Raumpioniere im Ruhrgebiet.
Stadtentwicklung durch kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen:
Eine Strategie für das Ruhrgebiet?
Diplomarbeit
Fakultät Raumplanung
Universität Dortmund
Verfasser
Nenad Rosić
Essen, 09. März 2007
Hinweis
Es wird darauf hingewiesen, dass in der vorliegenden Diplomarbeit auf die Verwendung der männlichen und weiblichen Form verzichtet wird, damit der Lesefluss nicht gestört wird. Mit der ausschließlichen Anwendung der männlichen Form soll niemand diskriminiert werden.
Danksagung
Ich möchte mich bei all jenen bedanken, die durch ihre Beratung, Betreuung, Unterstützung und Informationsbereitschaft zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben.
Mein besonderer Dank gilt:
meinen Betreuern Prof. Dr. Klaus R. Kunzmann und Dr. Johannes Flacke für ihre wertvollen Anregungen und ihre engagierte Betreuung,
meinen
Interviewpartnern Oliver Bauer, Susanne Glöckner, Frank H. Kör-
Indra, Katharina und Patricia für konstruktive Kritik, redaktionelle Unterstützung und Aufmunterung sowie
meiner Mutter, Nataša, Julia und David, die mich mit viel Empathie emo- tional unterstützt haben.
Inhalt
Inhalt I
Tabellen und Abbildungen III
Abk ürzungen IV
1 Kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen im Ruhrgebiet - Zukunftsfeld mit
Forschungsbedarf 1
1.1 Ausgangslage und Stand der Forschung 2
1.2 Forschungsinteresse und Zielsetzung 4
1.3 Aufbau der Arbeit 5
1.4 Methodik der Arbeit 7
2 Rahmenbedingungen kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen 9
2.1 Begriffsklärung 9
2.1.1 Zwischennutzung 9
2.1.2 Raumpioniere 11
2.1.3 Kulturwirtschaft 13
2.1.4 Brache 14
2.2 Brachen und kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen 15
2.2.1 Kriterien der Flächen- und Raumauswahl der Raumpioniere 16
2.2.2 Brachentypen und ihre Verwendbarkeit für Zwischennutzungen 17
2.2.3 Gegenseitiger Einfluss von Brache und Zwischennutzung 19
2.3 Akteure kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen 20
2.3.1 Raumpioniere 20
2.3.2 Eigentümer 21
2.3.3 Immobilienwirtschaft 22
2.3.4 Lokalpolitik 23
2.3.5 Schlüsselagenten 23
2.3.6 Medien 24
2.4 Rechtliche und organisatorische Aspekte kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen 25
2.4.1 Formelle und informelle Steuerungsmöglichkeiten von Zwischennutzungen 25
2.4.2 Bau- und nutzungsrechtliche Aspekte 28
2.4.3 Netzwerke und Cluster 29
2.5 Zwischenfazit: Raumpioniere und kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen auf
st ädtischen Brachflächen 30
3 Kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen und Stadtentwicklung 32
3.1 Zwischennutzungstypen in der Stadt 32
3.2 Besondere Eignung von Kulturwirtschaft als Zwischennutzung 36
3.2.1 Besondere Räume und Kulturwirtschaft 36
3.2.2 Kulturelle Innovationen entstehen in der Nische 37
3.2.3 Inszenierung von Übergängen in der Stadtnutzung 39
3.3 Bedeutung kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen in der Stadt 40
3.3.1 Image/Identifikation 41
3.3.2 Kreative Milieus 42
3.3.3 Öffentliche Räume 43
3.3.4 Tourismus 43
3.3.5 Standortfaktor 44
3.3.6 Arbeitsmarkteffekt 45
I
3.4 Kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen als Motor für Stadtentwicklung 45
3.4.1 Chancen kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen 46
3.4.2 Risiken kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen 50
3.4.3 Relevanz kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen in wachsenden Räumen 52
3.5 Zwischenfazit: Wertschöpfungsketten kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen 53
4 Das Ruhrgebiet und kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen 55
4.1 Das Ruhrgebiet 55
4.1.1 Aufstieg und Rückzug der Montanindustrie 56
4.1.2 Verzögerung des Strukturwandels im Ruhrgebiet 57
4.2 Brachflächen als Chance für kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen im Ruhrgebiet 58
4.2.1 Brachflächen im Ruhrgebiet 58
4.2.2 Verwendbarkeit der Brachflächen für kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen 60
4.2.3 Akteure und Interessen im Umgang mit Brachen im Ruhrgebiet 61
4.2.4 Einstellung der Akteure zu kulturwirtschaftlichen Zwischennutzungen 65
4.3 Kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen im Ruhrgebiet 67
4.3.1 Erfahrungen mit kulturwirtschaftlichen (Zwischen-)Nutzungen 67
4.3.2 Finanzierungsnischen 70
4.4 Zwischenfazit: Potenziale und Defizite des Ruhrgebiets für kulturwirtschaftliche
Zwischennutzungen 72
5 Internationale Erfahrungen mit kulturwirtschaftlichen Zwischennutzungen 74
5.1 Basel „nt /Areal“ 74
5.2 Amsterdam „Kinetisch Noord“ 79
5.3 Berlin „RAW-tempel - bahnbrechend anders“ 83
5.4 Kopenhagen „Christiania“ 88
5.5 Zwischenfazit: Zusammenfassung und Bilanz der nationalen und internationalen
Beispiele 92
6 Schlussfolgerung: Strategie und Taktik in der Stadtentwicklung 95
7 Handlungsoptionen für den strategischen Einsatz kulturwirtschaftlicher
Zwischennutzungen 97
7.1 Handlungsoptionen der Kommunen 97
7.2 Handlungsoptionen des Regionalverbandes Ruhr 101
7.3 Handlungsoptionen der Eigentümer 104
7.4 Handlungsoptionen der Raumpioniere 108
8 Fazit: Kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen - Eine Strategie für das Ruhrgebiet? 112
Anhang 118
Literaturverzeichnis 118
Internetverzeichnis 127
Interviewverzeichnis 130
II
Tabellen und Abbildungen
Tabellen
Tab. 1: Chancen kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen
Tab. 2: Risiken kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen
Tab. 3: Brachflächen im Ruhrgebiet
Abbildungen
Abb. 1: Aufbau der Arbeit
Abb. 2: Einfluss Brache und Zwischennutzung
Abb. 3: Motivation der Raumpioniere
Abb. 4: Volkspalast und Palast der Republik
Abb. 5: Haus des Lehrers
Abb. 6: Zwischengenutztes Gebäude in Leipzig
Abb. 7: Bepflanztes Grundstück in Erfurt
Abb. 8: HafenCityRun
Abb. 9: Superumbau Hoyerswerda
Abb. 10: Dostoprimetschatjelnosti
Abb. 11: Kunstprojekte in der HafenCity
Abb. 12: Halde Rungenberg und Kokerei Hansa
Abb. 13: Brachen in der Region und Installation auf Zeche Hannover
Abb. 14: Gebrauchtwagenhandel als Zwischennutzung in Essen
Abb. 15: Graffiti in Hattingen und Brache in Essen
Abb. 16: PHOENIX West
Abb. 17: Industriekultur
Abb. 18: Lageplan nt /Areal
Abb. 19: Zwischennutzungen nt /Areal
Abb. 20: Lageplan Kinetisch Noord
Abb. 21: Zwischennutzungen Kinetisch Noord
Abb. 22: Lageplan RAW-tempel
Abb. 23: Zwischennutzungen RAW-tempel
Abb. 24: Lage Christiania
Abb. 25: Zwischennutzungen Christiania
Abb. 26: Markierung von Brachen in Berlin
Abb. 27: Raumpioniere als Ankermieter
III
1 Kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen im Ruhrgebiet - Zukunftsfeld mit Forschungsbedarf
Die Zwischennutzung ist als neue Raumnutzungskategorie eines forschenden Probehandelns und einer Strategie des Experimentierens vor allem im Stadtumbau Ostdeutschlands populär geworden. Die Notwendigkeit der Annäherung an dieses Thema in Westdeutschland und besonders in der Krisenregion Ruhrgebiet wird in der wissenschaftlichen Diskussion um den Umgang mit altindustriellen Brachflächen zunehmend erkannt, aber kaum in die Praxis umgesetzt. Dabei ist die zeitlich begrenzte Nutzung von brachgefallenen Arealen eng an aktuelle räumliche, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen geknüpft. Die Deindustrialisierung und Tertiärisierung, die im Ruhrgebiet weithin sichtbare Brachen hinterlässt, stören die Stadtgestalt aufgrund ihrer enormen Flächenkulisse. Aber auch das Streben der Gesellschaft nach Flexibilität und Mobilität, die kürzer werdenden Nutzungszyklen gewerblicher Immobilien sowie die sich rasant wandelnden Bedürfnisse urbaner Konsumenten verlangen nach einem Umdenken in der Planungspraxis des Ruhrgebiets (vgl. Arlt 2006: 41f.).
In der Erfahrung mit Zwischennutzungen haben sich zwei grundlegend unterschiedliche Zielsetzungen und Nutzungsinhalte herausgestellt. Die konservativen Ansätze schlagen weniger nachhaltige Inhalte wie gärtnerische Nutzungen, temporäre Parkplätze und die zeitlich begrenzte Nutzung durch Gebrauchtwagenhändler vor (vgl. BBR 2004: 4), die den Status einer Lückenlösung haben. Das Ruhrgebiet weist vor allem diese Art der Zwischennutzung auf. Der andere Ansatz ist wesentlich innovativer und verfolgt kapitalextensive Strategien, die aus vielfältigen Nutzungsclustern bestehen und dem kulturwirtschaftlichen Bereich zuzuordnen sind. In diesem Fall eignen sich die Raumpioniere Orte mit einem Minimum an Infrastruktur an, nutzen die vorhandenen Strukturen um und führen zu einer Aufwertung des Standortes und z. T. zu mikroökonomischen Nutzungen (Gespräch Overmeyer). Die Erfahrungen in internationalen Projekten weisen mittel- bis langfristig viele positive Wertschöpfungen mit dieser Art der temporären Nutzungen auf. Im Ruhrgebiet werden diese Potenziale noch nicht bzw. nicht vollständig ausgeschöpft.
Entwicklung von Brachflächen im Ruhrgebiet enthalten diverse Hand-lungsvorschläge für die Akteure (kommunale Palnungsebene, regionale Planungsebene, Eigentümer und Raumpioniere) im Umgang mit dieser neuen Raumnutzungskategorie (Kap. 7). Im Fazit werden die aufgestellten Thesen reflektiert, kritisch diskutiert und ein Ausblick auf die mögliche Entwicklung gegeben (Kap. 8). Die folgende Abbildung veranschaulicht den beschriebenen Aufbau der Arbeit.
1.4 Methodik der Arbeit
In der vorliegenden Arbeit werden verschiedene Methoden wissenschaftlichen Arbeitens angewendet, die dem Ansatz der qualitativ-empirischen Sozialforschung entsprechen. Der qualitative Ansatz wurde gewählt, weil
er subjekt- sowie situationsorientiert ist und sich der offenen Herangehensweise bedient (Sedlacek 1989: 12). Das bedeutet, dass das methodische Vorgehen während des Forschungsprozesses der Untersuchungssituation angepasst werden kann, sodass der Untersuchungsgegenstand und nicht eine vorab entwickelte Theorie die Forschung bestimmt (Atteslander 2003: 84).
Die theoretische Annäherung an die Thematik der Raumpioniere und kulturwirtschaftlichen Zwischennutzungen erfolgt über Literaturrecherche. Da es bislang nur wenige Studien zu diesem Thema gibt, wurden viele Aufsätze aus Zeitschriften und dem Internet verwendet. Um das dadurch erlangte Wissen zu vertiefen, wurden Expertengespräche mit ausgesuchten Akteuren geführt, die Erfahrungen mit Zwischennutzungsprojekten haben. Hierbei ist die Methode des leitfadengestützten, offenen Gesprächs zur Anwendung gekommen, welche dem Interview eine Struktur gibt und durch seinen geringen Standardisierungsgrad auftretende Fragen flexibel einbindet (Atteslander 2003: 160ff). In den inhaltlichen Fragen wurde in den Gesprächen nach weiteren Gesprächspartnern sowie möglichen Zwischennutzungsprojekten zur Veranschaulichung des Themas gefragt. Für den empirischen Teil sind weitere Gespräche geführt worden, wobei die Auswahl der Interviewpartner nicht durch statistische Zufallsstichproben, sondern nach der Methode des „theoretical sampling“ erfolgte. Aus diesem Grund kann keine statistische Repräsentativität angestrebt werden (vgl. ebd.). Die internationalen Beispiele werden in Anbetracht vergleichbarer Strukturen und Ausgangsvoraussetzungen analysiert, um Erkenntnisse über den Einfluss der Rahmenbedingungen auf den Erfolg der Projekte zu gewinnen. Hierzu werden Projektdokumentationen und die Internetpräsentationen der Projekte ausgewertet. Die Erarbeitung der Handlungsoptionen erfolgt aus den Schlussfolgerungen der erbrachten Ergeb- nisse der Untersuchung.
2 Rahmenbedingungen kulturwirtschaftlicher Zwischennutzungen
„Innovation braucht informelle Strukturen. Die Formalisierung kommt mit dem Erfolg zwangsweise, doch beim Start kann sie schon das Aus bedeuten.“
Die Thematik der Zwischennutzung ist im alltäglichen Sprachgebrauch nicht geläufig. Aus diesem Grund präsentiert das folgende Kapitel die Charakteristika temporärer Nutzungen. Als Einstieg werden zunächst die zentralen Begriffe dieser Arbeit geklärt. Anschließend erfolgt eine Ausei-nandersetzung, die den Zusammenhang von temporären Nutzungen und der Verwendbarkeit von Flächen thematisiert. Der Identifikation der Akteure und ihrer Rolle im Zwischennutzungsprozess folgt eine Zusammenstellung administrativer und rechtlicher Rahmenbedingungen für Interimsnutzungen.
2.1 Begriffsklärung
Als Grundlage für die Behandlung der Fragestellungen (siehe Kap. 1.2) werden einleitend einige für diese Arbeit wesentliche Begriffe definiert und abgegrenzt. Da keine eindeutige Definition des Begriffes Zwischennutzung existiert, werden grundlegende Ansätze aus der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion aufgegriffen. Daraus wird eine eigene für diese Untersuchung gültige Definition aufgestellt. Daraufhin erfolgt eine Erklärung des Begriffes Raumpioniere. Anschließend wird der Begriff der Kulturwirtschaft gefasst und für den Rahmen dieser Arbeit definiert. Zudem wird eine Begriffsbestimmung von Brachen gegeben, da sich Zwischennutzungen auf diesen befinden.
2.1.1 Zwischennutzung
Aus der Semantik des Wortes Zwischennutzung lässt sich ableiten, dass es sich um eine Nutzung handelt, die zeitlich begrenzt zwischen einer vorherigen und einer nachfolgenden Nutzung stattfindet. Aus der Fachliteratur lassen sich weitere Ansätze für eine Definition heranziehen:
Das BBR definiert als Zwischennutzung jegliche „neue Formen der Gestaltung und Nutzung auf brachgefallenen Flächen [...], die ohne Wechsel des Eigentümers und Änderung des Planungsrechts“ (BBR 2004: 4) für
einen begrenzten Zeitraum stattfinden. Hierbei sei angemerkt, dass durch die Novellierung des Baugesetzbuches 2004 (§ 9, Abs. 2) die Möglichkeit eines Baurechts auf Zeit geschaffen wurde, womit Zwischennutzungen eine eigene planungsrechtliche Grundlage erhalten, ohne dass dadurch die für das Grundstück langfristig gewünschte spätere Nutzung erschwert wird (vgl. Kunze 2004: 56).
Eißner und Heydenreich machen in ihrer Definition die Ergänzung, dass es sich bei Zwischennutzungen um die zeitlich beschränkte Aneignung von nicht mehr genutzten Grundstücken oder Gebäuden für einen anderen als den ursprünglichen Zweck handelt. Eine kommerzielle Ausrichtung der Nutzung und die Zahlung einer Miete ist möglich, stellt aber keine Bedingung dar (vgl. Eißner und Heydenreich 2004: 8). Scheven stellt fest, dass die Zwischennutzung nicht auf Profit ausgelegt ist und deswegen nicht „den eigentlichen Erwartungen des Eigentümers“ (Scheven 2004: 43) an die Rentabilität seiner Immobilie entspricht.
Diesen Aspekt konkretisiert das EU-Forschungsprojekt Urban Catalyst in der Charakterisierung temporärer Nutzungen. Demzufolge erhält der Eigentümer einer zwischengenutzten Immobilie keine oder keine relevante Bezahlung für die Nutzung (vgl. Studio UC 2003: 3). Zwischennutzungen sind somit nicht Teil des offiziellen Verwertungszyklus einer Stadt. Wenn ein städtischer Raum brach fällt wird erwartet, dass er bald neu beplant, bebaut oder umgenutzt wird. Aus diesem Grund werden Zwischennutzungen oft mit Krise, Perspektivlosigkeit und Chaos assoziiert (vgl. Studio UC 2003: 4).
Eine verbindliche Zeitspanne für die Dauer von Zwischennutzungen gibt es nicht. Entscheidend ist, dass bereits „von vornherein klar ist, dass die Nutzung nur auf einen absehbaren Zeitraum begrenzt ist“ (Freitag et al. 1999: 9). In der Regel werden Nutzungen, die länger als zehn Jahre andauern, nicht mehr als temporäre Nutzung bezeichnet (vgl. Stattbau GmbH 2004: 4).
Habermann und Heydenreich grenzen die Vielzahl verschiedener Arten temporärer Nutzungen ein, indem sie die Unterscheidung in formelle und informelle Zwischennutzungen vornehmen. Informelle bzw. wilde Zwischennutzungen sind weitaus häufiger als formelle Zwischennutzungen und nahezu überall anzutreffen. Sie äußern sich in Form von Tram- pelpfaden, wilden Parkplätzen, Treffpunkten von Randgruppen, Spiel-
der Stadt besetzen und beleben (vgl. Website Coforum). Sie eignen sich brachgefallene oder entleerte Teilräume, die aus der Alltagswahrnehmung und dem ökonomischen Verwertungszyklus der Stadt herausgefallen sind an und setzen sie in Eigenverantwortung ökonomisch in Wert (vgl. Matthiesen 2005: 2). Aus den ehemals von der Öffentlichkeit gemiedenen Orten werden unter anderem Clubs, Plattenläden, Labels, Fanzines, selbstkuratorisch bespielte Ausstellungsräume, (Kunst-) Zeitschriften, Grafikstudios, Fashionshops oder Kunstprojekte (vgl. Lange und Steets 2005: 3).
Urban Catalyst bezeichnet Zwischennutzer - die Initiatoren temporärer Nutzungen - als Raumpioniere. Sie versuchen mit geringen Investitionskosten ihre Ideen auf städtischen Brachen umzusetzen (vgl. Hinsemann und Preising 2004: 5). Meistens haben sie nur wenig oder gar kein Kapital zur Verfügung, sind aber sehr flexibel, engagiert und können gegebene Umstände für sich nutzen (vgl. Studio UC 2003: 12). Sie kennen sich mit Nischen und Selbsthelfersituationen aus und kompensieren das Fehlen finanzieller Ressourcen durch Zusammenarbeit und Kooperation mit anderen Raumpionieren. Deswegen treten Zwischennutzungen oft in Cluster auf und profitieren von non-monetären Tauschverhältnissen (vgl. ebd.).
Abhängig von ihrem Hintergrund und der Motivation, problematische städtische Orte temporär zu beleben, unterscheidet das Studio Urban Catalyst (vgl. 2003: 10) folgende Typen der Raumpioniere:
Start ups: Patentinhaber, Erfinder, neue Ökonomie etc.: Sie ha-Migranten: Personen, die temporär nicht in stabile soziale
Systemflüchtlinge: Ideologisch motivierte Menschen, die sich in
Teilzeitaktivisten: Personen mit festem Beruf und Einkommen,
in Klein- und Mittelbetrieben (vgl. Kunzmann 2003: 14). Der hohe Grad der Ortsgebundenheit dieser Betriebe und die Vorliebe für ungewöhnliche Standorte wie brachgefallene Baustrukturen stärken dauerhaft lokale Ökonomien und setzen heruntergekommene Stadtquartiere wieder in Wert (vgl. ebd.).
Aufbauend auf diese Ausführungen sind kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen alle temporären Nutzungen, die künstlerischen Freiraum ermöglichen, Kultur fördern, sich im Bereich der Jugend- bzw. Szenekultur bewegen und kreative Beschäftigungen mit dem Umgang des baukulturellen Erbes der Stadt beinhalten.
2.1.4 Brache
Der Ursprung des Begriffs Brache liegt in der vorindustriellen Landbewirtschaftung. Der Begriff bezeichnet Flurstücke, die im Rahmen der Zwei-, Drei- oder Mehrfelderwirtschaft umgebrochen und nicht bestellt werden. Der Boden wird dabei sich selbst überlassen. Das Brachliegen der Felder war ein notwendiges Element im landwirtschaftlichen Zyklus, um zu neuer Fruchtbarkeit im Wechsel der Jahreszeiten und Nutzungen zu gelangen (vgl. Hoffmann-Axthelm 1998: 54). Im städtischen Kontext wird der Begriff Brache seit den 1970er Jahren für Räume im Siedlungsbereich verwendet.
Während in der Landwirtschaft das Brachliegen ein geplanter Prozess ist, welcher der Regeneration des Bodens dient, weist eine städtebauliche Brache andere Merkmale auf. Die städtische Brache bezeichnet aufgegebene, liegengelassene, von ursprünglichen Nutzungen teilweise oder vollständig verlassene Wohn-, Gewerbe-, Industrie-, Verkehrs- oder Militärflächen und deren Gebäude, die von Investoren, Eigentümern und Nutzern vernachlässigt werden. Sie sind für eine unbestimmte Zeit aus ihrem herkömmlichen Nutzungsstereotyp und somit aus dem wirtschaftlichen Produktionszyklus herausgefallen (vgl. Kil 2004: 125). Selbst wenn planungsrechtlich die ehemaligen Zweckbestimmungen bestehen bleiben (z. B. Verkehrs-, Wohn- oder Gewerbefläche), sind Stadtbrachen zunächst undefiniert bzw. frei von Funktion und werden auf unbestimmte Zeit zu Zwischenräumen in der Stadt (vgl. Kruse 2003: 23 f.), die Gefahr laufen, marginalisierte Funktionen wie z. B. Müllablagerung zu übernehmen (vgl. Hauser 2001: 65). Durch diese scheinbare Funktionslosigkeit haftet
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Dipl.-Ing. Nenad Rosic, 2007, Raumpioniere Ruhr - Stadtentwicklung durch kulturwirtschaftliche Zwischennutzungen, München, GRIN Verlag GmbH
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