Bachelor-Thesis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort (Oehrli R./Lulgjuraj N.)
Abkürzungsverzeichnis
Abstract (Oehrli R./Lulgjuraj N.)
1 Einleitung (Oehrli R./Lulgjuraj N.) 1
1.1 Vorverständnis 2
1.2 Gemeinsame Motivation 4
1.2.1 Motivation von Rahel Oehrli 5
1.2.2 Motivation von Nikol Lulgjuraj 5
1.3 Fragestellung und Thesen 6
1.4 Methode und Schwerpunkt 7
1.5 Aktueller kritischer Diskurs und Literatur 8
1.6 Aufbau 10
2 Begriffsklärung (Oehrli R./Lulgjuraj N.) 12
2.1 Kognitive Beeinträchtigung 12
2.1.1 Vorbemerkung und Begriffswahl 12
2.1.2 Psychologische, medizinische, soziologische und pädagogische Sichtweise 14
2.1.3 Zum Begriff leichte kognitive Beeinträchtigung 16
2.2 Junges Erwachsenenalter 17
2.2.1 Zum Begriff junge Erwachsene 17
2.2.2 Zum Begriff junge Erwachsene mit leichter kognitiver Beeinträchtigung 18
2.3 Homosexualität 18
2.3.1 Zum Begriff Homosexualität 18
2.3.2 Zum Begriff Lesbe 20
2.3.3 Zum Begriff Schwule 21
2.4 Doppeltes Coming-out 22
2.4.1 Zum Begriff Coming-out 22
2.4.2 Zum Begriff doppeltes Coming-out 22
2.5 Mehrfache Stigmatisierung 23
2.5.1 Zum Begriff Stigmatisierung 24
2.5.2 Zum Begriff mehrfache Stigmatisierung 24
2.6 Krise und Bewältigung 25
2.6.1 Zum Begriff Krise 25
2.6.2 Zum Begriff Bewältigung 27
2.7 Soziale Arbeit 27
2.7.1 Zum Begriff Soziale Arbeit 27
2.7.2 Zum Begriff Sonderpädagogik 28
3 Gesellschaft und Soziale Arbeit vs. Beeinträchtigung und (Homo-)Sexualität
(Oehrli R./Lulgjuraj N.) 30
3.1 Soziale Probleme der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit bezüglich Sexualität
(Oehrli R.) 30
3.1.1 Gesellschaft in Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität 31
3.1.2 Soziale Arbeit in Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität 32
3.1.3 Befragung von sozialen Institutionen in Verbindung mit Sexualität 34
Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung
Bachelor-Thesis
3.2 Gesellschaft in Verbindung mit weiblicher und männlicher Homosexualität
(Lulgjuraj N.) 36
3.2.1 Historischer Abriss der Homosexualität aus gesellschaftlicher Perspektive 37
3.2.2 Befragung von Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung 40
3.3 Fazit 42
4 Grundmodelle geschlechtstypischer Sozialisation und geschlechtstypischer Be-
wältigung (Lulgjuraj N.) 44
4.1 Männliche und weibliche Sozialisation 44
4.1.1 Männliche Sozialisation 45
4.1.2 Weibliche Sozialisation 48
4.2 Männliche und weibliche Lebensbewältigung 51
4.2.1 Das Konzept der biografischen Lebensbewältigung 51
4.2.2 Das männliche Bewältigungsmodell 54
4.2.3 Das weibliche Bewältigungsmodell 54
4.3 Sozialisation und Bewältigung in Verbindung mit (Homo-)Sexualität und Beeinträchti-
gung 55
4.3.1 (Homo-)Sexuelle Sozialisation und Bewältigung 56
4.3.2 Sozialisation und Bewältigung bei Menschen mit Beeinträchtigung 57
4.4 Fazit 58
5 Die menschliche Entwicklung (Oehrli R.) 61
5.1 Die Ökologie der menschlichen Entwicklung 62
5.2 Kognitive Entwicklung 66
5.3 Emotionale und soziale Entwicklung 68
5.4 Sexuelle Entwicklung 71
5.5 Geschlechtsspezifische Entwicklung 74
5.6 Fazit 75
Exkurs: Stigmatisierung in Verbindung mit Beeinträchtigung und Homosexualität
(Oehrli R./Lulgjuraj N.) 77
6 Homosexualität (Lulgjuraj N.) 79
6.1 Sexuelle Orientierung 80
6.2 Das innere und äußere Coming-out bei Lesben und Schwulen 82
6.2.1 Das Prä-Coming-out bei Lesben und Schwulen 84
6.2.2 Das eigentliche Coming-out bei Lesben und Schwulen 85
6.2.3 Die Integrationsphase bei Lesben und Schwulen 88
6.2.4 Unterschiede im Coming-out zwischen jungen Lesben und Schwulen 89
6.3 Stigmatisierung seitens der Gesellschaft 91
6.4 Empirischer Überblick zur Lebenssituation junger Lesben und Schwulen 95
6.5 Fazit 97
7 Kognitive Beeinträchtigung (Oehrli R.) 99
7.1 Geschlecht und kognitive Beeinträchtigung 100
7.2 Sexualität und kognitive Beeinträchtigung 103
7.3 Das innere und äußere Coming-out bei Menschen mit Beeinträchtigung 106
7.3.1 Das Prä-Coming-out bei Menschen mit Beeinträchtigung 106
7.3.2 Das eigentliche Coming-out bei Menschen mit Beeinträchtigung 107
7.3.3 Die Integrationsphase bei Menschen mit Beeinträchtigung 109
7.4 Stigmatisierung seitens der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit 111
Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung
Bachelor-Thesis
7.5 Bewältigung und kognititive Beeinträchtigung 115
7.6 Fazit 117
8 Junge Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung
(Oehrli R./Lulgjuraj N.) 119
8.1 Relevante Merkmale 120
8.1.1 Unterschiedliche Merkmale 121
8.1.2 Gemeinsame Merkmale 123
8.2 Das doppelte innere und äußere Coming-out bei jungen Lesben und Schwulen mit ko-
gnitiver Beeinträchtigung 124
8.2.1 Das Prä-Coming-out bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträch-
tigung 125
8.2.2 Das eigentliche Coming-out bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Be-
einträchtigung 126
8.2.3 Die Integrationsphase bei jungen Lesben und Schwulen mit kognitiver Beein-
trächtigung 127
8.3 Mehrfache Stigmatisierung seitens der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit betreffend
Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung 128
8.3.1 Mehrfache soziale Stigmatisierung 129
8.3.2 Mehrfache strukturelle Stigmatisierung 131
8.4 Mehrfache Krisen bei jungen Lesben und Schwulen mit einer leichten kognitiven Be-
einträchtigung 132
8.4.1 Sozialisationskrisen 133
8.4.2 Entwicklungskrisen 136
8.4.3 Krisen des doppelten Coming-out 138
8.4.4 Krisen der mehrfachen Stigmatisierung 139
8.5 Geschlechtstypische Krisenbewältigung bei jungen Lesben und Schwulen mit einer
leichten kognitiven Beeinträchtigung 140
8.5.1 Weibliche Bewältigungsstrategien 141
8.5.2 Männliche Bewältigungsstrategien 143
8.6 Eine Wirklichkeit des Themenkomplexes aus der gegenwärtigen Sicht 145
8.7 Fazit 150
9 Zusammenfassung und Erkenntnisse (Oehrli R./Lulgjuraj N.) 153
9.1 Kurzfassung 153
9.2 Beantwortung der Fragestellung 156
9.3 Verifizierung der Thesen 158
10 Kritische Diskussion und Reflexion (Oehrli R./Lulgjuraj N.) 162
10.1 Kritische Darlegung der Literatur 162
10.2 Erkenntnisse für die Soziale Arbeit 165
10.3 Gemeinsame Reflexion 167
10.3.1 Selbstreflexion von Nikol Lulgjuraj 168
10.3.2 Selbstreflexion von Rahel Oehrli 169
10.4 Schlussfolgerungen 170
Schlusswort (Oehrli R./Lulgjuraj N.) 172
Literaturverzeichnis 173
Anhang 181
Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung
Vorwort
Vermögen dieses Wagnisses, zwei dichotome Themen, Homosexualität und kognitive Beein-
trächtigung in einer Synthese zusammenzudichten, so haben wir ein Phänomen, das die Bewährung des Selbst erzwingt und aus sich entwickeln lässt. Wir zweifeln nicht, dass nebst dieser auch diverse andere Thematiken Relevanz beanspruchen würden, wir setzen jedoch bewusst den Schwerpunkt darauf an. Eine derartige Relativierung mag demzufolge ein un- vermeidlich subjektives Gesicht der Wirklichkeit erhalten, das wir jedoch wissenschaftlich untersuchen möchten. In dieser Thesis geht es schließlich um Menschen, ihre verfügbaren und nicht verfügbaren kognitiven Fähigkeiten, ihre sexuelle Orientierung, Entwicklung und geschlechtstypische Sozialisation sowie daraus resultierende Krisen und deren Bewältigung. Es handelt sich um normale Menschen, die aber anders als die Mehrheit sind, sprich eine kognitive Beeinträchtigung und eine homosexuelle Orientierung aufweisen. Eine Minorität, die von der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit seit Jahrzehnten stigmatisiert wird. Wie sieht die Lebenssituation aus, wenn diese zwei Komponenten der Beeinträchtigung einer- seits und der Homosexualität andererseits sich in einem Menschen vereinigen? Eine Antwort auf diese und andere Fragen ist ein grundlegender Inhalt dieser vorliegenden Bachelor- Thesis.
An dieser Stelle erlauben wir uns, vorerst ein Abbild einer von uns konstruierten Wirklichkeit dieses Phänomens in Form eines metaphorischen Gedichtes zu widerspiegeln. Ich rede mit dir meine Autonomie, mit den etikettierten Bildern meiner Existenz, ich rufe deinen Namen und mache dich aufmerksam auf die Distanz, die uns aufzuspalten versucht. Ich suche nach dir meine Sexualität, die mir doppelt verwehrt wird, und kämpfe im Vakuum mit meiner Identität; denke an das innere Coming-out, lebe jedoch das äußere Stigma der Umwelt. Diese unsterbliche Vergangenheit, du meine intersektionale Beeinträchtigung, die mein Dasein konstruiert, meine Lebenswege hospitalisiert und mein Anderssein definiert, schweige in sich nicht das Wort, das meine Kognition erschuf, meinem Mund die Sprache weitergab, meine Motorik antreibt und meine Bedürfnisse erfühlt. Dich, meine Gegenwart, bringe ich inter muri und zwinge zum Denken; in Schränken der Zukunft, in Abrufung meiner Emotionen und Interaktion meiner Normalität. Ich kommuniziere, aber existiere in Territorien meines Selbst.
Wie es für einen Menschen ist, aus den Territorien des Selbst zu finden, weiß nur der betroffene Mensch selbst. Anstatt auf eine Antwort zu warten, begeben wir uns diesem Phänomen auf die Spur, indem wir eine Literaturarbeit mit einem kleinen Praxisbezug in Form zweier nicht repräsentativer Befragungen anbieten.
Abkürzungsverzeichnis
Aids Acquired Immunodefiency Syndrom fabs Fachstelle für Behinderung und Sexualität FHNW Fachhochschule Nordwestschweiz GRID Gay Related Immune Deficiency HAZ Homosexuelle Arbeitsgruppe Zürich HHT Treff für Homosexuelle mit kognitivem und/oder psychischem Handicap HIV Human Immunodefiency Virus ICD-10 International Classification of Diseases - 10 Revision ICF International Classificaton of Function, Disability and Health IFSW International Federation of Social Workers IQ Intelligence Quotient NFA Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantone WHO World Health Organisation
Abstract
Das Thema dieser Bachelor-Thesis Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung ist ein in der Sozialen Arbeit neu zu betrachtendes Phänomen, das wenig oder gar nicht im deutschsprachigen Raum wissenschaftlich und/oder empirisch erforscht wurde. Substanziell geht es hier um die Intersektionalität und das Zusammenwirken zwischen diesen zwei Kategorien von Differenzen. Präziser formuliert handelt es sich um Schwule und Lesben mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter, um ihre vielfältigen Krisen, die infolge der Sozialisations-, Entwicklungs-, Stigmatisierungs- und Coming-out-Prozessen geschlechtstypisch bewältigt werden können. Explizit betrachtet repräsentiert diese Gruppe eine Minderheit innerhalb der Minderheit (Homosexualität), und demzufolge unterliegt sie diesen Prozessen multiperspektivisch. An dieses Erkenntnisinteresse ist unsere Fragestel-
lung geknüpft:
Mit welchen Krisen setzen sich Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter auseinander, wie können sie diese geschlechterspezifisch bewältigen und welche Relevanz hat die Soziale Arbeit dafür? In Anlehnung an die vorliegende differenzierte wissenschaftliche Analyse zu diesem Themenkomplex, sind wir zu einer für die Soziale Arbeit relevanten These gelangt, welche die Erkenntnisse repräsentiert. Sie besagt, dass junge Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung infolge einer beschränkten Palette an Bewältigungsstrategien, einem geringeren sozialen Rückhalt und wegen psychosozialen Lebenskrisen, die durch das doppelte Coming-out und die mehrfache Stigmatisierung verstärkt werden, die Unterstützung bei der Krisenbewältigung von Angeboten und vor allem einer höheren Akzeptanz, Beachtung und Verständnis seitens der Professionellen der Sozialen Arbeit bedürfen.
1 Einleitung
„Der moderne Mensch ist existentiell auf andere angewiesen und kann nur existieren, wenn er sozial irgendwie eingebunden ist“ konstatiert Lothar Böhnisch (2005: 29). Was aber ein homo sapiens in der Tat zu leisten oder zu tun bereit wäre, um sozial irgendwie eingebunden zu sein oder zu bleiben, damit er überhaupt zu existieren vermag, ist eine abstrahierende Philosophie eines Laien und keine genuine Wirklichkeit eines oder einer Professionellen. Das heißt, dass das Spannungsfeld, in dem sich das Individuum in die Richtung eines Bewältigungshandelns bewegt, so dass es in unserer individualisierten und globalisierten Gesellschaft zurecht kommen kann, sehr divergente Prototypen mit sich bringt. Es lässt sich keine Formel entwerfen, die per se jeden Habitus nach den gleichen Prinzipien erklären oder lösen kann. Nun angenommen, dass das Existieren eine einfachere Version des Funktionierens bzw. der Lebensbewältigung repräsentiert, verlangt das Leben nach mehr als nur nach einem passiven Dasein. Die Welt und damit das Leben ist ein ewiger Konkurrenzkampf. Um diesen Kampf zu überstehen, muss der oder dem Schwächeren im besten Fall eine angemessene soziale Lebenslage (soziale, kulturelle und materielle Spielräume) zur Verfügung gestellt werden, in der er oder sie sich positiv entfalten kann. Ansonsten sucht das Individuum stets, wenn nicht auf Dauer dann wenigsten auf eine augenblickliche, sozusagen virtuelle Weise nach Lösungen, die ihr oder ihm zur Lebensbewältigung verhelfen sollen. Mit dem Ausdruck Schwächeren meinen wir die sich in einer kritischen Lebenssituation befindenden Person, die eher in Gefahr läuft, diese schwierige Situation nicht bewältigen zu können. Dieses Scheitern kann deviantes Verhalten hervorrufen und im worst case gar Gewaltverhalten auslösen, weil der Mensch permanent nach einem Ausweg sucht, um die Handlungsfähigkeit um jeden Preis zu erhalten.
Diese Bachelor-Thesis befasst sich mit einer Personengruppe, die mit einer mehrfachen Stigmatisierung, resp. Intersektionalität (siehe Kapitel 2.5) kontrastiert ist. Die Überkreuzung sozialer Kategorien und Marginalisierungen kann sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der Ebene der Sozialen Arbeit den Verlauf nehmen. Abhängig davon, welche Kategorien von Differenzen sich jeweils kreuzen und wo sich dies abspielt, kann der Stigmatisierungsablauf demzufolge unterschiedliches Potenzial der Problematisierung erzeugen. Im Rahmen dieser Bachelor-Thesis limitieren wir uns auf den Schnittpunkt zweier Kategorien von Differenzen, dessen die zu untersuchende Zielgruppe unterliegt: Auf der einen Seite wegen ihrer sexuellen Orientierung resp. Homosexualität und auf der anderen aufgrund ihrer begrenzten kognitiven Funktionsfähigkeit resp. kognitiven Beeinträchtigung. Damit diese Überkreuzung bewältigt werden kann, wird eine strategische Bewältigung erfordert und diese wiederum einer Palette an Copingstrategien (siehe Kapitel 4). Diese Personengruppe macht zwar eine Minderheit (Lesben und Schwule mit kognitiver Beeinträchtigung) in der Minderheit 1 (Lesben und Schwule) aus, ist jedoch in den Augen der Sozialen Arbeit ein nicht zu ignorierendes Faktum. Darüber hinaus ist diese Gruppe mit einem doppelten inneren und äußeren Comingout - einerseits wegen der kognitiven Beeinträchtigung und anderseits aufgrund der Homosexualität - gegenüber sich selbst und der Gesellschaft konfrontiert, was wiederum nach Bewältigungsstrategien verlangt. Die Bewältigung von kritischen Lebenssituationen resp. Krisen, ist mit einer Vielfalt von Prozessen verbunden, die als Krisen und Chancen gesehen werden können. Das Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung ist als ein Phä-
1 Der vorkommt. Wir ziehen die Definition von Gregory Henek (1991) bei, weil diese Klassifizierung für Schwule und Lesben mit kognitiver Beeinträchtigung am ehesten zutrifft: Sie machen ein untergeordnetes Segment in der staatlichen Gesellschaft aus und der dominantere Teil der Gesellschaft teilt ihnen einen niedrigen Wert zu. Sie schließen sich durch ihre untergeordnete und abgewertete Rolle zu einer Subkultur zusammen und werden zudem aufgrund ihres Status anders behandelt, worunter auch Stigmatisierungen bis hin zu Gewaltakten fallen.
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nomen auf dem Weg zur Normalität zu betrachten. Eine Wirklichkeit, die immer noch mit Tabus zu kämpfen hat. Unsere Motivation, die auf diversen Interessen der beruflichen, persönlichen, wissenschaftlichen und sozialpolitischen Hintergründen basiert, haben dieser Bachelor-Thesis ein Gesicht verliehen, das als Novum die geltenden Werte und Normen in der Gesellschaft und Sozialen Arbeit reformieren und sensibilisieren soll.
1.1 Vorverständnis
Es gibt divergente Welten, in welchen unterschiedlich lebende Menschen existieren können. Dazu gehören sowohl Menschen mit einer Beeinträchtigung als auch diejenigen, die ohne eine zumindest diagnostizierte Beeinträchtigung leben. Die Gefühls- oder Erlebniszustände dieser beiden Menschengruppen spiegeln ein kongruentes Bild der Lebensbewältigung wieder. Das heißt, dass Angehörige der einen und der anderen Gruppe in die gleichen Problemlagen geraten können, die diese dann entweder bewältigen oder sich in deren Gefäßen treiben lassen. Die Wirklichkeiten, in denen sich diese Subjekte befinden, unterscheiden sich nur im Punkt der verfügbaren oder nicht verfügbaren kognitiven, emotionalen und sozialen Ressourcen. Im Falle einer kognitiven Beeinträchtigung treten Defizite ein, die das Repertoire der Problemlösungsstrategien einschränken können. Dies kann zur Folge haben, dass das Risiko bei der Bewältigung einer kritischen Lebenssituation größeren Umfang haben kann. Deshalb soll sich die Soziale Arbeit in verschiedenen Feldern wie auch mit dem genannten Phänomen auseinandersetzen, um den Klientel die notwendigen Rahmenbedingungen und Unterstützungen bei der Lebensgestaltung sowie -bewältigung bieten zu können. Ein Ziel der Sonderpädagogik aufgrund der Einführung des Normalisierungsprinzips (siehe Kapitel 3.1.2) lautet, die Menschen, die eine Begleitung und/oder Unterstützung der Sozialen Arbeit beanspruchen, ihnen trotz Verhinderungen, sprich kognitiven, psychischen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen, ein Leben zu ermöglichen, das demjenigen von Menschen ohne Beeinträchtigungen so weit wie möglich entspricht (vgl. Wendeler 1992: 9). In Bezug zu unserem Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung ist demzufolge die Professionalität der Sozialen Arbeit mehr als je gefragt. Die Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigungen wird auch heutzutage noch teilweise untersagt. Wie man jedoch bereits weiß, gehört Sexualität zum Menschen. Sie bereitet Lust; sie kann eine Beziehung vertiefen und dem Ausdruck intimer Kommunikation dienen; sie spielt ebenfalls für die Identitätsentwicklung eine wichtige Rolle, denn durch sexuelle Erfahrungen wird die Identität als Frau oder Mann bestätigt (vgl. Timmermanns 2008: 261). Es ist demnach relevant, dass den Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung solche vor allem für die Entwicklung bedeutende Erlebnisse zugesichert werden. Diese Zusage muss immer noch erwähnt werden, denn auch heutzutage findet man Aussagen, dass „Sexualität und kognitive Beeinträchtigung nach wie vor unvereinbare Begriffe“ (Walter 1996: 32) sind. Das heißt, dass die Soziale Arbeit auf dem Weg zur Professionalisierung auch hier eine aufklärende und präventive Aufgabe weiterhin zu leisten hat. An diesem Punkt denke man nun hingegen an die Realität der Homosexualität, die bis vor 22 Jahren als eine psychische Störung galt (siehe Kapitel 3.2.1). Eine Diagnose, sprich eine Krankheit, die als heilbar aufgefasst wurde. Man sprach und spricht auch in der gegenwärtigen Zeit von Umpolung (von der Homosexualität zur Heterosexualität umpolen), sogar in Ländern, in denen die Legalisierung stattgefunden hat und schon längst abgeschlossen sein sollte. Aber nein; es gibt Psychotherapeuten, die Schwule und Lesben mit gezielten Methoden heilen wollen - diese Meinung vertritt unter anderem Mike Haley (2006) in seinem Buch über Homosexualität. Er war selbst einst schwul und nun glaubt er, sich davon geheilt zu haben. Oder denke man weiter an die nationalsozialistische Zeit in Deutschland, in der sowohl Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung als auch die mit homosexueller Orientierung bis zum Ende des Regimes systematisch abgesondert und ermordet wurden (siehe Kapitel 3.2). Weiter zu erwähnen ist auch die plakative Verbindung zwischen Homo-
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sexualität und die „seit den frühen 80er Jahren auch in Europa auftretende HIV-Infektionen (Human Immunodefiency Virus) und manifesten Erkrankungen an Aids (Acquired Immunodefiency Syndrom)“ (Rauchfleisch et al. 2002: 215). Vor allem die Schwulen wurden für diese Krankheit, die anfänglich als Gay Related Immune Deficiency (GRID) bezeichnet wurde, verantwortlich gemacht. Man schrieb es ihnen wegen des monierten amoralischen Verhalten, was das auch immer zu bedeuten hat, zu - hauptsächlich von religiösen Gruppierungen aber auch von der Gesellschaft als Ganzes. (vgl. Büchler 2007: 28) Daraus entwickelten sich diverse Tabus, die immer noch zu spüren sind, sei es in der Gesellschaft oder auch in der Sozialen Arbeit.
Die Modernisierung und Liberalisierung in Bezug auf Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung hat auch Erfolge zu verbuchen. Ein Blick auf die Schweiz lässt einige positive Schritte festhalten: Am 1. Januar 2007 trat das Bundesgesetzt der eingetragenen Partnerschaft homosexueller Paare in Kraft, was den Schwulen und Lesben neu die Möglichkeit verschaffte, ihre Beziehungen rechtlich abzusichern (siehe Büchler 2007). Im Kampf um die rechtliche Anerkennung von Lesben und Schwulen spielten und spielen prominente Personen wichtige Rollen, indem sie ihre homosexuelle Orientierung offen leben. Die Soziale Arbeit soll auch hier ihre Aufgabe ablesen können, indem man Schwulen und Lesben mit kognitiver Beeinträchtigung den Zugang zu existierenden Angeboten ermöglicht und neue Angebote realisiert, die ihnen den Umgang mit ihrer Homosexualität erleichtern könnten und sie dazu befähigen, sich selber die Unterstützung organisieren zu können. Dieses heterogene Vorverständnis über Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung sowie das unten aufgeführte theoretische Wissen, sind einige maßgebliche Ressourcen, die uns dazu brachten, mit einer Lust die Realisierung und Verfassung der Bachelor-Thesis anzugehen.
Das berufsbegleitende Studium der Sozialen Arbeit hat unseren professionellen Habitus geformt, indem die modulare Strukturierung divergenter theoretischer und empirischer Ausbildung den multiperspektivischen Charakter inkludierte. Somit erwarben wir das Wissen über das professionelle Denken und Handeln sowie das wissenschaftliche Schreiben, die durch verschiedene Arbeiten weiterentwickelt wurden - diese gelungenen Übungen haben uns den Weg zur Bachelor-Thesis eröffnet. Das Wissen über Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung haben wir uns während der Ausbildung aber auch in der Praxis im Bereich der Sonderpädagogik angeeignet. Insbesondere wurde diese Bildung durch die zwei besuchten Module Psychische Störungen und Entwicklungsbeeinträchtigungen erweitert und professionalisiert. So haben wir unser Verständnis über Definitionen und Klassifikationen von diversen kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen erweitert, aber auch zwei internationale Klassifikationen der WHO kennengelernt. Im Laufe der Ausbildung entdeckten wir ferner in diversen Modulen das Konzept der Lebensbewältigung sowie die Modelle geschlechtstypischer Sozialisation und Bewältigung nach Böhnisch. Außerdem haben wir uns in den Modulen Bildung und Erziehung sowie Sozialisation und Entwicklung mit zahlreichen Entwicklungs- und Sozialisationstheorien auseinandergesetzt. Das Wissen bezüglich Sexualität, aber auch zum Teil über Homosexualität, wurde durch das Modul Sexualpädagogik fundiert. Dieses angeeignete Wissen fließt in unsere Bachelor-Thesis ein.
Dem gemäß wurde auch unser ethisches Bewusstsein während des Studiums geformt. Unserer Meinung nach ist ethisches Bewusstsein ein grundlegender Teil der beruflichen Praxis aller Professionellen der Sozialen Arbeit: „Ihre Fähigkeit und Verpflichtung, ethisch zu handeln, ist ein wesentlicher Aspekt der Qualität der Dienstleistung, die jenen angeboten wird, welche die Dienste Sozialer Arbeit in Anspruch nehmen“. (IFSW/IASSW 2004: 1) Die Klärung des Begriffs Soziale Arbeit, welche weiter unten folgt, zeigt den grundsätzlichen Auftrag dieses Feldes auf. Die Wegleitungen der Sozialen Arbeit basieren auf den Menschenrech-
ten: Das Recht auf Selbstbestimmung achten, das Recht auf Beteiligung fördern, jede Person ganzheitlich behandeln, Stärken erkennen und entwickeln (vgl. ebd.: 2). Bezogen auf die Gesellschaft allgemein und in Bezug auf die Klientel, mit denen Professionelle der Sozialen Arbeit zusammenarbeiten, sind diese verpflichtet, soziale Gerechtigkeit zu fördern, indem sie Diskriminierung zurückweisen. Dazu gehört, dass sie Verschiedenheiten anerkennen, Ressourcen gerecht verteilen, gegen ungerechte Politik und Praktiken abstimmen, solidarisch arbeiten, soziale Bedingungen ablehnen, die sozialen Ausschluss, Stigmatisierung oder Unterdrückung begünstigen und auf eine integrierende Gesellschaft hinarbeiten. (vgl. ebd.: 3) Für das berufliche Verhalten braucht es demnach Richtlinien für eine ethische Praxis (bezogen auf den jeweiligen nationalen Kontext): Erforderliche Fertigkeiten und Fähigkeiten entwickeln, aufrechterhalten und weiterbilden. Fertigkeiten der Sozialen Arbeit dürfen nicht für unmenschliche Zwecke benutzt werden. Professionelle der Sozialen Arbeit sind kongruent; die Vertrauensbeziehung zu den Menschen, die ihre Dienste nutzen, nicht missbrauchen, Grenze zwischen privatem und beruflichem Leben einhalten, eigene Position nicht für persönlichen Vorteil oder Gewinn ausnutzen. Interaktionen beruhen auf Respekt, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit. Bedürfnisse und/oder Interesse der Menschen, welche die Dienste der Sozialen Arbeit nutzen, dürfen nicht den Bedürfnissen und/oder Interessen der Professionellen der Sozialen Arbeit untergeordnet werden. (vgl. ebd.: 3f.) Das oben aufgeführte Verständnis hat uns ebenso motiviert, diese Arbeit als eine Dokumentation für die Soziale Arbeit zu etablieren. Jeweils am Schluss jedes einzelnen Kapitels folgt in Form eines Fazits die Vernetzung des Inhalts mit der Sozialen Arbeit. Welche Motivation jedoch neben dem schon Gesagten uns weiter dazu bewegt hat, mit dem Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung auseinanderzusetzen, wird im anschießenden Teil dargelegt.
1.2 Gemeinsame Motivation
Wie die Motivation auf das zu Erreichende auswirkt, ist verdienst der inneren Ziele, die den Menschen existentiell bereichern oder gar erhalten. Diese können in heterogenen Quellen ihren Ursprung haben, woher sie ausgeschöpft werden. Aus unserer Perspektive liegen diese Quellen in einem persönlichen und in einem professionellen Ursprung. Die Idee, diese
Bachelor-Thesis unter dem Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung zu erfas- sen, wurde aus einer allgemeinen Interaktion über dieses Thema vor etwa zwei Jahre entwi- ckelt. Aus dieser Idee bildete sich eine geschlechtstypische Diskussion und aus dieser keim- te der Entscheid auf, über dieses Thema eine gemeinsame Arbeit entstehen zu lassen. Ein relevanter Grund für die Zusammenschließung von einem männlichen Autor und einer weib- lichen Autorin, lag vor allem am Anspruch der Differenzierung der Männlichkeit und Weib- lichkeit. Es erschien uns wichtig, hierdurch eine Doppelperspektive des Frau- und Mannseins zusammenzubringen, die das Geschlechtsspezifische wiederum manifestieren lässt. Eine weitere wichtige Motivation war, Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung, die eine Minderheit in der Gesellschaft sowie in der Sozialen Arbeit sind, eine Stimme zu verlei- hen, sie als existierende Gruppe der Gesellschaft und daraus resultierende Aufträge für die Soziale Arbeit darzustellen. Diese Bachelor-Thesis behandelt bewusst nicht, ob Homosexua- lität durch eine Veranlagung und/oder durch die Umwelt geformt wird, sondern wir gehen davon aus, dass Lesben und Schwule (mit kognitiver Beeinträchtigung) mit einer natürlichen Lebensorientierung und -gestaltung in unserer Gesellschaft leben.
Wir wählten zudem das spezifische Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung, da nicht nur in der Praxis der Sozialen Arbeit, sondern auch in der Fachliteratur und Forschung zu wenig Beachtung geschenkt wird. Doch die Realität zeigt, dass Schwule und Lesben mit kognitiver Beeinträchtigung und Schwule und Lesben ohne kognitive Beeinträchti-
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gung zu unserer Gesellschaft gehören und ihre Rechte haben müssen, sei es auf Grund der Menschenrechte oder auf Grund der Menschlichkeit.
Die anschließenden Abschnitte beinhalten die individuellen Motivationen. Die Inhalte dessen werden narratorisch abgebildet, in der die/der Erzählende jeweils die Ich-Form verwendet. Zuerst wird die Motivation von Rahel Oehrli und anschließend die von Nikol Lulgjuraj dargestellt.
1.2.1 Motivation von Rahel Oehrli
Ausgehend von der schon erwähnten Berufsethik und meiner Berufserfahrung (drei Jahre Zusammenarbeit mit Erwachsenen mit einer kognitiven Beeinträchtigung im stationären Bereich der Sozialen Arbeit) ist es eine Notwendigkeit, das Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung aufzuarbeiten, um die Komplexität und daraus folgende Aufträge an die Soziale Arbeit aufzuzeigen. Es erstaunt mich immer wieder, wie Mitmenschen auf das Thema Homosexualität reagieren. Für mich ergibt sich keine Diskussion, ob Homosexualität angeboren, sozialisiert oder unnatürlich ist. Sie gehört zur menschlichen Sexualität und zeigt die wunderbare Vielfalt dieses wichtigen Themas auf. Meine Erfahrungen im Freundeskreis und mit Angehörigen, die ihre homosexuelle Orientierung leben, zeigen auf, dass die sexuelle Orientierung nicht relevant ist. Die Person mit all ihren Eigenschaften und die Beziehung zueinander stehen im Vordergrund. Die Liebe fällt dorthin, wo sie hinfällt, ohne zu fragen warum und weshalb. Mit dieser Einstellung begegne ich den Menschen - im Berufs- wie auch Privatleben. Der Unterschied zwischen diesen zwei Bereichen liegt darin, dass die Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, mit denen ich während drei Jahren zusammen gearbeitet hatte, oftmals abhängig sind von der Institution und den Mitarbeitenden. Das Leitbild der Institution zeigt bspw. auf, nach welchen Grundprinzipien gearbeitet wird und welche Angebote darauf basieren. Die Mitarbeitenden können mitwirken und mitsteuern. In meiner dreijährigen Zusammenarbeit mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung erlebte ich auf Grund der konservativen Heimleitung und tendenziell weniger kritischen, eher angepassten Mitarbeitenden eine hohe Anforderung an die Bewohnerinnen und Bewohner des sich Anpassen müssen an den vorgegebenen Strukturen und Normen. Das Thema der Sexualität wurde während meiner Mitarbeit in dieser Institution nicht ein einziges Mal aufgegriffen, obwohl die Bewohnerinnen und Bewohner Bedürfnisse äußerten und auslebten. Meine Anfragen betreffend Rahmenbedingungen und Angebote schaffen für individuelle Bedürfnisse sowie Sexualität als offenes Thema zu diskutieren, wurden abgetan mit der Antwort, jeder und jede hat ein eigenes Zimmer, in dem sie oder er tun und machen kann, was sie oder er will. Und für weitere Bedürfnisse sind die Eltern und Angehörigen zuständig. Auf Grund meiner erfolglosen Ansprüche stellen für die Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und ihren Bedürfnissen, verließ ich die Institution. Doch der bittere Nachgeschmack bleibt bis heute beständig. Ich möchte mit dieser Bachelor-Thesis unter anderem aufzeigen, dass Wissen, Neugierde, Vernetzungen, Interesse und vieles mehr notwendig sind, um professionelles Denken und Handeln zu entwickeln und aufrecht zu erhalten.
1.2.2 Motivation von Nikol Lulgjuraj
Meinerseits liegen die grundlegenden Motive, die mich dazu bewegten, mich mit dieser Arbeit zu befassen, in mir selbst und in meiner Erfahrung. Auf der einen Seite ist meine Biographie geprägt mit einer Differenz, sprich Homosexualität und dem damit verbundenen inneren und äußeren Coming-out, verwickelt in einer patriarchalischen und konservativen Kultur des Südwest-Balkans. Demzufolge war ich persönlich diesen Prozessen unterworfen. Das heißt, dass ich die Erfahrung der inneren Krisen im jungen Erwachsenenalter am eigenen Leibe zu verspüren bekommen hatte. Es war eine schwierige Zeit: Ich fühlte mich vom
Umfeld alleine gelassen und nicht verstanden. Eine Auseinandersetzung des Sich-Bekennens und Sich-Akzeptierens musste aus diesen Gründen in meinem Inneren alleine bewältigt werden. Auf der anderen Seite wurde und bin ich immer noch mit diversen Stigmatisierungspaletten konfrontiert, die erst dann auftreten, wenn ich mich oute. Durch diese Beeinflussung und den daraus folgenden Krisen habe ich auch heute noch zu kämpfen, deren Prozesse mich vielleicht mein ganzes Leben lang begleiten werden. Alle diese Prämissen sind Motive, die mich initiiert haben, mich einerseits dem Thema Homosexualität und anderseits dem Thema Beeinträchtigung zu widmen aufgrund der Zusammenarbeit mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (seit zwei Jahren). Bei der Arbeit stelle ich mir stets die Frage, wie meine Klientel adäquat mit solchen Krisen umgehen können, wenn ich, ohne diagnostizierte Beeinträchtigung, kaum zu recht gekommen bin. Durch meine Funktion als Co-Leiter des Treffs für Homosexuelle mit kognitivem und/oder psychischem Handicap (HHT) bekam ich zusätzlich die Chance, die verschiedenen Prozesse des Coming-out bis hin zu Ausgrenzungen zu beobachten (siehe Kapitel 3.2.2). In Kontakt mit ihnen und durch ihre Begleitung erfuhr ich erschreckende aber auch institutionelle Einzelheiten, die mich zum Denken und Reagieren (z.B. anhand dieser Arbeit) bewegten. Hier zu nennen sei nur eine Reaktion einer Bezugsperson (Professionelle der Sozialen Arbeit), mit der ich in Kontakt kam, weil sie einem Teilnehmer (ihr Bezugsbewohner) verbot, an einem von einer Rundfunksendung arrangierten und vom Treff aus organisierten anonymen Interview teilzunehmen, mit der Begründung, dass dies der gesetzliche Vertreter vom Teilnehmer nicht erlauben würde, auch wenn dieser Klient unbedingt mitwirken wollte. Würde man hier das Thema Homosexualität auf die Seite legen, wäre in diesem Fall die Frage der Autonomie im Vordergrund, die leider auch heutzutage nicht als selbstverständlich zu sein scheint. Die aufgeführte Motivation und das spezifische Erkenntnisinteresse werden anhand des nachfolgenden Unterkapitels noch mal in eingegrenzter Form dargestellt.
1.3 Fragestellung und Thesen
Unsere Motivation und das daraus entstandene Erkenntnisinteresse führten zu der Fragestellung, die das, was wir herausfinden wollen, am nahesten illuminiert. Diese ist als Kern unserer Bachelor-Thesis zu betrachten, die wir in jeder Sequenz, sprich Kapitel, immer wieder aufgreifen werden. Das achte Kapitel dient zur differenzierten und vertieften Aufarbeitung unserer Fragestellung und ist somit das Hauptkapitel. Im neunten Kapitel folgt die Beantwortung. Damit diese Arbeit nicht den Rahmen einer Bachelor-Thesis sprengt, haben wir die Fragestellung auf den Grad der Beeinträchtigung sowie auf die Lebensphase eingegrenzt. Somit nimmt deren Inhalt die folgende für uns plausible Form an: Mit welchen Krisen setzen sich Lesben und Schwule mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter auseinander, wie können sie diese geschlechterspezifisch bewältigen und welche Relevanz hat die Soziale Arbeit dafür? Nebst dieser zu erarbeitenden Fragestellung machten wir uns von Anfang an verschiedene Bilder davon, wie und womit sich Schwule und Lesben mit kognitiver Beeinträchtigung auseinandersetzen müssen; z.B. wie ihre Lebenssituation ausschaut, wenn man anstatt mit einem Stigma mit zwei konfrontiert ist sowie anstatt mit einem mit zwei Coming-out. Durch diese in unseren Köpfen entstandenen Bilder einer subjektiven Realität konstruierten wir die drei folgenden Thesen, die im neunten Kapitel entweder verifiziert oder falsifiziert werden: These 1: Lesben und Schwule mit einer kognitiven Beeinträchtigung werden von der Gesellschaft und daher auch teilweise von der Sozialen Arbeit mehrfach stigmatisiert. Einerseits
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wegen ihrer homosexuellen Orientierung und andererseits wegen ihrer kognitiven Beeinträchtigung.
Wir sind überzeugt, dass einerseits die Gesellschaft und ihre Normvorstellungen die Soziale Arbeit beeinflusst, so dass letztgenannte gewisse Stigmatisierungen übernimmt/unterstützt, was wiederum aufrecht erhalten bleiben kann, weil die Professionellen der Sozialen Arbeit ebenso ein Teil der Gesellschaft sind und die Persönlichkeit und derer Grundhaltung mit ein fließt bei professionellen Aktionen/Interventionen. Somit nehmen wir an, dass Lesben und Schwule mit kognitiver Beeinträchtigung mit einer mehrfachen Stigmatisierung von verschiedenen Personen konfrontiert sind. Diese Behauptung beruht auf eigener Praxis- sowie Lebenserfahrung.
Die zweite These geht davon aus, dass diese Menschen nebst den Stigmatisierungsprozessen auch zwei Coming-out-Prozessen gegenübergestellt sind:
These 2: Lesben und Schwule mit einer kognitiven Beeinträchtigung sind mit zwei Comingout-Prozessen konfrontiert. Mit dem Coming-out gegenüber sich selbst und der Gesellschaft: Auf der einen Seite, dass sie eine kognitive Beeinträchtigung haben und auf der anderen, dass sie schwul oder lesbisch sind.
Aufgrund des menschlichen Denkens, welches sich irgendwann mit sich selber und der Umwelt auseinander zu setzen beginnt, kann Unterschiede zwischen sich und anderen feststellen. Das Coming-out bezüglich Homosexualität ist vielen bekannt, jedoch sind wir überzeugt, dass es ebenso ein Prozess betreffend der kognitiven Beeinträchtigung sein kann. Darüber hinaus sind wir uns einig, dass wie alle anderen Menschen auch diese Gruppe sich während ihres Lebenslaufs mit divergenten Krisen auseinandersetzen muss; hier kommen wegen der sexuellen Orientierung sowie der kognitiven Beeinträchtigung noch Zusätzliche zum Vorschein:
These 3: Schwule und Lesben mit einer kognitiven Beeinträchtigung erleben mehrfache Krisen, die zu bewältigen sind. Sie sind mit den Krisen der geschlechtstypischen Sozialisation, der allgemeinen Entwicklung, der kognitiven Beeinträchtigung und der Homosexualität konfrontiert.
Wir sind überzeugt, dass gewisse Krisen allgemein gültig sind für den Menschen, dass jedoch bei bestimmten Aspekten, wie z.B. Beeinträchtigungen und Homosexualität, sich neue Krisen zu den allgemein gültigen dazu entwickeln können.
Wie wir dieses Vorhaben methodisch und systematisch aufgebaut haben, wird im nächsten Unterkapitel abgehandelt.
1.4 Methode und Schwerpunkt
Basierend auf relevanten Theorien und Ansätzen aus verschiedenen Wissenschaften sowie Sekundärliteratur für Ergänzungen und Erweiterungen von teilweise überholten Theorien und Ansätzen, welche relevant sind für die Sozialwissenschaft, ergibt sich die vorliegende Literaturarbeit. Ergänzt wird sie mit einem Link in die Praxis anhand von Fragebogen für Institutionen und betroffene Personen. Das Resultat ist nicht repräsentativ, es wird jedoch quantitativ dargestellt, um einen Einblick zu erhalten in eine mögliche Realität (siehe Kapitel 3.1.3/3.2.2).
Mit der Bestimmung der Themenskizze wurde die grobe Ausrichtung unserer Bachelor-Thesis bestimmt. Anhand des eigenen Erkenntnisinteresses und der Bestätigung durch fachlich abgestützte Aussagen, erfolgte unser eingegrenztes Thema, welches zur zentralen Fragestellung hinführte. Nun galt es, Ordnung in unser Vorhaben zu bringen anhand einer Disposition, welche als Wegleitung bei der Erarbeitung dieser Thesis diente. Zugleich wird darauf geachtet, Unterscheidungen zwischen Mann und Frau, Schwulen und Lesben vorzunehmen, soweit es die jeweilige Theorie zulässt. Diese dient der effizienten Erläuterung der geschlechtstypischen Krisenbewältigung.
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Der Schwerpunkt unserer Bachelor-Thesis liegt in einer Intersektionalität, sprich Überkreuzung zweier Kategorien von Differenzen: Einerseits die kognitive Beeinträchtigung und anderseits die Homosexualität. Wir wollen diese Zusammenschließung untersuchen. Uns geht es darum, eine Minderheit in der Minderheit, sprich Lesben und Schwule mit kognitiver Be-
einträchtigung, zum Thema der Sozialen Arbeit zu machen. Auch aus diesem Grund ist die- se Arbeit als eine Dokumentation für die Soziale Arbeit zu verstehen, als ein mögliches In- strument, das eine allgemeine Differenzierung, höhere Akzeptanz und breites Verständnis zum Ziel hat, aber auch zu einer professionellen Intervention in dem Felde tendiert. Augrund dessen, dass wir mehrfache Krisen und deren Bewältigung infolge von mehrfacher Stigmati- sierung und doppeltem Coming-out, aber auch der geschlechtstypischen Sozialisation und der allgemeinen Entwicklung bei dieser Gruppe erforschen wollen, grenzen wir das Thema wie folgt ein: Mehrfache Stigmatisierung und doppeltes Coming-out bei Lesben und Schwu- len mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung im jungen Erwachsenenalter - ihre Krisen und deren geschlechtstypischen Bewältigungen. Mit dieser Eingrenzung zielen wir auf eine Personengruppe, die zum einen aufgrund des Grades der Beeinträchtigung am ehesten die Stigmatisierungs- sowie Coming-out-Prozesse wahrnehmen und verarbeiten kann und zum anderen aufgrund der Lebensphase des jungen Erwachsenen mit dieser Thematik am meis- ten konfrontiert ist. Die Begründung, warum kognitive Beeinträchtigung gewählt wurde, liegt hauptsächlich an der Zusammenarbeit als Professionelle mit Klientel dieser Eigenschaft. Eine weitere Erklärung, warum die Phase des jungen Erwachsenenalters ausgesucht wurde, liegt einerseits darin, dass die heutige Generation eher eine Offenheit gegenüber der eige- nen Sexualität als vorangegangene Generationen haben und andererseits ist es die Phase, in der immer noch die Selbstfindung in der Gesellschaft und sich selber gegenüber aktuell ist. Warum die Homosexualität ein weiterer Schwerpunkt ist, liegt am hohen Grade des Ta- bus, wobei es doch ein Bestandteil der Sexualität ist und somit nach dem Normalisierungs- prinzip zum Alltagsleben eines Menschen dazugehört. Der Nachweis, warum Krisen und geschlechtstypische Bewältigung dazu kommen, ist, dass sie ein hohes Entwicklungspoten- tial wie auch viele Hindernisse beinhalten, welche zu verstehen sind, um einen adäquaten Umgang zu fördern z.B. anhand von geeigneten Rahmenbedingungen und angemessenen Angebote der Sozialen Arbeit.
Die Aufteilung, welche Kapitel von welcher Autorin oder von welchem Autor verfasst werden, orientierte sich einerseits an der theoretischen und andererseits an der praktischen Erfahrung. Die Autorin verfügt über vertieftes Wissen bezüglich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung auf Grund schulischer und praktischer Bildung, hingegen verfügt der Autor über vertieftes Wissen betreffend Homosexualität auf Grund seiner sexuellen Orientierung und seinen beruflichen Erfahrungen. Das gegenseitige Korrekturlesen wurde immer mit dem geschlechtergerechten Blick vorgenommen und dass eine mögliche Objektivität gewährleistet wird.
Mithilfe welcher Theorien wir dieses Phänomen erklären wollen und wieso diese Thematik als Phänomen zu sehen ist, zeigt das nachfolgende Unterkapitel auf.
1.5 Aktueller kritischer Diskurs und Literatur
Aufgrund dessen, dass wir eine Literatur- und keine Theoriearbeit verfassen, werden wir wegen der hohen Anzahl nicht alle Theorien und/oder Konzepte aufführen - wir begrenzen uns lediglich auf die wichtigsten Befunde und Aussagen, die wir innerhalb der Literatursuche und der Konzipierung der Bachelor-Thesis angetroffen haben. Es gibt also nicht die Theorie oder das Konzept, sondern mehrere, die hier segmentär vorgestellt werden. Einige davon übernehmen die Hauptrolle, während andere ergänzen- es handelt sich also um eine vielfältige Durchmischung.
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Der aktuelle wissenschaftliche Diskurs im deutschsprachigen Raum, der sich mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und Homosexualität befasst, ist eine Minderheit. Die Suche nach Fachliteratur blieb fast erfolglos - es sind größtenteils nur englischsprachige Veröffentlichungen vorhanden. Bei der Recherche haben wir lediglich eine einzige empirische Studie zum Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung gefunden, die sich eher auf Schwule und Lesben mit körperlicher Beeinträchtigung konzentrieren, bei der es explizit um Lebenslagen und -situation von dieser Personengruppe geht (siehe Rudolph 2001). Zu dessen Ergebnissen kommen wir noch während dieser Arbeit zu sprechen. Aufgrund unserer Themeneinschränkung ließ sich diese Studie nicht als eine Hauptliteratur verwenden, wir gebrauchen jedoch diese Ergebnisse als empirische Ergänzung und/oder als Einführung in das Thema Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung. Hingegen machten wir viele verschiedene Fachbücher über Sexualität und kognitive Beeinträchtigung ausfindig, die als Basis zunutze gemacht werden.
Auf der weiteren Suche nach geeigneter Literatur, sind wir auf diverse Fachbücher über Homosexualität oder kognitive Beeinträchtigung gestoßen. Das Ungleichgewicht der Quellen männlicher und weiblicher Homosexualität war immens. Unsere Erklärung dafür ist, weil Zeugnisse männlicher Homosexualität von der Antike bis in die heutige Zeit in weitaus größerer Anzahl als die der weiblichen Homosexualität vorhanden und Schwule in der Gesellschaft präsenter sind, werden eher Bücher über die männliche Homosexualität verfasst. Dies bedeutet aber nicht, dass sich mehr Männer zu Männern hingezogen fühlen als Frauen zu Frauen, sondern es hängt eher von unterschiedlichen soziokulturellen Faktoren ab, von denen das Geschlecht eine zentrale Position einnimmt. Die Position der Frau in der Gesellschaft erschwerte und erschwert die Möglichkeit, sich kulturell zu äußern. Da homo- und heterosexuelle Männer den besseren Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs als Frauen hatten und haben, erstaunt die ungleiche Quellenlage nicht. Sie macht hingegen deutlich, dass die Geschichte der Homosexualität Teil der Geschlechtergeschichte ist. Andererseits gibt es ein Ungleichgewicht bei der Anzahl Quellen, weil Frauen (egal ob Heterosexuelle oder Homosexuelle), es schwieriger oder gar unmöglich hatten, sich durchzusetzen, da die Gesellschaft nicht auf ihrer Seite stand. Mit Ausnahme von Sappho (siehe Kapitel 3.2.1); Über sie wurde berichtet, wobei viele Jahrhunderte lang und sogar bis zur Neuzeit (genauer bis zur Frauenbewegung) blieben die Frauen/Lesben in der Literatur fast unerwähnt. Aus diesen Gründen werden wir unterschiedliche Theorien nutzen, mit denen wir verschiedene Perspektiven der Homosexualität, angefangen mit der Geschichte, erläutern werden. Die literarischen Texte, die wir hier für den geschichtlichen Teil verwenden, können nicht ohne Probleme als autobiographische Zeugnisse interpretiert werden und dies nicht nur deshalb, weil der Begriff der Homosexualität ein Neologismus des 19. Jahrhunderts ist, sondern weil die konstitutive Verbindung zwischen sexuellen Handlungen und Identität erst im 18. und 19. Jahrhundert entstand.
Die Fachliteratur, die sich mit dem Thema kognitive Beeinträchtigung auseinandersetzt, ist fast endlos. Trotzdem konnten wir nur sehr wenig über den leichten Grad der kognitiven Be-
einträchtigung ausfindig machen. Angesichts der bestehenden Definitionen von der WHO, die im Kapitel 2.1 mit weiteren Theoriesequenzen aus verschiedenen Theorien zu diesem Grad der Beeinträchtigung angegeben sind, haben wir ein Bild davon konstruiert, was unse- rer eigenen Leistung zugeschrieben werden kann (siehe Kapitel 2.1.3).
Über den Begriff des jungen Erwachsenenalters etwas ausfindig zu machen, war ebenso eine Herausforderung. Das einzig Aufgespürte waren die Konzepte nach Böhnisch (Lebensbewältigung und Sozialisation), welche sich näher mit dem Begriff auseinander setzen. Er spricht von einer Lebensphase, die heutzutage immer mehr in den Vorschein gerät und die Aufmerksamkeit seitens der Sozialwissenschaft beansprucht. Eine Definition über diese Phase entspringt somit aus den Büchern von Böhnisch. Weitere Aufführungen sind Ansprü-
che an unsere eigene Leistung, denn er macht kaum eine Verbindung zwischen jungem Erwachsenenalter und kognitiver Beeinträchtigung (siehe Kapitel 2.2). Nachfolgend werden der Aufbau unserer Bachelor-Thesis und der Inhalt der einzelnen Dispositionen vorgewiesen.
1.6 Aufbau
Um die Basis einer Literaturarbeit zu schaffen, ist für das Verständnis bezüglich des gesamten Inhalts eine Begriffsklärung notwendig, mit der wir beginnen. Der Inhalt dieses Kapitels orientiert sich an unserem Untertitel, welcher die Eingrenzung unseres Erkenntnisinteressens und die wichtigsten Begrifflichkeiten repräsentiert. Für ein Vorverständnis bezüglich unseres Themas und dessen Komplexität, haben wir ein Kapitel verfasst, welches einen historischen und aktuellen Einblick gewährt in die Verbindung von Gesellschaft und Sozialer Arbeit bezüglich kognitiver Beeinträchtigung und (Homo-)Sexualität. Es wird ergänzt anhand von Befragungen, welche einen nicht repräsentativen Link in die Praxis von Institutionen und Betroffenen gewährleistet. Danach folgt der Einstieg in unser Thema anhand der Sozialisation und Bewältigung, welcher geschlechterspezifisch verfasst wurde. Er fördert das Verständnis und wiedergibt Wissen betreffend des Aufwachsens eines Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und/oder homosexueller Orientierung. Hier werden vor allem die Sozialisationskrisen abgehandelt, die je nach Geschlecht und Sozialisationsbedingungen unterschiedlich bewältigt werden. Zudem werden hier die geschlechtstypischen Bewältigungsmuster dargestellt sowie eine Verbindung zwischen Sozialisation, (Homo-)Sexualität und kognitiver Beeinträchtigung gemacht. Das darauffolgende Kapitel befasst sich mit der menschlichen Entwicklung anhand verschiedener Schwerpunkte, welche weitere Krisen und die Bedeutung von deren Bewältigungen des Menschen aufzeigen. Nachstehend ist ein Exkurs zum Thema Stigmatisierung in Verbindung mit Beeinträchtigung und Homosexualität eingegliedert, der als eine theoretische Einführung für ein besseres Verständnis und für eine Erklärung der zwei darauffolgenden Kapitel dient. Um die Krisen und Herausforderungen zu vertiefen, wird im sechsten und siebten Kapitel unter anderem auf die Stigmatisierung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung einerseits und auf die der Homosexualität anderseits im gesellschaftlichen Kontext eingegangen. Diese zwei Kapitel sind eine weitere Vorarbeit für den relevantesten Abschnitt, welcher die Zusammenfügung sprich Zusammenschließung der kognitiven Beeinträchtigung und der Homosexualität beinhaltet. Dieses Hauptkapitel orientiert sich nun hauptsächlich an unserer Fragestellung und arbeitet diese auf. Anhand des darauffolgenden Kapitels folgt schließlich die Antwort auf unsere Fragestellung und eine Auseinandersetzung mit unseren Thesen. Das letzte Kapitel beinhaltet eine Kurzfassung des gesamten Inhaltes, wichtige Erkenntnisse für die Soziale Arbeit, sowie eine gemeinsame und individuelle Reflexion und zuletzt unsere Schlussfolgerungen.
Schließlich folgt noch eine Erläuterung betreffend der Art und Weise des Geschriebenen. Wortwörtliche Zitate werden in Anführungs- und Schlusszeichen und kursiv wiedergegeben. Neue Begrifflichkeiten, welche zum ersten Mal verwendet werden, sind in kursiver Schrift dargestellt. Hingegen sind die Namen aller Autoren und Autorinnen stets kursiv beschriftet. Bei der ersten Erwähnung wird der Name mit dem Vornamen des/der Autors/Autorin ergänzt, danach wird nur noch der kursiv geschriebene Namen erwähnt. Die Quellenhinweise und das Literaturverzeichnis wurden nach den allgemeinen Bestimmungen der Wegleitung zur Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit verfasst. Die Fußnoten dienen dazu, gewisse Begriffe und/oder Abkürzungen zu erklären anhand von erweiternden und vertiefenden, jedoch für den Inhalt nicht relevanten Ergänzungen. Alle verwendeten Abkürzungen werden im Abkürzungsverzeichnis in ausgeschriebener Form dargestellt. Überdies werden die Namen der
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Autorin (Rahel Oehrli) und/oder des Autors (Nikol Lulgjuraj) zum jeweiligen Kapitel oder Unterkapitel separat oder vereint, je nachdem, wer den betroffenen Abschnitt verfasst hat, im Inhaltverzeichnis registriert. Der Korrektheit und Gleichheit wegen verwenden wir in dieser
Bachelor-Thesis jeweils die weibliche als auch die männliche Form.
2 Begriffsklärung
In diesem Kapitel beschreiben und erklären wir die signifikanten Termini für das Verständnis der vorliegenden Arbeit. Darunter fallen primär die Begriffe des Haupt- und Untertitel, die ebenso in unserer Fragestellung auftauchen und somit in der ganzen Arbeit präsent sind. Darüber hinaus werden wir jeweils, so weit wie möglich und je nach Relevanz, noch eine kurze Schilderung ihrer Entwicklungsgeschichte vornehmen, da diese ebenso das Verständnis und die Klärung eines Begriffs unterstützen können.
2.1 Kognitive Beeinträchtigung
Heutzutage wird von einigen Autorinnen und Autoren, zunehmend auch von Vertretern verschiedener pädagogischer Richtungen wie der Sonderpädagogik und der Sozialpädagogik, der Begriff kognitive Beeinträchtigung gegenüber des Begriffs geistige Behinderung bevorzugt und verwendet. Das folgende Unterkapitel soll die Unterschiede zwischen diesen beiden Termini erläutern sowie unsere Wahl des (unserer Meinung nach) fachspezifisch korrekten Gebrauchs vom Begriff kognitive Beeinträchtigung begründen mit einer kurzen Darstellung der geschichtlichen Entwicklung. Anschließend werden weitere wichtige Definitionen aus einer mehrperspektivischen Sichtweise aufgeführt.
Es wird zuerst aus der medizinischen Sicht geklärt, was unter Beeinträchtigung nach der ICF 2 verstanden wird. Es wird nicht spezifisch auf die kognitive Beeinträchtigung eingegangen, sondern allgemein beschrieben, in welchen gesundheitlichen Kontexten eine Beeinträchtigung zu betrachten ist. Da wir uns in der Fragestellung auf die kognitive Beeinträchtigung beziehen, folgt eine explizite Definition nach der ICD-10 3 , die sich an der Intelligenz orientiert. Dazu werden der gesellschaftliche Aspekt sowie einige Definitionen eingebracht und erklärt, die in Verbindung mit Kommunikation und Interaktion sowie Entwicklung und Lernverhalten von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung stehen.
2.1.1 Vorbemerkung und Begriffswahl
Die WHO (2001) berechnet den Anteil Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung an der Gesamtheit der Bevölkerung je Land nach einem fixen Prozentsatz, nämlich drei Prozent. In der Schweiz kommt man auf ca. 210'000 Personen. Ohne jegliche Differenzierungen sind in dieser WHO-Berechnung alle Menschen berücksichtigt, die im weitesten Sinne von einer geistigen oder cerebralen Störung bis hin zu Lernschwächen betroffen sind. Von einer geistigen Behinderung im engeren Sinne, sind gemäß WHO-Erhebungen 30 Prozent aller Menschen in einem Land betroffen (vgl. ebd.). In der Schweiz wären dies ca. 63'000 Menschen. Eine verlässliche Statistik über die Anzahl von Menschen mit geistiger Behinderung existiert nicht. Im Übrigen ist die Häufigkeit der kognitiven Beeinträchtigung beim männlichen Geschlecht höher als beim weiblichen (vgl. Steinhausen 2000: 9f.). Zwei Drittel von den 30 Prozent sind junge Erwachsene mit einer kognitiven Beeinträchtigung und von den zwei Drittel gelten drei Fünftel als leicht kognitiv beeinträchtigt (vgl. Comer 2001: 474). Solange aber eine lückenlose, differenzierte Erfassung aller Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung in der Schweiz fehlt, dürfte unserer Schätzung nach die Zahl von 50'000 - 60'000 der Wahrheit vorläufig am nächsten kommen. Wie viele davon eine homosexuelle Orientierung aufweisen, wurde wissenschaftlich nicht untersucht.
2 engl. International Classification of Functioning, Disability and Health - Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, welche die Funktionsfähigkeit und Behinderung verbunden mit einem Gesundheitsproblem klassifiziert (siehe v.a. Schuntermann 2007).
3 engl. International Classification of Diseases - Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision, mit welcher Gesundheitsprobleme (Krankheiten, Gesundheitsstörungen, Verletzungen usw.) klassifiziert werden (siehe v.a. Dilling et al. 2000).
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Der Begriff geistige Behinderung wurde Ende der 1950er Jahre eingeführt und von Eltern betroffener Menschen geprägt (vgl. Beer 2008: 7). Synonym zu geistiger Behinderung wurden vor allem in der psychiatrischen Krankheitslehre Bezeichnungen wie Minderbegabung, geistige Entwicklungsstörung und Schwachsinn verwendet. Dabei wird der Schwachsinn mit Hilfe von Testverfahren zur Bestimmung eines Intelligenzquotienten (IQ 4 ) in drei Ausprägungsgraden unterschieden: Debilität (IQ 69-50), Imbezilität (IQ 49-20) und Idiotie (IQ 19-0) (vgl. Vetter 1995: 50ff.). Ulrich Hensle schreibt in diesem Zusammenhang: "Abgesehen davon, dass der Ausdruck 'Schwachsinn' sachlich nicht korrekt ist - es handelt sich ja nicht um einen Defekt der Sinne -, sind die Termini der psychiatrischen Klassifikation zum Teil mit so starken negativen Konnotationen behaftet, dass sie nur mehr als Diskriminierung aufgefasst werden können". (1988: 108) Dieser Aussage schließen wir uns an. Obwohl sich der Terminus geistige Behinderung durchgesetzt hat, kann von keinem bündig klaren Begriff die Rede sein. Schon das Adjektiv behindert mit seinen unzähligen Definitionsmöglichkeiten, macht es der Wissenschaft unmöglich, Klarheit über diesen Begriff zu erlangen (vgl. Beer 2008: 7ff.). Das Wort Behinderung ist ebenfalls ein Wertbegriff, der sich daran definiert, was als normal wahrgenommen und beschrieben wird. Diesen Begriff und damit die Bezeichnung von Personen als geistig behindert sieht Georg Feuser als eine pure gesellschaftliche Projektion: „Es gibt Menschen, die wir aufgrund unserer Wahrnehmung ihrer menschlichen Tätigkeit, im Spiegel der Normen, in dem wir sie sehen, einem Personenkreis zuordnen, den wir als ‚geistig behindert’ bezeichnen. (...) Die Aussage ‚geistige Behinderung’ ist eine auf einen anderen Menschen hin zur Wirkung kommende Aussage schlechthin.“ (1996: 18)
Einen Menschen wegen der gesellschaftlichen Zuschreibung einer Andersartigkeit mit der Bezeichnung geistig behindert zu versehen, bedeutet den so bezeichneten Menschen der Gefahr der Stigmatisierung und daraus resultierend der Diskriminierung, aber auch der Isolation auszusetzen. Behinderung wird allgemein in der Gesellschaft als Minusvariante menschlichen Lebens betrachtet, eben als der/die grundsätzlich andere, respektive ein/eine Behinderte/r außerhalb gesellschaftlicher Normalität, der/die gewisse Dinge nicht kann, die Nichtbehinderten können. Das heißt, dass Behinderung als Effekt gesellschaftlicher Bedeutungszuweisungen, also als ein soziales und kulturelles Produkt gesehen werden kann (vgl. Walgenbach et al. 2007: 18).
Wann und wie diese Etikette einem Menschen verpasst wird, hängt von gesellschaftlichen und individuellen Norm- und Wertvorstellungen ab, weil ein Mensch, wenn er in seinem Verhalten und kognitiven und körperlichen Fähigkeiten von einer Norm abweicht, zum Behinderten werden kann (vgl. Haeberlin 1992: 28f.; Bleideck 1993: 14). Heutzutage wird dieser Begriff von vielen Kritikern (z.B. Feuser 1996; Schinner/Rottmann 1997; Lingg/Theunissen 2000 usw.) immer mehr in Frage gestellt, vor allem wegen seines stigmatisierenden und etikettierenden Charakters. Feuser sagt dazu: „Was wir als ‚Behinderung’ fassen und an einem Menschen gering achten oder gar abqualifizieren, in der Regel aber als defizitär betrachten, ist Ausdruck einer Kompetenz; Ausdruck der Kompetenz, lebensbeeinträchtigende (biopsycho-soziale) Bedingungen zum Erhalt der individuellen Existenz im jeweiligen Milieu ins System zu integrieren.“ (1996: 23)
Demzufolge kann man konstatieren, dass geistige Behinderung kein Tatbestand ist, sondern ein soziales Zuschreibungskriterium. Geistige Behinderung hebt den qualitativen Unterschied zwischen Geist und Gehirn oder zwischen geistigen Fähigkeiten und kognitiven Fähigkeiten hervor. Deswegen verzichten wir gänzlich auf den Begriff Behinderung. Weiter ist eine relationale Sicht unumgänglich, da die geistige Behinderung als Konstruktion und als Prozess der Konstruktion in sozialen Verhältnissen begriffen wird. Die sogenannte Natur des Defekts
4 IQ ist der Gesamtscore, der das Ausmaß der intellektuellen Fähigkeiten einschätzt (vgl. Comer 2001: 475).
selbst ist eine soziale Konstruktion. Menschliche Natur ist immer soziale Natur, das Gehirn als soziales Organ ist auf humane Weltbedingungen angewiesen. Der Begriff der kognitiven Beeinträchtigung ist also in Abgrenzung zur geistigen Behinderung weniger diskriminierend und steht „für das Anliegen an eine ganzheitliche Sicht des Menschen und seiner Entwicklung“ (FHA 2005: 48). Er bezeichnet den Umstand, dass die Entwicklungsfähigkeit undmöglichkeit eines Menschen aus somatischen oder psychischen Gründen beeinträchtigt sind (vgl. ebd.; Haeberlin 1992: 30). Und mit der Bestimmung einer kognitiven Beeinträchtigung „ist immer eine Entwertung des Entwicklungsprozesses, damit eine Entwertung des sich entwickelnden Menschen und in der Folge eine Kränkung des sich entwickelnden Menschen verbunden“ (Oberholzer 2003: 2).
In dieser Arbeit werden wir der Korrektheit und aufgrund oben genannter Gründe wegen ausschließlich den Terminus kognitive Beeinträchtigung benutzen. In verschiedenen Theorien, die wir zur Verfassung der Bachelor-Thesis benützen, wird oft der Begriff geistige Behinderung verwendet. Wir werden diesen jeweils im Text durch kognitive Beeinträchtigung ersetzen - mit der Ausnahme beim wortwörtlichen Zitat. Mit der Verwendung der Begriffe Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sowie Lesben und Schwule mit kognitiver Beeinträchtigung soll außerdem eine Reduzierung der Personen auf ihre Beeinträchtigung vermieden werden. Weiter wird in bestimmten Kapiteln erwähnt, dass es sich um Menschen mit Beeinträchtigung handelt. Hiermit sprechen wir von verschiedenen Beeinträchtigungen (psychisch, körperlich und/oder kognitiv).
Festzustellen ist, dass es verschiedene Zugangsweisen zu dem Begriff Behinderung resp. Beeinträchtigung gibt, die sich dem Problemkomplex beispielsweise aus medizinischdefektologischer, lerntheoretischer oder kommunikationsorientierter Sichtweise nähern. Der Begriff der Beeinträchtigung ist zudem sehr relativ und es gibt keine definitive, allgemein anerkannte Definition, wann ein Mensch als beeinträchtigt diagnostiziert werden soll (vgl. Bleideck 1993: 12). Die folgenden Ausführungen sollen aufgrund der Vielschichtigkeit des Gegenstands exemplarisch verstanden werden. Im folgenden Unterkapitel werden vier Definitionsansätze dargestellt, die aus einem psychologischen, medizinischen, soziologischen und aus einem pädagogischen Ansatz zu unterscheiden sind (vgl. Speck 1993: 45ff.).
2.1.2 Psychologische, medizinische, soziologische und pädagogische Sichtweise
In diesem Abschnitt gehen wir auf vier verschiedene Definitionsansätze von kognitiver Beeinträchtigung ein. Die Definition aus psychologischer Sicht liegt von Heinz Bach vor. Er definiert Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung als „Personen, deren Lernverhalten wesentlich hinter der auf das Lebensalter bezogenen Erwartung zurückbleibt und durch ein dauerndes Vorherrschen des anschauend-vollziehenden Aufnehmens, Verarbeitens und Speicherns von Lerninhalten und eine Konzentration des Lernfeldes auf direkte Bedürfnisbefrie-
digung gekennzeichnet ist, was sich in der Regel bei einem Intelligenzquotienten von unter 55/60 findet." (Bach 1979: 5) Diese erwähnte zeitliche Verzögerung wird beim Kapitel der menschlichen Entwicklung wieder aufgenommen.
Die medizinisch orientierte Sichtweise wird anhand der ICF vorgestellt und ist ein ausführlicherer Abschnitt, da es alle Aspekte der menschlichen Gesundheit und einige gesundheitsrelevante Komponenten des Wohlbefindens umfasst und diese in Form von Gesundheitsdomänen und mit Gesundheit zusammenhängenden Domänen beschreibt (vgl. DIMDI/WHO 2005: 8). Der Begriff der Funktionsfähigkeit eines Menschen umfasst alle Aspekte der funktionalen Gesundheit. Eine Person ist funktional gesund, vor dem Hintergrund ihrer Kontextfaktoren, wenn:
1. ihre körperlichen Funktionen und Körperstrukturen denen eines gesunden Menschen entsprechen,
2. sie all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsprobleme erwartet wird,
3. ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, in der Weise und dem Umfang sich entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne gesundheitsbedingte Beeinträchtigung der Körperfunktionen oder -strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (vgl. ebd.: 4f.; Schuntermann 2007: 19f.).
Der Beeinträchtigungsbegriff der ICF ist der Oberbegriff zu jeder Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit eines Menschen. Funktionsfähigkeit ist ein Oberbegriff, der alle Körperfunktionen und Aktivitäten sowie Partizipation umfasst; entsprechend dient Beeinträchtigung als Oberbegriff für Schädigungen, Beeinträchtigung der Aktivität und Beeinträchtigung der Partizipation (vgl. Schuntermann 2007: 19f.). Die ICF listet darüber hinaus Umweltfaktoren auf, die mit den genannten Konstrukten in Wechselwirkung stehen. Auf diese Weise wird es dem Benutzer der Definition nach ICF ermöglicht, nützliche Profile der Funktionsfähigkeit, Beeinträchtigung und Gesundheit eines Menschen für unterschiedliche Domänen darzustellen. (vgl. ebd.)
Im folgenden Abschnitt wird ein Konzept der ICF zum Verständnis und zur Erklärung von Funktionsfähigkeit und Beeinträchtigung vorgestellt. Dieses beinhaltet ein medizinisches Modell und ein soziales Modell. Das medizinische Modell betrachtet Beeinträchtigung als ein Problem einer Person, welches unmittelbar von einer Krankheit, einem Trauma oder einem anderen Gesundheitsproblem verursacht wird. Das Management von Beeinträchtigung zielt auf Heilung, Anpassung oder Verhaltensänderung des Menschen ab. Der zentrale Anknüpfungspunkt ist die medizinische Versorgung und vom politischen Standpunkt aus gesehen geht es grundsätzlich darum, die Gesundheitspolitik zu ändern oder zu reformieren. (vgl. DIMDI/WHO 2005: 24f.; Schuntermann 2007: 29f.) Das soziale Modell der Beeinträchtigung hingegen betrachtet Beeinträchtigung hauptsächlich als ein gesellschaftlich verursachtes Problem und im Wesentlichen als eine Frage der vollen Integration Betroffener in die Gesellschaft. Hierbei ist Beeinträchtigung kein Merkmal einer Person, sondern ein komplexes Geflecht von Beeinträchtigungen, von denen viele vom gesellschaftlichen Umfeld geschaffen werden. Daher erfordert die Handhabung dieses Problems soziales Handeln, und es gehört zu der gemeinschaftlichen Verantwortung der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, die Umwelt so zu gestalten, wie es für eine volle Partizipation der Menschen mit Beeinträchtigung an allen Bereichen des sozialen Lebens erforderlich ist. Das zentrale Thema ist daher ein einstellungsbezogenes oder weltanschauliches, welches soziale Veränderungen erfordert. (vgl. ebd.) Vom politischen Standpunkt aus gesehen wird dieses Thema zu einer Frage der Menschenrechte. Für dieses Modell ist Beeinträchtigung ein politisches Thema. Das Konzept der ICF basiert auf einer Integration dieser beiden gegensätzlichen Modelle. Um die verschiedenen Perspektiven der Funktionsfähigkeit zu integrieren, wird ein biopsychosozialer Ansatz verwendet. Die ICF versucht eine Synthese zu erreichen, die eine kohärente Sicht der verschiedenen Perspektiven von Gesundheit auf biologischer, individueller und sozialer Ebene ermöglicht. (vgl. ebd.) Um die kognitive Beeinträchtigung spezifischer zu definieren, bezeichnet der Begriff kognitive Beeinträchtigung nach ICD-10 einen andauernden Zustand deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten eines Menschen, wie z.B. Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten, sowie damit verbundene Einschränkungen seines affektiven Verhaltens (vgl. Dilling et al. 2000: 254; DIMDI/WHO 2009: 212f.). Eine Diagnose der kognitiven Beeinträchtigung bezieht sich oft auf die Messung einer deutlichen Intelligenzminderung mit Hilfe standardisierter Intelligenztests. Ein Intelligenzquotient (IQ) im Bereich von 70 bis 85 ist unterdurchschnittlich; in diesem Fall spricht man von einer Lernbehinderung (vgl. DIMDI/WHO 2009: 212f.). Ein IQ unter 70 bedingt dann die Diagnose der kognitiven Beeinträchtigung. Eine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition ist jedoch schwierig. (vgl. ebd.) Medizinisch orientierte Definitionen sprechen von einer Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz (vgl. ebd.; Comer 2001: 474). So bezeichnet auch
die ICD-10 dieses Phänomen als Intelligenzminderung (F70-79) (vgl. Dilling et al. 2000: 254f.; DIMDI/WHO 2009: 212f.). Demnach lässt sich - rein auf die Intelligenz bezogen - eine kognitive Beeinträchtigung quasi als Steigerung und Erweiterung der Lernbehinderung verstehen (vgl. ebd.; Comer 2001: 477). Die ICD-10 - Klassifikation teilt die kognitive Beeinträchtigung in verschiedene Grade ein: leichte, mittelgradige, schwere, schwerste kognitive Beeinträchtigung und dissoziierte Intelligenz. Die leichte kognitive Beeinträchtigung wird in der ausführlicheren Beschreibung so ausgelegt, dass die Betroffenen Schwierigkeiten in der Schule haben und als Erwachsene die Intelligenz dem Alter entsprechend von 9 bis 12 Jahren erreichen. Viele Erwachsene können arbeiten, gute soziale Beziehungen pflegen und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten (näheres dazu im Kapitel 2.1.3). (vgl. DIMDI/WHO 2005)
Nach soziologischem Ansatz ist der Bezug von Menschen mit Beeinträchtigung und Gesellschaft ein wichtiges Faktum, das viele Theoretiker im Blick haben (z.B. Jantzen 1992, Feuser 1996, Seifert 1997 usw.). Wolfgang Jantzen zum Beispiel sieht diesen Bezug wie folgt: „Behinderung kann nicht als naturwüchsig entstandenes Phänomen betrachtet werden. Sie wird sichtbar und damit als Behinderung erst existent, wenn Merkmale und Merkmalskomplexe eines Individuums aufgrund sozialer Interaktion und Kommunikation in Bezug gesetzt werden zu gesellschaftlichen Minimalvorstellungen über individuelle und soziale Fähigkeiten. Indem festgestellt wird, dass ein Individuum aufgrund seiner Merkmalsausprägung diesen Vorstellungen nicht entspricht, wird Behinderung offensichtlich, sie existiert als sozialer Gegenstand erst von diesen Augenblick an.“ (1992: 18) Dieser Interpretation nach kann Beeinträchtigung nicht als eine dem Individuum innewohnende Eigenart verstanden werden, vielmehr wird Beeinträchtigung erst in der Interaktion mit der Umwelt und ihren Ansprüchen zur Beeinträchtigung- sie entsteht demgemäß stets erst im gesellschaftlichen Kontext. Die hier genannten Definition sowie andere Erklärungen, sind negativ behaftet und eher defizitorientiert. Deswegen fügen wir abschließend eine Definition nach Otto Speck ein, die im oder beim pädagogischen Aspekt den Schwerpunkt setzt und als weniger defizitorientiert zu betrachten ist. Speck sieht in einer kognitiven Beeinträchtigung "spezielle Erziehungsbedürfnisse, die bestimmt werden durch eine derart beeinträchtigte intellektuelle und gefährdete soziale Entwicklung, dass lebenslange pädagogisch-soziale Hilfen zu einer humanen Lebensverwirklichung nötig werden." (1993: 62) Diese Definition unterstützen wir mit der Begründung, dass nicht der Mensch als Defizit dargestellt wird, sondern dass aufgrund der ko-
gnitiven Beeinträchtigung Defizite und somit spezielle Bedürfnisse entstehen.
Im folgenden abschließenden Unterkapitel werden wir genauer auf die Definition der leichten kognitiven Beeinträchtigung eingehen, weil diese für unsere Arbeit von Belang ist.
2.1.3 Zum Begriff leichte kognitive Beeinträchtigung
Entsprechend dem Begriff der kognitiven Beeinträchtigung beschreibt der Begriff leichte kognitive Beeinträchtigung den Umstand, dass die Entwicklungsfähigkeiten und -möglichkeiten leicht beeinträchtigt sind. Einerseits orientieren wir uns an diesem Grad der kognitiven Beeinträchtigung wegen unserer beruflichen Erfahrung und andererseits verlangt es nach einer Definition, weil die Entwicklung eines Menschen mit leichter, mittelgradiger, schwerer oder schwerster kognitiver Beeinträchtigung differenziert betrachtet werden muss. Wie schon erwähnt, entspricht der kognitive Entwicklungsstand eines Erwachsenen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung nach der ICD-10 dem kognitiven Entwicklungsstand resp. Niveau der kognitiven Fähigkeit eines neun bis unter zwölf Jahre altem Kind (siehe Kapitel 2.1.2). Er weist deutliche Entwicklungsverzögerungen in der Kindheit auf und braucht in unterschiedlichem Masse Unterstützung im Leben. Viele Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung können aber eine hohe Unabhängigkeit in der Selbstversorgung (Essen, Wa-
schen, Anziehen, Darm- und Blasenkontrolle) und in praktischen, häuslichen Tätigkeiten erlangen (vgl. Dilling et al. 2000: 256). Diese Gruppe der Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung macht etwa 85 Prozent der Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aus (vgl. Comer 2001: 477). Man bezeichnet diese Gruppe auch als schulfähig, da sie im Vorschulalter soziale und kommunikative Fähigkeiten entwickeln können (vgl. ebd.). Die Entwicklung der Sprache kann sich zwar verzögern, aber in einem ausreichenden Umfang für die tägliche Anforderungen, wie z.B. alltägliche Konversation. Die größten Schwierigkeiten sind beim Lesen und Schreiben festzustellen. (vgl. Dilling et al. 2000: 256) In der Adoleszenz ist der Erwerb von Schulkenntnissen bis nahe zur sechsten Klasse möglich, und im Erwachsenenalter können sie mit ihren sozialen und beruflichen eher praktischen als schulischen Fähigkeiten durchwegs ihre Grundbedürfnisse erfüllen (vgl. ebd.; Comer 2001: 477). Das heißt, dass sie einem Beruf in sehr einfachen Tätigkeiten nachgehen können - häufig eine ungelernte oder angelernte Handarbeit in einer geschützten Werkstatt. Eine kognitive Beeinträchtigung dieses Grades ist meist erst bei der Einschulung des Kindes diagnostizierbar und anscheinend verbessert sich die intellektuelle Leistung mit steigendem Alter; es ist sogar möglich, dass einige Personen nach dem Schulabschluss das Etikett ganz abstreifen, was ihnen erlauben kann, ein autonomes Leben zu führen. Es gbt einige Faktoren, die zu
leichter kognitiven Beeinträchtigung führen können, wie z.B. mangelnde Anregung durch die Umwelt, inadäquate Eltern-Kind-Interaktionen und ungenügende Lernerfahrungen. (vgl. Co- mer 2001: 477) Daneben spielen zumindest auch einige biologischen Faktoren eine wichtige Rolle, wie z.B. Alkohol- oder Drogenkonsum oder Unterernährung der Mutter während der Schwangerschaft, auch die Unterernährung in der Kindheit kann das Risiko erhöhen. All dies kann das intellektuelle Potenzial des Kindes schmälern (vgl. ebd.). Die emotionale und sozia- le Schwierigkeiten sowie ihre Behandlung und Betreuung bei dieser Gruppe ähneln denjeni- gen bei Menschen mit durchschnittlicher Intelligenz: wenn aber eine Unreife in diesem Punkt besteht, können die Betroffenen den Anforderungen einer Ehe oder der Kindererziehung nicht nachkommen (vgl. Dilling et al. 2000: 256). Daraus lässt sich schließen, dass Men- schen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung ihre sexuellen Bedürfnisse erfüllen so- wie eine Liebesbeziehung führen können, unabhängig davon, ob es um gleichgeschlechtli- che Liebe geht oder nicht. Die Aussage von Dilling bezüglich der Überforderung von Ehe und Kindererziehung wird in verschiedenen Kapiteln unserer Thesis aufgenommen unter dem Aspekt der Gleichberechtigung von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. 2.2 Junges Erwachsenenalter
Die Lebensphase Jugend ist heutzutage sowohl in Bezug auf ihren Beginn als auch auf ihr Ende, resp. dem Übergang ins Erwachsenen- und Erwerbsalter, schwer abgrenzbar. Somit kann im Altersbereich der jungen Erwachsenen schon lange nicht mehr ausgemacht werden, wann Jugend aufhört und das Erwachsensein beginnt. (vgl. Böhnisch 2005: 139) Diese Komplexität wird durch diese unklaren Übergangskonturen des Erwachsenen- und Erwerbsalters verstärkt. Hier spielt auch die kognitive Beeinträchtigung eine große Rolle, die diese unklare Grenze noch mehr ausdehnen kann, weil die Entwicklung bei Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung nicht unbedingt dem biologischen Alter entspricht. Vor diesem Hintergrund ist es fast unmöglich, nach einer klaren Definition des Begriffs zu streben. Trotzdem versuchen wir den Begriff junge Erwachsene so weit wie möglich zu präzisieren.
2.2.1 Zum Begriff junge Erwachsene
„Aus sozialpädagogischer Warte betrachten wir die Jungen Erwachsenen also vom Ende der Jugendphase aus“. (Böhnisch 2005: 203) Dieser Altersbereich dehnt sich heutzutage auf die Altersgruppe von den 18- bis 25-Jährigen aus. Einerseits wollen junge Erwachsene keine Jugendliche mehr sein, anderseits fühlen sie sich auch noch längst nicht mit der
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Erwachsenenwelt verbunden. Das heißt, dass sie sowohl Lebensmuster aus der Jugendzeit beibehalten wollen als auch ihre Eigenständigkeit materiell und sozial demonstrieren: durch einen eigenen Lebensstil, die Versorgung, den Aufbau sozialer Netze und primär durch einen eigenen Wohnung. (vgl. ebd.)
Anschließend wird die Begriffsklärung junge Erwachsene mit dem Begriff der kognitiven Beeinträchtigung erweitert und angepasst.
2.2.2 Zum Begriff junge Erwachsene mit leichter kognitiver Beeinträchtigung
Nun soll der Begriff junge Erwachsene mit dem Begriff leichte kognitive Beeinträchtigung zusammen geführt und nochmals genauer erklärt werden, da nun auch die Perspektive der Entwicklungspsychologie eine Rolle spielt. Wie schon im Kapitel 2.1.1 erwähnt, sind ungefähr drei Fünftel aller Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung leicht beeinträchtigt und davon sind zwei drittel junge Erwachsene. Zwei wichtige Unterschiede bestehen im Gegensatz zu jungen Erwachsenen ohne kognitive Beeinträchtigung: die Mündigkeit und die Entwicklung. In unserer Gesellschaft ist es häufig der Fall, dass Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung gesetzlich bevormundet werden, z.B. durch die Eltern, Angehörige oder einer Amtsperson der Gemeinde. Weiter kann sich auch ein Unterschied ergeben, dass die Entwicklung verzögert erfolgt. Somit kann es sein, dass ein junger erwachsener Mensch mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung eine andere Entwicklungsaufgabe vor sich hat als ein junger Erwachsener ohne Beeinträchtigung (siehe Kapitel 5). Auf Grund dessen erweitern wir die Altersgrenze auf 18- bis 30-Jährige.
Nachfolgend widmen wir uns der Begriffsklärung der Homosexualität, um die Beschreibung unserer Zielgruppe zu vervollständigen.
2.3 Homosexualität
Homosexualität als Begriff ist heutzutage bekannt. Die Unterschiede in dem, was darunter verstanden wird, sind von Land zu Land sowie von Kultur zu Kultur gravierend. Die einen verbinden sie mit Sündhaftigkeit oder Krankheit und andere sprechen eher von einer Form der modernen und normalen Sexualität. Für diese bestehende Diskrepanz sind vielfältige Gründe zu nennen, die in einer Gesellschaft, Kultur sowie Religion verankert sind. Politisch betrachtet wird Homosexualität in westlich-europäischer Gesellschaft als Machtkategorie gesehen, die materiell, politisch, kulturell und sozial strukturiert ist (vgl. Walgenbach et al. 2007: 17). Im Kapitel 3.2.1 werden wir die gesellschaftliche Entwicklung bezüglich Homosexualität und damit die Entwicklung des Begriffs detaillierter behandeln. In diesem Kapitel ist uns primär wichtig, die Begriffe Homosexualität, Lesben und Schwule zu definieren sowie die feinen Unterschiede zwischen der Homosexualität der Frau und des Mannes transparent zu machen.
2.3.1 Zum Begriff Homosexualität
Der Begriff Homosexualität ist älter als der Begriff der Heterosexualität. Man kann sogar behaupten, dass die Homosexualität so alt wie die Menschheit ist, die bis in die Antike zurückgeht, jedoch dazumal anders benannt und verstanden wurde (siehe Kapitel 3.2.1). Er findet seinen Ursprung im Jahre 1869, der so vom österreichischen Journalisten, Schriftsteller und Menschenrechtler Karl Maria Benkert (alias Karoly Maria Kertbeny) formuliert wurde (vgl. Vetter 2006: 13; Rauchfleisch et al. 2002: 17; Jagose 2005: 95). In der Antike wurde Homosexualität ohne Lob und Tadel als etwas Seiendes begriffen. Einige Griechen und Römer verherrlichten Homosexualität sogar als die höchste Form zwischenmenschlicher Liebe (vgl. Vetter 2006: 14). In dieser Zeit wurde Homosexualität als ein natürliches und elementares
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„Verlangen nach dem gleichen Geschlecht“, also als eine „tiefstmögliche Freundschaft und Liebe zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts“ gesehen (ebd.: 15). Generell versteht man unter Homosexualität „die geschlechtliche Neigung von Männern zu männlichen und von Frauen zu weiblichen Personen.“ (Hirschfeld 2001: 3; vgl. Jagose 2005: 19) Das klassische Wort homosexuell ist eine Kombination griechischer und lateinischer Elemente: das Präfix homo stammt vom griechischen Adjektiv homós (gleich) und das Grundmorphem sexuell vom lateinischen Substantiv sexus (Geschlecht) (vgl. Duden 1989: 290). Homosexualität kann als eine Kombination essentialistischer und konstruktivistischer Annahmen verstanden werden, weil sowohl anti-homophobe als auch homophobe 5 Gruppen die Positionen beider Annahmen vertreten: der Essentialismus betrachtet Identität als natürlich, fest und angeboren. Das heißt, dass manche Menschen von Geburt an homosexuell sind (angeborene Homosexualität). Der Konstruktivismus hält die Identität für veränderlich und sieht in ihr ein Ergebnis sozialer Konditionierung und der kulturell verfügbaren Modelle. Das bedeutet, dass die Homosexualität auf die eine oder andere Weise erworben ist (psychologische Homosexualität). (vgl. Jagose 2005: 20ff.) Dieser Diskurs, ob es sich bei Homosexualität um eine angeborene oder um eine psychologische Gegebenheit handelt, ist nicht abgeschlossen und wird es vielleicht auch nie sein.
Die Literatur über Homosexualität bezieht sich normalerweise auf eine Kombination von vier Verhaltenskomponenten: erotische Phantasien, sexuelle Handlungen mit anderen, wahrgenommene Identität und soziale Rolle (vgl. Friedmann 1993: 3). Richard Friedmann selbst sieht diese Gegebenheit kritisch: Er ist der Meinung, dass eine derartige Aufteilung viele Menschen, die nur einige Verhaltensweisen aufzeigen, automatisch ausschließt und dies kann für die einen oder anderen ungerecht sein. Ob es sinnvoll ist, eine solche Aufteilung zu machen, kommt ganz darauf an, was man alles unter Homosexualität verstehen möchte. Wir stehen dem skeptisch gegenüber, weil unserer Meinung nach nicht jeder Mensch (sei dieser homosexuell oder heterosexuell) alle vier Komponenten gleichzeitig aufweisen kann aufgrund seiner kognitiven, physischen und psychischen Ressourcen, aber auch sozialen und kulturellen Bedingungen - der sich ständig entwickelnde Mensch ist immer auf der Suche nach einer eigenen Identität.
Synonyme der Homosexualität stehen viele zur Verfügung: gay, homo, queer, Homoerotik, Menschen mit homosexueller Orientierung, Schwule und Lesben usw. Keine der existierenden Begriffe ist in der Lage, die Lebenswirklichkeit eines Menschen mit homosexueller Orientierung in ihrer ganzen Vielschichtigkeit in umfassender Weise abzubilden. Das Wort gay kommt aus dem Provenzalischen gai und wurde im 13. und 14. Jahrhundert zur Kennzeichnung der höfischen Liebe und ihrer Literatur verwendet - der Kult der höfischen Liebe in Südfrankreich war eine für schwule Sexualität bekannte Gegend und die Poesie der Troubadouren war ausgesprochen homosexuell orientiert (vgl. Boswell 1980: 43). Gay dient als positive Selbstbezeichnung von Schwulen, aber auch von Schwulen und Lesben gemeinsam (vgl. Jagose 2005: 10). Erst im 20. Jahrhundert wurde dieser Begriff in der englischen homosexuellen Subkultur als eine Art Geheimwort üblich (vgl. Boswell 1980: 43). Die deutsche Übersetzung lautet schwul aber auch homo. Die Begriffe gay und homo meinen „eine subkulturelle Geste der Selbstbehauptung gegen den tendenziell medizinischen Begriff ‚homosexuell’; ebenso wie gay wohnt auch ‚homo’ eine starke Tendenz inne, Lesben unsichtbar zu machen.“ (Jagose 2005: 10)
Kaum ein Begriff ist während der 1990er Jahre in der Politik sowie in der Akademie so angenommen worden wie queer, seine Bedeutung kennt aber kaum jemand. Ins Deutsche über-
5 „Homophobie welche vordergründig mit Abscheu und Ärger, tiefgründig und meist unbewusst hingegen mit Angst in Bezug auf Unsicherheiten in der eigenen (sexuellen) Identität einhergeht. (...) Homophobie gegenüber Schwulen kann auch als die unbewusste Verachtung des Weiblichen im Manne verstanden werden“. (Wiesendanger 2005: 25)
setzt bedeutet dieser: fragwürdig, sonderbar oder Falschgeld (vgl. ebd.: 9; Walgenbach et al. 2007: 17f.). Früher war dieser Begriff auf der einen Seite ein umgangssprachlicher Ausdruck für homosexuell und auf der anderen Seite ein homophobes Schimpfwort. In der letzten Zeit wird dieser als Sammelbegriff für ein politisches Bündnis sexueller Randgruppen und zur Bezeichnung eines neuen theoretischen Konzepts gebraucht (vgl. Jagose 2005: 13). Wenn man das Wort Homosexualität, Homosexuelle oder homosexuell verwendet, so wird damit der Anschein erweckt, als stünde Sex in einem solchen Masse im Vordergrund, dass er alle anderen Eigenschaften dieser Menschen dominiere (vgl. Vetter 2006: 11; Rauchfleisch 2001: 8). Obschon diese Begriffe beide Geschlechter bezeichnen, verband man das Adjektiv homosexuell mit der Vorstellung von männlicher Homosexualität; ebenso eignet es sich als Substantiv besser für Männer als für Frauen. Die Assoziation zum lateinischen homo (Mensch, Mann) mag hier einen konnotativen Einfluss haben. Die Benützung des Wortes homoerotisch hat ebenfalls eine stark eingeschränkte Sicht, denn damit würden die erotischen Aspekte unangemessen gewichtet und die ganze sexuelle Dimension wird dadurch ausgeklammert (vgl. Rauchfleisch 2001: 9).
In der Fachliteratur wird die Formulierung Menschen mit homosexueller Orientierung des Öfteren benützt - diese Formulierung reduziert diese Menschen genau so auf ihre Sexualität. Sowohl in der Öffentlichkeit und in der Literatur, aber auch von Homosexuellen selbst werden die Begriffe Schwule und Lesben verwendet, die jedoch Unbehagen auslösen können, weil diese ursprünglich in der Umgangsprachen als diskriminierende Begriffe für diese Gruppe galten (vgl. ebd.; Jagose 2005: 9).
Die oben aufgeführten Überlegungen haben uns dazu motiviert, in dieser Arbeit einerseits von Homosexualität und/oder homosexueller Orientierung als zwei Hauptbegriff und anderseits von Lesben und Schwulen zu sprechen. Wenn wir von Homosexualität sprechen, gehen wir von einem Kontinuum aus, auf dem das homosexuelle Erleben und Verhalten beschrieben werden kann und eben nicht zur Kennzeichnung von Individuen. Egal für welche Terminologie wir uns auch entschieden hätten, es wäre immer ein gewisses Unbehagen bestehen geblieben. Es erscheint uns sinnvoll, von Schwulen und Lesben zu sprechen, weil sie einerseits selber diese Termini verwenden, die im Rahmen der Identitätsfindung eine wichtige Rolle spielen und andererseits die Lesben nicht unsichtbar machen im Vergleich zu anderen Begriffen. (vgl. Rauchfleisch 2001: 8f.) Unser Anliegen ist es, Schwule und Lesben so weit wie möglich zu trennen und separat abzuhandeln, damit wir die feinen Unterschiede bei der Entwicklung und Sozialisation herausbekommen können, die wiederum für die Unterschiede bei der Lebensbewältigung relevant sein können. Einen Grund zur getrennten Betrachtung nennt Jeffrey Weeks, der behauptet, dass „Schwule und Lesben (...) nicht zwei Geschlechter innerhalb einer sexuellen Kategorie“ sind. „Sie haben unterschiedliche Geschichten, die sich deshalb unterscheiden, weil die komplexe Organisation männlicher und weiblicher Identitäten genau anhand der Frage von Geschlecht verläuft.“ (1985: 203) (siehe Kapitel 3.2.1)
Nachfolgend erläutern wir näher die Begriffe Lesben und Schwule, die wir ausschließlich zur Kennzeichnung von weiblichen und männlichen Personen, die sich auf die Personen des gleichen Geschlechts emotional und sexuell angezogen fühlen, benützen.
2.3.2 Zum Begriff Lesbe
Das Substantiv Lesbe sowie das Adjektiv lesbisch leiten sich von der griechischen Insel Lesbos ab, die sich im ostägäischen Meer befindet. Die antike griechische Dichterin Sappho, die im 6. Jh. v. Chr. auf Lesbos lebte, hatte in ihren Gedichten die Liebe zwischen Frauen besungen, auch wenn ihre eigene sexuelle Orientierung bis heute umstritten ist (vgl. Feustel
2003: 14f.; Duden 1989: 416). In der Antike wurde für weibliche Homosexualität sowohl von den Griechen, als auch von den Römern unter anderem das Wort tribas verwendet, welches in verschiedenen Formen wie der des Tribadismus 6 bis Mitte des 20. Jh. verwendet und mit der Zeit eine immer engere Bedeutung bekommen hat (vgl. Marle 1932). Bis in die 1970er Jahre war in der lesbischen Subkultur im angloamerikanischen Sprachraum die Unterteilung in Butches für betont maskulin auftretende Frauen, und Femmes für betont weiblich auftretende Frauen durchaus gängig. Die Unterscheidung zwischen Butch und Femme galt nach dem Aufkommen des Feminismus während der 1970er und 1980er Jahre als politisch nicht korrekt und wurde in der Lesbenszene abgelehnt. Seit Mitte der 1990er Jahre tauchen die Konzepte Butch und Femme wieder vermehrt in der lesbischen Subkultur auf. Keineswegs aber fühlen sich alle Lesben einer der beiden Gruppen zugehörig, es gibt auch Switcher, die einmal die eine und mal die andere Rolle einnehmen und Lesben, die beide Kategorien für nicht sinnvoll halten. Die Kategorien sind vor allem vor dem Hintergrund der Kategorienkritik der Queer Theory umstritten. (vgl. Jagose 2005) Der Begriff Lesbe wird von uns bewusst verwendet, da weitere Begriffe wie „Frauen mit homosexueller Orientierung oder Homoerotik nicht in der Lage sind, die Lebenswirklichkeit eines homosexuellen Menschen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit in umfassender Weise abzubilden“ (Rauchfleisch 2001: 8). Auf simple Art übersetzt bedeutet der Begriff Lesbe resp. lesbisch eine Frau, die eine Liebesbeziehung zu einer anderen Frau auf emotionaler und/oder sexueller Basis lebt oder leben möchte (vgl. ebd.: 15f.; Federman 1990: 16). Es ist unserer Meinung nach der gleiche Versuch, die Heterosexualität einer Frau zu definieren.
2.3.3 Zum Begriff Schwule
Eine gesellschaftlich vermittelte Definition des Schwulen lautet: „feminin, weich, nur für künstlerische Berufe tauglich, oberflächlich, total vom Sex besessen, unfähig für dauerhafte Beziehungen, narzisstisch und exaltiert“. (Siems 1984: 19; vgl. Rauchfleisch 2001: 20ff.) Heutzutage ist diese Formulierung tendenziell mit Negativ-Bildern behaftet, was politisch sowie ethisch unkorrekt und falsch ist, weil dies vom Grundsatz her nicht stimmt - es gibt den männlichen schwulen Mechaniker, den weiblichen schwulen Coiffeur und unzählige andere Erscheinungsbilder, die nicht per se negativer Art zwischen den beiden Polen sein muss. (vgl. Vetter 2006: 9ff.) Diese gesellschaftliche Vermittlung resp. Etikettierung ist heutzutage noch vernehmbar - dies hat mit der Tatsache zu tun, dass diese negativen gesellschaftlichen Werte sehr tief in einer Person verinnerlicht sind, sodass es schwierig ist, diese zu eliminieren. Dies hat zur Folge, dass gegenüber dieser Gruppe (und auch den Lesben) Stigmatisierungs- sowie Diskriminierungsprozesse bestehen bleiben können. Das Adjektiv schwul wurde laut Duden im 17. Jh. aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche übernommen und im 18. Jh. zu schwül umgelautet. Seine Bedeutung ist drückend heiß. (vgl. Duden 1989: 661) Seit dem 19. Jahrhundert wird schwul als missbilligender Begriff für homosexuell verwendet. Man assoziierte also mit schwul einen Triebzustand, der keine wirkliche Befreiung erfährt, sondern einen Dauerzustand darstellt. Das Wort gay wird mit schwul übersetzt, wobei gay beide Geschlechte umfasst. Andere veraltete, ungeeignete und/oder diskriminierende Synonymbegriffe zu Schwuler sind: Warmer Bruder, Warmer, Uranist, Homophiler, Androphiler, Kinäde usw. (vgl. Wahrig 2002: 348).
Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns mit dem Begriff des Coming-out, die bei der Lebensbewältigung von Lesben und Schwulen eine essenzielle Rolle spielen.
6 Tribadismus: Geschlechtlicher Verkehr zw. Frauen, bes. Aneinanderreiben d. Genitalien bzw. Imissio clitoridis einer Frau in die Vagina des anderen (vgl. Marle 1932).
2.4 Doppeltes Coming-out
Dieser Begriff ist selten in der deutschsprachigen Literatur anzutreffen. Wenn er auftaucht, dann meistens in Bezug auf Schwule. Diese einseitige Darstellung überwinden wir, indem wir betonen, dass das Coming-out ein Prozess der Lesben wie auch der Schwulen darstellt und indem wir eine Erweiterung bezüglich Coming-out bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung vornehmen. Deswegen lässt sich behaupten, dass der Terminus des doppelten Coming-out als ein Novum und ein Phänomen überhaupt in der Sozialen Arbeit angeschaut werden darf, mit dem wir uns in dieser Arbeit spezifisch auseinandersetzen werden. Die folgenden zwei Unterkapitel zeigen unser Verständnis auf, angefangen mit einer allgemeinen Definition des Coming-out, sowie der Definition des doppelten Coming-out.
2.4.1 Zum Begriff Coming-out
Das Wort Coming-out (aus dem engl. to come out of the closet, wörtlich: aus dem Kleiderschrank herauskommen) bedeutet absichtliches, bewusstes Öffentlichmachen von etwas eigenem (vgl. Wahrig 2002: 323), insbesondere der eigenen Homosexualität, aber auch der Beeinträchtigung usw. Unter Coming-out wird der für die schwule und lesbische Entwicklung entscheidende Prozess verstanden, der einerseits eine innerpsychische Komponente des Erkennens und Akzeptierens der eigene Homosexualität enthält (das Eingestehen sich selbst gegenüber - inneres Coming-out) und anderseits eine soziale Dimension beinhaltet, welche die eigene sexuelle Orientierung einem mehr oder weniger ausgewählten Kreis von Bezugspersonen offen legt (sich offen legen der Gesellschaft gegenüber - äußeres Comingout) (vgl. Wiesendanger 2005: 8; Rauchfleisch 2001: 76; Siems 1984: 26; Brockhaus 2001: 247). „Die beiden Dimensionen lassen sich, obwohl verschieden, nicht voneinander trennen; sie hängen eng miteinander zusammen und bedingen einander.“ (Rauchfleisch et al. 2002: 38) Dies bedeutet, dass die eigene Gewissheit, lesbisch oder schwul zu sein, die Voraussetzung dafür ist, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dabei ist sehr bedeutsam zu konstatieren, dass das Coming-out letztlich ein lebenslanger Prozess sein kann. Näheres über die Coming-out-Prozesse sowie -phasen berichten wir im sechsten und siebten Kapitel. Anhand der vorangegangenen theoretischen Inputs und den Ergebnissen, die eine wissenschaftliche Studie in Deutschland (siehe Rudolph 2001) ergeben hat, erlauben wir uns im nächsten Schritt, die Definition vom doppelten Coming-out selber zu übernehmen.
2.4.2 Zum Begriff doppeltes Coming-out
Unter doppeltem Coming-out verstehen wir allgemein einen Prozess des inneren und äußeren Coming-out bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und homosexueller Orientierung und die daraus resultierenden periodischen Verläufe und Bewältigungen. Lesben und Schwule mit Beeinträchtigungen (körperlich, kognitiv und/oder psychisch) berichten, dass ihre Lebenssituation grundsätzlich durch das Phänomen des doppelten inneren und äußeren Coming-out geprägt sei: Einerseits erlebe man in den Gruppen von Menschen mit Beeinträchtigungen die Ausgrenzung als Mensch mit einer homosexuellen Orientierung und andererseits werde man in der Schwulen- sowie Lesbischenszene als Mensch mit einer Beeinträchtigung ausgegrenzt, wenn man sich als schwul, lesbisch oder/und beeinträchtigt bekennen würde. Betroffene stellen somit eine Minderheit in der Minderheit dar. Menschen mit Beeinträchtigungen wird allgemein Sexualität tendenziell abgesprochen. Somit können die Vorbehalte gravierend sein gegenüber der Homosexualität, was sich wiederum auf Beziehungen, somit auch auf die Beziehung zu Professionelle der Sozialen Arbeit, negativ auswirken kann. Das heißt, dass es für Lesben und Schwule mit Beeinträchtigungen schwierig ist, sich im Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Institutionen und Professionellen der Sozi-
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alen Arbeit zu ihrer Identität zu bekennen. So besteht z.B. gegenüber den Professionellen die Angst, dass die Begleitung und Unterstützung nicht in derselben Qualität erhalten bleibt, wenn man sich outet. (siehe Rudolph 2001)
Da es keine Literatur im deutschsprachigen Raum gibt, die das Coming-out bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung definiert, formulieren wir die Definition dieses Phänomens in Anlehnung an bestehende Definitionen des Coming-out bei Schwulen und Lesben mit unseren eigenen Worten. In den zwei nächsten Abschnitten geben wir zuerst eine kurze und exakte Abfassung des inneren und äußeren Coming-out bei Schwulen und Lesben sowie Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung wieder.
Das innere und äußere Coming-out bei Schwulen und Lesben bezeichnet die krisenhafte Lebensphase, in der sich die Homosexualität manifestiert und sie diese psychisch sowie sozial zu integrieren haben. Nach einer solchen Phase wird die schwule oder lesbische Identität entwickelt, indem eine Lesbe oder ein Schwuler sich selbst als schwul oder lesbisch versteht und akzeptiert und sich in diversen sozialen Kontexten als lesbisch oder schwul bezeichnet.
Die Bezeichnung des inneren und äußeren Coming-out bei Menschen mit einer (kognitiven) Beeinträchtigung kann analog als eine kritische Lebensphase verstanden werden, in der sich die Beeinträchtigung manifestiert und psychisch sowie sozial integriert werden muss. Nach dieser Phase wird die Identität eines Menschen mit (kognitiver) Beeinträchtigung entwickelt, indem ein Mensch mit Beeinträchtigung sich selbst als Mensch mit Beeinträchtigung versteht und akzeptiert und sich in den verschiedenen sozialen Kontexten als Mensch mit Beeinträchtigung bezeichnet.
Folgendes Kapitel wird nun die mehrfache Stigmatisierung erhellen, mit der Lesben und Schwule mit einer kognitiven Beeinträchtigung konfrontiert und irgend wie zurecht kommen müssen.
2.5 Mehrfache Stigmatisierung
In der gegenwärtigen Debatte sind verschiedene Termini zur Beschreibung und Problematisierung des Zusammendenkens von sozialen Kategorien und Marginalisierungen zu erkennen. In den Erziehungswissenschaften werden nebst den Ungleichheitsfaktoren Geschlecht, soziale Schicht, Beeinträchtigung oder Migrationshintergrund auch andere sozial relevante Dimensionen von Differenz diskutiert, wie z.B. Altersgruppen usw. (vgl. Walgenbach et al. 2007: 8). Das vorangegangene Kapitel zum Begriff kognitive Beeinträchtigung hat zur Klärung beigetragen, dass sich kognitive Beeinträchtigung bestimmen lässt in Relation zu vorhandenen gesellschaftlichen Wertesystemen oder/und erlernten Normvorstellungen, die sowohl das Normale (Nicht-Beeinträchtigte) als auch das Abweichende (Beeinträchtigte) umfassen. Es handelt sich um soziale Reaktionen, die eine Beeinträchtigung als solche determinieren sowie definieren. Hierbei geht es jedoch nicht nur um eine Differenz, aufgrund derer eine Person stigmatisiert wird, sondern um mehrere: Die Kategorien der (kognitiven) Beeinträchtigung und (Homo-)Sexualität sind lediglich zwei davon.
Als Basis für die Analyse sozialer Reaktionen auf Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ist ein als hilfreich erwiesener Ansatz zu nennen: Der Stigmatisierungsansatz. Zuerst wird auf den Begriff Stigmatisierung eingegangen, um darauf aufbauend die mehrfache Stigmatisierung zu erläutern
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2.5.1 Zum Begriff Stigmatisierung
Die Wortbedeutung soll aus der Perspektive der Sozialwissenschaften geklärt werden, da ihr Ursprung in der Soziologie zu verorten ist. Der Begriff Stigma wurde in den 60er Jahren vom Soziologen Erving Goffman bekannt gemacht. Er hat den Ausdruck Stigma aus dem Altgriechischen übernommen und übersetzt bedeutet es einen Hinweis auf körperliche Zeichen, die etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers offenbaren. (vgl. Wüllenweber 2004: 288) Heutzutage wird in der deutschen Sprache von Stigmatisierung gesprochen und als physisches, psychisches oder soziales Merkmal definiert, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe oder Gesellschaft unterscheidet und aufgrund dessen soziale Deklassierung, Isolation oder allgemeine Verachtung droht. Diese Definition von Stigmatisierung stellt die Ebene der Einstellungen dar. (vgl. ebd.: 288f.) Ebenso bezeichnet es die Verhaltensebene. Die Sozialisation in die Rolle des Stigmatisierten geschieht in der primären Kindheitssozialisation und in den fortlaufenden Interaktionen durch die mit den jeweiligen Normen verbundenen typisierenden Erwartungen. Der Prozess der Stigmatisierung kann sich auf eine gesamte soziale Kategorie (Studierende, Ausländer/innen, Homosexuelle, Menschen mit Beeinträchtigungen usw.) beziehen (siehe Exkurs). Es handelt sich hierbei also um die Stigmatisierung einer ganzen Gruppe innerhalb der Gesellschaft. Er kann sich aber auch auf jede Person erstrecken, die innerhalb ihrer sozialen Kategorie als negativ erachtete Merkmale auffällt. (vgl. ebd.: 289f.)
Der Begriff der Stigmatisierung wird im nachfolgenden Abschnitt erweitert, da die betroffene Zielgruppe unserer Arbeit mehreren sozialen Kategorien zugeteilt werden kann.
2.5.2 Zum Begriff mehrfache Stigmatisierung
Aufbauend auf die vorhergehende Klärung soll nun aufgezeigt werden, dass Personen auch eine mehrfache Stigmatisierung erleben können. Die Begrifflichkeiten wie doppelte Diskriminierung oder Benachteiligung und hiermit auch doppelte Stigmatisierung wurden vor allem von Frauen eingeführt, die sich zwischen zwei sozialen Bewegungen platziert sahen, z.B. zwischen Frauenbewegungen und Behindertenbewegungen (vgl. Schuntermann 2007: 45). Mit diesen Begriffen wollten Frauen darauf aufmerksam machen, dass sie nebst der gesellschaftlichen Unterordnung als Frau auch weitere Erfahrungen von Unterdrückung (z.B. Frau und beeinträchtigt; Frau und lesbisch etc.) machten. Die feministische Theorie kritisiert jedoch diese Formulierungen, weil ihre Metaphorik eine Addition von Unterdrückung nahelegt und somit die Perspektive der doppelten Diskriminierung bzw. Stigmatisierung heuristisch begrenzt bleibt, da die Stigmatisierung lediglich subordinierte Subjektposition in den Blick nimmt und damit Privilegierung (z.B. Weißsein, Heteronormativität usw.) ausblendet (vgl. ebd.: 46). Die Erweiterung von additiven Modellen, eine Multiplikation durch mehrfache Diskriminierung bzw. Stigmatisierung usw., kann die aufgeführten Kritikpunkte kaum entkräften. „Kritisiert wird an diesen Modellen zudem ihr geschlossener Charakter, der Machtformen als analytische Kategorien stilllegen würde sowie kontextbezogene und historische Analysen überflüssig macht.“ (ebd.: 46f.) Man kann konstatieren, dass all diejenigen Begriffe, welche Kategorien addieren, kombinieren oder multiplizieren, als ungeeignet erscheinen. Diverse Autoren und Autorinnen wollen im Gegensatz dazu mit begrifflichen Innovationen die additive Perspektive durch neue Modelle überwinden; so setzt sich neuerdings durchaus der Terminus Intersektionalität (engl. intersectionality) in der deutschsprachigen Gender (Geschlechterorientierung) Studien-Debatte durch, um jegliche Differenzen zu bezeichnen (vgl. ebd.: 8), jedoch unter der Absenz der Kategorie Sexualität. Intersektionalität lässt sich als eine Überkreuzung, Überschneidung oder ein Schnittpunkt verschiedener Kategorien von Differenzen, z.B. Beeinträchtigung und Sexualität, verstehen (vgl. ebd.:49). Im Gegensatz zur Genderfor-
schung stellen wir diese Kategorie ins Zentrum. Der Begriff Intersektionalität wurde international von Kimberlé Crenshaw’s Intersectionality-Konzept beeinflusst. Dieses Konzept bleibt deutungsoffen, weil es noch nichts darüber aussagt, was sich jeweils kreuzt bzw. überschneidet: Kategorien, Machtachsen oder Identitäten (vgl. ebd.). Obschon es sich um ein deutungsoffenes Konzept handelt, begrenzen wir uns auf Kategorien, weil sowohl Sexualität als auch Beeinträchtigung jeweils einer Kategorie unterliegen. Unser Schwerpunkt liegt wie schon angedeutet auf zwei Kategorien von Differenzen: Einerseits die kognitive Beeinträchtigung und andererseits die Homosexualität. Mit dem Ausdruck mehrfache Stigmatisierung meinen wir nicht multiple, sondern intersektionale Stigmatisierungskategorien, die sich seitens der Gesellschaft abspielen können.
In Bezug auf unsere Thematik bestehen zum einen eine Gruppe von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und zum anderen eine Gruppe von Menschen mit homosexueller Orientierung. Beide Gruppierungen sind spezifischen Stigmatisierungen ausgesetzt (siehe Kapitel 6 und 7). Daraus lässt sich schließen, dass wenn diese zwei Gruppen zusammenkommen und sich überkreuzen (Lesben und Schwulen mit kognitiver Beeinträchtigung), sind sie demzufolge einer gravierenden mehrfachen Stigmatisierung ausgesetzt. Aufgrund der sexuellen Orientierung und der begrenzten kognitiven Fähigkeiten ist das Risiko höher, dass diese Gruppe soziale Deklassierung, Isolation oder allgemeine Verachtung intensiver erlebt (vgl. Wüllenweber 2004: 291). Diese zwei Ebenen der Stigmatisierung wollen wir genauer untersuchen.
Weiter folgt das Unterkapitel Krise und Bewältigung mit einer Vertiefung bezüglich des erstgenannten Begriffs, welcher relevant ist für unser Thema.
2.6 Krise und Bewältigung
Der Terminus Krise kann unserer Meinung nach mit dem Terminus von Böhnisch (2005), kritische Lebenssituation, gleichgesetzt werden. In diesem Buch von Böhnisch ist
festgehalten, dass sich aus kritischen Lebenssituationen Krisen ergeben, die sich in verschiedenen Lebensabschnitten ereignen und die konstruktiv oder destruktiv zu bewältigen sind (vgl. Böhnisch 2005). Ausgehend von dieser Erklärung erachten wir bezüglich unserer Fragestellung den Begriff der Krise als vorrangig und werden ihm somit mehr Raum geben. Somit benutzten wir beide Termini, da sie zusammen gehören, setzen aber den Fokus mehr auf die Krisen. Im nachfolgenden Abschnitt befassen wir uns daher prinzipiell mit der Erhellung des Krisenbegriffs, des Krisenverlaufs und der Kategorien von Krisen. Aufgrund der Zusammengehörigkeit geben wir auch einer präzisen Definition des Begriffs kritische Lebenssituation nach Böhnisch wieder. Zum Schluss definieren wir den Begriff (Lebens)Bewältigung, welcher auch mit den oben benannten Begrifflichkeiten zusammen hängt. Prinzipiell meinen wir bei der Erwähnung von Krisen die positiven wie auch die negativen Aspekte, da sie eine Chance oder eine Hürde sein kann.
2.6.1 Zum Begriff Krise
Die Bedeutung des Begriffs Krise ist sehr multipel und weit verbreitet, insbesondere ist die Anwendung des Begriffs in der Medizin, Psychologie aber auch in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verbreitet. Der Krisenbegriff hat seinen Ursprung in der griechischen Etymologie und diese geht auf Hippokrates und Thukydides zurück (vgl. Clasen 1992: 67). Das Wort Krisis bedeutet Meinung, Beurteilung und Entscheidung oder Wendepunkt (vgl. Oerter/Montada 2002: 42; Krummenacher 1981: 3). Im alltäglichen Gebrauch wird der Begriff Krise tendenziell bei negativen Erlebnissen und Situationen verwendet, so dass Krise auch eher als negativ empfunden und als Gefahr gesehen wird. In der Medizin, Psychologie und Pädagogik wird jedoch eher die positive Seite hervorgehoben. Krise wird als Wendepunkt
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und als Bruch in der Kontinuität und Normalität in Bezug auf Chancen beschrieben (vgl. Trauboth 2002: 13; Oerter/Montada 2002: 42). Das bedeutet, dass die Krise in einer Situation eine Gelegenheit sein kann. Dies hängt von der Handlung der Person ab. In der Entwicklungspsychologie wird eine Krise beschrieben als „jeglicher Bruch einer bis dahin kontinuierlichen Entwicklung und im engeren Sinne eine Entscheidungssituation, die den Wendepunkt bzw. Höhenpunkt einer gefährlichen Entwicklung markiert.“ (Krystek 1987: 3) Wird eine Krise erfolgreich angegangen, kann es Entwicklung fördern (vgl. Oerter/Montada 2002: 42).
Wenn eine Person nicht fähig oder nicht bereit ist, ein gegebenes Problem zu lösen und wenn sie gleichzeitig durch das bestehende Problem emotional belastet ist, spricht man ebenso von Krise, was jedoch nicht bedeutet, dass diese nicht zu bewältigen ist (vgl. ebd.: 42f.). Die meisten Probleme lassen sich drei Kategorien zuordnen. Die erste Kategorie ist, wenn ein erwünschtes oder vorgeschriebenes Ziel nicht durch gut ausgebildete Routinen erreicht werden kann. Die Herausforderung liegt darin, neue Lösungen, neue Einsichten, neue Fertigkeiten, neues Wissen zu erwerben. Die zweite Kategorie beinhaltet zwei Ziele, welche unvereinbar sind, so dass eine Entscheidung notwendig wird. Die Herausforderung liegt darin, herauszufinden, welches die bessere Entscheidung ist. Der besondere Fall und somit die letzte Kategorie ist das Fehlen oder der Verlust von Zielen. (vgl. ebd.) Den Begriff der Krise fasst Ulrich Oevermann als das Scheitern bewährter Routinen zusammen (vgl. 1996: 71ff.). Aus einer Krise ergebe sich ein Bedarf an neuen Lösungswegen, und insofern diese Probleme nicht nur punktuell auftauchten, sondern strukturell für die Funktionsweise einer Gesellschaft von Bedeutung seien, ergebe sich hieraus ein Bedarf an einer systematischen Suche nach neuen Lösungswegen (vgl. ebd.: 73).
Nach Böhnisch werden Lebenssituationen dann als kritisch erlebt, wenn die bisherigen personalen und sozialen Ressourcen für die Bewältigung nicht mehr ausreichen (vgl. 2005: 31). Zu diesen Ressourcen gehören unter anderen Schlüsselkompetenzen, wie z.B. Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Aushalten von Differenzen, Empathie, Selbstkontrolle, exemplarische Vorstellungskraft. Sie sind von Wichtigkeit, um Alltagsanforderungen im Privat-, Freizeit- und Berufsleben bewältigen zu können. (vgl. Böhnisch 2005: 33; Klafki 1998) Gerard Caplan (siehe v.a. 1961) gilt als Begründer der Krisentheorie. Er beschreibt vier relevante Phasen: In der ersten Phase reagiert der Mensch in der Krisensituation vorerst angepasst und gewohnt. In der zweiten Phase kommt es zu einer drastischen Veränderung der Lebenssituation, wo Anforderungen komplizierter und größer sind als bisher, er wird unsicher und fühlt sich überfordert. In der Phase drei versucht der Betroffene das Problem mit allen ihm möglichen Mitteln zu lösen. Gelingt ihm dies nicht, folgt Phase vier: Er ist erschöpft, rat-und hilflos. Hier braucht er rasche Hilfe, um die Krise zu verringern und eine neue Bewältigungsstrategie zu entwickeln. (vgl. Juchli 1997: 553) Dazu gibt es einen negativen Krisenverlauf, wenn ein Mensch aus der dritten Phase nicht herauskommt und in die vierte Phase rutscht sowie einen positiven, wenn ein Mensch geeignete Copingstrategien 9 in der dritten Phase entwickelt hat und die Krise abwenden kann (vgl. ebd.).
Nebst den vier Phasen unterscheidet Caplan vier Kategorien von Krisen: Die erste Kategorie ist die der Geburt, eine erste einschneidende Krise im menschlichen Leben. Hierzu gehören auch Schwangerschaftsabbrüche, Geschlechtsbestimmung usw. Die zweite Kategorie beinhaltet Lebenskrisen, welche wiederum Wachstumskrisen beinhalten: sie sind Übergänge zwischen den drei wichtigsten Lebensstufen, die das Leben in Abschnitte unterteilten: Lernender, Werktätiger und Rentner. Die dritte Kategorie nennt Caplan Krankheit: Altwerden,
9 Der Begriff Copingstrategie stammt aus dem Coping-Konzept der Stressforschung von Wolfgang Stark (1996), woran sich das von Böhnisch (2005) entwickelte Bewältigungskonzept lehnt. In Starks Konzept meint Coping im Sinne von Böhnisch Bewältigung, und demzufolge entsprechen die Bewältigungsstrategien den Copingstrategien, die der Mensch einsetzt, um in kritischen Lebenssituationen den Gleichgewichtszustand wiederzuerlangen.
Krankheit und Gebrechlichkeit gehören unausweichlich zum Lebenslauf dazu. (vgl. ebd.) Da dies in unserer leistungsorientierten Gesellschaft als Last empfunden und somit oft als negativ erlebt wird, führt es zu zusätzlichen Krisen. Die vierte Kategorie beschreibt den Tod und das Sterben: Wenn Tod und Sterben verdrängt werden, sind sie krisenhaft belastet. Hier tauchen Probleme auf wie Suizid, Reanimation, aktive Euthanasie usw. (vgl. ebd.) Alle drei verschiedenen Ansätze zeigen auf, dass ein Verdrängen oder nicht Erarbeiten von Krisen zu weiteren krisenhaften Belastungen führen können. Die drei Autoren sagen aus, wenn Mensch sich in kritischen Lebenssituationen befindet, sucht er nach Bewältigungs- und Lösungsstrategien, sei es eine positive oder eine negative Strategie. Weiter können Krisen je nach Situation und Verständnis als günstig oder weniger günstig bewertet werden. Nach Oevermann entsteht eine Krise auf Grund des Scheiterns bei Bewältigung von bewährten Routinen, nach Böhnisch geschieht dies, weil die personalen und sozialen Ressourcen nicht ausreichen und nach Caplan hängt dies mit verfügbaren oder nicht verfügbaren Copingstrategien zusammen. Im Gegensatz zu Caplan unterscheiden Oevermann und Böhnisch keine Phasen oder Kategorien von Krisen.
Als die wichtigsten kritischen Lebenssituationen resp. Krisen, die Schwule und Lesben mit einer kognitiven Beeinträchtigung zu bewältigen haben, sind wie schon erwähnt: die doppelten Coming-out-Prozesse sowie die mehrfachen Stigmatisierungsprozesse. Dazu kommen allgemein gültige Krisen der Entwicklung und Sozialisation. Die hier aufgeführten Krisen lassen sich in den nachfolgenden Kapiteln wiederfinden (siehe v.a. Kapitel 8) Das anschließende Kapitel soll lediglich eine knappe, aber prägnante Definition des Begriffs Bewältigung liefern, die präziser im theoretischen Teil zum Thema Lebensbewältigung abgehandelt wird (siehe Kapitel 4).
2.6.2 Zum Begriff Bewältigung
Wenn wir von Bewältigung sprechen, beziehen wir uns stets auf die Lebensbewältigung nach Böhnisch. Das Streben nach subjektiver Handlungsfähigkeit in Lebenssituationen, in denen das psychosoziale Gleichgewicht - Selbstwertgefühl und soziale Annerkennunggefährdet ist, nennt Böhnisch Lebensbewältigung (vgl. 2005: 31). Das heißt, dass nach dem Autor die Lebensbewältigung nichts anders als das Aufrechterhalten der subjektiven Handlungsfähigkeit ist. Das Streben nach Handlungsfähigkeit liegt somit auf der subjektiven und das richtige Verhalten auf der emotionalen und triebdynamischen Ebene. Lebensbewältigung ist auch durch die soziale Lebenslage der einzelnen Person beeinflusst. (vgl. ebd.: 32) Näher werden wir diesen Begriff im vierten Kapitel erläutern.
2.7 Soziale Arbeit
Die vorliegende Bachelor-Thesis ist eine Dokumentation für die Soziale Arbeit, somit ist es relevant, diesen Begriff zu erläutern. Dazu gehört die Erklärung bezüglich der Sonderpädagogik, die auch Behindertenhilfe genannt wird, aufgrund unserer Zielgruppe. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung beanspruchen mehrheitlich die Begleitung und Unterstützung in Institutionen, die der Sonderpädagogik angehören. Nun folgt zuerst die Darstellung über die Entstehung und Aufgaben der Sozialen Arbeit.
2.7.1 Zum Begriff Soziale Arbeit
Der Begriff Sozialarbeit tauchte 1925 erstmals auf zur Bezeichnung eines öffentlichen Programms. Die soziale Frauenschule (1908) in Berlin unter der Leitung von Alice Salomon bildete Wohlfahrtspflegerinnen aus, die seit etwa 1960 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter genannt werden (vgl. Schilling 2005: 122). Als Beginn der Sozialpädagogik kann man die
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Einführung des Erziehungsgedankens in die Armenfürsorge sehen (15. Jh.). Der eigentliche Begründer ist Johann Heinrich Pestalozzi. Der Durchbruch zur sozialpädagogischen Erziehung wird mit der Einrichtung des Kindergartens verbunden. Vorläufer der Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen (1967 eingeführt) waren somit
Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen. (vgl. ebd.: 122f.)
In den letzten 20 Jahren haben sich die Sozialpädagogik und Sozialarbeit inhaltlich und in Bezug auf ihre Zielgruppe weiterentwickelt und damit ausgeweitet (bspw. Mitarbeit in Schulen). Sie sind zwei Teilbereiche eines Gesamtsystems, die sich in vielen Praxisfeldern überschneiden und viele gemeinsame wissenschaftliche, ausbildungstheoretische und praktische Bezugspunkte haben. (vgl. ebd.: 158)
Somit sprechen wir von Sozialer Arbeit und meinen einen eigenständigen wissenschaftlichen Bereich, welcher zwei Subbereiche beinhaltet, die viele Gemeinsamkeiten teilen. Die International Federation of Social Workers (IFSW) fasst Soziale Arbeit zusammen mit folgendem Zitat: „Die Profession Soziale Arbeit fördert den sozialen Wandel, Problemlösungen in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Ermächtigung und Befreiung von Menschen, um ihr Wohlbefinden zu heben. Unter Nutzung von Theorien menschlichen Verhaltens und sozialer Systeme greift Soziale Arbeit an den Punkten ein, in denen Menschen mit ihrer Umgebung interagieren. Prinzipien der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit sind für die Soziale Arbeit fundamental“. (IFSW/IASSW 2004: 1) Hinzuzufügen ist das Spannungsfeld, in welchem sich die Professionellen der Sozialen Arbeit befinden: sie haben sich zwischen Individuum (Klientel), Gesellschaft (Staat) und Soziale Arbeit (Kodex) zu situieren (vgl. ebd.: 1f.). Die Komplexität und Vielseitigkeit dieser Profession widerspiegelt sich in unserer Bachelor-Thesis, welche aufzeigt, dass es mehrere Perspektiven, Theorien und Zugänge braucht, um die Lebenssituation und die Entwicklung eines Menschen zu erklären oder zu beschreiben.
Um einen spezifischeren Einblick zu erhalten, werden Silke Müller und Roland Becker beigezogen, welche folgende drei Komponente als Grundlage für den professionellen Habitus 10 (Müller/Becker 2008) der Sozialen Arbeit erachten: 1. eine berufsspezifische ethische Grundhaltung als Handlungsorientierung (ein Zentralwert ist die Orientierung an Autonomie und Integrität der Klientel), 2. die Fähigkeit zur Gestaltung eines Arbeitsbündnisses, um Abhängigkeit der Klientel von geleisteter Hilfe der Professionellen der Sozialen Arbeit vorzubeugen (Orientierung am Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe), 3. die Fähigkeit des Fallverstehens unter Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, um jeden Fall in seiner Konkretheit zu verstehen, zu behandeln und um die Begründungspflicht professionell zu erfüllen. (vgl. ebd.: 15ff.) Anhand dieser drei Komponenten als Leitfaden und Orientierung für Professionelle der Sozialen Arbeit kann die Integrität der Klientel aufrecht erhalten bleiben, was relevant ist für die Zusammenarbeit mit Menschen. Da wir in unserer Thesis von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sprechen, soll dieser spezifische Bereich der Sozialen Arbeit auch definiert werden.
2.7.2 Zum Begriff Sonderpädagogik
Der Bereich der Sonderpädagogik hat kein einheitliches Erscheinungsbild, sondern zeigt sich in unterschiedlichen Formen. Nur schon die Vielfältigkeit der Bezeichnung dieses Bereichs repräsentiert die nicht vorhandene Einheit. Wir verwenden den Begriff Sonderpädagogik, da er alle weiteren Bereiche, wie z.B. die Heilpädagogik, mit einschließt. Weiter stellt dieser
10 Habituskonzeption nach Pierre Bourdieu: ein System verinnerlichter Muster für das Erzeugen typischer Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur (vgl. Müller/Becker 2008: 3).
Begriff einen Teilbereich allgemeiner pädagogischer Theorie und Praxis dar. (vgl. Ellger-Rüttgardt 2008: 333f.)
Die Geschichte dieses Bereichs startete mit der Betreuung von gehörlosen, blinden und damals sogenannten geistesschwachen Kindern, bis der Sammelname Heilpädagogik 1861 eingeführt wurde. In den sonderpädagogischen Arbeitsfeldern sind pädagogische Fachleute verschiedener Ausbildung tätig. Die institutionalisierte Erziehung beginnt für die meisten Kinder mit einer Beeinträchtigung mit dem Besuch des Kindergartens, teilweise beginnt die spezielle Förderung schon früher. Die Ziele sind Prävention durch Frühförderung und Integration. Pädagogische Frühförderung soll bei einer bestehenden Beeinträchtigung deren Zunahme verhindern und ihr Übergreifen auf andere Entwicklungsbereiche des Kindes möglichst unterbinden. (vgl. ebd.: 236f.) Darauf folgt meist ein stark ausdifferenziertes und teilweise starr institutionalisiertes Arbeitsfeld pädagogischer Hilfen für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen. Die Sonderschule ist die traditionsreichste, am stärksten ausdifferenzierte und nach der Schülerzahl größte Institution in diesem Felde, die auf Grund der staatlich angeordneten allgemeinen Schulpflicht durchgesetzt wurde. (vgl. ebd.: 239) Neben den Sonderschulen beinhaltet die Sonderpädagogik außerschulische Angebote wie die therapeutischen Schülerhilfen, Freizeitangebote, Sonderschulinternate, Ferienveranstaltungen. Ein wichtiges Ziel ist die Integration in die Gesellschaft, sei es, dass Sonderschulen reduziert werden und Kinder mit Beeinträchtigungen in der Regelschule teilnehmen können oder dass eine Berufsausübung auf einem festen Arbeitsplatz gesichert werden kann. Weiter gibt es das Arbeitsassistenzmodell, bei dem keine Ausbildung gefordert wird und die Begleitung von einer pädagogischen Fachkraft sichergestellt wird (vgl. Krüger/Rauschenbach 2000: 246f.).
Die meist verbreitete Wohnform von erwachsenen Menschen mit einer Beeinträchtigung ist die der sozialen Institution. Viele haben interne Werkstätte, welche somit gleichzeitig den Arbeitsbereich abdecken, jedoch eine Integration in die Gesellschaft erschweren oder sogar verhindern. In den letzten Jahren entstanden jedoch immer mehr Außenwohngruppen, um diese Isolierung aufzuheben. Es sind Wohngemeinschaften für Erwachsene mit einer Beeinträchtigung, die mehr oder weniger selbstständig in einer normalisierten Umgebung leben. (vgl. ebd.: 248f.) Die Entwicklung der Sonderpädagogik in den letzten Jahren tendiert stark in Richtung Integration und Selbstständigkeit, allerdings ist die Gegenwart institutionell noch stark vom bisherigen Konzept der separierten Betreuung, Unterrichtung, Beschäftigung und Unterbringung bestimmt. (vgl. ebd.: 249) Um gegen die veralteten Konzepte der Institutionalisierung anzugehen, wurde z.B. das Normalisierungsprinzip verfasst. Es ist eine Möglichkeit, einem Menschen mit (kognitiver) Beeinträchtigung ein möglichst normalisiertes Leben zu gewährleisten (siehe Kapitel 3.1.2).
Das folgende dritte Kapitel zeigt ebenso auf, unter anderem anhand des oben erwähnten Normalisierungsprinzips, dass trotz Bewegungen und Veränderungen in der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit immer noch Zeit und Geduld aufgebracht werden muss für das Umsetzen neuer Ziele und Schwerpunkte in der Praxis.
3 Gesellschaft und Soziale Arbeit vs. Beeinträchtigung und (Homo-)Sexualität
Dieses Kapitel zeigt auf, dass die Sexualität in Bezug auf Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ein jüngerer Forschungsgegenstand ist im Vergleich zu anderen. Allein schon diese Tatsache bietet eine mögliche Erklärung, warum es heutzutage oft noch ein Tabuthema und sogar ein soziales Problem ist, insbesondere bezüglich der sexuellen Orientierung. Wir stellen das Thema Sexualität in Verbindung mit der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit dar, um den unterschiedlichen oder ähnlichen Umgang und historische Wendepunkte bezüglich der Sexualität darzustellen. Ein weiterer relevanter Punkt ist die Wechselwirkung: Die Bewegungen und Veränderungen in der Gesellschaft nehmen Einfluss auf die Soziale Arbeit und umgekehrt, z.B. steigende Tendenz der Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft, politische Bewegungen oder das öffentliche Fürsprechen der Sozialen Arbeit für benachteiligte Menschen.
Das Tabu der Sexualität ist immer noch aktuell, sei es weil den Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung tendenziell Sexualität abgesprochen wird, oder weil Sexualität eher als Trieb und nicht als ein Bedürfnis dargestellt wird. Um die momentane Realität in den Institutionen der Sozialen Arbeit bezüglich des Umgangs mit der Thematik aufzuzeigen, wird das Resultat einer von uns durchgeführten Umfrage dargeboten, die nicht repräsentativ ist. Eine geschichtliche Vertiefung der Institutionalisierung und Entwicklung von Benennungen bezüglich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung folgen im Kapitel 7.4. Beide repräsentieren, auf welcher historischen Basis die heutige Lebenssituation der Betroffenen aufgebaut ist. Dieses Wissen fördert das Verständnis für immer noch aktuelle Tabus. Weiter wird in einem nachfolgenden Unterkapitel der Homosexualität historisch und soziologisch Aufmerksamkeit geschenkt. Auch hier wird ein Praxisbezug zur Sozialen Arbeit dargestellt anhand einer Befragung von Lesben und Schwulen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, die ebenso nicht repräsentativ ist. Eine Betrachtung der Sexualität und Homosexualität in Verbindung mit Geschichte, Soziologie und Sozialer Arbeit zeigt den Umgang mit diesen zwei Themen auf, obwohl beide seit Jahrtausenden bestehen als ein menschliches Bedürfnis.
Somit folgt nun das erste Unterkapitel, welches sich mit sozialen Problemen der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit bezüglich Sexualität auseinandersetzt. Es werden historische und aktuelle Begebenheiten aufgezeigt. 3.1 Soziale Probleme der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit bezüglich Sexualität
Bemühungen zur Klärung des Begriffs Soziale Probleme wurden in der Soziologie seit den 1920er Jahren unternommen. Eine der vielen Bemühungen für eine Begriffsklärung besagt, dass jegliche soziale Situation, welche die Aufmerksamkeit einer bedeutenden Zahl kompetenter Beobachter in einer Gesellschaft weckt und die dringend einer Korrektur oder eines Gegenmittels durch soziales bzw. kollektives Handeln bedarf, ein soziales Problem ist (vgl. Wüllenweber 2004: 20). Um den Begriff Soziale Probleme zu bestimmen, müssen bestimmte Merkmale vorhanden sein: eine Gleichgewichtsstörung einer Gesellschaft, relevante Tatbestände der sozialen Kommunikation und Interaktion (Abwertung, Isolation), das soziale Miteinander wird belastet und es kommt zu Zuschreibungen bis zu Stigmatisierungen. Die Lebensqualität von betroffenen Individuen und Populationen wird negativ tangiert, Interdependenzen zwischen gesellschaftlichen, sozialen und individuellen Faktoren entwickeln sich. (vgl. ebd.:13) Die Soziale Arbeit hat den Begriff Soziale Probleme
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aus der Soziologie adaptiert und versuchte, ihren Aufgabenbereich damit zu bestimmen. In unzähligen Beispielen, was genau zu Sozialen Problemen gehört, tauchen immer wieder unsere Schwerpunkte auf: Beeinträchtigung und sexuelle Orientierung. (vlg. ebd. 18f.) Sexualität ist immer ein individuelles und zugleich ein gesellschaftliches Interesse. Letzteres vor allem aufgrund der Kontrolle und Vorgabe der Norm. Sexualität war und ist gebunden an gesellschaftlichen Norm- und Moralvorstellungen. Im 19. Jahrhundert war die Norm von der sexuellen Mäßigung bis zur Enthaltsamkeit geprägt. In den 1950er und 1960er Jahren waren vor- oder außereheliche Geschlechtsverkehre undenkbar und die innerhalb der Ehe erlaubten sexuellen Praktiken waren restriktiv gesetzlich geregelt. (vgl. Ortland 2008: 22) In den 1970er Jahren setzte die Liberalisierung von Sexualität ein und hat grundlegende Veränderungen bewirkt. Die Tendenz zur Liberalisierung führte zur Abschaffung von Gesetzen, zur Befreiung von Tabus und Verboten und führte Sexualität in Richtung Kommerzialisierung und Vermarktung als Konsumgut. Die Gefahr in dieser Entwicklung ist, dass Sexualität dadurch aus den zwischenmenschlichen Beziehungen herausgelöst wird. Das über die Medien vermittelte Bild, was richtige oder gute Sexualität ausmacht, setzt viele unter Leistungsdruck (vgl. ebd.: 22f.).
Diese Beispiele sollen anregen auf das nächste Unterkapitel, welches sich vertiefter auf die gesellschaftlichen Ereignisse bezüglich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität begibt.
3.1.1 Gesellschaft in Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität Tendenziell drängt die Vermittlung eines Sexualitäts-Ideals in einer Gesellschaft in Verbindung mit einem übertriebenen Körperkult vor allem Menschen mit Beeinträchtigungen sowie beispielsweise ältere Menschen an den Rand. Ihnen gelingt es am wenigsten, dem gesellschaftlich propagierten Ideal zu entsprechen, welches die Medien zum Beispiel über die Werbung vermitteln. Während der Frauenbewegung Ende der 1970er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland nahmen unter anderem auch Frauen mit Beeinträchtigungen teil. Doch blieb die Orientierung an der Norm bestehen. So versuchten zum Beispiel vor allem Frauen mit körperlichen Beeinträchtigungen, sich so stark diesem Schönheitsideal anzupassen, dass sie sich kosmetisch schmerzhaften Operationen (beispielsweise Prothesen) unterziehen ließen. (vgl. Walgenbach et al. 2007: 30f.)
Doch nicht nur diese Tendenzen zu einem vorgegebenen Ideal erschweren ihnen einen Zugang zu individueller Sexualität: Sexualität bei Menschen mit Beeinträchtigungen gehört zu einem der noch nicht liberalisierten Tabubereichen (vgl. Ortland 2008: 23). Aus gesellschaftlicher Sicht werden Menschen mit Beeinträchtigungen selten zuerst über ihr Geschlecht als Mann oder Frau definiert, sondern vor allem und in erster Linie als Beeinträchtigte. Aus dieser Stigmatisierung kann sich neben den bereits erwähnten problematischen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen sexueller Normen eine besondere Problematik für sie entwickeln. Manchmal werden sie sogar als asexuell bezeichnet, manchmal erfolgt aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung eine Beeinträchtigung in ihrer Sexualität. (vgl. ebd.: 30) Man denke an dieser Stelle an die Zwangssterilisation bei Menschen mit Beeinträchtigungen. In der Schweiz bspw. hatten vor 2005 nur wenige Kantone spezielle Regelungen zur Sterilisation erlassen (vgl. insieme, Mai 2009a: 1). Ende der 1990er Jahre erregten Medienberichte über Zwangssterilisationen große Aufmerksamkeit. Die Forderungen nach einer gesetzlichen Regelung von Organisationen für Menschen mit Beeinträchtigungen, wie z.B. insieme 11 , fand neue Beachtung. Im Jahre 1999
11 Insieme ist eine Elternselbsthilfe-Organisation, die 1960 gegründet wurde und heute 9000 aktive Einzelmitglieder zählt, zusammen gesetzt aus Eltern, Angehörigen und Fachleuten (vgl. insieme, Mai 2009a: 1).
hat insieme die Leitsätze zur Sterilisation verabschiedet, welche für ein Verbot mit ganz bestimmten Ausnahmen plädierte. (vgl. ebd.: 2) Nachdem im Parlament einige Abschwächungen am Entwurf zur Regelung der Sterilisation vorgenommen wurden, trat das neue Gesetz im Jahre 2005 in Kraft. Dieses besagt, dass die Sterilisation bei urteilsfähigen erwachsenen Personen (ab 18 Jahren), wenn diese selbst frei einwilligen, erlaubt ist. Sind diese Personen entmündigt, müssen zusätzlich der/die gesetzliche Vertreter/in sowie die vormundschaftliche Aufsichtsbehörde ihre Zustimmung erteilen (vgl. ebd.: 3). Die Bedingungen für eine Sterilisation sind, dass eine dauernd urteilsunfähige Person über 16 Jahre alt ist, dass die Sterilisation nach dem gesamten Umständen im Interesse der betroffenen Person liegt, sowie die Zeugung und Geburt eines Kindes nicht durch geeignete andere Verhütungsmethoden oder durch die freiwillige Sterilisation des/der urteilsfähigen Partners oder Partnerin zu verhindern sind, dass es tatsächlich mit der Zeugung und Geburt eines Kindes zu rechnen ist, und nach der Geburt die Trennung vom Kind unvermeidlich wäre, weil die Eltern die Verantwortung aus verschiedenen Gründen (bspw. Unmündigkeit) nicht wahrnehmen können, oder die Schwangerschaft die Gesundheit der betroffenen Frau gefährden würde. Weiter darf keine Aussicht bestehen, dass die betroffene Person jemals ihre Urteilsfähigkeit wieder erlangt (vgl. ebd.). Obwohl sich die Gesellschaft und die Soziale Arbeit grundsätzlich an den Menschenrechten orientieren sollten, wurde diese menschenrechtswidrige Tätigkeit erst vor wenigen Jahren gesetzlich geregelt. Susan Leue-Käding beschreibt die Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aus der Perspektive der Ethik. Ein Menschenbild hat ihrer Aussage nach die höchste Wichtigkeit. „Bilder schaffen die Möglichkeit, eine subjektive Ordnung in das vom Menschen erlebte Chaos der Welt zu bringen. Gelingt es, nach ihnen zu handeln, stärken sie das Selbstwertgefühl und stabilisieren das innere Gleichgewicht.“ (Leue-Käding 2004: 13) Es manifestieren sich somit Erwartungen an andere Menschen. An in der Gesellschaft vorherrschenden Idealvorstellungen wie z.B. Attraktivität, Gesundheit, Selbstständigkeit, scheitern viele Menschen mit Beeinträchtigungen zum vornherein. (vgl. ebd.: 13f.) In der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Menschenbildern zeigt sich, dass kein spezifisches Menschenbild für Menschen mit Beeinträchtigungen existiert. Dies wäre jedoch von immenser Bedeutung. Der Erarbeitung eines solchen Menschenbilds müsste ein ganzheitliches Menschenbild, welches allen Menschen die gleiche Rechte und die gleiche Würde einräumt, zugrunde liegen. Zugleich zeigt Leue-Käding auf, warum diese Erarbeitung heutzutage ein Traum für die Zukunft bleibt: „Die gesellschaftliche Realität darf dabei nicht unbeachtet bleiben. In der heutigen Zeit der Kosten-Nutzen-Analyse muss dieses Menschenbild eine Utopie bleiben.“ (ebd.: 18)
3.1.2 Soziale Arbeit in Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung und Sexualität Eine eigenständige sexuelle Aktivität in Intimität und Verschwiegenheit, wie in unserer Gesellschaft unter Erwachsenen üblich, ist für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung keineswegs normal. Woran das liegen kann, soll im Folgenden erklärt werden unter den Aspekten der Entwicklung der Sozialen Arbeit, im Speziellen der Sonderpädagogik, des Normalisierungsprinzips und der Verhinderungen und Erschwerungen aufgrund von Tabu und Abhängigkeit.
„Was in den Rahmen der Normalität (...) nicht hineinpasst, wird von der Gesellschaft ausgeschlossen, verdeckt. Ebenso verfahren die Erziehung und die Heilpraxis, welche an sich die Aufgabe haben, die Abnormität und Deformitäten, die sich vorfinden, so weit es möglich ist, zu überwinden und die Normalität herzustellen“. (Georgens/Deinhardt 1861: 30, in: Ellger-Rüttgardt 2008: 8) Diese Aussage stammt aus dem Buch Die Heilpädagogik mit besonderer Berücksichtigung der Idiotie und der Idiotenanstalten aus dem Jahre 1861. Sie
repräsentiert die Einstellung und den Umgang dazumal gegenüber Menschen mit einer Beeinträchtigung. Besonderer Achtung soll den Begriffen und dem geschichtlichen Kontext geschenkt werden, denn sie repräsentieren einen Ursprung aktueller Geschehnissen (siehe Kapitel 7.4). Welcher Wandel ca. hundert Jahre später geschah, nachdem dieses Buch veröffentlicht wurde, wird im folgenden Abschnitt beschrieben. Anfang der 1970er Jahre wurde die Thematik der Sexualität von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung im Rahmen der Diskussion des Normalisierungsprinzips erörtert. Dieses Prinzip beinhaltet eine anzustrebende Normalisierung der Lebensführung in verschiedenen Bereichen. (vgl. Wüllenweber 2004: 46) Betreffend dieser Normalisierung hatte in den vergangenen Jahren sehr viel Bewegung und Entwicklung der Lebensbedingungen von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung statt gefunden. Walter Thimm (1995) definiert dieses Prinzip so, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ihr Leben entsprechend der Lebensführung von Menschen ohne Beeinträchtigungen führen können und dass eingesetzte Mittel so normal wie möglich sind. Normalisierung ist alltagsorientiert und die größtmöglichste Beteiligung soll sicher gestellt werden (vgl. Thimm 1995: 1f.). Das skandinavische Fürsorge- und Schulwesen gilt im Hinblick auf Menschen mit Beeinträchtigungen als besonders vorbildlich.
Somit ist nicht erstaunlich, dass die erste schriftliche Formulierung über die Normalisierung der Lebensführung von Menschen mit Beeinträchtigungen auf den dänischen Juristen und Verwaltungsbeamten Bank-Mikkelsen zurück geht. Diese Formulierung fand 1959 Eingang in das dänische Gesetz über die Fürsorge für geistig Behinderte. (vgl. ebd.: 17) Die erste Darstellung in der Fachliteratur erfolgte erst zehn Jahre später durch den Schweden Bengt Nirje. Anhand von acht Bereichen erläutert Nirje Forderungen aus dem Normalisierungsprinzip für die Praxis: normaler Tagesrhythmus, Trennung von Arbeit -Freizeit - Wohnen, normaler Jahresrhythmus, normaler Lebensablauf, Respektierung von Bedürfnissen, angemessene Kontakte zwischen den Geschlechtern, normaler wirtschaftlicher Standard, Standards von Einrichtungen (vgl. ebd.: 19f.). „Normalisierung ist also ein Prozess, der sich auf verschiedenen Ebenen vollzieht: Sozialpolitik, Einrichtungskonzeptionen, pädagogische und therapeutische Praxis“. (ebd.: 21) Jedoch ist dieser Prozess nicht abgeschlossen, da zum einen die reale Lebenssituation von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung noch weit entfernt ist vom Normalisierungsprinzip und zum anderen gibt es große regionale und einrichtungsbezogene Differenzen in Bezug auf die Lebensbedingungen und die Lebensqualität von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (vgl. Wüllenweber 2004: 46f.)
Weitere aktuelle Veränderungen auf Schweizer Ebene erfolgten im Zuge der am 1. Januar 2008 in Kraft getretener Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantone (NFA). Sie kann einen Schritt in Richtung Normalisierung bedeuten. Durch die NFA werden die Ziele des Ausgleichs der kantonalen Unterschiede und die Steigerung der Effizienz verfolgt. So sollen ressourcenstarke Kantone und der Bund ressourcenschwache Kantone finanziell unterstützen. (vgl. Wettstein 2008: 1) Diese Änderungen haben Auswirkungen, unter anderem für die Institutionen der Sonderpädagogik: z.B. verlangt das Bundesgesetz von den Kantonen die Ausarbeitung von neuen Behindertenkonzepten und die Beiträge vom Bundesamt für Sozialversicherungen werden nicht mehr direkt den jeweiligen Institutionen objektorientiert ausbezahlt. Die neue subjektorientierte Subvention ist somit mehr auf die Bedürfnisse der Klientel ausgerichtet. (vgl. ebd.: 3f.) Der nachfolgende Abschnitt zeigt auf, welche weiteren Aspekte zu berücksichtigen sind, wenn man von Bedürfnissen und Orientierung am Subjekt spricht. Das Verhindern oder Erschweren des Kennenlernens und Erlebens der eigenen Sexualität von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung basiert auf verschiedenen Faktoren. Hierfür
Arbeit zitieren:
Nick Lulgjuraj, Rahel Oehrli, 2009, Homosexualität und kognitive Beeinträchtigung, München, GRIN Verlag GmbH
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