Einleitung
In dieser Arbeit soll es um ein Thema gehen, zu dem schon viel geforscht und publiziert wurde: Das Verhalten der Päpste zur Judenverfolgung und -vernichtung vor und während des Zweiten Weltkrieges. Schwerpunktmäßig soll es um Papst Pius XII. gehen, der ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn zum Papst gewählt wurde. Ihm wird von vielen Kritikern vorgeworfen, dass er nicht laut genug gegen die Judenverfolgung und Deportation in die Vernichtungslager protestiert hat, zuweilen wird auch vom „Schweigen“ des Papstes zur Judenvernichtung gesprochen.
Vergleichend sollen in dieser Hausarbeit mehrere Werke zum Thema befragt werden. Dabei soll in chronologischer Reihenfolge auf einige zentrale Äußerungen und Maßnahmen der Päpste eingegangen werden, die von verschiedenen Autoren unterschiedlich bewertet werden.
2
Pius XI.
Die Enzyklika Mit brennender Sorge
Zunächst soll es um die Enzyklika Mit brennender Sorge gehen, die Pius XI. im Jahr 1937 veröffentlicht hat und an der Eugenio Pacelli, der Kardinalstaatssekretär und spätere Papst Pius XII., entscheidend mitgewirkt hat.
Das Besondere an dieser Enzyklika ist, dass sie nicht wie üblich in lateinischer, sondern in deutscher Sprache verfasst wurde. Sie richtet sich „an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutsch-lands und die anderen Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem apostolischen Stuhl leben“ 1 und es geht darin um „die Lage der katholischen Kirche im deutschen Reich.“ Pius XI. prangert an, dass Deutschland immer wieder gegen das Reichskonkordat, das er 1933 mit Deutschland ausgehandelt hatte, verstoßen hat. Er kritisiert, „wie von der anderen Seite die Vertragsumdeutung, die Vertragsumgehung, die Vertragsaushöhlung, schließlich die mehr oder minder öffentliche Vertragsverletzung zum ungeschriebenen Gesetz des Handelns gemacht wurden.“ Er macht darauf aufmerksam, dass der Heilige Stuhl immer wieder dagegen protestiert hat:
Wir sind, Ehrwürdige Brüder, nicht müde geworden, den verantwortlichen Lenkern der Geschicke Eures Landes die Folgen darzustellen, die aus dem Gewährenlassen oder gar aus der Begünstigung solcher Strömungen sich zwangsweise ergeben müßten. Wir haben alles getan, um die Heiligkeit des feierlich gegebenen Wortes, die Unverbrüchlichkeit der freiwillig eingegangenen Verpflichtungen zu verteidigen gegen Theorien und Praktiken, die - falls amtlich gebilligt - alles Vertrauen töten und jedes auch in Zukunft gegebene Wort innerlich entwerten müßten.
Dann verurteilt er die Rassenideologie der Nationalsozialisten:
Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung - die innerhalb der irdischen Ordnung einen wesentlichen und ehrengebietenden Platz behaupten - aus dieser ihrer irdischen Wertskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge. Ein solcher ist weit von wahrem Gottesglauben und einer solchem Glauben entsprechenden Lebensauffassung entfernt.
Er betont, dass es eine Irrelehre sei, „Gott, den Schöpfer aller Welt, den König und Gesetzgeber aller Völker, vor dessen Größe die Nationen klein sind wie Tropfen am Wassereimer, in die Grenze eines einzelnen Volkes, in die blutmäßige Enge einer einzelnen Rasse einkerkern zu wollen.“
1 Die folgenden Zitate aus der Enzyklika entstammen der Website:
http://www.vatican.va/holy_father/pius_xi/encyclicals/documents/hf_p-xi_enc_14031937_mit-brennender-sorge_ge.html.
3
Es wird deutlich, dass sich Pius XI. offen an das deutsche Volk wendet und klar und eindeutig formuliert, was er von der NS-Ideologie hält. Sánchez bewertet diese Enzyklika als einen energischen Einspruch des Papstes gegen die Rassenpolitik in Deutschland. 2 Lill schätzt das Auftreten Pius XI. als „entschieden“ 3 ein.
Die Enzyklika wurde am 21.03.1937, am Palmsonntag in allen deutschen Kirchen verlesen. Die Reaktionen in Deutschland waren „Verhaftungen, Beschlagnahmungen, Enteignungen, [die] über die deutsche Kirche“ niedergingen. 4
Sánchez hält fest, dass die Verlesung dieser Enzyklika jedoch einen geringen Einfluss auf die deutschen Katholiken hatte. Es gäbe kein Anzeichen dafür, dass diese daraufhin das deutsche Regime weniger unterstützten. 5
Die Reaktion auf die Rassengesetze
Über die Haltung der katholischen Kirche zu den Rassengesetzen in Italien, die 1938 verabschiedet wurden, finden sich kontroverse Angaben in der Literatur. Levi schreibt: „Der Vatikan stellte das Wesen der antijüdischen Gesetze, die Mussolini so formuliert hatte, dass dem traditionellen Antijudaismus weitgehend Rechnung getragen wurde, keineswegs in Frage.“ 6 Weiter hält er fest, die Kirche habe es vorgezogen, „ im August 1938 gegenüber dem antijüdischen Feldzug und den kurz darauf verabschiedeten Rassengesetzen Stillschweigen zu bewahren.“ 7 Dann urteilt er: Für die Kirche bedeutete „Mussolinis Kurswechsel keinen Bruch mit der eigenen Vergangenheit […], sondern im Gegenteil die Wiederaufnahme und Fortführung einer seit langem bewährten antijüdischen Tradition“ 8 Im weiteren Verlauf spricht Levi sogar von einer „stillschweigende[n] Billigung der Römischen Kirche“ 9 des Antisemitismus in Italien und meint, die Kirche sah „in der Gleichgültigkeit die ihr gemäße Art, sich das Problem weitgehend vom Leib zu halten.“ 10
2 Sánchez, José M.: Pius XIII. und der Holocaust. Anatomie einer Debatte. Paderborn: Schöningh, 2003, S. 70.
3 Lill, Rudolf: Die Macht der Päpste. Kevelaer: Lahn, 2006, S. 149.
4 Brechenmacher, Thomas: Der Vatikan und die Juden. Geschichte einer unheiligen Beziehung vom 16.
Jahrhundert bis zur Gegenwart. München: Beck, 2005, S. 184.
5 Sánchez (2003), S. 106.
6 Levi, Fabio: „Die Verfolgung der italienischen Juden unter dem Faschismus“, in: Judentum und Antisemitismus
im modernen Italien: … denn in Italien haben sich die Dinge anders abgespielt, hg. von Gudrun Jäger und Liana Novelli-Glaab. Berlin: Trafo, 2007, S. 155-175. S. 164. Dabei bezieht sich Levi auf Micollis Aufsatz “Santa Sede e Chiesa italiana di fronte alle leggi antiebraiche del 1938” in: La legislazione antiebraica in Italia e in Europa, Rom, camera dei deputati, 1989.
7 Ebd. S. 164.
8 Ebd. S. 164.
9 Ebd. S. 164.
10 Levi (2007). S. 174.
4
Brechenmacher hingegen beweist anhand verschiedener Quellen, dass der Papst keineswegs geschwiegen hat. Pius XI. habe sich im Osservatore Romano kurz nachdem die Wende in der Judenpolitik eingeläutet wurde geäußert und gefragt, warum Italien es nötig habe, Deutsch-land zu imitieren. Weiter sagte er, Rassismus sei Barbarei. Daraufhin ließ der italienische Außenminister Ciano den Papst warnen, dass es, falls er sich weiter so äußere, zu einem Zusammenstoß kommen würde. Nachdem am 5. September 1938 das erste italienische Rassengesetz verabschiedet wurde, verkündete der Papst, dass der Antisemitismus mit den Grundwerten des Christentums niemals vereinbar sei. 11
Pius XI. hat sich also klar und eindeutig ausgedrückt und trotz der Drohung des Außenministers seinen Standpunkt vertreten. Von einem Schweigen kann also nicht die Rede sein. Das angebliche Stillschweigen des Heiligen Stuhls wird in manchen Publikationen (unter anderem bei Levi, siehe oben) mit einer antisemitischen Haltung der katholischen Kirche begründet, deren Ursprung im traditionellen Antijudaismus der katholischen Kirche zu sehen sei. Dies sei aber keine zutreffende Erklärung, wie Becker meint: Zwar bestünde in der katholischen Kirche ein traditioneller Antijudaismus, jedoch läge dieser auf einer „ganz anderen Ebene als der Antisemitismus, der einem modernen, biologistischen, antireligiösen Denken entsprang.“ 12 Zum Beweis führt Becker an, dass mit diesem Antijudaismus die Duldung von jüdischen Gemeinden im Kirchenstaat und in Rom vereinbar gewesen waren, was in starkem Gegensatz zum Genozid an den Juden aus ideologischen Gründen stehe. 13 Brechenmacher teilt diese Meinung und fügt hinzu, dass das in der katholischen Kirche vorherrschende Bild von den Juden zwar dazu beitrug, dass das „jüdische Problem“ nur auf dem zweiten Punkt der Tagesordnung stand. Jedoch betont er, dass beispielsweise bei Pius XII. keine Tendenz zum rassistischen Antisemitismus bestand. 14
Pius XI. hat sich also wohl zu den Rassengesetzen geäußert. Dass die Juden nicht die oberste Priorität in der Kurie besaßen, wie Brechenmacher sagt, lässt sich nicht gleichsetzen mit einer stillschweigenden Billigung und Gleichgültigkeit. Die Gründe dafür, dass das „Judenproblem“ nicht das vordringlichste Problem der Kurie im Zweiten Weltkrieg war, werden in den folgenden Kapiteln erläutert.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass die Protestpolitik Pius XI. einerseits aus energischen Einsprüchen wie zum Beispiel der Enzyklika Mit brennender Sorge bestand, andererseits aber auch den diplomatischen Weg ging, was anhand der Protestnoten deutlich wird.
11 Brechenmacher (2005), S. 188.
12 Becker, Winfried: Papst Pius XII. und sein „Schweigen“ über den Holocaust, in: Kirchliche Zeitgeschichte 18 (2005), S. 40 -67, S. 55.
13 Ebd. S. 55.
14 Brechenmacher (2005), S. 208 f.
5
Arbeit zitieren:
Ute Drechsler, 2009, Die Haltung der Päpste und der katholischen Kirche zur Judenverfolgung zwischen 1937 und 1945 , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Kirchenkampf der Bekennenden Kirche Schlesiens 1933-1945
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Rollen der christlichen Kirchen vor und in der "Braunen Dikta...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Das Verhältnis von Papst und Kaiser in Dantes Monarchia
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 16 Seiten
Wladimir Majakowski - Troubadour der Revolution oder Propagandist der ...
Kulturwissenschaften - Osteuropa
Hausarbeit, 36 Seiten
Wahrnehmung gesellschaftlicher Klassen: E.P. Thompsons Entstehung der ...
Seminararbeit, 35 Seiten
Berechnung des Reisepreises mittels Reisekatalog (Unterweisung Reiseve...
AdA Kaufmännische Berufe / Verwaltung
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 13 Seiten
Der Vatikan im Zweiten Weltkrieg - Vom Schweigen und Bekennen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 17 Seiten
Die katholische Kirche im Nationalsozialismus
Theologie - Religion als Schulfach
Referat / Aufsatz (Schule), 9 Seiten
Ute Drechsler hat einen neuen Text hochgeladen
Der Staat und die Katholische Kirche in Litauen seit dem Ende des Zwei...
Martin Jungraithmayr
Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg
Aus den Akten des Vatikans
Pierre Blet, Birgit Martens-Schöne
0 Kommentare