Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die drei Ebenen 4
2.1. Möglichkeiten der Verknüpfung eines Werkes mit dem 4
zeitgeschichtlichen Kontext
2.2. Die zeitliche Architektur des Romans „Brat´ja Karamazovy“ im 5
Spiegel der Realität
2.3. Andere Erklärungsmodelle 6
3. Parallelen zu realen Prozessen 8
3.1. Der Kroneberg-Prozess 8
3.2. Der Fall Vera Zasulič 9
4. Die Bauern und das Fehlurteil 11
4.1. Den Bauern wird eine neue Rolle zugewiesen 11
4.2. Zwei Welten prallen aufeinander - Rechtsdualismus in 12
Russland und dessen Konsequenzen
4.3. Warum gibt Dostoevskij den Bauern die Macht? 13
5. Das Werk als Spiegel der Realität 16
6. Literaturverzeichnis 17
6.1. Primärliteratur 17
6.2. Sekundärliteratur 17
1. Einleitung
Jedes künstlerische Werk, sei es ein Film, ein Song oder eben ein Roman, ist ein Kind seiner Zeit, das eine mehr, das andere weniger. So reicht die breite Palette von zeitgeschichtlichen Dokumenten, die Geschehenes objektiv und sachlich oder Erlebtes subjektiv und emotionsgeladen widerspiegeln, aber in beiden Fällen orientiert an bestimmten Ereignissen (man denke nur an die deutsche Wiedervereinigung, die in vielen Liedern, Büchern und Filmen auf beiderlei Art und Weise verarbeitet wurde) bis zu fiktiven Werken, die auf den ersten Blick völlig losgelöst scheinen von historischen Hintergründen, weil die Handlung eben nicht auf wahren Begebenheiten beruht. Doch auch hier kann eine Prüfung auf den zeitgeschichtlichen Kontext sehr interessante Ergebnisse zu Tage fördern. Der Teufel liegt hier meist im (versteckten) Detail, was es umso interessanter macht. Zu beachten ist hierbei, dass der zeitgenössische Leser über Grundlagenwissen verfügt, auf welches das Publikum späterer Generationen nicht mehr zugreifen kann, weil es nicht in dieser Zeit lebte. Diesen historischen Background muss sich der geneigte Leser erst aneignen, will er einige Hintergründe besser verstehen.
Im Folgenden soll anhand des zeitgeschichtlichen Kontexts aufgezeigt werden, inwieweit Dostoevskijs Roman „Brat´ja Karamazovy“ mit realen Hintergründen verwebt ist und ob die Gestaltung der Gerichtsverhandlung typisch für die Ereignisse jener Tage ist. Dazu soll erst eine allgemeine Betrachtung zum Wie und Warum der zeitlichen Romanarchitektur vorgenommen werden, um in der Folge Parallelen zu reellen Ereignissen aufzuzeigen und schlussendlich die Frage zu klären, warum die Ge-richtsverhandlung, die Geschworenenjury und vor allem das Urteil gerade so kon- struiert wurden, wie sie sie konstruiert wurden.
2. Die drei Ebenen
2.1. Möglichkeiten der Verknüpfung eines Werkes mit dem zeitgeschichtlichen
Kontext
Ein Werk kann auf verschiedene Art und Weise mit der Realität und dem zeitgeschichtlichen Kontext verknüpft sein. Zum Einen kann dies sehr vordergründig und plakativ geschehen, indem etwa wirklich geschehene Ereignisse in den Plot einge-bunden werden. Etwas subtiler ist dann schon die Namensgebung der Protagonisten angesiedelt. So können diese zum Beispiel nach zur Zeit der Entstehung des Werkes berühmten, besonders beliebten oder streitbaren Persönlichkeiten benannt werden, ohne wirklich etwas mit ihnen zu tun zu haben. Natürlich wird dabei liebend gerne in Kauf genommen, dass der Leser unwillkürlich bestimmte Eigenschaften der reellen Figur auf den fiktiven Charakter übertragen könnte (Auch Dostoevskij hat sich bei der Benennung der handelnden Personen sehr viel Mühe gegeben, verfuhr allerdings nicht nach eben genanntem Muster, sondern nutze weitaus diffizilere Assoziationsmöglichkeiten. So passiert es zum Beispiel bei Fedor Pavlovič das einzige Mal bei Dostoevskij, dass eine Figur den Vornamen ihres Autors trägt. So wählt er zum Beispiel mit dem Namen Ivan einen Namen, mit dem der „Prototyp“ des Russen assoziiert wird, obwohl Ivan Karamazov alles andere als ein gewöhnlicher Durchschnittsmensch ist. Die erwünschte Wirkung war hier also ähnlich der der zuvor erwähnten Methode: Im Leser werden allein durch die Namensgebung Erwartungen geweckt. Diese werden hier allerdings nicht erfüllt, der Leser wird diesbezüglich manipuliert 1 ). Schlussendlich gibt es Verknüpfungsmethoden, die derart versteckt und raffiniert sind, dass es intensiver Beschäftigung mit dem Werk bedarf, um sie überhaupt zu bemerken. Auf dieser Ebene könnte etwa die zeitliche Architektur des Romans „Brat´ja Karamazovy“ verortet sein.
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2.2. Die zeitliche Architektur des Romans „Brat´ja Karamazovy“ im Spiegel der Realität
Die Handlung des Werkes ist auf drei zeitlichen Ebenen angesiedelt. Die eigentliche Handlung findet an nur sieben Tagen (vier im August und drei im November) im Jahr 1866 statt. Die in der Exposition stattfindenden Ereignisse jedoch beginnen schon um das Jahr 1800 herum mit der Geburt Zosimas. Der Zeitpunkt der Erzählung schließlich liegt im Jahr 1879, dies ist also für den Chronisten die Gegenwart 2 . Das alles ist insofern besonders spannend, weil dies auch in der russischen Wirklichkeit drei aufregende Epochen waren. Der erste Zeitabschnitt war geprägt von Unzufriedenheit und revolutionären Ideen, die von Europa her überschwappten und sich in Zirkeln wie dem der Petraševskij-Gruppe entzündeten. Auch Dostoevskij war ein Mitglied dieser Gruppe, und sollte dafür mit dem Tode bestraft werden, erfuhr jedoch auf dem Schafott von der gnädigen Umwandlung der Strafe in Zwangsarbeit in Sibirien 3 . Er bekam noch das alte, von Gewaltenmischung und Willkür geprägte Justizsystem am eigenen Leibe zu spüren 4 . Viele Jahre musste er in Gesellschaft von Mördern und Brandstiftern harte körperliche Arbeit verrichten. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts dann läutete Aleksandr II eine Reformwelle ein, von der die Justizre-form von 1864 klar und deutlich das Sahneschnittchen darstellte. An Stelle einer korrupten „´Klassenjustiz´ des Adels“ traten nun eher europäisch anmutende Grundsätze wie die „Gleichheit aller vor dem Gesetz“, die „Öffentlichkeit des Prozesses“, unabsetzbare und unabhängige Richter sowie das Recht des Angeklagten auf einen Verteidiger. Neu waren auch die Regelungen zur Voruntersuchung, welche der Polizei entzogen und besonderen Untersuchungsrichtern anvertraut wurde 5 , sowie die Einführung des Geschworenengerichts 6 . Just in die Anfangszeit dieses spektakulären Aufbruchs in ein neues juristisches Zeitalter fällt die eigentliche Handlung des Romans, das neue Rechtssystem ist gerade mal zwei Jahre jung und leidet noch an etlichen Kinderkrankheiten, was später exemplarisch am Beispiel der Geschworenen erläutert werden soll. Bezeichnend ist Dostoevskijs Wahl dieses zeitlichen Handlungsrahmens, schrieb er den Roman doch erst 13 Jahre später und hätte demzufol-
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Arbeit zitieren:
Mirco Böhm, 2010, Ein Kind seiner Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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