1. Einleitung
Konstantin der Große als ein Faszinosum der Spätantike, sollte postum prägend für eine ebenfalls große Epoche der Historie sein, dem Mittelalter. War er es doch angeblich, der das Christentum in seiner Gänze begründete und das Handeln des im Mittelalter dominierenden Papsttums legitimierte. Es gibt in der modernen Forschung nur wenige antike Persönlichkeiten, die in der modernen Forschung so häufig und so kontrovers diskutiert worden sind wie Konstantin der Große; Urteile reichen vom politischen Pragmatismus, bis hin zur mythologischen Suprematie. Erschwerend für die Forscher ist die Frage nach der Motivation für das jeweilige Handeln Konstantins, da es aufgrund von nachträglicher christlicher Einfärbung quasi unmöglich ist, Ursachenforschung in der Kindheit und Jugend zu betreiben. Darüber hinaus leidet die Debatte unter der allgemein schwierigen Quellenlage, da neben den kurzen Breviarien des 4. Jahrhunderts vorwiegend spätere, häufig tendenziöse Berichte zur Verfügung stehen und auch Insignien kaiserlicher Macht - wie sie die Epigraphik und Numismatik erforscht - selten gesicherte und nicht von Selbstdarstellungen durchtränkte Daten und Ergebnisse bieten. Auch ist es diffizil, einen Mittelweg bezüglich der Interpretation zwischen pro- und antichristlichen Tendenzen zu finden, da entweder eine Christianisierung mit einer im Rückblick geglätteten Lebens- und Wirkungsgeschichte Konstantins aufwartet, oder aber demgegenüber eine Perhorreszierung des Kaisers durch heidnische Werke stattfand. Diese Arbeit soll sich einleitend mit der Tetrarchie unter Diokletian auseinandersetzen, denn die Vermittlung von Konstantins anfänglicher Umwelt ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor; kann diese doch als prägend für sein späteres Handeln angesehen werden. Im Zentrum dieser Arbeit stehen - retrospektiv betrachtet - bedeutende Zäsuren, die Konstantins Leben und die Beschaffenheit seiner Umwelt gänzlich umgestalten sollten, ergo wird seiner Kaiserkrönung im Jahre 306 n. Chr. und der siegreichen Schlacht über Maxentius am Pons Milvius (Milvische Brücke) am 28. Oktober 312 n. Chr. genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet, wie seiner Erringung der Alleinherrschaft im Jahre 324 n. Chr. gegenüber Licinius. Anhand der soeben genannten und dieser Arbeit gesetzten Themenschwerpunkte soll also der Versuch unternommen werden, die scheinbare Ambivalenz von Konstantins jeweiligem Handeln mit Rücksicht auf den historischen Kontext aufzuklären.
Die Frage nach der Motivation und Legitimation seines Handelns ist zwar nicht Thema dieser Arbeit; die Ambivalenz seiner Bekehrung zum Christentum als dessen konstituierendes Element wirft jedoch die abschließend zu beantwortende Frage auf, ob Konstantins Begünstigung des Christentums auf politisches Machtkalkül oder aber auf religiöse Überzeugung zurückzuführen ist.
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2. Die Grundzüge und Einflusssphären der Tetrarchie unter Diokletian
Es ist prinzipiell davon auszugehen, dass die Omnipräsenz des Religiösen auch schon vor 306 n. Chr., dem Jahr der Kaiserkrönung Konstantins, von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. „Die Herrscher bezogen sich und ihre Macht auf die traditionellen Götter und verbanden dieses Selbstverständnis mit dem >..@ Anspruch, allein dafür verantwortlich zu sein, die Kommunikation mit den Göttern zu regeln und die religiösen Beziehungen in Ordnung zu halten.“ 1 Die von Diokletian - wegen der tendenziell zur Instabilität neigenden Entwicklungen des 3. Jahrhunderts - initiierte theokratische Herrschaftsideologie der Tetrarchie propagierte die Etablierung einer kaiserlichen Familie von Iupiter- und Herkulesabkömmlingen, wonach sich zwei Kaiser als so genannte „Iovii“ und zwei als „Herculii“ verstanden, die eine irdische Herrschaft in kosmischer Harmonie ausübten und darüber hinaus durch Gott in ihrem Handeln legitimiert waren. Die Religion fungierte demnach nach außen als wichtigste Basis und wirksamster Schutz der kaiserlichen Herrschaft. 2
Da liegt es nicht fern, dass diejenigen, die diese für das Staatswohl und die Existenz überhaupt unentbehrlichen Gottheiten prinzipiell ablehnten, als Häretiker abgetan und verfolgt wurden. Die Christen „bekannten sich zwar zum Staat und zum Kaiser als von Gott eingesetzter Autorität, verwarfen aber kultische Handlungen für den Kaiser als Idolatrie, als Götzendienst;“ 3 sie huldigten nämlich nur einem Gott. „Christsein zeichnet sich also durch „Verachtung“ für die imagines, die Götterbilder, aus, womit offensichtlich die Verweigerung des colere gemeint ist, also aller Formen des Götterkultes.“ 4 Die Intoleranz der Tetrarchen gipfelte letztendlich in einer per Dekret am 23. Februar 303 n. Chr. legitimierten Christenverfolgung, wodurch christliche Kirchen zerstört, die heiligen Schriften verbrannt und christliche Kleriker dem heidnischen Opfergebot unterworfen wurden. 5 Konstantin konnte vor diesen schändlichen Taten nicht die Augen verschließen, denn sein Vater Konstantius (I.) Chlorus verhielt sich als Tetrarch den Christen gegenüber zwar relativ gemäßigt, dennoch war dieser ein verantwortlicher Urheber und Exekutor.
Ein Argument für Konstantins innerliche, tendenziell zum Christentum neigende Haltung wäre die ihm unterstellte Menschlichkeit. Konstantin könnte in dieser Situation der Intoleranz
1 Clauss, Manfred: Konstantin der Große und seine Zeit, München 1996, S. 15.
2 Vgl. Brandt, Hartwin: Konstantin der Große. Der erste christliche Kaiser - Eine Biographie, München 2006,
S. 19f.
3 Clauss, Manfred: Konstantin der Große und seine Zeit, München 1996, S. 16f.
4 Girardet, Klaus Martin: Die Konstantinische Wende und ihre Bedeutung für das Reich. Althistorische Überle-
gungen zu den geistigen Grundlagen der Religionspolitik Konstantins d. Gr., in: Mühlenberg, Ekkehard (Hrsg.):
Die konstantinische Wende, Gütersloh 1998, S. 29.
5 Vgl. Brandt, Hartwin: Konstantin der Große. Der erste christliche Kaiser - Eine Biographie, München 2006,
S. 21.
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und Ungerechtigkeit gegenüber den Christen eventuell den ersten Anflug von Sympathieresultierend aus Mitleid - erlebt haben. Darüber hinaus gibt Hartwin Brandt zu verstehen: „Konstantin war folglich von Jugend an in besonderem Maße mit der Omnipräsenz des Göttlichen vertraut, und die frühesten >...@ Hinweise auf seine Nähe zum potentiell monotheistischen Kult des Sonnengottes Sol lassen im Rückblick seine „Anfälligkeit“ für das mit Lichtsymbolik eng vertraute monotheistische Christentum plausibel erscheinen.“ 6 Das tetrarchische System sollte jedoch an seinen beiden originellsten und zugleich revolutionärsten Elementen scheitern: an der Idee der freiwilligen Abdankung und an dem Ausschluss der leiblichen Kaisersöhne von der Nachfolge. 7 „Denn gemäß dem >...@ erkennbaren Rotationsprinzip der Tetrarchie war zwingend vorgesehen, dass die zwei Augusti nach einer Regierungszeit von zwanzig Jahren freiwillig abdanken, die bis dahin zehn Jahre lang mitregierenden Caesares zu neuen Augusti avancieren und ihrerseits zwei neue Caesares kooptieren sollten, um dann nach weiteren zehn Jahren ebenfalls abzudanken.“ 8 Auch sollte der Ausschluss leiblicher Familienmitglieder von dem Herrschaftskollegium die zeitlich unbegrenzte Fortdauer des Kooptationsverfahrens gewährleisten, „bei dem im Idealfall nur die besten und leistungsfähigsten Kandidaten zum Zuge kommen sollten, und zugleich jedem potentiellen Usur-pator a priori jegliche Legitimation vorenthalten, da ihm die göttliche Abstammung und Beauftragung als Iupiter- bzw. Herkulesabkömmling fehlen würde.“ 9
Die Auswahl der Besten jedoch, setzte sich gerade bei den Truppen nicht durch, die mehr auf die Kontinuität der Familientradition setzten. 10 Denn nachdem Konstantins Vater 306 n. Chr. in Britannien starb, waren es die Truppen, die Konstantin unverzüglich am 25. Juli 306 n. Chr. zum vorläufigen Augustus ausriefen. „Wie Alexander in das Werk Phillips von Makedonien, so trat Konstantin in das seines Vaters ein.“ 11
3. Die Kaiserkrönung Konstantins im Jahre 306 n. Chr.
Wie oben bereits erwähnt ist Konstantin unrechtmäßig zum Nachfolger seines Vaters und eo ipso zum unwillkommenen Mitglied des amtierenden tetrarchischen Kaiserkollegiums ernannt worden. Ist in der Zeit vor der Kaiserkrönung von Konstantin wenig vernommen worden, so schärfte er ab dem Jahr 306 n. Chr. umso mehr sein Profil. Hartwin Brandt spricht Konstantin
6 Brandt, Hartwin: Konstantin der Große. Der erste christliche Kaiser - Eine Biographie, München 2006, S. 21.
7 Vgl. Brandt, Hartwin: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Diokletian und Konstantin bis zum Ende der
konstantinischen Dynastie (284-363), in: Bringmann, Klaus u.a. (Hrsg.): Studienbücher - Geschichte und Kultur
der Alten Welt, Berlin 1998, S. 27.
8 Brandt, Hartwin: Konstantin der Große. Der erste christliche Kaiser - Eine Biographie, München 2006, S. 30.
9 Ebd. S. 31.
10 Vgl. Clauss, Manfred: Konstantin der Große und seine Zeit, München 1996, S. 21.
11 Dörries, Hermann: Konstantin der Große, Stuttgart 1958, S. 21.
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in diesem Kontext eine politische Geburt auf dem Wege der Usurpation zu. Diese Usurpation stellte wie oben bereits erwähnt für die Tetrarchie eine enorme Belastungsprobe dar. Lag Konstantins politische Zukunft auf der einen Seite zunächst in den Händen der Tetrarchie, musste diese - dem leiblichen Sohn eines früheren Tetrarchen und situationsbedingtem Usur-pator eigentlich verschlossene Ordnung - auf der anderen Seite Konstantin zu integrieren versuchen, damit sie im Kern nicht dauerhaft einen Schaden nehmen oder gar zerschlagen würde. 12 Galerius, der Sachverwalter des einst von Diokletian ins Werk gesetzten tetrarchischen Regierungssystems, reagierte pragmatisch und rational, indem er Konstantin eine Kompromisslösung anbot, die vorsah, dass dieser auf die Augustuswürde verzichten und sich mit dem Caesariat begnügen musste. „Damit war die dritte Tetrarchie etabliert und das System zumindest notdürftig repariert worden, und gemäß der informellen Aufteilung des römischen Reiches in tetrarchische Operationsbezirke oblag es dem neuen Caesar Konstantin künftig, im westlichsten Reichsteil die gemeinsame Herrschaft auszuüben, also in Britannien, Gallien, Spanien und dem nordwestlichen Africa.“ 13
Der nun nach dem tetrarchischen System unrechtmäßige Kaiser Konstantin sollte zwar den Sonnengott als Schutzgott übernehmen, genauer gesagt war es für Konstantin der Sol Invictus, der unbesiegte Gott; nichtsdestotrotz sollte er aber mehr schlecht als recht integriert werden und stetig mit Machtansprüchen seitens der anderen im Bunde der Vierkaiserherrschaft zu kämpfen haben. Darüber hinaus blieb ihm die Funktion eines Augustus bis zur faktischen Beerdigung der Tetrarchie im Jahre 310 n. Chr. verwehrt. Sein außenpolitischer Modus Procedendi war trotz der Fortführung der väterlichen Grundsätze jedoch so rücksichtsvoll auf die Heimatfront mit Maximian, Maxentius und Licinius gewählt, dass seine Sicherheitspolitik des jeweiligen Status quo als konstituierendes Element seiner Standfestigkeit fungieren sollte. 14 „Auch im innersten Bereich hat sich Konstantin dem Vater verbunden gefühlt. >...@ Ihm schien vereinbar, was Diokletian als unverträglich erkannte.“ 15
3.1 Die positive Christenpolitik
Zur Religionspolitik Konstantins zwischen 306 und 312 n. Chr. muss festgehalten werden, dass die Überlieferung schweigt. Zwar heißt es anlässlich der Kaisererhebung Konstantins bei der einzigen einschlägigen literarischen Äußerung des Laktanz: „Nach der Übernahme der
12 Vgl. Brandt, Hartwin: Konstantin der Große. Der erste christliche Kaiser - Eine Biographie, München 2006,
S. 28-32.
13 Ebd. S. 32f.
14 Vgl. Barceló, Pedro A.: Roms auswärtige Beziehungen unter der Constantinischen Dynastie (306-363), Eich-
stätter Beiträge, Band 3, Regensburg 1981, S. 22.
15 Dörries, Herrmann: Konstantin der Große, Stuttgart, 1958, S. 21f.
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Alexis Demos, 2006, Konstantin der Große, München, GRIN Verlag GmbH
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