
A Theorieteil
1. Einleitung 1
2. Grundlegende Konzepte 3
2.1 Zirkumplex Modell. 3
2.2 Interpersonale Theorie. 7
2.3 Beziehungsmodelle nach Leary und Schaefer. 12
3. Die Strukturale Analyse Sozialen Verhaltens (SASB) 23
3.1 Annahmen 24
3.2 Modellstruktur 26
3.3 Beziehungsmuster. 33
3.4 Anwendung 38
3.5 Gütekriterien. 42
3.6 Empirischer Nutzen 48
4. Hypothesen 54
B Methodenteil
5. Beschreibung der Stichproben. 55
5.1 Rehabilitation Psychisch Kranker 55
5.2 Therapiezentrum Psychose und Sucht. 57
6. Aufbau und Setting. 60
6.1 Verwendetes Instrument. 60
6.2 Ablauf und Zeitplan. 63
7. Darstellung der Ergebnisse. 66
7.1 Exemplarische Darstellung eines Einzelfalles. 66
7.2 Reliabilitätsprüfung 72
7.3 Hypothesentestung 77
7.3.1 Komplementarität in der Therapie. 78
7.3.2 Introjekt- Unterschiede. 84
7.3.3 Therapeutenverhalten und Introjekt in besten Zeiten. 90
7.3.4 Übertragungsreaktionen in der Therapeutenbeziehung. 93
7.3.5 Elternverhalten und Introjekt. 97
7.3.6 Unterschiede zwischen den Probandengruppen 108
8. Diskussion 114
8.1 Hypothesen 114
8.2 Auffälligkeiten und kritische Betrachtung 119
8.3 Ausblick. 122
8.4 Schlusswort 125
9. Literaturverzeichnis. 126
10. Abbildungsverzeichnis 133
11. Tabellenverzeichnis. 135
12. Anhang 137
Anhang 1 137
Anhang 2 138
Anhang 3 139
Anhang 4 140
Anhang 5 141
Anhang 6 142
A Theorieteil
1. Einleitung
„Es war einmal eine Zeit, da war alles schön und herrlich, das aber war, bevor ich etwas mit Menschen zu tun haben mußte“ (Sullivan 1983, S.245).
Ein Zitat, das nachdenklich stimmt, pessimistisch anmutet und dennoch vermutlich den Kernpunkt der interpersonalen Theorie darstellt. Nach dieser Theorie prägen die frühen Erfahrungen zu wichtigen Bezugspersonen die Persönlichkeit eines Menschen, sein Leben lang. Welche Erfahrungen müssen demnach Psychosepatienten in ihrer Kindheit erlebt haben, damit die Entstehung einer Psychose begünstigt wird? Wie erleben sie die Beziehung zu einem Therapeuten, gibt es vielleicht Ähnlichkeiten zu den Erfahrungen in der Kindheit? Kann eine Therapie die frühen Prägungen aufheben und durch neue ersetzen? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit genauer behandelt und untersucht werden.
Die empirische Erhebung wurde mit SASB- Fragebögen durchgeführt und mit dem Programm MakeMapsWin ausgewertet. SASB, die Structural Analysis of Social Behavior, ist, wie auch die interpersonale Theorie an sich, in Deutschland eher unbekannt, bietet aber vielfältige Anwendungsmöglichkeiten und aussagekräftige Ergebnisse. Daher liegt dieser Arbeit ein recht umfangreicher Theorieteil zugrunde, um die Strukturale Analyse Sozialen Verhaltens, wie SASB im deutschen Sprachraum benannt ist, umfassend zu beschreiben und auch die Konzepte und Ideen, aus denen SASB konstruiert wurde, darzustellen. So soll der Leser zunächst einen Einblick in die interpersonale Denkweise erhalten, auch die Idee der Beschreibung von Verhalten durch ein Kreismodell, dem so genannten Zirkumplex, wird vorgestellt. Darauf aufbauend wird SASB als zirkumplexes Modell interpersonalen Verhaltens dargestellt, neben der reinen Beschreibung der Struktur werden auch bisherige Forschungsergebnisse und die Möglichkeiten in der praktischen Anwendung behandelt. Da sich die Theorie hinter SASB recht komplex darstellt, ist ein größerer Theorieteil auch dahingehend notwendig, um dem Modell gerecht zu werden, ohne wichtige Aspekte auszulassen und dem Leser einen adäquaten Einblick zu erlauben.
Für die theoretische Einführung in die Thematik wird überwiegend mit der, zum großen Teil englischen, Originalliteratur gearbeitet. Zum einen, weil im deutschen Sprachraum
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weniger Quellen vorhanden sind, zum anderen aber auch, um zu vermeiden, dass Ungenauigkeiten oder Auslassungen, die in deutscher Sekundärliteratur vorkommen können, übernommen werden.
Der Theorieteil endet mit der Formulierung der Hypothesen, hierbei werden die zu Anfang aufgeworfenen Fragen ausgeführt und präzisiert, um sie im Anschluss überprüfen zu können. Getestet werden die Hypothesen anhand einer Stichprobe von insgesamt 40 Psychosepatienten, wobei ein Teil der Probanden zusätzlich zur Psychose- auch an einer Suchterkrankung leidet. Die Probanden wurden in zwei Hamburger Therapieeinrichtungen befragt, beide Einrichtungen werden in dieser Arbeit kurz vorgestellt.
Die Ergebnisdarstellung beginnt mit der Beschreibung eines Einzelfalles, um die theoretischen Ausführungen an einem konkreten Beispiel zu veranschaulichen, bevor statistische Berechnungen auf Gruppenebene folgen. Zudem soll hierdurch gezeigt werden, wie SASB in der klinischen Praxis angewendet werden kann, um den Therapieprozess zu unterstützen. Da Untersuchungen über die Gütekriterien von SASB für den deutschen Gebrauch eher selten zu finden sind, wird die interne Konsistenz der Fragebögen auf Gruppenebene mittels einer Berechnung von Cronbachs Alpha ermittelt, um die Reliabilität des Modells überprüfen zu können.
Nach diesen Ergebnissen werden die Hypothesen getestet. Hierzu werden einleitend jeweils erläuternde und weiterführende Hinweise gegeben, um anschließend eine statistische Überprüfung durchzuführen, diese erfolgt beispielsweise durch Korrelationsberechnungen, Varianzanalysen und t-Tests. Hierbei wird auch die Therapieinteraktion zwischen Patient und Therapeut aus Sicht der Patienten untersucht, um einen Einblick zu erhalten, wie die Probanden sich selbst und den Therapeuten einschätzen und beurteilen. Damit wird eine Möglichkeit geschaffen, die Therapie zu evaluieren und zu prüfen, ob die aktuelle Vorgehensweise von den Patienten gut aufgenommen wird oder aber Konfliktpotentiale vorliegen.
Die Arbeit schließt ab mit einer Diskussion, in der die Ergebnisse besprochen und kritisch betrachtet werden, auch wird ein Ausblick in mögliche Anschlussuntersuchungen gegeben.
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2. Grundlegende Konzepte
Die Konstruktion der Strukturalen Analyse Sozialen Verhaltens (SASB) entstand unter der Prämisse von früheren Modellen und Denkrichtungen. Benjamin (1974) selbst benennt hierbei den faktorenanalytischen Ansatz nach Guttman (1971) und die Modelle zur Beschreibung von Verhalten nach Schaefer (1965b) und Leary (1957) als Grundpfeiler, auf die ihr System aufbaut. Auch die interpersonale Theorie Sullivans ist grundlegend für die Entwicklung von SASB. Daher wird im Folgenden eine Übersicht der grundlegenden Modelle und Theorien gegeben, die in die Konstruktion von SASB eingeflossen sind.
2.1 Zirkumplex Modell
Den Modellen von Schaefer (1965b) und Leary (1957) ist gemein, dass beide eine kreisförmige Anordnung von Variablen, die Beziehungsverhalten beschreiben, vornehmen. Diese Ordnung wird allgemein als Zirkumplex benannt, dies ist ein „non-metric model for representing a circular ordering among variables“ (Wiggins 1982, S.184).
Der Begriff des Zirkumplex geht zurück auf Guttman (1954), der in seiner Theorie des Radex die Organisation von Variablen in einen Simplex und in einen Zirkumplex einführt. Radex steht hierbei für „radial expansion of complexity“ (Guttman 1954, S.260). Im Radex sind die zwei genannten Unterformen von möglichen Anordnungen integriert, der Simplex und der Zirkumplex, beide können jedoch auch unabhängig voneinander eingesetzt werden, wie später in der Modellstruktur von SASB noch zu zeigen sein wird. Der generelle Vorzug des Radex liegt in der klaren und geordneten Übersicht von gegebenen Variablen sowie der besseren Vorhersage neuer Settings. „A clear design enables one to infer from the structure of a given sample of variables what the structure of the relationsships with new variables of the same design will be“ (Guttman 1971, S.444f).
Die erste Subform des Radex ist der Simplex, eine hierarchische Anordnung von Variablen nach Art des Grades ihrer Komplexität innerhalb einer Art von Test. In der Entwicklung der Radex- Theorie wird vorrangig Bezug genommen auf Intelligenztestung. Verschiedene Tests, die jeweils beispielsweise numerische Fähigkeiten erfassen, können durch den Simplex in eine Rangreihenfolge vom Einfachsten zum Schwersten gebracht werden. „It (die verschiedenen Subtests, M.W.) possesses a simple order of complexity. The tests can
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be arranged in a simple rank order from least complex to most complex” (Guttman 1954, S.260). Diese Gliederung ist möglich bei Tests derselben Art, bei einer Ordnung von unterschiedlichen Testarten der gleichen Komplexität ist eine hierarchische Ordnung hinsichtlich der Schwierigkeit folglich nicht mehr möglich. Die Frage nun lautet: „What is the structure of the interrelationships among different simplexes?“ (Guttman 1954, S.325). Um diese zu beantworten, führt Guttman den Zirkumplex ein, eine „circular order of complexity“ (Guttman 1954, S.260). Diese Tests unterscheiden sich hierbei in ihrer Art, durch die kreisförmige Anordnung gibt es keine Ordnung von „einfach“ zu „schwer“, die Tests sind ohne Anfang und Ende organisiert und somit ohne eine Differenzierung betreffend ihrer „Wertigkeit“.
Zur Bestätigung der Simplex- Theorie überprüfte Guttman verschiedene Intelligenztests und fand entsprechende Simplex- Ordnungen in ihren Subtests. Anschließend zog er aus jedem Simplex- Modell einen Test gleicher Schwierigkeit heraus, der jeweils eine spezifische Art von Intelligenz erfasste. Diese Tests gehörten jedoch alle zu einem „superuniverse (…) of mental abilities“ (Guttman 1954, S.260). Die Hypothese hinter dem Zirkumplex Modell ist, das auch diese Tests eine Ordnung haben, allerdings keine, die sich hinsichtlich einer Hierarchie beschreiben lässt, da alle Tests den gleichen Grad an Komplexität besitzen. Es wurde jedoch ein Gesetz der Nachbarschaft von bestimmten Tests vermutet, dass sich also bestimmte Tests bzw. Variablen näher stehen als andere. Eine kurze, gelungene Definition der Modellstruktur liefern Dierk, Sommer und Heinrigs:
Zur Validierung der Hypothese zog Guttman sechs unterschiedliche Tests aus dem Bereich der geistigen Leistungsdiagnostik mit je gleicher Komplexität heran und errechnete ihre Interkorrelationen. Tabelle 2.1 zeigt die Ergebnisse, es zeigt sich hier deutlich die Bestätigung der Hypothese.
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Tabelle 2.1 Zirkumplex- Tabelle, entnommen aus Guttman 1954, S.330
Guttman hierzu: „There is an unmistakable trend for the largest correlations to be next to the main diagonal, to taper off as they depart from the diagonal, and then to increase again at the northeast and southwest corners” (1954, S.329). Die Nachbarn der Tests weisen jeweils die höchsten Korrelationen auf, dazwischen sind sie deutlich kleiner. Die Ergebnisse spiegeln keinen perfekten Zirkumplex wider, bestätigen aber die zuvor gemachten Annahmen. Tests, die ähnliche Fähigkeiten erfassen, haben untereinander eine höhere Korrelation und erweisen sich zudem als bessere Prädiktoren. Solche Tests, die anders akzentuierte Fähigkeiten erfassen (z.B. Assoziation und schlussfolgerndes Denken im ABC- Test), korrelieren nur gering und haben keine Vorhersagekraft gegenüber dem anderen Test (Guttman 1954, S.332). Jeder der sechs Tests in der Abbildung hat für sich selbst wiederum einen eigenen Simplex, in dem die Untertests hierarchisch nach dem Grad ihrer Komplexität geordnet sind. Aus diesen beiden Teilkonzeptionen setzt sich im Anschluss der Radex zusammen, es entsteht ein „radex diagram, wherein tests can differ both in kind and in degree“ (Guttman 1954, S.337). In einer Kreisstruktur sind verschiedene Inhaltssektoren enthalten, die je eine Art von Test repräsentieren, die Abstufungen in der Komplexität werden durch größer werdenden Abstand zur Kreismitte symbolisiert, wobei der äußerste Wert der komplexeste ist und die innerhalb liegenden Segmente mit einschließt. Abbildung 2.1 zeigt einen solchen Radex, der beispielhaft aus fünf unterschiedlichen Testarten mit jeweils vier Komplexitätsabstufungen besteht und dementsprechend 5x4 = 20 „elementary components“ (Guttman 1954, S.337) beinhaltet.
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Abb. 2.1 Schema eines Radex, entnommen aus Guttman 1954, S.338
Verschiedene Tests hinterlassen nun einen eigenen „Fingerabdruck“ im Radex, anhand derer sie charakterisiert und eingeschätzt werden können, da sichtbar wird, welche Inhalts-und Komplexitätsdimensionen ein ausgewählter Test besitzt: „Radex theory opens a clear path to better predictions with less tests“ (Guttman 1954, S.261).
Guttman selbst sieht den Schwerpunkt für die Anwendung des Radex in der Klassifikation von Intelligenztests, eine generelle Anwendung für alle Arten von Daten wird hier noch nicht offeriert: „I do not propose it as a general theory for any system of intercorrelated variables. For example, I do not believe it appropriate for a type of attitude data discussed in my previous lecture in this series” (Guttman 1954, S.340, Hervorhebung M.W.).
Später jedoch wurde die Radex- Theorie, speziell die des Zirkumplex, von verschiedenen Autoren auch in Bereichen der Interpersonalen Theorie übernommen und modifiziert, wichtige Grundlagen hinsichtlich der Zirkumplex- Theorie wurden für die vorliegende Arbeit von Leary (1957), Schaefer (1959, 1965b) und Benjamin (1974) geschaffen.
Auch Guttman erweiterte das Modell später noch für die Strukturierung verschiedener anderer Variablen, wie der Lichtwahrnehmung und sogar der von interpersonalen Beziehungen. Er war über die vielfältigen Bestätigungen und neuen Anwendungsbereiche seiner Theorie überrascht. „It is surprising how many empirical examples have since been found of simplex and the circumplex“ (Guttman 1971, S.444).
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Aktuelle Interpersonale Zirkumplex- Modelle gibt es in verschiedenen Varianten in der „psychotherapeutischen Prozeß- und Erfolgsforschung (…), in der Vergleichenden Psychotherapieforschung (…), zur Diagnostik und Untersuchung von
Beziehungsstörungen (…) und von Persönlichkeitsstörungen (…), bei der Untersuchung von Paarbeziehungen (…) und allgemein zur interpersonalen Störungsdiagnostik“ (Bastine & Tuschen 1996, S.242f).
2.2 Interpersonale Theorie
Der in den Arbeiten von Leary (1957) und Benjamin (1974) vertretene Ansatz ist interpersonaler Natur und führt zurück auf das Wirken von Henry Stack Sullivan, einem Neopsychoanalytiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Entgegen den Theorien Freuds lehnte Sullivan jedoch viele Annahmen bezüglich der Libido oder des „ES“ ab. Auch hielt er den Menschen für ein soziales, von Natur aus gutes Wesen und nahm somit einen anderen Standpunkt ein als Freud, der den triebgesteuerten, wilden Menschen postulierte. Sullivan war in erster Linie ein Empiriker und Pragmatiker, er bezog sich auf die beobachtete Wirklichkeit und hatte eine interdisziplinäre Betrachtungsweise, etwa durch den Einbezug der Sozialwissenschaften (Rattner 1990). Durch diese breite Berücksichtigung anderer Wissenschaftsgebiete gelang es Sullivan, „eine völlig neue Dimension in die Psychiatrie einzuführen“ (Conci 2005, S.239). Gleichwohl betonte er, dass Psychiatrie nach seinem Verständnis noch sehr weit von Wissenschaftlichkeit entfernt und allenfalls als präwissenschaftliche Disziplin zu verstehen sei (Sullivan 1983, S.35f). Um den vielfach geäußerten Vorbehalten gegenüber der Psychoanalyse entgegenzuwirken, wurden verschiedene Testverfahren konzipiert, um den psychoanalytischen Konzepten ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Die Erfolge dieser Tests, zu nennen etwa der Rorschach-Test oder der Thematische Apperzeptionstest (TAT), sind jedoch umstritten
und werden seit Jahren kontrovers diskutiert 1 (Benjamin 2001, S.27ff).
Sullivans Anliegen war es, eine Wissenschaft der menschlichen Interaktionen zu etablieren, um „nicht nur das einzelne menschliche Individuum (…), sondern die interpersonale Situation zu erforschen“ (Sullivan 1983, S.40). In seinem posthum veröffentlichen Werk „Die interpersonale Theorie der Psychiatrie“ (1953, deutsche Übersetzung 1983)
1 Für weitere kritische Auseinandersetzung sei auf Teil 2.3 der vorliegenden Arbeit verwiesen.
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beschreibt Sullivan ausführlich die Entwicklung des Menschen, von der Geburt bis hin zur Adoleszenz, unter der interpersonalen Perspektive, die sowohl die Entwicklung an sich als auch eventuell auftretende Pathologien und Störungen interpersonal zu erklären versucht. Im Mittelpunkt der Entwicklung steht die Erfahrung von Angst, die jegliches Verhalten dominiert: „Angst spielt in interpersonalen Beziehungen eine so ungemein wichtige Rolle, daß sie von allen anderen Arten der Spannung unbedingt unterschieden werden sollte“ (Sullivan 1983, S.68). Eine interessante Symbolik dieser Annahme liefert Chrzanowski: „anxiety is an interpersonal umbrella that covers every aspect of human existence“ (1982, S.33). Angst ist also der „Motor“ der Entwicklung und wird schon im Kindesalter erfahren, indem die erlebte Angstspannung der Mutter durch empathische Prozesse auf Seiten des Kindes auf dieses übergeht und somit das Verhalten des Kindes determiniert, da es die Angst als negativ erlebt und sein Verhalten in Richtung einer Verminderung der Angst ausrichtet (Rattner 1990, S.421). Somit ist die Entwicklung des Menschen kein vom Kollektiv getrennter und nur individuell fokussierter Prozess, sondern wird durch Erfahrungen mit der Umwelt und vor allem mit den wichtigsten Bezugspersonen definiert. Entwicklung und Lernen stellen demnach eine Anpassung an die Umwelt dar, da versucht wird, „sich so zu verhalten, wie man sich in seiner jeweiligen Gesellschaft verhalten sollte“ (Sullivan 1983, S.181), um eine Angstspannung in Folge von unbotmäßigem Verhalten zu vermeiden. Diese Anpassungen sind „Manöver zum Schutz des Selbstsystems“ (Sullivan 1976, S.94) und können sich im Extremfall auch in pathologischen Verhaltensweisen niederschlagen. Demnach sind Verhaltensstörungen zu verstehen als eine Anpassungsreaktion an eine irrationale, stressende Umwelt (in Form von sich inkonsistent verhaltenden Bezugspersonen, insbesondere den Eltern) und sind somit „sogar eine recht bemerkenswerte Manifestation menschlicher Lebensfähigkeit“ (Sullivan 1983, S.33). Wenn beispielsweise ein Kind durch verschiedene Taten Zärtlichkeit von seinen Eltern erfahren hat, später jedoch für dieselben Aktionen eben keine Zuwendung mehr erfährt, sondern im Gegenteil sogar noch Bestrafung oder Demütigung erfährt, so erlebt es eine unlogische, irrationale Umwelt. Durch diese Erlebnisse lernt es, dass eine Forderung nach Zärtlichkeit negative Konsequenzen nach sich zieht und es stattdessen besser ist, eine feindliche Grundhaltung zu präsentieren, da es „inmitten von Feinden“ (Sullivan 1983, S.243) lebt. Diese Erfahrungen in der Kindheit können das Bild von Gut und Böse verzerren und sich auf das gesamte Leben auswirken, da diese erlernte Grundhaltung bestehen bleibt und später auch das Verhalten gegenüber anderen Menschen bestimmt (Sullivan 1983, S.242ff). Ein jeder Mensch kann also, sofern eine
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„geeignete“ Lebensumwelt im Kindesalter vorliegt, Persönlichkeitsstörungen entwickeln, falls die Probleme im Elternhaus nicht durch spätere Beziehungen (etwa durch Kontakte in der Peer- Group) abgefangen und ausgeglichen werden (Sullivan 1983, S.285). Demnach ist „der Unterschied zwischen jedem von uns und dem schwierigsten Schizophreniepatienten ein gradueller und kein prinzipieller“ (Conci 2005, S.162). Die Theorie hinter diesen Überlegungen stellt das Ein-Genus-Postulat dar, nach dem die Unterschiede zwischen zwei Menschen nur äußerst marginal erscheinen, verglichen mit den Unterschieden zu dem nächstverwandten Säugetier oder jedem anderen Lebewesen (Sullivan 1983, S.55f).
Im Zusammenhang mit dem Konzept der Angstspannung stellt das erwähnte Selbst-System einen weiteren zentralen Terminus in der Konzeption Sullivans dar und „enthält das Insgesamt aller Seelenregungen des Kindes, die von der Umwelt mit Zustimmung, Bejahung, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit bedacht werden“ (Rattner 1990, S.424). Dieses Selbst-System ist kein Produkt persönlicher Dispositionen, sondern ein Konglomerat aller erlebten interpersonalen Erfahrungen, die schon in der frühkindlichen Erziehung gesammelt wurden und mittels Internalisierungen der wichtigen Bezugspersonen sowohl das Persönlichkeitsbild formen als auch im weiteren Leben bestimmen. Dem Aspekt der Vermeidung von Angst steht der Belohnungscharakter als zweites Element gegenüber, denn das Verhalten des Kindes ist nicht nur geprägt durch das Streben nach einer Verminderung von Angstspannung, sondern auch durch das Streben nach Belohnung und liebevoller Zuwendung seitens der wichtigsten Bezugspersonen (Sullivan 1983, S.191ff). Sullivan selbst nennt im Zusammenhang mit der Entstehung des Selbst-Systems Bezüge zu anderen Disziplinen der Wissenschaft, namentlich George Herbert Mead in der Sozialpsychologie, welcher ähnliche Erklärungsansätze geliefert hat (Sullivan 1983, S.38f). Dieser kritisiert die Strömungen der Psychologie, in denen „die Identität als ein mehr oder weniger isoliertes und selbstständiges Element“ (Mead 1995, S.207) betrachtet wird. Für Mead ist die Entwicklung der Identität ebenfalls ein Prozess, der in der Gemeinschaft abläuft, sie kann sich nur entwickeln, „wenn die Übermittlung von Gesten in das Verhalten des Einzelnen hereingenommen wird“ und „die Haltung der anderen Wesen den Organismus beeinflussen“ (Mead 1995, S.209f). Die Überschneidungen mit und Parallelen zu einer interpersonalen Konzeption liegen auf der Hand.
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Eine weitere wichtige Grundannahme ist die der reziproken Emotion 2 , die jede „Integration in einer personalen Situation“ (Sullivan 1983, S.226) dominiert. Demnach werden erstens „komplementäre Bedürfnisse aufgelöst oder intensiviert“ (Sullivan 1983, S.226), je nachdem, ob das Bedürfnis, welches an eine bestimmte Person herangetragen wird, erfüllt oder aber abgelehnt wird und dann in der Folge verstärkt zu Tage tritt, da das Bedürfnis weiterhin bestehen bleibt. Zweitens werden „reziproke Aktivitätsmuster entwickelt oder desintegriert“ (Sullivan 1983, S.226), auch hier bestimmt die Reaktion des Gegenübers, welches Muster eintritt. Sullivan beschreibt eine solche Konstellation anhand einer Therapeut-Klient-Interaktion. Liegt beim Therapeuten ein latentes Bedürfnis nach einer Unterordnung des Klienten vor, kann diese Situation nur fortbestehen, wenn der Klient, ebenfalls unbewusst, eine unterwürfige Haltung einnimmt, andernfalls wird die Kommunikation desintegriert, sie scheitert. Doch in beiden Fällen ist eine unkonstruktive Arbeit abzusehen, denn wenn der Klient eine untergeordnete Rolle einnimmt und nur die Informationen „abspult“, die in seinen Augen den Erwartungen des Therapeuten entsprechen, kann keine wirkliche, gehaltvolle Zusammenarbeit stattfinden (Sullivan 1976, S.120). Drittens wird die „vorhergesagte Befriedigung oder Versagung ähnlicher Bedürfnisse erleichtert“ (Sullivan 1983, S.226). Denn mit fortschreitender Dauer einer Interaktion wird eine Vorhersage der Reaktion des Gegenübers immer sicherer und es können diejenigen Verhaltensweisen geliefert werden, die eine positive Reaktion hervorrufen.
Von besonderer Bedeutung für die Konstruktion von SASB und somit auch für diese Arbeit ist der Begriff der „reflected appraisals“ (Sullivan 1947, S.10), demnach gibt es „Verbindungen zwischen der erwachsenen Persönlichkeit des Patienten und den des Patienten hinsichtlich seiner frühen sozialen Empfindungen
Erziehungserfahrungen“ (Benjamin 2001, S.25). Die Persönlichkeit ist somit eine Verinnerlichung der Erfahrungen, die mit den wichtigsten Bezugspersonen erlebt wurden, die frühen erfolgreichen und bewährten Verhaltensweisen werden aufrechterhalten und in neuen interpersonalen Situationen abgerufen: „The point is that the self is approved by significant others, that any tendencies of the personality that are not so approved (…) are dissociated from personal awareness“ (Sullivan 1947, S.22). Dieser Vorgang ist vor allem dann problematisch, wenn sich diese Bezugspersonen unlogisch verhalten und somit
2 Im 1976 erschienenen Buch „Das psychotherapeutische Gespräch“ wird dies noch übersetzt als „wechselseitige Emotion“, im 1983 erschienenen Hauptwerk jedoch als „reziproke Emotion“. Aufgrund der größeren Relevanz von letzterem wird dieser Terminus für die vorliegende Arbeit übernommen.
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unangepasste Verhaltensweisen forcieren: „the preeminent situational determinants of a patient’s maladaptive actions are other people“ (Kiesler 1991, S.452). Ein Beispiel für eine solche negative Beeinflussung findet sich im vorhergehenden Absatz. Dieses Theorem ist insofern grundlegend für die vorliegende Arbeit, als dass später nach Korrelationen zwischen den frühen, erlebten Elternbeziehungen und der aktuellen Beziehung zum Therapeuten sowie zum transitiven Umgang mit sich selbst gesucht wird. Es sollten sich demnach Zusammenhänge zeigen, die eine solche Übertragung von frühen Erlebnissen mit den wichtigsten Bezugspersonen und dem aktuellen Verhalten bestätigen. Hinzu kommt seine Ansicht, den Psychiater nicht als Außenstehenden zu betrachten, sondern als „teilhabenden Beobachter“, der aktiv an der Therapie partizipiert sowie vom Patienten als Bezugsperson angesehen wird, da das Verhalten des Patienten zum Großteil auf den Therapeuten gerichtet ist (Sullivan 1976, S.16ff). Nur so kann die Befragung der vorliegenden Arbeit gerechtfertigt werden, die den Therapeuten als wichtige, aktuelle Bezugsperson definiert.
In der kritischen Auseinandersetzung der Werke Sullivans gibt es in der Literatur unterschiedliche Auffassungen. Führt Rattner noch an, Sullivan „scheiterte (…) am Sexualproblem“, da „die sexuellen Abweichungen fast nicht erörtert“ (1990, S.439) wurden, kommt Conci zu dem Schluss, in der Theorie Sullivans „ist es (…) nicht so, daß die Sexualität (…) eine weniger zentrale Rolle spielt als in Freuds Theorie - sie wird aber
in Sullivans Werk völlig neu konzeptualisiert“ (2005, S.379). 3 Hierbei wird Bezug genommen auf Ausführungen Sullivans, in denen es bei der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen nicht in erster Linie darum geht, alles unter einem sexuellen Blickwinkel zu sehen. Denn es ist, nach Sullivan, falsch zu versuchen, eine Störung zu behandeln, „indem man am Sexualleben herumfummelt (…). Sie kann ihnen (den Psychiatern, M.W.) ein schönes Zubrot für ihre pornographischen Interessen geben“ (Sullivan 1983, S.331). Meistens jedoch wird eine solche sexuelle Störung nur vorgeschoben, um die eigentlichen, tiefer liegenden Probleme zu verdrängen oder von ihnen abzulenken. Hier zeigt Sullivan deutlich die Unterschiede seiner Theorie im Gegensatz zu älteren Modellen (Sullivan 1983, S.331f).
3 Die unterschiedlichen Interpretationen sind vermutlich dem frühen Tod Sullivans geschuldet, der sich daher konsequenterweise nicht mehr zu seinen Ausführungen äußern konnte.
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Insgesamt konnte die interpersonale Theorie erst spät an Bedeutung gewinnen, zu Anfang hatte sie vor allem mit Kritik seitens der klassischen Psychoanalyse zu kämpfen: „While interpersonal conceptions of personality were largely ignored by the behaviorists and social learning theorists, they were actively resisted by the psychoanalytic establishment“ (Wiggins 1985, S.627). Erst später nahm der Einfluss der Konzeption Sullivans vor allem in den USA zu und wurde beispielsweise von Kiesler weitergeführt, der unter anderem „six fundamental assumptions regarding human personality“ (1982, S.5) formulierte. In Deutschland ist die interpersonale Theorie auch heutzutage nur wenig verbreitet, wenngleich ihr interdisziplinärer und pragmatischer Ansatz vielfältige Möglichkeiten verspricht, die eine Ausweitung durchaus sinnvoll erscheinen lassen (Rattner 1990, S.416/438).
2.3 Beziehungsmodelle nach Leary und Schaefer
Lorna Smith Benjamin bezieht sich in der Entwicklung der Strukturalen Analyse Sozialen Verhaltens (SASB) auf zwei frühere Modelle, die Beziehungen ebenfalls durch ein Zirkumplex- Modell beschreiben. Benjamin (1974) benennt hierbei als Grundlage die Modelle von Leary (1957) und Schaefer (1965b), die jeweils eine zirkumplexe Anordnung von Beziehungsverhalten erstellten, jedoch unterschiedliche Nuancen in den Definitionen der Beschreibungen und Bezeichnungen vornahmen.
Von großer Bedeutung für die spätere Forschung im Bereich der interpersonalen Zirkumplex- Theorie war die Arbeit von Leary, dessen „extraordinary book continues to inspire successive generations of psychodiagnosticians“ (Wiggins 1982, S.185). Nachdem zuvor in der Kaiser Foundation Arbeitsgruppe (Freedman, Leary, Ossorio & Coffey 1951, LaForge, Leary, Naboisek, Coffey & Freedman 1954, LaForge & Suczek 1955) umfangreiche Studien durchgeführt wurden, wurde durch Leary als einem der Mitglieder dieser Gruppe eine Zusammenfassung und Weiterführung der Ergebnisse vorgenommen und anhand zahlreicher Beispiele die klinische Relevanz einer solchen interpersonalen Betrachtung verdeutlicht. Ziel dieses Ansatzes war es, „to present a comprehensive schema for the organization of personality data“ (Freedman et al. 1951, S.143).
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Interessanterweise wurden die Arbeiten Learys ohne Kenntnis des neuen faktorenanalytischen Ansatzes nach Guttman (1954) durchgeführt. Und dennoch: „the reasoning seems quite similar“ (Wiggins 1982, S.187). Diese Parallelen zeigen die breiten Verwendungsmöglichkeiten eines zirkumplexen Ansatzes in verschiedenen Bereichen der Datenanalyse auf. Da die Arbeit ohne das Wissen der Forschungen Guttmans erstellt wurde, verwundert es nicht, dass der Begriff des Zirkumplex in diesem Kontext nicht auftaucht, jedoch wird er in der vorliegenden Arbeit, soweit angebracht, anstelle der verwendeten Begrifflichkeiten verwendet, um dem Leser eine stringente Begriffsverwendung zu präsentieren.
Leary nahm in seiner Arbeit eine Untersuchung verschiedener Personengruppen unter dem Aspekt der interpersonalen Theorie nach Sullivan vor. Daher steht vor allem der Mensch mit der Interaktion zu anderen im Mittelpunkt. Er wird nicht isoliert und separat betrachtet, sondern immer in einem Kontinuum, welches andere Personen mit einschließt. Leary definiert Verhalten im interpersonalen Raum als „Behavior which is related overtly, consciously, ethically, or symbolically to another human being (real, collective, or imagined)” (Leary 1957, S.4). Die Betrachtung menschlichen Verhaltens unter dem Aspekt dieser Theorie stellt für ihn den bedeutendsten und vielversprechendsten Ansatz dar, um die Prozesse der Interaktionen, die Aktionen zur Vermeidung von Angst und die jeweiligen Reaktionen der anderen auf ein bestimmtes Verhalten zu beschreiben und zu interpretieren. Viele unterschiedliche Personen beiden Geschlechts, verschiedenen Alters, psychisch Kranke und normale Personen wurden in kleinen Gruppen interpersonalen Situationen ausgesetzt; hier wurde deren Verhalten beobachtet und analysiert. Flankierend kamen verschiedene andere Tests zum Einsatz, um ein breites Spektrum interpersonalen Verhaltens zu erfassen. Die Arbeit baut auf Arbeiten sowie Daten der Kaiser Foundation Arbeitsgruppe auf und führt sie weiter, wenn auch mit teilweise anderen Schwerpunkten. Aufgrund des großen Erfolges des Werkes von 1957 wird diese Arbeit jedoch subsumierend als „Leary- System“ bezeichnet, auch wenn dies den Arbeiten der anderen Mitglieder der Kaiser Foundation nicht gerecht wird und eine „historical oversimplification“ (Wiggins 1982, S.187) darstellt.
Interpersonales Verhalten wird in der Arbeit von Leary in fünf Ebenen unterteilt, um das gesamte Spektrum möglicher Bezüge zu erfassen. Die erste Ebene beschreibt die öffentliche Kommunikation, bewusst oder unbewusst, verbal oder nonverbal, erfasst durch
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verschiedene Messtechniken wie etwa Soziometrie, Expertenratings oder durch entsprechende Indizes des Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI), einem
Test zu Erfassung der Persönlichkeit 4 . Das beschriebene Verhalten in dieser Ebene erfasst das external „objektiv“ messbare Verhalten: „We are concerned at this level with what one person communicates to another“ (Leary 1957, S.91). Es wird sowohl das Verhalten der Person gegenüber anderen Personen betrachtet als auch deren Verhalten gegenüber dem untersuchten Individuum. So ergibt sich ein Bild von der Stellung der Person im Rahmen der zwischenmenschlichen Beziehung. Einen wichtigen Aspekt dieser Ebene der Persönlichkeit nimmt die interpersonale Reaktion ein, die Reaktion auf Aussagen von anderen Personen, die oftmals eine den Erwartungen der Person entsprechende Antwort provoziert. Diese Reaktion kann bewusst erfolgen, möglich ist jedoch ebenso „involuntary, automatic behavior“ (Leary 1957, S.99). So wird eine spezielle Reaktion seitens des Empfängers wahrscheinlich, die wiederum das beobachtete Verhalten der Person hervorruft. Dem Leser wird hierbei vermutlich ein bekanntes Paradoxon der Kommunikation ins Gedächtnis kommen, die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“. Hierbei handelt es sich um „Verhaltensformen, die in anderen Menschen Reaktionen auslösen, auf die das betreffende Verhalten eine adäquate Reaktion wäre, wenn sie es nicht selbst bedingt hätte“ (Watzlawick, Beavin & Jackson 2003, S.95). Problematische Implikationen treten vor allem in der Provozierung von negativ zu bewertendem Verhalten auf, so beschreibt Leary anhand eines Beispieles von nonverbaler Kommunikation, wie ein Kind in einer spielerischen Interaktion „pulls aggressive behavior from an initially wellintentioned sympathizer as well as from his original tormentor“ (1957, S.105). Dieses wichtige Phänomen ist aufgrund der Automatisierung und oftmals unbewussten Natur der Reaktion sehr schwer zu therapieren, gleichzeitig jedoch besonders wichtig, um falsche Verhaltensweisen aufzudecken und abzustellen.
Die zweite Ebene des Verhaltens befasst sich mit der bewussten Beurteilung der Umwelt aus Sicht des befragten Individuums. „Level I is what the subject does. Level II is what he says he does” (Leary 1957, S.98). Unschwer lässt sich hier bereits ein erstes Konfliktpotential erahnen, denn das tatsächlich beobachtete Verhalten einer Person muss nicht zwangsläufig kongruent sein mit der eigenen, subjektiven Beurteilung des Verhaltens.
4 Zum vertiefenden Einblick in den MMPI sei auf entsprechende Literatur verwiesen, z.B. Amelang und Zielinski (2004).
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Diese zweite Ebene beschreibt nur die Selbsteinschätzung der Person: wenn sie sagt, sie sei angesehen und dominant, dann wird dies hier auch dementsprechend angenommen, unabhängig von ihrem tatsächlichen Auftreten (welches der ersten Ebene zuzuordnen ist). Falls hier möglicherweise gegenteilige Verhaltensweisen gezeigt werden, so kann ein verzerrtes Selbstbild vermutet und abgebildet werden. Auch hier gibt es in der Betrachtung zwei Bezüge, zum einen das von der Person sich selbst zugeschriebene Verhalten und das beschriebene Verhalten von anderen Personen. Die Daten, die unter anderem mittels Expertenrating aus Interviews oder durch autobiographische Schriften erhoben werden, zeigen, „how the subject chooses to present himself and his view of the world“ (Leary 1957, S.132). Durch Diskrepanzen zwischen den subjektiven Beschreibungen von Beziehungen eines Patienten, beispielsweise zu seiner Mutter, und der tatsächlichen Beziehung können im therapeutischen Kontext durch den Therapeuten Interpretationen bezüglich einer verzerrten Sichtweise der Person gemacht werden, die sich etwa in „defense-mechanism - projection“ (Leary 1957, S.143) äußern und so die Grundlage einer Therapie bilden, da deutlich wird, welche fälschlichen Attributionen durch den Patienten vorgenommen werden. Das Phänomen von unterschiedlichen Selbstbeschreibungen und dem tatsächlichen Verhalten ist jedoch keinesfalls ausschließlich symptomatisch für psychisch kranke Personen. Leary konnte an einem Beispiel zeigen, dass auch Topmanager, die vermutlich sogar Vorbilder vieler Menschen darstellen, ebenfalls einer verzerrten Selbstwahrnehmung unterliegen können. Sich selbst ( zweite Ebene) beschrieben alle Manager als zufrieden, stark und verantwortungsvoll, gleichzeitig verneinten sie Verhaltensweisen wie Feindseligkeit und eigene Schwäche. Sie alle lagen in ihrer Selbsteinschätzung eng beieinander. In einem zweiten Schritt mussten sie jeweils die anderen Manager mittels soziometrischer Ratings beschreiben, zusätzlich gab es eine weitere Beurteilung durch einen Psychologen. Die so erhaltenen Daten waren also Daten der ersten Ebene und ergaben, mit Ausnahme eines Managers, ein völlig anderes Bild. Die Manager wurden durch ihre Kollegen grundlegend anders eingestuft, die Beschreibungen reichten von kalt, unfreundlich und egoistisch bis hin zu rebellisch, verbittert und misstrauisch. In dieser Gruppe zeigte sich somit deutlich „a wide variety of intense maladaptive behavior (…). It is possible to diagnose this as a fairly ‚sick’ group“ (Leary
1957, S.408) 5 . Problematische Selbsteinschätzungen lassen sich somit in den unterschiedlichsten Personenkreisen finden und durch die Daten sichtbar machen.
5 Der Leser sei an dieser Stelle auf Anhang 1 verwiesen, hier wird das Ergebnis anhand eines Zirkumplex-Modells präsentiert.
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In der vorliegenden Arbeit wird, wie später noch näher erläutert, diese Ebene abgebildet, da die subjektive Sicht der Probanden zu verschiedenen Bezugspersonen und zu sich selbst erfasst wird und keine externen Ratings vorgenommen werden.
Die folgenden drei ausbleibenden Ebenen sind für die vorliegende Arbeit nicht sehr von Belang und werden zum Teil auch im Werk Learys nur mit Einschränkungen verwendet, so dass sie hier nur der Vollständigkeit halber kurz skizziert werden.
In der dritten Ebene wird das Vorbewusste in Form von Symbolen erfasst. Hier steht nicht die Person an sich im Fokus, sondern eine Fantasiefigur, die möglicherweise ein Symbol ihrer selbst oder einer anderen Person in der realen Welt darstellt. Die erforderlichen Daten werden unter anderem aus den Ergebnissen projektiver Testverfahren erhoben, wie dem Thematischen Apperzeptionstest (TAT). Neben aktuellen kritischen Bewertungen solcher Tests, die „zu den wohl umstrittensten diagnostischen Verfahren gehören“ (Amelang & Zielinski 2004, S.351), macht auch Leary die Problematik dieses Feldes der Diagnostik deutlich: „The field of projective testing is a theoretical shambles. (…) It can be flatly said that the field of projective testing, whatever its popularity, is an unvalidated or unsatisfactorily validated enterprise” (1957, S.158). Zur Darstellung werden von Leary dementsprechend auch nicht die Ergebnisse des TAT verwendet, sondern die Daten aus der Erhebung selbst werden unter dem Aspekt der interpersonalen Theorie ausgewertet. Jedoch wird angeführt, dass viele dieser Daten vermutlich ebenfalls Ebene zwei zuzuordnen sind, denn „the fact that we optain Level III fantasy protocols does not mean that we are necessarily tapping the private world of the patient“ (Leary 1957, S.186), da der Person oftmals klar ist, was mit Hilfe eines solchen Tests erhoben werden soll und er dementsprechende Antworten gibt.
Nicht ausgesprochene und bewusst oder unbewusst ausgelassene Fakten in der Persönlichkeitsbeschreibung durch eine Person werden durch die vierte Ebene erhoben, sie stellt gleichzeitig diejenige Ebene dar, mit der die umfassendsten Interpretationen über verdrängte Prozesse getätigt werden können. Diese Ebene wird durch Leary nur am Rande thematisiert, da nur „some tentative, unvalidated techniques for measuring Level IV“ (1957, S.193) existieren und lediglich exemplarische Einzelfallanalysen vorgelegt werden, die nicht mit in den Gesamtkontext des Werkes eingebunden sind.
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Die letzte Ebene, die der Werte, misst nicht, wie vielleicht zu vermuten wäre, noch eine tiefere Stufe des Bewusstseins, sondern ist im Gegenteil „not a very complicated or deep measurement“ (Leary 1957, S.200). Hiermit wird erfasst, welche Ideale durch eine Person vertreten werden, die Daten geben also, wie in der zweiten Ebene, eine bewusste Darstellung der Wertvorstellungen eines Individuums wieder. Messinstrumente sind hier die gleichen wie schon in den früheren Ebenen, nur wird dort einmal nach dem Verhalten von bestimmten Personen oder dem eigenen Verhalten gefragt und in diesem Fall nach idealem Verhalten und Normen. Es ist jedoch keine Wiederholung der Ergebnisse aus vorherigen Ebenen, denn die Ideale einer Person können durchaus abweichend sein von ihrer Selbstbeschreibung, die eben diesem Ideal nicht gerecht werden kann. Durch einen Vergleich der Selbstbeschreibung in der zweiten Ebene und dem eigenen Ideal ist es möglich abzuschätzen, wie eng diese beiden Ebenen zusammenhängen. Liegt nur eine geringe Differenz vor, ist davon auszugehen, dass die betreffende Person eine hohe Selbstakzeptanz aufweist. Eine große Differenz zwischen Ideal und sich selbst zugeschriebenem Verhalten kann ein Indiz sein für eine Störung der Persönlichkeit oder der Selbstakzeptanz. Einschränkungen für die Validität dieser Ebene werden dahingehend gemacht, dass bestimmte Stereotype in einer Gesellschaft maßgeblich für die Beschreibung der Ideale sind (in der westlichen Gesellschaft beispielsweise Macht und Dominanz) und dementsprechend das tatsächliche Ideal der Person verzerrt werden kann.
In den ersten Forschungen der Kaiser Foundation Arbeitsgruppe wurden nur die drei ersten Ebenen thematisiert und untersucht: „These three divisions of the total personality we have termed the public, the conscious, and the private levels“ (Freedman et al. 1951, S.144). Erst in den späteren Arbeiten wurden die zwei weiteren Ebenen hinzugefügt (LaForge & Suczek 1955), diese wurden von Leary in seinem Werk übernommen und vertieft.
Grundlage für die Einteilung und Beschreibung der verschiedenen Aspekte menschlichen Verhaltens ist ein zirkumplexes Modell, welches in Oktanten eingeteilt ist und ein Verhalten sowie dessen Intensität, Normalität oder Abnormalität anhand von 16 interpersonalen Variablen erfasst. Leary präsentiert zunächst einen zweidimensionalen Raum mit der vertikalen Achse „dominance-submission“ und der horizontalen Achse „hostility-affection“ (1957, S.64). Diese grundlegende Einteilung bestand schon in den ersten Arbeiten der Kaiser Foundation Arbeitsgruppe: „The nodal points are those of dominance, hostility, submission, and affiliation“ (Freedman et al. 1951, S.150). Um diese
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Achsen werden die 16 Variablen gruppiert, so dass sich das in Abbildung 2.2 gezeigte Modell aufspannt und damit jedes beobachtbare Verhalten einem Sektor zuzuordnen ist.
Abb. 2.2 Interpersonales Verhalten, entnommen aus Leary 1957, S.65
Der außen liegende Ring zeigt die acht generellen Kategorien von interpersonalem Verhalten, das erste Wort steht hierbei für ein moderates, adaptives Verhalten, das zweite Wort beschreibt die extreme, maladaptive Ausprägung dieses Verhaltens. Der anschließende Ring gibt Beispiele für extreme Reaktionen, der mittlere Ring zeigt Verhalten, welches eine bestimmte Reaktion vom Empfänger provoziert, die das eigene Verhalten wiederum unterstützt bzw. rechtfertigt. Der innere Ring zeigt Beispiele für die adaptive Variante der Reaktionen und bildet dementsprechend den Gegenpart zu den extremen Reaktionen. Die Anordnung dieser Verhaltensbeispiele entspricht dem Aufbau der späteren Modelle, da hier die Ergebnisse so präsentiert werden, dass angepasstes
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Verhalten nahe dem Mittelpunkt des Kreises platziert ist und mit wachsender Entfernung zur Mitte auch die Pathologie des Verhaltens zunimmt.
Durch die Abbildung der verschiedenen Ebenen in die gleiche Form, sprich eines Zirkumplexes, ist es darüber hinaus möglich, vergleichende Analysen zwischen den einzelnen Ebenen vorzunehmen. Diese Analysen können unter drei Gesichtspunkten vorgenommen werden, um Beziehungen und Differenzen zu verdeutlichen. Die erste Möglichkeit ist es, Veränderungen und Diskrepanzen zwischen den einzelnen Ebenen zu zeigen. So lassen sich beispielsweise Unterschiede zwischen der Selbstbeschreibung einer Person und dem tatsächlich beobachteten Verhalten aufzeigen, so geschehen etwa im erwähnten Beispiel bezüglich der Manager. Eine zweite Möglichkeit besteht in der Betrachtung von Veränderungen über eine gewisse Zeit hinweg. So ist es denkbar, das Selbstkonzept einer Person am Anfang und am Ende einer längeren Therapie zu vergleichen, um so Erfolg oder Misserfolg der Therapie messen zu können. Die letzte Möglichkeit besteht in der Betrachtung der Unterschiede im soziokulturellen Kontext. So kann das Verhalten einer Person stark variieren, je nachdem in welchem Umfeld sie aktuell agiert: „The man who is a lion at home may be a lamb in the office“ (Leary 1957, S.243).
Ein weiteres Zirkumplex- Modell wurde durch Schaefer (1959) gebildet. Dieses Modell weist Ähnlichkeiten und Überschneidungen mit dem Modell nach Leary auf, jedoch „with a single difference. The fundamental dimensions were hostility - love on the horizontal axis and autonomy - control on the vertical axis“ (Pincus, Gurtman & Ruiz 1998, S.1631). Dem zuvor beschriebenen Modell lagen die zwei Achsen Feindseligkeit - Zuneigung und Dominanz - Unterwerfung zugrunde, eine Einteilung, die auch von den meisten anderen Autoren vorgenommen wird (Wiggins 1982, S.193). Im Schaefer- Modell ist das Gegenteil von Dominanz hingegen nicht Unterwerfung, sondern Autonomie, so dass in diesem Punkt eine unterschiedliche Interpretation vorgenommen wird. Im Gegensatz zu Leary bezog Schaefer sich auf den neuen Ansatz nach Guttman (1954), denn er konnte zeigen, dass die von ihm gefundenen Anordnungen „corresponded closely to Guttman’s theoretical model of a circumplex“ (Schaefer 1957, S.401).
In der Konstruktion eines zirkumplexen Modells elterlichen Beziehungsverhaltens befasste sich Schaefer besonders mit der separaten Beschreibung von mütterlichem und väterlichem
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Verhalten, erst im Anschluss wurde eine Zusammenführung in ein generelles Muster elterlichen Verhaltens vorgenommen. Der Grund für diese getrennte Analyse resultierte aus den Ergebnissen eines Vergleichs von normalen und delinquenten Jungen hinsichtlich der Beschreibung des Verhaltens ihrer Eltern. Hierbei zeigte sich eine signifikant unterschiedliche Beschreibung von Vater- und Mutterverhalten hinsichtlich der Dimension Autonomie und Disziplin, so dass eine getrennte Untersuchung beider Elternteile gerechtfertigt wurde (Schaefer 1965a).
Ziel seiner Arbeit war die Erschaffung eines „ordered, parsimonious nomological network for the domain of maternal behavior“ (Schaefer 1959, S.226). Hieraus lässt sich erahnen, dass besonderes auf eine übersichtliche und vor allem reduzierte Auswahl und Anzeige der Konstruktvariablen Wert gelegt wurde. In einem ersten Schritt wurden hierzu drei unterschiedliche Datensätze analysiert, um zu zeigen, dass auch bei unterschiedlichen Datensätzen gemeinsame Konzeptionalisierungen in der Darstellung der Variablen gegeben sind. Die Daten wurden mittels Faktorenanalyse aufbereitet. Ein Datensatz betraf das mütterliche Beziehungsverhalten, welches anhand von Beobachtung durch Psychologen erhoben wurde. Die rotierten Faktorenladungen ließen eine zirkumplexe Anordnung in einem zweidimensionalen Merkmalsraum mit orthogonalen, bipolaren Achsen zu. Der zweite Datensatz gab ebenfalls mütterliches Beziehungsverhalten wieder, die Daten wurden jedoch durch Interviews mit den Müttern erhoben. Auch hier zeigte sich anhand der rotierten Faktorenladungen ein zirkumplexes Modell, welches jedoch nicht so eindeutig war wie beim ersten Datensatz. Dies jedoch kann auch auf den Einfluss der Erhebungsinstrumente zurückzuführen sein, denn „the interview data may not be as valid as observation data (Schaefer 1959, S.230). Der dritte Datensatz beschrieb Eindrücke hinsichtlich des väterlichen Beziehungsverhaltens. Die zirkumplexe Anordnung der unrotierten Faktorenladungen wurde, wenn auch nicht so umfassend, als vergleichbar mit den Ergebnissen der anderen Daten angesehen, da die spezifischen Begrifflichkeiten des Datensatzes vergleichbaren Benennungen in den ersten Datensätzen zugeordnet werden konnten. Dementsprechend konnten für alle drei Datensätze kongruente Anordnungen im Zirkumplex- Modell verdeutlicht werden. Schaefer über die Vorzüge eines solchen Arrangements: „The advantage of the cicumplex order over the previous organizations is that it directs attention to the sequential order of variables and does not divide the matrix into discrete clusters or factors ” (Schaefer 1959, S.232, Hervorhebung M.W.).
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Nach Abschluss dieser Untersuchungen wurde ein übergeordnetes, hypothetisches Modell konstruiert, welches die bisherigen Ergebnisse in einem generalisierten Modell von mütterlichem Beziehungsverhalten zusammenführte. Die Ergebnisse ließen eine Darstellung durch zwei voneinander unabhängige, bipolare Dimensionen als auch durch die Anordnung in einem Zirkumplex zu. Abbildung 2.3A zeigt das zirkumplexe Modell, bei dem es bereits eine erste Einteilung in verschiedene Cluster gab, da auch die Zwischenräume zwischen den vier Extremen der beiden orthogonalen Achsen mit eigenen Bezeichnungen versehen wurden. Dies ist eine grundlegende Methode in der Konzeption von zirkumplexen Modellen, denn nur dadurch, „dass nicht nur die Endpunkte der beiden Dimensionen, sondern auch die Räume zwischen diesen vier Polen definiert sind, nimmt das Modell die Form eines Kreises an“ (Neumann & Tress 2007, S.146).
Abb. 2.3A Hypothetisches Modell, entnommen Abb.2.3B Revidiertes Modell, entnommen aus aus Schaefer 1959, S.232 Schaefer 1965b, S.557
In einer zweiten Arbeit (1965b) wurden in das hypothetische Zirkumplex- Modell Revisionen dahingehend eingearbeitet, dass Schaefer das Modell um eine weitere Dimension erweiterte und die Achsen- und Clusterbezeichnungen umformulierte. Das revidierte Modell elterlichen Beziehungsverhaltens zeigt Abbildung 2.3B. In der Arbeit wurde das von Kindern bzw. Jugendlichen berichtete elterliche Verhalten sowie die erinnerte Beziehung von Erwachsenen zu ihren Eltern während der Prä- Adoleszenz mithilfe des Children’s Reports of Parental Behavior (CRPBI) nach Schaefer (1965a)
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untersucht. Auch hier wurden Faktorenanalysen durchgeführt und im Anschluss zirkumplexe Anordnungen konzipiert. Es zeigten sich drei Faktoren, durch die ein Großteil der Gesamtvarianz aufgeklärt werden konnte (Schaefer 1965b, S.554). Jeder Faktor hatte hierbei zwei Extrempunkte, denn es zeigten sich unterschiedlich stark ausgeprägte „Gruppierungen“ einzelner Skalen des CRPBI an diesen Polen. Die Pole der ersten Dimension wurden durch emotionale Annahme auf der einen und emotionale Ablehnung auf der anderen Seite beschrieben. Die zweite Dimension wurde mit den Polen „Autonomie gewähren“ und „Kontrolle ausüben“ gekennzeichnet, die dritte Dimension unterschied zwischen starker und lockerer Kontrolle. Diese drei Dimensionen von elterlichem Verhalten wurden in einem Modell zusammengeführt, wie Abbildung 2.3B zeigt.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch verschiedene Forscher, die je andere theoretische Hintergründe besaßen und unabhängig voneinander forschten, vergleichbare Resultate bezüglich der Analyse und Darstellung von Beziehungsverhalten erbracht wurden. In beiden Arbeiten nehmen die Autoren eine ähnliche Bezeichnung der horizontalen Achse vor. Sowohl Leary als auch Schaefer sehen Liebe bzw. Zuneigung und Hass bzw. Abneigung als elementare Pole bei der Beschreibung von Beziehungen an. Auf der vertikalen Achse hingegen werden durch beide Autoren unterschiedliche Definitionen vorgenommen. Beide sehen Dominanz bzw. Kontrolle als grundlegend an, die Gegenpole hingegen werden anders gekennzeichnet. Während bei Leary Unterwerfung den Gegenpart von Dominanz bildet, ist es bei Schaefer Autonomie. Beide Konstruktionen sind jedoch in den jeweiligen Arbeiten ausführlich begründet und statistisch belegt. „Each definition seems reasonable, but the resulting classifications are quite different“ (Benjamin 1974, S.395). In der Konstruktion der Strukturalen Analyse Sozialen Verhaltens führt Benjamin diese beiden Aspekte zusammen und erstellt ein Modell, welches „the most detailed, clinically rich, ambitious, and conceptually demanding of all contemporary models” (Wiggins 1982, S.193) darstellt.
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3. Die Strukturale Analyse Sozialen Verhaltens (SASB)
Was ist SASB? Allgemein gesagt ist es eine Methode, um soziales Verhalten und verschiedene Beziehungsmuster darstellen zu können. Genauer formuliert, ist SASB zunächst ein an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichtetes Modell sozialer Interaktionen, es ist „concrete enough to be tested and proven wrong, yet abstract enough to have broad and meaningful clinical applications“ (Benjamin 1984, S.123). Eine umfassende Definition bieten Tress, Henry, Junkert-Tress, Hildenbrand, Hartkamp und Scheibe:
Das Modell baut auf 36 Verhaltenskategorien auf und besitzt dadurch eine gewisse Sonderstellung im Bereich der interpersonalen Modelle, da hier der Range der verwendeten Kategorien von 4 bis 36 reicht, in den meisten Modellen wird mit 8 bis 15 Kategorien operiert (Wiggins 1980, S.274). Die hohe Zahl an Kategorien im SASB-Modell bietet jedoch den Vorteil, genauere und aussagekräftigere Beschreibungen von Interaktionen vornehmen zu können, da es möglich ist, „to capture subtleties in everyday interactions“ (Benjamin 1996a, S.259). Weiterhin ist eine solch detaillierte Unterteilung besonders für den klinischen Bereich wertvoll, denn dort kommt es oftmals auf Feinheiten im Verhalten an, die im alltäglichen Kontext keine so große Bedeutung haben, etwa im Unterschied zwischen dem schlichten Befolgen von Regeln und einer Unterwerfung oder Anpassung, so dass SASB hier ein großes Potential besitzt (Wiggins 1980, S.275). Durch eine zirkumplexe Anordnung der 36 Verhaltensanordnungen können zudem verschiedene Beziehungsmuster beschrieben werden, dies ist ein genereller Vorteil solcher Zirkumplex-Modelle: „Perhaps the greatest contribution of a circumplex model (…) is its precise specification of related, orthogonal, and opposite contrasts“ (Wiggins 1980, S.271).
In diesem Kapitel sollen daher sowohl die Modellstruktur als auch die darauf aufbauenden Beziehungsmuster und Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt werden, zudem wird über die Gütekriterien und bisherige, für diese Arbeit relevante, Forschungsergebnisse berichtet.
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3.1 Annahmen
Neben den beschriebenen grundlegenden Konzepten wurden in der Konstruktion von SASB durch Benjamin (1974) noch eine Reihe von Zusatzannahmen gemacht, die dort allerdings nur kurz eingeführt und zum Teil in späteren Publikationen aufgegriffen und weitergeführt wurden.
Eine dieser Annahmen bezieht sich auf die Forschungen Murrays (1963) bezüglich dessen „need system“ (Benjamin 1974, S.423, weitergeführt bes. in Benjamin 2001, S.27f). Hierbei werden zwei Arten von Bedürfnissen unterschieden, die „primary (viscerogenic) needs, and (…) secondary (psychogenic) needs“ (Murray 1963, S.76). Die Erstgenannten decken vitale, physische Bedürfnisse ab, zu nennen etwa ein Bedürfnis nach Luft, Nahrung oder Stuhlgang. Die sekundären Bedürfnisse sind psychischer Natur und äußern sich in verschiedensten Beziehungen, auch zu leblosen Objekten, wie unter anderem das Bedürfnis nach Erwerb, Ordnung und Erhaltung. Weitaus wichtiger im Zusammenhang mit SASB sind jedoch die Bedürfnisse im Umgang mit anderen Personen. Auf der einen Seite stehen diese im Zusammenhang mit Macht, wie zum Beispiel das Bedürfnis nach Dominanz, Unterwerfung und Autonomie. Auf der anderen Seite gibt es die Bedürfnisse nach Zusammenschluss mit anderen und Umsorgung, „Bemutterung“ von Personen, aber auch das Bedürfnis, andere abzulehnen und zu ignorieren. Sie stehen demnach im Zusammenhang mit den Arten von Zuneigung zwischen Personen. Zudem gibt es noch ein Sado-Masochistisches Bedürfnisfeld, unterschieden in dem Bedürfnis nach
Aggression/Sadismus und Erniedrigung/Masochismus (Murray 1963, S.77ff) 6 . Neben der direkten Deckung einiger dieser Begriffe mit denen des SASB- Modells waren diese Bedürfnisse zudem die Grundlage des in Kapitel 2.3 beschriebenen Modells nach Leary, da dessen Kategorien nach Murrays Bedürfnis- System ausgewählt wurden (Benjamin 2001, S.29). Somit gab es auch eine „indirekte Brücke“ zwischen den Bedürfnissen nach Murray und der Konstruktion von SASB 1974.
Auch die Unterscheidung Murrays von Alpha und Beta Press wurde später in die Anwendung von SASB übernommen (Benjamin 1984, S.121ff). Alpha Press ist „the press that actually exists“ (Murray 1963, S.122), also die Wirklichkeit, demgegenüber bezeichnet Beta Press „the subject’s own interpretation“ (Murray 1963, S.122) seiner
6 Aus der großen Reihe der Bedürfnisse, die Murray in diesem Zusammenhang aufstellt, wurden diejenigen herausgenommen und aufgeführt, die auch in SASB zu finden sind.
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Wahrnehmung, wobei letztere von größerer Bedeutung für die Person ist, da die Interpretation einer Situation deren Verhalten bestimmt und diese Überzeugung stärker ist als von außen herangetragene, „objektive“ Fakten (Murray 1963, S.290). Übertragen etwa auf ein therapeutisches Setting bedeutet dies, dass die Sicht des Patienten über eine Beziehung, sei es zu seinen Eltern oder zum Therapeuten, wichtiger ist als die „wirkliche“ Beziehung. Daher ist es Aufgabe des Therapeuten, sich in den Patienten hineinzuversetzen und zu versuchen, die Welt mit dessen Augen zu sehen, um die maladaptiven Betrachtungs- und Verhaltensweisen des Patienten aufzudecken und zu verstehen. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass die „Symptome empathisch aus der Sicht des Betroffenen betrachtet werden“ (Benjamin 1996b, S.139). In der vorliegenden Arbeit wird dieser Theorie dahingehend Rechnung getragen, als dass die abgefragten Beziehungen durch die Klienten selbst beschrieben werden und keine externen Ratings stattfinden. Daher ergibt sich ein Bild von Beziehungen, wie sie durch die Klienten wahrgenommen werden, es wird also Beta Press abgebildet, oder auch, gemäß dem Leary-System, die zweite Ebene des Verhaltens (siehe Kapitel 2.3).
Weiterhin wird angenommen, dass es besser ist, eine Person direkt zu einer bestimmten Sache oder Beziehung zu befragen, anstatt auf projektive, indirekte Testverfahren zurückzugreifen. Dieser Ansatz wird umschrieben mit dem „old medical axiom: ‚If you want to know what is the matter with the patient, ask him.’ (...) the subject’s answer is not the whole story, but it appears to provide an excellent starting point” (Benjamin 1974, S.399). Einer solchen Datengewinnung mittels Selbst- Report wurde jedoch vorgeworfen, keine genauen Daten zu liefern, da hierbei Abwehrmechanismen aufträten, die präzise Ergebnisse unmöglich machen würden, daher könnten nur projektive Tests „echte“ Daten liefern (Benjamin 1974, S.399). Diese Haltung wurde nicht zuletzt durch Murray geteilt, der eine Wiedergabe vergangener oder gegenwärtiger Gefühle durch direkte Befragung anzweifelte (Murray 1963, S.15) und aus diesem Grund den TAT konstruierte, um verdrängte Bedürfnisse messen zu können (Benjamin 2001, S.27f). Der Entschluss Benjamins zur direkten Befragung von Personen erscheint jedoch auch aus heutiger Sicht als der vernünftigere, da in projektiven Testverfahren ebenfalls Abwehrmechanismen und Verzerrungen auftreten können und die gesamte Validität bestenfalls als mäßig anzusehen ist (vgl. hierzu auch Kapitel 2.3).
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3.2 Modellstruktur
Wie im zweiten Kapitel beschrieben, entstand die Konstruktion der SASB nicht aus dem luftleeren Raum heraus, sondern baute auf vorangegangene Theorien und Arbeiten auf, ergänzte und modifizierte sie, fügte jedoch auch gänzlich neue Aspekte ein und verknüpfte unterschiedliche Arbeiten zu einem neuen, ganzheitlichen Analysesystem sozialer Verhaltensweisen: „SASB was not created; it was discovered“ (Benjamin 1984, S.123).
Das Dilemma, welches sich beim Vergleich der Modelle nach Leary (1957) und Schaefer (1965b) ergibt, wurde schon am Ende des zweiten Kapitels beschrieben. Es gab zwei Modelle, beide beschrieben Verhalten in einer Zirkumplex- Struktur mit zwei zugrunde
liegenden, orthogonalen Achsen 7 . Nur wurden auf der vertikalen Achse unterschiedliche Bezeichnungen vorgenommen, „Dominanz“ vs. „Unterwerfung“ bei Leary, „Kontrolle“ und „Autonomie gewähren“ bei Schaefer, beide Bezeichnungen wurden in den jeweiligen Arbeiten begründet, ihre Gültigkeit nachgewiesen. Und dennoch: „Both opposites make sense, but both cannot be true“ (Benjamin 1984, S.136). Benjamin vermochte dieses Dilemma zu lösen, indem ihr System auf drei verschiedenen Betrachtungsweisen aufbaut und dort jeweils einen spezifischen Fokus hat. Somit kann „submit as the complement of dominate“ dargestellt werden, während „emancipate (allow autonomy) the opposite of dominate or control“ (Benjamin 1974, S.395) definiert. Durch diese Betrachtung war es möglich, beide Kontrolldimensionen in ein Modell zu integrieren, ohne auf eine der Achsenbezeichnungen zu verzichten. Abbildung 3.1 zeigt die drei möglichen Foci sowie die Grunddimensionen des Modells. Der erste Fokus zeigt ein transitives, aktives Verhalten einem anderen gegenüber, der zweite Fokus ist intransitiv und ist als Reaktion auf eine Aussage bzw. Handlung zu verstehen, also wie diese aufgefasst und umgesetzt wird. Die Bezeichnungen „elternartig“ für transitives und „kindartig“ für intransitives Verhalten sollen eine Veranschaulichung und Prototypisierung dieses Verhaltens sein (Benjamin 1974, S.395), können jedoch auch leicht missverstanden werden, da sie keineswegs das Verhalten von Eltern und Kindern darstellen, sondern lediglich eine Kategorisierung von Verhalten abzeichnen, denn sowohl Eltern als auch Kinder können agieren und reagieren. Um solchen Missverständnissen vorzubeugen, wird daher im Folgenden von transitivem und intransitivem Verhalten gesprochen. Der dritte Fokus beschreibt das Introjekt und ist ein Fokus, der von Benjamin entwickelt wurde und
7 Die dritte Achse im Schaefer- Modell, die zwischen starker und schwacher Kontrolle unterschied, wird in dieser Betrachtung ausgeklammert, da sie auch nicht in die Konstruktion der SASB einfloss.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Päd. Michael Wöste, 2008, Inter- und intrapersonale Beziehungsmuster und Übertragungsreaktionen - Eine Untersuchung mittels der Strukturalen Analyse Sozialen Verhaltens (SASB), München, GRIN Verlag GmbH
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