Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Von der Rue Morgue zu Hard-boiled:
Die Entwicklung des Ermittlers in der Literatur 3
Ä7KHNQRZOHGJHRIZKDWWRREVHUYH Auguste Dupin 3
Ä( FHOOHQW,FULHG (OHPHQWDU KHVDLG Sherlock Holmes 5
Ä3X OHGEXWQHYHUTXLWHGHIHDWHG Philip Marlowe 6
3. Der Detektivroman Spielregeln und Lesekompetenzen 8
4. Das Spiel mit dem Leser Donald Kimball in American Psycho 10
5. Fazit 13
6. Literaturverzeichnis 15
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1. Einleitung
Bei der Lektüre von Bret Easton Ellis 1991 erschienenen Romans American Psycho fällt, neben eintönigen Aufzählungen diverser Markenbekleidungen und brutalen, menschenverachtenden Morden, vor allem eines auf: Der Psychopath wird nicht gefasst. Besonders evident LVW GLHVH 7DWVDFKH LQ GHP .DSLWHO Ä'HWHFWLYH³ PLW GHP VLFK GLHVH Arbeit beschäftigen wird. Patrick Bateman hat seinen Rivalen Paul Owen ermordet und anschliessend dessen Verschwinden nach London vorgetäuscht. Nun wird er von Privatdetektiv Donald Kimball zu Owens Verschwinden befragt. Bateman verhält sich, wie wir noch sehen werden, im Laufe dieser Befragung derart auffällig, dass der Leser sicher ist, Donald Kimball wird ihn nun des Mordes verdächtigen, der Polizei übergeben, Gerechtigkeit walten lassen ± doch nichts davon geschieht. Stattdessen verblasst Donald Kimball im weiteren Verlauf des Romans, bis er schliesslich in einem Nebensatz aus dem Roman verschwindet. Bateman ist immer noch frei zu morden und der Leser bleibt verständnislos zurück.
Ziel dieser Arbeit ist es, diesem Bruch mit der Leseerwartung auf den Grund zu gehen. Dazu werde ich zunächst die Entwicklung des Detektivs in der Literatur skizzieren. Hierbei konzentriere ich mich auf die Detektive Auguste Dupin, Sherlock Holmes und Philip Marlowe, da diese Detektive Meilensteine in der Detektivliteratur darstellen. In einem nächsten Schritt werde ich die Spielregeln untersuchen, die in den verschiedenen Entwicklungsstufen aufgestellt werden, ebenso wie die
Erwartungshaltung, die daraus bei dem Leser gewachsen ist. Anschliessend werde ich anhand eines Vergleiches von Donald Kimball mit Philip Marlowe zeigen, wie das Gefühl des Lesers, betrogen worden zu sein, zu Stande kommt. Der Vergleich mit Marlowe bietet sich nicht nur aufgrund der Tatsache an, dass sowohl GLHÄKDUG-ERLOHG³ Detektivgeschichten als auch American Psycho amerikanische Literatur sind, sondern auch dadurch, dass beide dem Genre des Thrillers zuzurechnen sind. Hier ist anzumerken, dass die Forschung gerade erst beginnt, sich mit dem umstrittenen Roman American Psycho zu beschäftigen, so dass es noch kaum Literatur gibt, die sich mit dem Roman in der Lesart als Kriminalroman auseinander setzt.
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2. Von der Rue Morgue zu Hard-boiled: Die Entwicklung des Ermittlers in der Literatur
2.1 ÄThe knowledge of what to observe³± Auguste Dupin
Auguste Dupin tritt zum ersten Mal in der Kurzgeschichte The Murders in the Rue Morgue von Edgar Allan Poe in Erscheinung. Die Geschichte wird 1841 veröffentlicht und macht Edgar Allan Poe zum ersten Autor einer fiktionalen Detektivgeschichte 1 . Vor dem Erscheinen der Murders in the Rue Morgue bestand bereits Interesse an Detektivgeschichten. Das Publikum las Sammlungen realer Fälle wie zum Beispiel den Ä3LWDYDO³EHQDQQW QDFK GHP +HUDXVJHEHU*D\RWGH3LWDYDO 2 . Doch Interesse an realen Fällen allein reichte noch nicht für die Entstehung fiktionaler Detektivgeschichten. Es bedurfte dazu noch mehrerer Faktoren. Zum einen wurde die Art der Prozessführung geändert. Die Folter, mit deren Hilfe bis dahin Geständnisse erzwungen wurden, wurde abgeschafft. Das Geständnis blieb wichtig, die Indizien, mit deren Hilfe Verbrecher überführt werden konnten, erlangten dafür grössere Bedeutung. Hand in Hand mit dieser Entwicklung ging die Einrichtung privater und staatlicher Agenturen zur Verbrechensbekämfpung, die in Kriminalistik ausgebildet wurden, um eben genau diese Indizien finden und nutzen zu können 3 . Zum anderen begünstigte der Glaube des 19. Jahrhunderts an das naturwissenschaftliche Denken die Entstehung der Detektivgeschichte 4 .
Edgar Allan Poe legte mit The Murders in the Rue Morgue bereits das Schema für spätere Detektivgeschichten fest 5 . Aus diesem Grund folgt eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Bestandteile der Geschichte. Poe beginnt seine Geschichte mit einem Zitat aus Sir Thomas Brownes Urn Burial. Dieses Zitat soll, so Buchloh und Becker, ausdrücken, dass der menschliche Geist in der Lage sei, jedes vom menschlichen Geist erdachte Rätsel zu entschlüsseln 6 . Er
1 Buchloh, Paul G. / Becker, Jens P.: Der Detektivroman. Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990, S. 34.
2 Nusser, Peter: Der Kriminalroman. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler 2009. S. 79.
3 Ebd, S. 70ff.
4 Ebd., S. 72f.
5 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 37.
6 Ebd, S. 35.
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untermauert dies durch das darauf folgende Essay über die Analysefähigkeiten des menschlichen Gehirns, dem auch die Überschrift dieses Kapitels entnommen wurde 7 . Auguste Dupin wird dem Leser durch seinen Freund vorgestellt, dem namenlosen Erzähler der Geschichte. Dieser namenlose Freund beschreibt Dupin als Exzentriker, der seine Tage zurückgezogen in verdunkelten Räumen in einem Haus in Paris verbringt, wenig soziale Kontakte hat, aber dafür über beinahe übermenschliche Fähigkeiten zur Deduktion, zur Kombination, verfügt 8 . Diese Deduktionsfähigkeiten werden dem Leser auch rasch präsentiert. Dupin gibt seinem Freund eine Kostprobe seines Könnens, indem er während eines Spazierganges dem Namenlosen dessen Gedanken präzise und auf den Punkt genau erklärt 9 . Nach dieser einleitenden Demonstration der Fähigkeiten Dupins beginnt die eigentliche Handlung. Ein Zeitungsartikel berichtet über die Morde in der Rue Morgue und gibt darüber hinaus alle Zeugenaussagen wieder. Dupin nimmt sich des Falles an, da er die Polizei nicht für fähig hält, den Fall zu lösen. Nach einem Rundgang durch das vermeintlich verschlossene Zimmer, in dem die Morde stattfanden, gelangt Dupin nur durch Einsetzen seines Intellekts zur Lösung des Falles und kann den Täter ± der Besitzer eines entflohenen Orang-Utans, der für die Morde verantwortlich ist ± stellen. Dieses Schema wird von späteren Autoren von Detektivgeschichten aufgegriffen und weiter verwendet.
Die Detektivgeschichte als Demonstrationsgeschichte gliedert sich in Einführung des Detektivs, Probe von den Fähigkeiten des Detektivs, Darlegung des Falles, Überprüfung des Falles und Kombination des Detektivs, Enthüllung und Erklärung 10 .
Mit diesem Schema legt Poe die Basis für Detektivgeschichten, an die er sich selbst auch in seinen weiteren Detektivgeschichten hält 11 . Besonders der letzte Punkt, Enthüllung und Erklärung, wird in Kapitel 3 von Bedeutung sein. Obwohl Poe sein Schema nicht ändert, bleibt die Figur Dupins nicht starr. In der 1845 erschienenen Kurzgeschichte The Purloined Letter 12 ist Dupin nicht mehr Aussenseiter,
7 Poe, Edgar Allan: The Murders in the Rue Morgue in: Selected Tales. London: Penguin Books 1994, S. 124.
8 s. auch Sayers, Dorothy L.: The Omnibus of Crime in: Winks, Robin W. (Hrsg): Detective Fiction. Englewood Cliffs: Prentice-Hall Inc. 1980, S. 57f.
9 Poe, The Murders in the Rue Morgue, S. 123 ± 153.
10 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 37.
11 Je nach Quelle werden vier oder fünf Detektivgeschichten Poes gezählt, s. Scaggs, John: Crime Fiction. New York: Routledge 2005, S. 33
12 Poe, Edgar Allan: The Purloined Letter in: Selected Tales, London: Penguin Books 1994, S. 337 ± 356.
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sondern hat sich in die vornehme Gesellschaft integriert und nutzt seine Fähigkeiten, um die bestehende Ordnung zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Diese Darstellung des Detektivs wird später zu einem Motiv, das YRU DOOHP LQ 5RPDQHQ GHV Ä*ROGHQ $JH³ vielfach aufgegriffen wird 13 .
In The Purloined Letter findet sich darüber hinaus in Dupins Gegenspieler, dem Minister D., ÄWKHSRUWUD\DORIDYLOODLQZKRLVZRUWK\RUDOPRVWZRUWK\RIWKHDQDO\WLF JHQLXVRIWKHGHWHFWLYH³ 14 .
Dieses Motiv begegnet uns auch bei Sherlock Holmes, einem Detektiv, der Dupin darüber hinaus viel zu verdanken hat.
2.2 ÄExcellent, I cried ± Elementary, he said³± Sherlock Holmes
Sherlock Holmes erster Fall erscheint 1887 in dem Roman A Study in Scarlet von Arthur Conan Doyle. Doyle setzt es sich zum Ziel, einen überragenden Detektiv zu erschaffen, der aus der Ermittlung eine exakte Wissenschaft mit praktischer Anwendung macht 15 .
Doyle übernimmt das von Poe aufgesetzte Grundschema von Handlung und Detektiv, baut es aber weiter aus. So behält er die Exzentrizität des Detektivs bei, ebenso wie die brilliante Deduktionsfähigkeit. 16 Die Arbeitsweise des Detektivs verändert er jedoch entsprechend seinem Ziel. Während Dupins Schlussfolgerungen noch den Charakter von Experimenten haben, deren Ausgang unsicher ist, stellt Doyle Sherlock Holmes als Spezialist auf seinem Gebiet dar, der seine Fälle mit Routine und Professionalität löst 17 . Holmes bestätigt seine Vermutungen durch Experimente ± er ist der erste Detektiv der Literatur, der mit einem Mikroskop arbeitet 18 . All diese Erfahrung und Professionalität stellt Holmes zur Verfügung, um die Weltordnung wieder herzustellen 19 , ganz wie Dupin in Poes The Purloined Letter.
In der Figur des Professor Moriarty, Holmes Nemesis, finden wir das Motiv des würdigen Gegners wieder. Professor Moriarty entspricht dem Minister D. aus Poes Ä7KH
13 Buchloh / Becker: Der Detektivroman, S. 43. 14 Scaggs, Crime Fiction, S. 21.
15 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 60.
16 Vgl. Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 61 sowie Nusser, Der Kriminalroman, S. 90.
17 Nusser, Der Kriminalroman, S. 91. Vgl. hierzu u. a. Doyle, Arthur Conan: A Scandal in Bohemia in: The Complete Sherlock Holmes. New York: Gramercy Books 2002, S. 72: Hier wird explizit von einem Index gesprochen, in dem Sherlock Holmes für ihn wichtige Personen katalogisiert hat.
18 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 63.
19 Ebd.
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3XUORLQHG /HWWHU³ und dient in diesem Zusammenhang dazu, die Grösse Holmes zu betonen 20 .
Sherlock Holmes wird jedoch nicht nur von Poes Dupin beeinflusst. In ihm finden sich auch Einflüsse von James F. Cooper, Autor von The Last of the Mohicans und The Pathfinder. Aus diesen Abenteuerromanen fliesst das Motiv der Spurenerkennung anhand von Fussabdrücken und abgeknickten Ästen sowie der Verfolgung der Spuren in die Figur Holmes ein 21 . Auch das romantische Ritterideal fliesst in die Figur Holmes ein 22 . Dieses Bild wird uns in Kapitel 2.3 erneut begegnen. Doyle verändert nicht nur die Figur des Detektivs. Er übernimmt auch die von Poe etablierte Figur des Erzählers, haucht ihr aber Leben ein. An die Stelle eines namenlosen und ergebenen Bewunderers des grossen Detektivs setzt Doyle den bodenständigen Arzt Dr. John H. Watson. Watson ist mit seiner Vergangenheit als Soldat und seiner Beschäftigung als Arzt ein zuverlässiger Erzähler, mit dem sich der zeitgenössische Leser eher identifizieren konnte als mit dem exzentrischen, aristokratisch anmutenden Holmes. Der Arzt versucht, Holmes
Kombinationsfähigkeiten zu erlernen. Dies gelingt ihm auch, zumindest, wenn es um die Basiskenntnisse geht, er ist allerdings ein etwas langsamer Schüler 23 . Dies ist kein Zufall, wie wir in Kapitel 3 sehen werden.
Mit den Geschichten um Sherlock Holmes und Dr. Watson verfestigt Arthur Conan Doyle das von Poe aufgestellte Schema 24 . Die Figur des Detektivs wird typisiert, ebenso wie seine Kombinationsfähigkeit 25 . Holmes gelingt es, alle Fälle aufzuklären, auch, wenn er nicht alle Täter der Polizei übergeben kann oder will 26 . Das letzte Buch The Case Book of Sherlock Holmes erscheint 1927.
2.3 ÄPuzzled, but never quite defeated³± Philip Marlowe
Philip Marlowe ermittelt zum ersten Mal in Raymond Chandlers Kurzgeschichte %ODFNPDLOHUV'RQ¶W6KRRW, erschienen 1933 im Black Mask, ein Magazin, das sich auf ÄKDUG-ERLOHG³ 'HWHNWLYJHVFKLFKWHQ VSH]LDOLVLHUWH 27 . 'LH %H]HLFKQXQJ ÄKDUG-ERLOHG³ entstand in Anlehnung an die Beschreibung des Detektivs in Dashiell Hammetts Roman Red Harvest DOV ÄKDUG-ERLOHG JX\³ ]X GHXWVFK ÄKDUWJHVRWWHQHU .HUO³ XQG ZXUGH
20 Ebd., S. 65.
21 Nusser, Der Kriminalroman, S.81f.
22 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 60.
23 Ebd, S. 64f.
24 Ebd., S. 57.
25 Ebd., S 62.
26 Priestman, Martin 1990 zitiert nach: Scaggs, Crime Fiction, S. 25. 27 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 103.
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bald auf Detektivromane angewandt, deren Detektive eben das waren: hartgesottene, ÄKDUG-ERLOHG³.HUOH 28 .
Das Genre entstand im Amerika der 1920er Jahre, als Antwort auf die Detektivromane GHVEULWLVFKHQÄ*ROGHQ$JH³, der Blütezeit des Detektivromans, die die Zeit von 1914 bis 1939 umspannt 29 . Hier wurde die von Poe aufgestellte und von Doyle typisierte Detektivfigur im Wesentlichen beibehalten, das Hauptaugenmerk der Romane lag jedoch auf der Wiederherstellung der Weltordnung, vor allem der der oberen Schicht 30 . In Amerika gab es die starren, hierarchischen Schichtenstrukturen Grossbritanniens nicht. Dafür gab es Depression, Prohibition und Korruption 31 . In dieser Welt ermittelt Philip Marlowe. Anders als Dupin und Holmes ist er weder Aristokrat noch hat er aristokratische Züge; Marlowe gehört der amerikanischen unteren Mittelschicht an und lebt von der Arbeit als Privatdetektiv 32 . Dennoch ist Marlowe kein ungebildeter Mann, an etlichen Stellen in den Romanen macht er literarische Anspielungen und hat ein Faible für Schach 33 . Von Exzentrizität fehlt ihm jegliche Spur 34 . *DQ]LQGHU7UDGLWLRQGHVÄKDUG-ERLOHG³ermittelt Philip Marlowe allein. Er fungiert als Erzähler der Geschichten und Romane, hier gibt es keinen Watson, wir folgen den Gedanken des Detektivs selbst. Dieser ist weit davon entfernt, uns ein Feuerwerk der 'HGXNWLRQVNXQVW ]X SUlVHQWLHUHQ GD GLHVH LP ÄKDUG-ERLOHG³ DOV 5HDNWLRQ DXI GLH Romane des Ä*ROGHQ $JH³ EHZXVVW LQ GHQ +LQWHUJUXQG WULWW 35 . Vielmehr schildert Marlowe die Gesellschaft, die ihn umgibt, und beschreibt pointiert und treffend sowohl diese als auch die Menschen, denen er begegnet:
Ä:RQGHUIXO ZKDW +ROO\ZRRG ZLOO GR WR D QRERG\ ,W ZLll make a radiant glamour TXHHQRXWRIDGUDEOLWWOHZHQFKZKRRXJKWWREHLURQLQJDWUXFNGULYHU¶VVKLUWVDKH- manhero with shining eyes and brilliant smile reeking of sexual charm out of some RYHUJURZQNLGZKRZDVPHDQWWRJRWRZRUNZLWKDOXQFKER[³ 36
28 Scaggs, Crime Fiction, S. 55.
29 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 69.
30 Nusser, Der Kriminalroman, S. 97f.
31 Grella, George: The Hard-Boiled Detective Novel. In: Winks (Hrsg.), Detective Fiction, S. 103 sowie 105.
32 Müller, Wolfgang G.: Hard-boiled Erzählungen: Raymond Chandler. In: Nünning, Vera (Hrsg.): Der amerikanische und britische Kriminalroman. Genres ± Entwicklungeen ± Modellintrepretationen. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2008, S. 45.
33 9JOHEG6VRZLH&KDQGOHU5D\PRQG7KH%LJ6OHHS/RQGRQ(YHU\PDQ¶V/LEUDU\6
hier wird das Schachspiel darüber hinaus dazu benutzt, das Ritterbild zu verstärken.
34 Grella, The Hard-Boiled Detective Novel, S. 103 35 Müller, Hard-boiled Erzählungen: Raymond Chandler., S. 44. 36 &KDQGOHU5D\PRQG7KH/LWWOH6LVWHU/RQGRQ(YHU\PDQ¶V/LEUDU\6
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Es geht dem Detektiv nicht mehr um die Wiederherstellung der Ordnung, denn in seiner Welt hat es nie eine Ordnung gegeben 37 : Die Polizei ist in Marlowes Welt nicht unfähig, sondern korrupt, Gangster regieren die Stadt und die femmes sind fast durchgehend fatale 38 . Marlowe mag dies vielleicht nicht ändern können, aber er hat gelernt, damit umzugehen. Als Folge davon hat er gelernt, die Menschen zu durchschauen 39 . Er fungiert daher nicht mehr als Löser von Rätseln, vielmehr hat er die Aufgabe, in einer unverständlichen Welt Sinn für den Leser zu stiften 40 . Das Denouement, die Lösung des Rätsels, das Dupin und Holmes dem staunenden Publikum mit einem Tusch präsentieren, hat daher nicht mehr soviel Gewicht und fällt so bei Marlowe im Vergleich eher hastig und nicht ganz abgerundet aus 41 .
In der Figur des Philip Marlowe wird das in Kapitel 2.2. erwähnte Bild des Ritters aufgegriffen. Laut Chandler ist der 1DPH Ä0DUORZH³ ein Anagramm des Ritters Ä0DORU\³ 42 , und auch die Handlung der Romane wird den romantischen Rittergeschichten entnommen. Deutlich wird dies durch die Namen der Darsteller, die oft in Zusammenhang mit Rittergeschichten stehen: Orfamay Quest in The Little Sister, Helen Grayle in Farewell, My Lovely 43 .
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass uns mit Philip Marlowe nun ein Detektiv begegnet, dessen Stärke nicht mehr brilliante Kombinationen sind, sondern vielmehr Moral, Integrität und die Fähigkeit, eine korrupte Gesellschaft zu durchschauen und in ihr zu überleben. Welche Bedeutung dies für den Leser von American Psycho hat, zeigt Kapitel 4. Vorher beschäftigt sich Kapitel 3 mit den Regeln, die in Detektivromanen aufgestellt wurden.
3. Der Detektivroman ± Spielregeln und Lesekompetenzen
In wohl keinem anderen Genre ist der Leser so gefordert wie in Detektiv- und Kriminalromanen. Von der ersten bis zur letzten Seite rätseln wir mit, suchen Spuren und Verdächtige und warten gespannt ab, ob wir tatsächlich dem Täter auf der Spur waren. Warum ist das so?
Den Grundstein legte auch hier Edgar Allan Poe, und auch dies tat er bereits in der Kurzgeschichte The Murders in the Rue Morgue. Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt,
37 Horsley, Lee: Twentieth-Century Crime Fiction. New York: Oxford University Press Inc. 2005, S. 69f.
38 Grella, The Hard-Boiled Detective Novel, S. 111.
39 Horsley, Twentieth-Century Crime Fiction, S. 71.
40 Scaggs, Crime Fiction, S. 72.
41 Grella, The Hard-Boiled Detective Novel, S. 115. 42 Ebd., S.113.
43 Ebd.
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beginnt die Geschichte mit dem Zitat aus Sir Thomas Brownes Urn Burial, in dem ausgesagt wird, das der Mensch in der Lage sei, jedes Rätsel zu entschlüsseln, das ein anderer Mensch gestellt hat.
Diese Aussage trifft nicht nur auf den fiktionalen Detektiv zu, der das Rätsel des Verbrechers zu entschlüsseln sucht, sondern auch auf den Leser, der das Rätsel des Autors zu lösen sucht 44 . So fordert Poe in der ersten fiktionalen Detektivgeschichte den Leser bereits dazu auf, sich mit dem Detektiv ± und damit mit dem Autor ± zu messen. Dies setzt sich bei Arthur Conan Doyle fort. Hier wird es durch die Figur Watsons unterstützt. Mit Watson, dem bodenständigen, ÄQRUPDOHQ³ 0HQVFKHQ NDQQ VLFK GHU Leser eher identifizieren als mit dem Übermenschen Holmes. Kann Watson also die Kunst der Deduktion in Grundzügen erlernen, kann der Leser dies auch. Und da Watson immer ein wenig langsamer denkt und Zusammenhänge später erkennt als der Leser, wähnt sich dieser klüger als Watson und sieht sich daher auch in der Lage, den Fall zu lösen 45 .
Leider ist dies ein Trugschluss. Bei Sherlock Holmes werden dem Leser zum Beispiel bewusst Indizien vorenthalten, ohne die der Fall nicht zu lösen ist 46 . Während die Leser der ersten Detektivgeschichten dies noch stillschweigend hinnehmen, wird es im Ä*ROGHQ $JH³ schon schwieriger. Zum einen legen die Autoren des Golden Age den Schwerpunkt auf die Deduktion und fassen die Detektivgeschichte aOV Ä6SLHO GHU 9HUQXQIW³ DXI 47 , zum anderen werden die Leser durch wiederholte Lektüre von Detektivgeschichten anspruchsvoller und lassen sich nicht mehr mit Tricks abspeisen 48 . So entwickeln sich ungeschriebene Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten, die 1924 von Ronald A. Knox in A Detective Story Decalogue 49 in humoristischer Weise zusammengefasst werden. Im Jahr 1928 verfasst W. H. Wright unter dem Pseudonym S. S. Van Dine wesentlich ernster gemeinte Regeln, die er 1936 überarbeitet 50 . Trotz der unterschiedlichen Stile haben die Verfasser eines gemeinsam: Sie sehen die Detektivgeschichte als Spiel zwischen Leser und Autor an und wollen mit den Regeln dem Leser bewusst die Möglichkeit einräumen, den Fall zu lösen 51 .
44 Buchloh / Becker, Der Detektivroman., S.41.
45 Ebd. S. 65 sowie Sayers, The Omnibus of Crime, S. 57.
46 Vgl. Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 83. 47 Ebd., S. 82.
48 Ebd., S. 90.
49 Knox, Ronald A.: A Detective Story Decalogue in: Winks (Hrsg.): Detective Fiction, S. 200 ± 202.
50 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 86f.
51 Ebd, S. 84 sowie S. 86ff.
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Wir wir in Kapitel 2.3 gesehen habHQ EULFKW GHU ÄKDUG-ERLOHG³ 'HWHNWLYURPDQ PLW diesen Regeln. Gleichzeitig stellt er neue auf. Die Deduktion steht nicht mehr im Vordergrund, statt dessen wird die Spannung nun über die Verfolgung erzeugt 52 . Dies wird in späteren Thrillern ausgebaut; spielt nicht mehr der Detektiv, sondern der Täter die Hauptfigur, sind also Tat und Täter dem Leser bekannt, geht es nicht mehr darum, den Täter zu fassen, sondern eher darum, wie der Täter der Bestrafung entkommt. Hier halten das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Täter und Detektiv die Spannung aufrecht, eine Tatsache, die im Falle von American Psycho noch von Bedeutung sein wird 53 . Trotz dieser Änderung in der Gewichtung der Deduktion und trotz der Tatsache, dass Raymond Chandler in erster Linie bestrebt war, dem Detektivroman einen Platz in der Literatur zu geben, war auch er sich des Spiels mit dem Leser bewusst 54 . Ein weiterer Aspekt ist der Aufbau des Detektivromans. Wie Kapitel 2.1 gezeigt hat, endet das Schema mit der Aufklärung des Falles, dem Denouement. Der Leser lernt durch die Lektüre von Detektivromanen, dass der Detektiv am Ende immer gewinnt. Zwar werden die Verbrecher nicht immer bestraft ± Hercule Poirot zum Beispiel lässt in Murder on the Orient Express die Täter ungestraft davon kommen 55 ± entlarvt werden sie jedoch immer.
Der Detektiv, der dies leisten soll, ist ein Experte auf seinem Gebiet, der dem Verbrecher gewachsen ist. So hat es der Leser gelernt. Diese Erwartungen werden in American Psycho in keinster Weise erfüllt, wie das nächste Kapitel zeigen wird.
4. Das Spiel mit dem Leser ± Donald Kimball in American Psycho
Patrick Bateman, der American Psycho aus Bret Easton Ellis gleichnamigen Roman, mordet, foltert und quält von Seite 126 anwärts, deutet jedoch auch an, dass er bereits vergewaltigt und gemordet hat, bevor der Leser auf ihn trifft. Bateman ist kein gewiefter Mörder. Er mordet oft impulsiv und achtet daher nicht immer darauf, seine Spuren zu verwischen. Generell geht er eher sorglos mit Spuren um: Er gibt als solche erkennbare blutverschmierte Laken regelmässig in die Wäscherei zum Waschen.
52 Nusser, Der Kriminalroman, S. 50f.
53 Ebd., S. 52.
54 Buchloh / Becker, Der Detektivroman, S. 91.
55 Christie, Agatha: Murder on the Orient Express. New York: The Berkley Publishing Group 2004, S. 322.
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Einzig bei dem Mord an seinem Rivalen, Paul Owen, geht er etwas raffinierter vor. Nach dem Mord fährt er in dessen Wohnung und täuscht dort vor, Owen sei nach London gefahren. Er packt dazu eine Reisetasche und bespricht den Anrufbeantworter. Letzteres mag wie ein Fehler klingen, funktioniert aber, da er und Owen ähnliche Stimmen haben. Allerdings unterlaufen ihm durchaus echte Fehler. Für die Fahrt zu Owen und zurück nimmt er sich beispielsweise ein Taxi ±noch immer in der blutverschmierten Kleidung, in der er Owen getötet hat 56 . Etwas mehr als 50 Seiten später, auf Seite 266, taucht Privatdetektiv Donald Kimball auf. Mit seinem Eintreffen erwartet der Leser den würdigen Gegner, den professionellen, fähigen Detektiv, der den Psychopathen entlarven wird. Zunächst scheint auch alles darauf hin zu deuten. Doch die Begegnung hat keinerlei Konsequenzen für Bateman. Kimball wird noch zwei Mal erwähnt ± S. 301 und 322 ± bevor er 32 Seiten vor dem Ende in dem SaW]Ä)RUDOO,NQRZ.LPEDOOKDVPRYHGWR /RQGRQWRR³ verschwindet ± ohne auch nur in die Nähe einer Aufklärung gekommen zu sein.
Hätte Philip Marlowe sich besser geschlagen?
Wie in Kapitel 2.3 festgestellt wurde, entstammt Marlowe der unteren Mittelschicht, ist aber dennoch gebildet. Er verdient als Detektiv seinen Unterhalt und steht zu dieser %HVFKlIWLJXQJ ZLUG HU DOV ÄVKDPXV³ beschimpft, lässt ihn dies kalt, es tut seiner Professionalität keinen Abbruch 57 . Er ermittelt allein, und verfügt über eine gute Beobachtungsgabe, die ihm hilft, die korrupte Gesellschaft um ihn herum zu durchschauen und dadurch für den Leser Sinn in einer unverständlichen Welt zu stiften. Darüber hinaus fungiert er als moralische Instanz in dieser korrupten Welt. Bewaffnet mit all diesen Fähigkeiten und einer scharfen Zunge löst Marlowe alle seine Fälle, entlarvt alle Täter.
Über Donald Kimball erfahren wir verhältnismässig wenig. Dennoch lässt sich sagen, dass Kimball ebenfalls als Privatdetektiv seinen Unterhalt verdient. Allerdings scheint er sich seiner Sache nicht wirklich sicher zu sein; auf die Frage, ob er vom FBI sei, DQWZRUWHWHUHUVHLÄMXVWDSULYDWHLQYHVWLJDWRU³ 58 . Was in einem anderen Zusammenhang DOVÄGHQ*HJQHULQ6LFKHUKHLWZLHJHQ³JHGHXWHWZHUGHQN|QQWH]HXJWKier nur von der Inkompetenz Kimballs: obwohl er nur im Verschwinden Owens ermittelt, aus seiner
56 Ellis, Bret Easton: American Psycho. London; Picador 1991, S. 218 f.
57 Vgl. Chandler, Raymond: The Long Goodbye. /RQGRQ(YHU\PDQ¶V/LEUDU\6+LHU
unterstreicht sein Umgehen mit der Beleidigung seine Professionalität. 58 Ebd., S. 269.
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Sicht also noch kein Verbrechen vorliegt, fragt Bateman nach einer Instanz, die staatenübergreifende Verbrechen verfolgt, etwas, das jedem Detektiv sofort auffallen müsste. Doch Kimball findet dies nicht auffällig.
Welcher Schicht Kimball angehört, lässt sich nicht einwandfrei feststellen. Dasselbe gilt für seine Bildung. Da er aber weder auf eine der von Bateman aufgezählten Schulen 59 war, noch in den ebenfalls von Bateman genannten Restaurants verkehrt 60 , ist zumindest davon auszugehen, dass er, wie Marlowe, nicht der Oberschicht angehört. Im Gegensatz zu Marlowe kennt Kimball sich in der Oberschicht aber nicht aus. Zwar trägt er Armani 61 , was möglicherweise darauf hin deutet, dass er zu der Oberschicht gehören möchte, aber die bereits erwähnten Restaurants sagen ihm nichts, und auch das von %DWHPDQ IUHL HUIXQGHQH 0XVLFDO ÄOh Africa, Brave Africa³ HUNHQQW HU QLFKW DOV solches 62 . Damit entgeht ihm allerdings auch, dass es sich hierbei um ein falsches Alibi handelt.
Kimball versagt auch an anderer Stelle. Ein wiederkehrendes Motiv in American Psycho ist das Verwechseln der Charaktere. So kann Markenbekleidung auf Anhieb erkannt und benannt werden, die Träger der Bekleidung sind dagegen austauschbar. Bateman wird von Owen mit Marcus Halberstam verwechselt 63 , und bei seinen Recherchen stösst Kimball selbst auf die Verwechslung Owens durch Stephen Hughes 64 . Doch auch hier wird Kimball nicht stutzig. Anstatt wie Marlowe Sinn zu stiften, trägt er zu der Verwirrung des Lesers bei. War Marlowe noch ÄSX]]OHG EXW never quite defeated 65 ³LVW.LPEDOOQXUQRFKÄSX]]OHG³
Das Spiel mit dem Leser ist in American Psycho ein unfaires. Der Leser weiss, dass Bateman die Morde begangen hat, weil er dabei war, er erkennt in dem Gespräch zwischen Kimball und Bateman alle Hinweise, die Kimball auf die richtige Fährte lenken sollten, ebenso wie alle Fehler, die Bateman unterlaufen. Dennoch zieht Kimball unverrichteter Dinge von dannen, während der Leser ohnmächtig zusehen muss. Es ist eine verkehrte Welt: Der Leser ist den Figuren in dem Roman überlegen, er verliert aber dennoch.
Nun könnte man argumentieren, dass bei American Psycho kein Spiel zwischen Leser und Autor bestehen kann, da es sich nicht um einen Detektivroman, sondern um einen
59 Ebd., S. 270 und 272.
60 Ebd, S. 272.
61 Ebd., S. 267.
62 Ebd., S. 273.
63 Ebd., S. 215.
64 Ebd., S. 273.
65 Raymond Chandler zitiert in: Grella, The Hard-Boiled Detective Novel, S. 115.
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Thriller handelt. Dies wäre prinzipiell richtig, allerdings hat der Thriller, wie Kapitel 3 gezeigt hat, eigene Regeln, und auch diese werden von American Psycho nicht eingehalten. Wir erinnern uns: Da im Thriller der Verbrecher bereits bekannt ist, liegt die Spannung nicht mehr in der Ermittlung, sondern in der Verfolgung und dem Entkommen des Täters, letzteres entweder mit Hilfe anderer oder durch eigene Fähigkeiten 66 . Bei American Psycho fehlt aber auch davon jede Spur; wie gezeigt wurde, stellt sich Patrick Bateman im Gespräch mit Donald Kimball alles andere als geschickt an, und von einem Entkommen kann nicht die Rede sein. Es handelt sich vielmehr um ein unerklärliches Abflachen des Interesses sowohl bei Kimball als auch später bei der Polizei.
Auch mit dem Denouement spielt American Psycho. Nachdem Detektiv und Polizei zur Aufklärung nicht fähig waren, scheint es doch noch zum Denouement zu kommen. Kurz vor dem Ende des Romans wird Bateman von einem Taxifahrer als Mörder erkannt. Doch auch hier kommt es nicht zur erhofften Bestrafung Batemans. Der Taxifahrer nimmt ihm lediglich Markensonnenbrille, Rolex und Bargeld ab 67 . Das Denouement wird nur angetäuscht. Die unverständliche Welt bleibt unverständlich, mehr noch, sie wird umso unverständlicher, je öfter das Erwartete nicht eintrifft. Der Leser bleibt hilflos und allein mit dieser Welt zurück, ohne einen Retter, der Ordnung bringt.
5. Fazit
Wie diese Arbeit gezeigt hat, nutzt Bret Easton Ellis bewusst das Bild des Ermittlers, das sich in den Köpfen der Leser entwickelt hat. Beginnend bei Edgar Allen Poes Ermittler Auguste Dupin über Sherlock Holmes und Philip Marlowe bis hin zu den Detektiven der Gegenwart hat sich die Figur des Ermittlers zwar gewandelt, einige Aspekte sind jedoch gleich geblieben. Taucht ein Ermittler auf, wird der Leser davon ausgehen, dass dieser seine Arbeit professionell und sicher ausführt. Ermittelt er in einer heilen Welt, wird er die Ordnung wieder herstellen, ermittelt er innerhalb von Korruption, wird er Sinn stiften.
Der Leser hat gelernt, dass der Ermittler den Täter entlarven wird, auch, wenn es ihm nicht möglich ist, dem Täter seine Strafe zukommen zu lassen.
66 Nusser, Der Kriminalroman, S. 50 ff.
67 Ellis, American Psycho, S. 392f.
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Eine Ausnahme bildet der Thriller. Hier sind Täter und Verbrechen meist bekannt und es es durchaus denkbar, dass der Täter entkommt. Dann allerdings wird die Spannung nicht über das Ermitteln, sondern über das Entkommen des Täters erzeugt. Beides trifft auf American Psycho nicht zu. Obwohl es sich um einen Thriller handelt, entkommt Patrick Bateman weder durch eigene Fähigkeiten, noch ist Ermittler Donald Kimball in der Lage, in Bateman einen Verdächtigen zu sehen, geschweige denn, ihn als den Psychopathen zu erkennen, der er ist.
Folglich wird weder eine Ordnung wieder hergestellt, noch eine unverständliche Welt erklärbar gemacht. Dies stösst dem Leser unangenehm auf, da er gelernt hat, genau das zu erwarten. Durch das Ausbleiben von Gerechtigkeit, durch das Fehlen einer Erklärung für die Taten wird ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit beim Leser erzeugt. Er allein wäre in der Lage, den Fall zu klären, und ist gleichzeitig der einzige, dem die Hände gebunden sind.
Bret Easton Ellis hat mit American Psycho einen Thriller als Rahmen für seine Gesellschaftssatire genutzt. Obwohl es bereits erste Arbeiten gibt, die sich mit dem Roman als Satire beschäftigen, findet die Figur Kimballs darin nur wenig Beachtung und wird meist in einem Nebensatz abgehandelt, wie z. B. in Ursula Vossmanns Arbeit Paradise Dreamed: Die Hölle der 80er Jahre in Bret Easton Ellis Roman American Psycho 68 .
Dabei spielt Kimball aus Sicht der Autorin dieser Arbeit eine wichtige Rolle in dem Roman. Er ist eine von drei Instanzen, die das Potential zur Aufklärung und / oder Bestrafung haben: der Ermittler, die Polizei, und der Taxifahrer. Während die Polizei gesichtslos bleibt, scheinen sowohl Ermittler als auch Taxifahrer auf die Erfüllung des amerikanischen Traumes aus zu sein. Kimball trägt die gleiche Kleidung wie Bateman und ist nicht fähig, die Oberschicht kritisch zu betrachten. Der Taxifahrer ist zwar in der Lage, in Bateman den Mörder zu sehen, ist aber eher an Marken und Geld interessiert als an Gerechtigkeit.
Aus Sicht der Autorin dieser Arbeit ist eine tiefergehende Forschung des Romans American Psycho nötig, die sich im Kontext der Gesellschaftssatire auch mit der vermutlich nur scheinbaren Unfähigkeit Kimballs auseinander setzt.
68 Vossmann, Ursula: Paradise Dreamed: Die Hölle der 80er Jahre in Bret Easton Ellis Roman American Psycho. Essen: Verlag Die Blaue Eule 2000, S. 41.
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6. Literaturverzeichnis
Werke:
Chandler, Raymond: The Big Sleep. /RQGRQ(YHU\PDQ¶V/LEUDU\ Chandler, Raymond: ThH/LWWOH6LVWHU/RQGRQ(YHU\PDQ¶V/LEUDU\ Chandler, Raymond: 7KH/RQJ*RRGE\H/RQGRQ(YHU\PDQ¶V/LEUDU\ Christie, Agatha: Murder on the Orient Express. New York : The Berkley Publishing Group 2004
Doyle, Arthur Conan: The Hound of the Baskervilles. In: Doyle, Arthur Conan: The Complete Sherlock Holmes. New York: Gramercy Books, 2002 Doyle, Arthur Conan: A Scandal in Bohemia. In: Doyle, Arthur Conan: The Complete Sherlock Holmes. New York: Gramercy Books, 2002 Ellis, Bret Easton: American Psycho. London: Picador1991 Poe, Edgar Allan: The Murders in the Rue Morgue. In: Poe, Edgar Allan: Selected Tales. London: Penguin Books 1994
Poe, Edgar Allan: The Purloined Letter. In: Poe, Edgar Allan: Selected Tales. London: Penguin Books 1994
Literatur:
Buchloh, Paul G. / Becker, Jens P.: Der Detektivroman. Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1990
Horsley, Lee: Twentieth-Century Crime Fiction. New York: Oxford University Press Inc 2005
Grella, George: The Hard-Boiled Detective Novel. In: Winks, Robin W. (Hrsg): Detective Fiction. Englewood Cliffs: Prentice-Hall Inc. 1980 Knox, Ronald A: A Detective Story Decalogue. In: Winks, Robin W. (Hrsg): Detective Fiction. Englewood Cliffs: Prentice-Hall Inc. 1980
Müller, Wolfgang G: Hard-boiled Erzählungen: Raymond Chandler. In: Nünning, Vera (Hrsg): Der amerikanische und britische Kriminalroman. Genres ± Entwicklungen ± Modellinterpretationen. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2008 Nusser, Peter: Der Kriminalroman. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler 2009 Sayers, Dorothy L.: The Omnibus of Crime. In: Winks, Robin W. (Hrsg): Detective Fiction. Englewood Cliffs: Prentice-Hall Inc. 1980
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Scaggs, John: Crime Fiction. New York: Routledge 2005
Vossmann, Ursula: Paradise Dreamed: Die Hölle der 80er Jahre in Bret Easton Ellis Roman American Psycho. Essen: Verlag Die Blaue Eule 2000
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Arbeit zitieren:
Emma Jane Stone, 2010, "Nothing happened at all" - Eine Untersuchung der Ermittlerfigur in Bret Easton Ellis Roman "American Psycho", München, GRIN Verlag GmbH
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