Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Strukturelle Analyse 4
3. Hauptteil: Die Funktion des „retraite“ in La Princesse de Clèves
3.1. Bedingungen und Auslöser des „retraite“ 6
3.2. Der „retraite“ als Ausdruck der Religiosität 10
3.3. Der „retraite“ als Siegesakt der Weiblichkeit und Befreiung von 12
der „passion“
3.4. Der „retraite“ als narrativ- literarische Möglichkeit positiver 15
ehelicher Freundschaft
4. Schluss 20
5. Bibliographie 21
2
1. Einleitung
In ihrem Roman La Princesse de Clèves vereint Mme de Lafayette verschiedene Gattungen des Romans. La Princesse de Clèves verbindet den „roman d’aventures“, indem historische Fakten dargestellt werden, den „roman d’analyse“, indem er eine Einsicht in das Bewusstsein einer Person gibt und den „roman tragique“, da er das Unglück leidenschaftlicher Liebe präsentiert. 1
Die Heldin des Romans, die Princesse de Clèves, lebt in einer unmoralischen Hofwelt, die für sie schwierig zu verstehen ist. Sie heiratet einen Mann, den sie nicht liebt und liebt einen Mann, dessen Liebe sie nicht nachgeben kann. 2 Dies provoziert einen Konflikt, welcher das Hauptthema des Romans ist. Malandain beschreibt diesen Konflikt wie folgt:
« Ce conflit oppose deux codes: celui de la passion, appuyé sur toute une tradition dont l’origine se perd dans la nuit des mythes courtois, et celui de la bienséance sociale et morale, d’une règle à la fois externe et interne qui inverse en périls, précipices et abîmes les conquêtes et les élans où s’exalte l’aventure
amoureuse. 3
Dieser Konflikt der „amour - passion“ und der „bienséance sociale et morale“ wird von der Prinzessin überwunden, indem sie sich am Ende des Romans vor dem Mann, den sie liebt und von der Hofgesellschaft zurückzieht. Doch welche Funktion hat dieser „retraite du monde“ wirklich in diesem Roman und welche Ereignisse bewegen die Princesse schließlich zu diesem Entschluss?
In der folgenden Arbeit werde ich versuchen diese Fragen zu beantworten. Ich werde die Gründe, die die Princesse zum „retraite“ bewegen, betrachten und auf verschiedene interpretatorische Ansätze, die sich mit der Funktion des „retraite“ auseinandersetzen, eingehen und diese genauer analysieren. Doch zuvor werde ich kurz auf die Struktur des Romans eingehen.
1 Vgl. Malandain, Pierre: Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S.50.
2 Vgl. Campbell, John: Questions of Interpretation in La Princesse de Clèves. S.7.
3 Malandain, Pierre: Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S. 82.
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2. Strukturelle Analyse
Die Princesse de Clèves ist die Hauptfigur des Romans und der Leser verfolgt das Fortschreiten ihrer „amour“ für den Duc de Nemours 4 . Der Fokus der Handlung ist jedoch die psychologische Entwicklung der Princesse. Mme de Lafayette beschreibt das Erkennen der Princesse ihrer „amour- passion“, die zu „actes honteux“ und „sentiments horribles“ führt und schließlich in der „réaction“, dem „aveu“, und dem „retraite“ endet. 5
Der Roman ist in vier Partien aufgeteilt. Die ersten beiden Partien führen in die Handlung ein, präsentieren den Rahmen der Haupthandlung, sowie die Ehe der Princesse und den „coup de foudre“ mit dem Duc de Nemours. Darauf entwickelt sich der innere Konflikt der Princesse, der schließlich zum „aveu“ an den Ehemann führt, in dem die Princesse ihre Gefühle für den Duc de Nemours gesteht. Die dritte Partie beinhaltet den „aveu“ selbst und den Tod des Prince de Clèves. Die letzte Partie erläutert die Ereignisse vom Tod des Prinzen bis zum „dénouement“, dem Rückzug der Princesse in ein Kloster.
Der Rahmen, in dem sich der Konflikt der Princesse abspielt, ist der Hof von Henri II im Jahr 1558. Das Leben am Hof und die geschichtlichen Ereignisse werden detailliert dargestellt. Die Mitglieder des Hofes werden als « plus admirables les uns et les autres pour la beauté, l’esprit, le courage, l’agrément» 6 präsentiert. Diese Art der Darstellung der Mitglieder des Hofes als « êtres d’exception » 7 kann als Zierde für den Roman interpretiert werden, die ihm einen grandiosen und preziösen Rahmen verleiht, der das Abenteuer, das sich in diesem Rahmen entwickelt, umso mehr hervorhebt. 8
Des Weiteren sind in den Roman vier Zwischenhandlungen eingefügt. Zwei davon sind historisch und beschreiben das Unglück von Anne de Boylen und die Liebschaften von Mme de Valentinois. Die dritte ist eine romantische und erzählt die Geschichte von Mme de Tournon. Diese Zwischenhandlungen dienen als Lektion der Moral an die Heldin. Die letzte ist eine halb historische und halb erfundene Handlung und erläutert
4 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S. 168.
5 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S.170.
6 Malandain, Pierre: Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S.54.
7 Malandain, Pierre: Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S.54.
8 Malandain, Pierre: Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S.55.
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die Ereignisse rund um den Vidame de Chartres. Diese Zwischenhandlung ist nicht an die Princesse gerichtet, sondern an den Duc de Nemours. Sie ist notwendiges Element der Intrige, denn sie erhellt die Herkunft des Briefes, der angeblich Nemours gehört, wodurch der Leser einen Wissensvorsprung vor der Princesse erhält. 9 Insgesamt komplimentieren diese Zwischenhandlungen das brillante und grausame Bild des Hofes, das Mme de Lafayette in ihrem Roman aufzeichnet. 10
Diese vier Episoden sind in die ersten beiden Partien des Romans eingebettet. So verlagert sich die Spannung fortschreitend auf die drei Hauptfiguren und lässt den Roman sich langsam von den „mémoires de cour“ zum psychologischen Roman entwickeln. 11 Ebenso wie der Inhalt deutet auch die Stellung der Episoden auf ihre Bedeutung für die Vorbereitung des „aveu“ hin. Sie werden von Mme de Lafayette alle vor der Geständnisszene eingebaut. Danach findet keine solche Unerbrechung des Handlungsstranges mehr statt. 12
Des Weiteren dienen die Episoden dazu, der Princesse die Augen zu öffnen und die Falschheit und Intrigen des Hofes zu erkennen. Indem ihrer Mutter und der Prince ihr davon berichten, entwickelt die Princesse eine erste „aversion“ gegenüber dem Hofleben, an dem die Verbindung von „vertu“ und „succès“ unvereinbar scheinen. 13 . Sie zeigen der Princesse den bedauernswerten Zustand der Schwäche und der Abhängigkeit, den die „amour - passion“ auslöst. 14
Alle Zwischenhandlungen zeigen denselben Pessimismus. Sie dienen als Anprangerung der „amour- passion“ und verstärken dadurch auch das Prinzip der Reinheit, das die Princesse verkörpert, da sie sich mit dieser Welt nicht identifizieren kann 15 .
9 Kalakikou, Anna: Direktes und indirektes Liebesgeständnis in La Princesse de Clèves. S.69.
10 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S.105.
11 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S.108.
12 Kalakikou, Anna: Direktes und indirektes Liebesgeständnis in La Princesse de Clèves. S.69.
13 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S.110.
14 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S.112.
15 Vgl. Niderst, Alain: La Princesse de Clèves de Madame de Lafayette. S.113
5
3. Hauptteil: Die Funktion des „retraite“ in La Princesse de Clèves
Nachdem die Princesse erkennt, dass ihre „amour“ für Nemours nicht erfüllt werden kann, entschließt sie sich am Ende des Romans für den „retraite“ vom Hofleben und von Nemours. Die Möglichkeit den Entschluss zum „retraite“ zu fassen, erfordert jedoch zunächst die Erfüllung einiger Bedingungen durch die Princesse und eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen, die diesen schließlich für sie als einzige Handlungsmöglichkeit erscheinen lassen. Ich werde nun zunächst auf diese Bedingungen und Auslöser für den „retraite“ eingehen und anschließend verschiedene Ansätze in Bezug auf dessen Funktion beleuchten.
3.1. Bedingungen und Auslöser des „retraite“
Bedingung für den „retraite“ ist die Erkenntnis der Princesse ihrer „amour- passion“ für den Duc de Nemours und die Erkenntnis darüber, dass die Erfüllung dieser „passion“ nicht akzeptabel ist. Die Möglichkeit zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hat die Princesse nur durch ihre natürlich Disposition zu „vertu“ und „sincérité“, in der sie sich von den anderen Mitgliedern des Hofes unterscheidet. Diese Eigenschaften sind ihr teils von Natur aus eigen: « Mme de Chartres admirait la sincérité de sa fille, et elle l’admirait avec raison, car jamais personne n’en a eu une si grande et si naturelle. » 16 , werden aber auch von ihrer Mutter gefordert und unterstützt:
« Elle [la mère] avait passée plusieurs années sans revenir à la Cour. Pendant cette absence, elle avait donné ses soins à l’éducation de sa fille ; mais elle ne travailla pas seulement à cultiver son esprit et sa
beauté elle songea aussi à lui donner de la vertu et à la lui rendre aimable. » 17
Mme de Chartres betrachtet die „sincérité“ und die „vertu“ als einzige Möglichkeit, ihre Tochter vor der „galanterie“ und der „amour“ am Hof zu schützen, die für sie eine „péril“ und „le bord du précipice“ bedeutet. 18
Für Mme de Chartres soll das einzige Ziel ihrer Tochter sein, einen guten Ehemann zu finden, der sie respektiert. Ob es Liebe in dieser Ehe gibt, ist für Mme de Chartres
16 Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S.63.
17 Madame de Lafayette: La Princesse de Clèves. S.46.
18 Vgl. Campbell, John: Questions of Interpretation in La Princesse de Clèves. S.26.
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Arbeit zitieren:
Manuela Gertz, 2010, Die Funktion des "retraite" in Madame de Lafayettes "La Princesse de Clèves", München, GRIN Verlag GmbH
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