Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung : 3
1.1 Phänomen der Jugendsprache im historischen und gesellschaftlichen Wandel 4
2 Funktionen Jugendlicher Sprechstile 6
2.1 Versuch einer Definition von Jugendsprache 6
2.2 Soziale Funktionen 8
2.3 Psychologische Funktionen 9
2.4 Kommunikative Funktionen 10
3 Prozess Jugendlicher Sprechstile und ihre Bedeutung für die Standardsprache 11
3.1 Stilbildung 11
3.2 Re- und De- Standardisierung 12
4. Handlungswissen für angehende Lehrer und Pädagogen 13
Literaturverzeichnis 15
2
1 Einleitung :
In der folgenden Hausarbeit soll der kritische bzw. leicht misszuverstehende Begriff Jugendsprache näher erörtert werden und aus verschiedenen Perspektiven (der Historie, Sprachforschung, Soziolinguistik, Psychologie etc.) durchleuchtet werden. Ziel der Hausarbeit ist es, ein besseres Verständnis und ein fachliches Basiswissen von der Thematik zu erlangen, sowie daraus ableitende Handlungserkenntnisse für angehende Lehrer und Pädagogen zu erhalten.
Immer häufiger tritt der Begriff Jugendsprache in unserer Gesellschaft auf. Was wird zunächst mit diesem Begriff verbunden? Viele Deutsche, Pädagogen und u.a. Deutschdidaktiker assoziieren mit dem heutigen Sprachgebrauch Jugendlicher ein negativ geprägtes Bild, das von Sprachverfall, Verrohrung, Normverweigerung bis hin zur Dialogunfähigkeit reicht. 1 Diese beherrschende Meinung findet sich auch auf der Titelseite eines Spiegel Magazins - das 1984 erschien - Deutsch, Ächz, Würg. Eine Industrienation verlernt ihre Sprache 2 In den Medien scheint dieses Thema seit Ende der Dauerbrenner 3 zu sein, das u.a. Ende der 50er Jahre mit der der Halbstarken losgetreten wurde. 4 Diese Subkultur zeichnete sich durch einen angloamerikanischen
eines Motorrads, einer Niethose (Jeans), karierter Kragen- Hemden und einer Lederjacke gehörten, sowie Kaugummi kauen und zu Rock n` Roll- Musik zuhören und die damit einhergehenden Bezeichnungsnotwendigkeiten mittels Anglizismen. 5 Die öffentliche Präsens dieser Gruppe und besonders die Einflussnahme der Medien (Kino, Musik Internet verbreiteten diesen Stil weitreichend unter den Jugendgruppen. 6 Der Trend etc.)
Anglizismen zu verwenden, anstatt deutsche Äquivalente, scheint sich auch heute noch fortzusetzen und besonders durch technische Innovationen aus der Kommunikationsbranche (Handy, Internet, PC etc.) zu verstärken. 7 Die Beliebtheit von Anglizismen unter Jugendlichen geht heute sogar soweit, dass die entliehenen Fremdwörter als Kernmorpheme fungieren und durch die Anheftung von deutschen Suffixen und Präfixen eingedeutscht werden. 8 Z.B. wird das häufig verwendete englischsprachige unter Jugendlichen 9 nach deutscher Grammatik und Wortbildung, gechillt.
1 Vgl. Neuland 2000, S.109.
2 Tutsch 2009.
3 Tutsch 2009.
4 Vgl. Breyvogel 2007, S. 56.
5 Ebd. S. 50 u. S.54.
6 Ebd. S.55.
7 Vgl. Doeppner 2007, S.3.
8 Vgl. Beyer 2008, S.13.
9 Vgl. Ehmann 2005, S.38.
umgeformt. Jedoch wäre es irrtümlich anzunehmen, dass der Trend Fremdwörter in die deutsche Sprache zu integrieren, bzw. zu entlehnen ein absolut neues Phänomen unter Jugendlichen darstellt, das erst mit der zunehmenden Globalisierung Mitte des 20.Jahrunderts eingesetzt hat. 10
1.1 Phänomen der Jugendsprache im historischen und gesellschaftlichen Wandel
Durch schriftliche Aufzeichnungen, erste Wortlexika, Wortsammlungen und antike Literatur konnten insbesondere unter den männlichen Studenten (in Halle, Leipzig, Gießen, Jena und Göttingen) im 18. Burschikosen, Abweichungen von
der Standardsprache festgestellt werden. 11 Diese Abweichungen finden nicht nur in ihrer Entstehungsweise und ihren Funktionen Kongruenz zu den Normabweichungen heutiger jugendlicher Sprechweisen, sondern auch in ihrer Wirkung auf die Gesellschaft. Sie haben Empörung und größte Geringschätzung unter den Eltern der Studenten und den Regierenden hervorgerufen. 12 Die Eltern forderten u.a. ihre studierenden Kinder in Mahnbriefen auf, sich zu bessern und an ihren Tugenden festzuhalten. 13 Denn die sprachlichen Normbrüche waren ebenso mit moralischen Normbrüchen, bzw. mit einem ausschweifenden Leben, dem freiheitlich- burschikosen Lebensstil 14 (saufen, spielen, Liebesbelustigungen etc.) verbunden. Solche Exzesse wurden im Zuge dieser Entwicklungen außerdem vom Staat gesetzlich verboten und mit Gefängnisstrafen sanktioniert. 15 Die Anklage der herabblickenden Generation auf die Jugend erinnert zu einem gewissen Grad an heutige Verhältnisse. Bei näherer Betrachtung der Entstehungsweise dieser Studentensprache lassen sich jedoch noch andere interessante Parallelen zur heutigen Sprechweise Jugendlicher finden: Z.B. wurden anstatt englische, lateinische Fremdwörter und griechische Fremdwörter entliehen und in den eigenen Sprachgebrauch überführt, wobei die Beherrschung dieser antiken Sprachen als Statussymbol der Gebildeten und Gelehrten angesehen wurde. 16 Die lateinischen Wörter, die in diesem Prozess in den deutschen Wortschatz der Studentenschaft aufgenommen wurden, zeigen auf, dass die junge Generation die überlieferten Werte und das Ehrgefühl für die lateinische Sprache (als Statussymbol) anders wahrnahmen als die ältere Generation und diese auf ironische und
10 Vgl. Lachnit, 2001, S. 18.
11 Vgl. Neuland,2007 S.96.
12 Vgl. Ebd. S.98.
13 Vgl. Ebd. S.98.
14 Vgl. Ebd. S.98.
15 Vgl. Ebd. S.108.
16 Vgl. Lachnit, 2001, S.18.
distanzierende Weise für ihre Zwecke verfremdeten. 17 Dabei wurden lateinische Begriffe auf komische Weise eingedeutscht und kombiniert, wie folgende Beispiele deutlich machen: in Schwulibus sein, Schimpfiade,
Sauhundiade und Albertät 18 Es findet so außerdem eine Bedeutungsverschiebung und Erweiterung dieser Wörter statt. Wesentlich hierbei ist jedoch, dass nur die eingeweihte Sprechergruppe der Studenten diese erweiterten Bedeutungen verstehen kann, die eng an den Gebrauch der lateinischen Wissenschaftssprache (die im Volk sowieso weniger verbreitet war) gekoppelt sind. Damit wird auch ein exklusiver Sprachgebrauch hervorgebracht, der die Studentengruppe wiederum von Außenstehenden abgrenzt. Diese Abgrenzung wurde u.a. auch durch spezielle Bezeichnungen für Nicht- Zugehörige (zu der Gruppe der Studentenschaft) intensiviert wie Allgemein Philister (Geld-, Bier-, Pferdephilister), Gnoten (Handwerksgesellen), Schurren 19 Frauen wurden Flor-, Cattun-, Wasch-, Küchenbesen oder
nach ihrer Käuflichkeit: Schnalle, Nymphe, Zobel 20 Aber auch innerhalb der Gruppe der Studenten wurde nach Wohnort, Stand im Studium, Auszeichnung und Ferne im Burschentum differenziert. 21 Solche Macht- und Statuskämpfe wurden und werden auch heute noch unter Jugendlichen auf der verbalen Ebene ausgetragen. Die differenzierte Sprache und der ausgefallene Wortschatz Jugendlicher als auch Junger-Erwachsener und Studenten ist ein Ausdruck oder Spiegel für bedeutsame Erfahrungen ihrer Lebenswelt. 22 So kam es z.B. zu folgenden lexikalischen Wortbildungen der Burschikosen, einschreiben,
Die Studentensprache wurde desweiteren durch Randgruppen, z.B. den Gaunern (und ihrem Rotwelsch), von Soldaten, jüdischen Händlern, Trödlern, durch die Sprache der Bordelle und Kellner beeinflusst und erweitert. 24 Hierbei übernahmen die Studenten Wörter und spezielle Bezeichnungen aus den Themenfeldern (der Sexualität, Spiel, Geld etc.), die für sie von erheblicher Bedeutung waren, (jedoch sprachlich und kulturell von der Erwachsenenwelt reglementiert wurden und für sie somit eingeschränkt zugänglich
17 Vgl. Neuland, S.105.
18 Ebd. S.105.
19 Ebd. S.102.
20 Ebd. S.102.
21 Vgl. Ebd.
22 Vgl. Lachnit 2001, S.21.
23 Neuland 2007
24 Vgl. Ebd. S.105.
Arbeit zitieren:
Steffen Schulze, 2010, Einsichten in die Entstehungsweise und die Funktionen der Jugendsprache - Handlungsanweisungen für angehende Lehre, München, GRIN Verlag GmbH
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