Spricht man über Reisebeschreibungen im literarischen Sinne, so gibt es mehrere Formen, die sich mit der Beschreibung einer Reise beschäftigen. Während der Schwerpunkt bei den einen auf die Mühen und Erlebnisse auf der Hinfahrt gesetzt sind, liegt der Fokus beim anderen Typus auf den Erlebnissen während der Heimfahrt (Haug 2005: 37). Aber auch eine dritte literarische Kategorie lässt sich finden, die die Reise als eine Umherfahrt mit verschiedenen Stationen beschreibt, die jede für sich eine Handlung bietet und scheinbar wahllos aneinander gesetzt sind (Haug 2005: 38). Wenn man die Beschreibung der Reise des Heiligen Brendan klassifizieren möchte, kommt diese am ehesten diesen Typus nahe, der als Imram bezeichnet wird.
Der irische Abt, der im 6. Jahrhundert (Strohschneider 1997: 4) eine Reise zu der scheinbar himmlischen Insel „Terra repromissionis sanctorum“ unternimmt (Jacobsen 1998: 67) findet sich in mannigfaltiger Überlieferung. Allein die ursprüngliche Navigatio sancti Brendani findet sich in über 120 mittelalterlichen Handschriften wieder (Jacobsen 1998: 63). Daneben existieren unterschiedliche Fassungen mit unterschiedlich reicher rhetorischer Ausgestaltung in lateinischer Sprache. Von diesen lassen sich die Übersetzungen in die „Vulgärsprachen“ (zit. Haug 2005: 41) herleiten. Parallel existiert in wohl ursprünglich mittelfränkischer Tradition eine weitere Version der Brendanerzählung die als „Reisefassung“ bekannt geworden ist (Beckers 1989: 41). Die Verbreitung dieser Fassung hat sich auf den niederländischen und nieder- und hochdeutschen Raum beschränkt.
Es sind grundlegend also zwei verschiedene Fassungen vorhanden, die aus unterschiedlicher Tradition stammen und (wenn sie auch in vielen Gemeinsamkeiten aufweisen) doch viele unterschiedliche Aspekte beinhalten. Diese beginnen, wie erwähnt, bei der Entstehung und Überlieferung, setzen sich über die unterschiedlichen Intentionen zur Reise bis zum gesamten Verlauf an sich fort.
Diese Arbeit versucht daher, diese beiden Versionen (also die 'Navigatio' und die Reisefassung) zu vergleichen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.
Gliederung
1. Einleitung
2. Entstehung und Überlieferung
2.1 Navigatio
2.2 Reisefassung
3. Inhaltlicher Vergleich im Hinblick auf
3.1 Überlieferung, Ziel und Gründe zur Ausfahrt
3.1.1 Navigatio
3.1.2 Reisefassung
3.2 Bestand an Episoden
3.2.1 Navigatio und Reisefassung
3.2.2 In den einzelnen Fassungen
4. Ausführliche Betrachtung einer Episode
4.1 Navigatio
4.2 Reisefassung
4.3 Vergleich
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich dem systematischen Vergleich der zwei zentralen Überlieferungsformen der Legende vom Heiligen Brendan: der lateinischen "Navigatio" und der sogenannten "Reisefassung". Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der inhaltlichen Struktur, der Motivation der Reise sowie der Ausgestaltung einzelner Episoden herauszuarbeiten und die forschungsgeschichtliche Debatte um die Abhängigkeit der Texte kritisch zu beleuchten.
- Analyse der Entstehungsgeschichte und Überlieferungswege beider Textvarianten.
- Kontrastierung der zugrunde liegenden Motivationsstrukturen und Ausfahrtsgründe.
- Untersuchung des Episodenbestands und dessen Varianz in den verschiedenen Handschriften.
- Detaillierte vergleichende Betrachtung der Judas-Episode als Fallbeispiel.
- Einordnung der Texte in den Kontext mittelalterlicher Reiseliteratur und christlicher Allegorik.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Navigatio und Reisefassung
Beide Versionen weisen zunächst eine einleitende Passage auf, in der die Motivation zur Ausfahrt und die Reisevorbereitungen geschildert werden. Inhaltlich sind hier jedoch große Unterschiede zu finden (siehe 3.1) (vgl. Jacobsen 2001: 7-20 und Hahn/Fasbender 2002 V1-138).
Die Einleitung in der Navigatio erfolgt durch den bereits erwähnten Besuch von Brendans Neffen Barinthus, im Anschluss daran erfolgten die Reisevorbereitungen, die mit einer vierzig tägigen Fastenzeit beginnen. Im Anschluss daran lässt der Abt ein Schiff bauen und seine Mönche, inklusive der drei Überzähligen, einsteigen (vgl. Jacobsen 2001: 7-14).
Die eigentliche Fahrt beginnt in der Reisefassung mit einer Episode, die den Kampf zwischen den Drachen, der das Schiff der Reisenden bedroht, und einem Hirsch (vgl. Hahn/Fasbender 2002: V. 146-164) beschreibt. Eine vergleichbare Handlung findet sich im späteren Verlauf in der Navigatio in Kapitel 16 (vgl Jacobsen 2001: 46f.). Hier wird von zwei Untieren erzählt, die miteinander kämpfen, nachdem das eine das Schiff bedroht.
Auch die folgende Handlung findet sich in beiden Fassungen wieder, wenn auch wieder später: Die Reisenden legen an einer sonderbaren Insel an, die in beiden Fassungen mit Bäumen bewachsen ist (Vgl. Hahn/Fassbender 2002: V. 165-226 und Jacobsen 2001: 23-24). Nachdem die Mönche dort übernachtet haben, stellt sich heraus, dass es sich nicht um eine Insel, sondern um einen riesigen Wahl handelt, der ruhig im Meer ruhte, und nach deren Verlassen abtauchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der verschiedenen Überlieferungsformen der Brendan-Reise ein und definiert das Ziel des Vergleichs zwischen Navigatio und Reisefassung.
2. Entstehung und Überlieferung: Hier werden die wissenschaftlichen Grundlagen zur Entstehung der Navigatio sowie der verschiedenen Stränge der Reisefassung erläutert.
3. Inhaltlicher Vergleich im Hinblick auf: In diesem Kapitel werden die strukturellen und inhaltlichen Unterschiede bei der Motivation zur Ausfahrt sowie beim Bestand der einzelnen Episoden analysiert.
4. Ausführliche Betrachtung einer Episode: Dieser Teil widmet sich einer exemplarischen Analyse der Judas-Episode in beiden Fassungen, um die inhaltlichen Differenzen konkret aufzuzeigen.
5. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse des Vergleichs werden zusammengefasst und die These einer gemeinsamen Urform der Brendan-Legende noch einmal reflektiert.
Schlüsselwörter
Heiliger Brendan, Navigatio sancti Brendani, Reisefassung, mittelalterliche Literatur, Überlieferungsgeschichte, Episodenanalyse, Judas-Episode, Terra repromissionis sanctorum, vergleichende Literaturwissenschaft, Imram, Hagiographie, Reisebericht, Motivforschung, christliche Allegorik, Manuskripte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die zwei Hauptüberlieferungen der Legende des Heiligen Brendan: die lateinische "Navigatio" und die deutsche "Reisefassung", um deren inhaltliche und strukturelle Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literarische Einordnung der Brendan-Reise, die philologische Analyse der verschiedenen Handschriftenstränge sowie die Untersuchung der unterschiedlichen Intentionen und Motivationsgründe für die Reise in den beiden Fassungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, das Verhältnis der beiden Versionen zueinander zu bestimmen und zu klären, ob die Reisefassung als unabhängiger Text oder als abhängige Adaption der Navigatio zu betrachten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deskriptiv-vergleichende Methode, bei der sowohl die Überlieferungsgeschichte als auch der konkrete Episodeninhalt kritisch gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Überlieferungsbedingungen, den Vergleich der Reiseziele und -gründe, die Auflistung und Prüfung des Episodenbestands sowie eine vertiefende Fallstudie zur Judas-Episode.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Heiliger Brendan, Navigatio, Reisefassung, Hagiographie, Überlieferungsgeschichte und vergleichende Literaturanalyse charakterisiert.
Warum ist der Vergleich der Judas-Episode in der Arbeit so wichtig?
Die Judas-Episode dient als signifikantes Fallbeispiel, da sie in beiden Fassungen vorkommt, aber durch den unterschiedlichen Umgang mit der Bestrafung Judas' die abweichenden theologischen und intentionellen Ansätze der Autoren verdeutlicht.
Welche Rolle spielt die "Terra repromissionis sanctorum" in den Texten?
Sie fungiert als symbolisches Ziel der Reise, wobei ihre Bedeutung in der Navigatio eher als spiritueller Ort der Verheißung und in der Reisefassung als integraler Bestandteil der Bußfahrt unterschiedlich akzentuiert wird.
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- Bastian Hoffmann (Author), 2009, Die Reise des Heiligen Brendan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152323