2
Einleitung
In dieser Arbeit wird unter Verwendung ausgewählter Literatur der Versuch unternommen, die Entwicklung und Etablierung des Militärwesens und deren politische Folgen für Europa von den Napoleonischen Kriegen bis zur deutschen Reichsgründung 1871 nachzuzeichnen. Dabei wird zu folgenden Thesen Stellung genommen:
• Napoleonische Kriege forcieren Formierung neuer militärischer Allianzen. • Die Bedeutung von Militär bei der Entwicklung von Nationalstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. • Politische und militärische Folgen von 1848.
• Deutsche Reichsgründung 1871 und Demütigung Frankreichs in Versailles. In weiterer Folge werde ich dann nach Interpretation dieser Thesen auf folgende Fragen eingehen:
• Inwieweit haben militärische Entwicklungen und der Zusammenschluss neuer, strategischer Allianzen die politische Landschaft der Folgejahre geprägt und verändert?
• Gibt es einen Zusammenhang zwischen militärischer Reform und politischer Stabilität?
3
1. Versuch, auf den Begriff und die Institution Militär näher einzugehen und die Situation des 19. Jahrhunderts dahingehend zu betrachten
1. 1. Definition des Begriffes Militär und dessen Bedeutung als
Institution
Militär bedeutet das Heereswesen, die Gesamtheit der Soldaten eines Landes. In Friedenszeiten versteht man darunter den Gesamtbestand aller zu einer Wehrmacht gehörenden Personen in aktivem Dienstverhältnis, in Kriegszeiten alle Soldaten, die gesamte Landkriegsmacht eines Staates. Beim stehenden Heer befindet sich der Friedensstand aller Soldaten ständig unter Waffen. Milizheere (Schweiz) werden erst im Kriegsfall aufgestellt.
Das Wort Militär kommt aus dem Lateinischen (militia = Kriegsdienst, Kriegsmacht und „miles“ heißt Soldat). Der Begriff „Militär“ wurde seit der französischen Revolution auch außerhalb Frankreichs verwendet. Im Verlauf der Geschichte hat das Militär stets eine wichtige Rolle gespielt. Das Römische Weltreich ist ohne seine Legionen undenkbar und ging erst unter, als es keine mehr aufstellen konnte. Im Mittelalter wieder waren die Ritterheere dominierend und die Neuzeit ist nicht ohne die Streitkräfte, die in der Luft, am Boden und zu Wasser agieren, denkbar. Das Militär kann als Institution verstanden werden, die „die physischen Gewaltmittel eines Staates monopolisiert und zur Wahrung seiner Sicherheits-bzw.
Expansionsinteressen geregelt-kontrolliert einsetzt“ (Frevert, 1997, S.10). Es ist aber auf Grund seiner Aufgaben, Finanzierung etc. schon von seiner gesellschaftlichen Umwelt abhängig. Dem Militär ist auch ein bestimmter Denkstil zueigen. Bei der Durchsetzung vorgegebener oder angestrebter Ziele hat es die Legitimität physischer Gewaltanwendung bis hin zur Tötung (bei der Vaterlandsverteidigung und im Extremfall Krieg). Das Militär hat zum allgemeinen säkularen
Modernisierungsprozess beigetragen. Zum Militärwesen zählt man vor allem in der neueren Zeit die Gesamtheit der militärischen Organisationen und sachlichen Güter wie Rüstung (Waffen), Militärwissenschaft, Transportwesen, Forschung, Ausbildung, Gerichtsbarkeit, militärischer Auslandsdienst etc. Militärwesen ist ein äußeres Zeichen der Stärke und die Herrschenden sehen sich durch ein entsprechendes Potenzial in ihrer Macht bestätigt. Sie demonstrieren ihre Stärke auch nach außen
4
hin mit immer neuer Aufrüstung, modernsten Waffen etc, was in das bekannte Wettrüsten (USA, Sowjetunion und mittlerweile auch andere Staaten) ausartete. Das fehlerlose Arbeiten des Militärapparates ist enorm wichtig für den gewünschten Erfolg und minutiöse Genauigkeit ist bei den hochtechnisierten Waffen des 20. bzw. 21. Jahrhunderts unumgänglich. Im 19. Jahrhundert war der Militärkörper noch eine gut überschaubare Organisation, aber in den darauf folgenden Jahrhunderten wurde das Militär eine immer kompliziertere Institution. Die Bewertung des Militärstandes war stets wechselnd und hat sich zwischen Geringschätzung und übertriebener Begeisterung bis zur Identifizierung mit den Soldaten bewegt. Zudem sind die Armeen ein Spiegelbild der Gesellschaft, deren Teil sie ja sind.
1. 2. Die Bedeutung des Militärs im 19. Jahrhundert im Speziellen
Zur damaligen Zeit war das Militär eine rein männliche Institution. Ute Frevert sieht das Militär des 19. Jahrhunderts als eine männliche Massenveranstaltung „an derunter den Bedingungen allgemeiner Wehrpflicht - potentiell alle Männer eine Zeitlang aktiv teilnehmen. Diese Teilnahme beruht allein darauf, dass sie Männer, d.h. keine Frauen sind. Soziale, konfessionelle oder regionale Differenzierungen sind tendenziell aufgehoben.“ (Frevert, 1997, S.12). Das Militär greift somit auch in die „Ordnung der Geschlechter“ ein. Es erfolgt eine Prägung des Mannes zum Vaterlandsverteidiger. Das den Männern bewusst zu machen ist das erklärte Erziehungsziel des Militärs. Männer erhalten dadurch zusätzliche Machtattribute, was natürlich die soziale Ungleichheit der Geschlechter noch mehr verstärkt. Dieser männliche Militärkult wird auch nach außen hin demonstriert in schönen Uniformen, öffentlichen Militärparaden etc., was aber auch von der Damenwelt gerne gesehen wurde. Man zählte in der Gesellschaft mehr, wenn man einen Freund oder gar Ehegatten beim Militär hatte. Militärische Aufmärsche waren nicht nur im republikanischen Frankreich beliebt, sondern auch im Kaiserreich Österreich, in Deutschland, bei den Schweizer Milizsoldaten und in anderen Ländern. Damals spielten bei diesen Inszenierungen politische Systemunterschiede keine Rolle. Heutzutage gibt es diese Machtdemonstrationen noch zur Genüge, aber sie sind meist hochpolitisch und wir finden sie eher in nicht mehr oder noch kommunistischen Ländern in diesem Ausmaß. Oder man inszeniert so ein Spektakel auch zur Abschreckung oder als Drohung. Auch Hitler hätte ohne seine militärischen
5
Inszenierungen und Machtdemonstrationen das Volk nicht so leicht für seine Zwecke gewinnen können.
Aber obwohl durch die Erstarkung der stehenden Heere im 19. Jahrhundert die Frauen vom Militärdienst ausgeschlossen wurden, gab es doch einige Ausnahmen, einzelne Vertreter des weiblichen Soldatentums, die meist verkleidet auftraten. Ein Beispiel dafür ist die Österreicherin Francesca Scanagatta, die im 19. Jahrhundert lebte und es immerhin bis zum Leutnant brachte ohne dass ihre weibliche Identität erkannt wurde. Auch beteiligten sich Frauen im Rahmen der „Tiroler Landesverteidigung“ an Kampfhandlungen in den napoleonischen Kriegen. Sie kämpften mit Flinten und Heugabeln gegen französische und bayrische Soldaten. Im 19. Jahrhundert (vorwiegend erste Hälfte) unterschied man noch zwischen dem „Militärstand“ und dem „Bürgerstand“. Das Militär war noch nicht dem Parlament unterworfen, aber auch nicht mehr nur dem Monarchen, bzw. dem Herrscher. Militärgewalt lag im Spannungsfeld zwischen monarchischen, ständischen und konstitutionell- parlamentarischen Kräften. Heutzutage ist der Soldat sozusagen ein „Staatsbürger in Uniform“ (Dieners, 1992, S. 11), aber das war ein langer Weg. Erst allmählich begann das Militär zur Staatssache zu werden. Erst durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Zuge der Französischen Revolution und Napoleons Herrschaft gewann das Militär (Heer) so richtig an Bedeutung und Größe. Ebenso wurde die Ausrüstung immer wichtiger und effektiver.
1. 3. Die militärische Situation Österreichs im 19. Jahrhundert
In Österreich sowie in anderen Ländern zum Beispiel Preußen, gab es seit dem 17. Jahrhundert die stehenden Heere, die an die Stelle der Landsknechtsheere getreten waren, zunächst noch von Söldnern gebildet. Später bediente man sich der Aushebung von Soldaten und warb Ausländer an. Die so genannte Konskription (die gesetzlich geregelte Aushebung der wehrfähigen Staatsbürger für den Kriegsdienst vom 18. bis zum 40. Lebensjahr) gab es in Österreich seit 1781. Es entstanden auch einheitliche Bewaffnungen und Uniformen, die allerdings auch soziale, politische und kulturelle Unterschiede der Zeit zum Ausdruck brachten, speziell im Vielvölkerstaat Österreich. Offiziere wurden in Militärakademien (z.B. Theresianum) ausgebildet. Ärmere Schichten waren benachteiligt. Die stehenden Heere erforderten eine effektivere Ausrüstung mit Handwaffen, die dann Mitte des 19. Jahrhunderts in
6
größeren Mengen (erste Massenproduktionen von Handfeuerwaffen, vor allem Militärgewehre) erfolgte. 1808 entstand die so genannte Landwehr, die Bewaffnung des Volkes zur Verteidigung des Heimatlandes (Landsturm). Mit der Französischen Revolution änderte sich die soziale Stellung der Soldaten aber wesentlich. Die Revolutionsheere wurden seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1793 aus dem ganzen Volk ergänzt. Theoretisch standen nun allen Soldaten die Offiziersränge, auch die höchsten, offen. Der Soldat wurde zum Bürger in Uniform. In Österreich gingen die Reformen nicht so schnell vor sich, auch waren die höheren Offiziersränge fest in der Hand des Adels.
Zu einem großen Heeresreformer des beginnenden 19. Jahrhunderts zählt auf jeden Fall der Kriegsminister des Habsburgerreiches Generalissimus Erzherzog Karl. Sein Reformwerk ist in zwei Zeitabschnitte geteilt, nämlich von 1801-1804 und von 1804-1809. Er setzte die Abschaffung der lebenslänglichen Militärzeit durch. Ebenso gehen die Aufstellung der österreichischen Landwehr und die Errichtung von Armeecorps auf ihn zurück. Aber er hatte große Probleme seine Reformen umzusetzen, einerseits musste er den gewalttätigen Franzosen Parole bieten, andrerseits stand er im eigenen Reich einer eher lethargischen, reformunwilligen Umwelt gegenüber. In dieser Zeit wurde ständig versucht, die militärische Struktur umzuformen. Die Niederringung Napoleons kostete dem österreichischen Heer viel Kraft und verschlang viel Geld, es herrschte eine chronische Finanzmisere, welche übrigens ein ständiger Begleiter des österreichischen Militärbudgets war. Durch die Gründung des Deutschen Bundes 1815 im Wiener Kongress wurde eine Art Deutsches Bundesheer für die Mitgliedstaaten geschaffen. „Bei den Folgekonferenzen des Wiener Kongresses kamen Russland, Österreich und Preußen überein, zur Erhaltung der bestehenden Verhältnisse auf allen bestehenden Revolutionsschauplätzen eingreifen zu dürfen“ (Ettmayer, 2005, S.141). Das widersprach den Interessen Frankreichs und Englands. Durch die vielen militärischen „Verpflichtungen“ Österreichs auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen (intraterritorial und extraterritorial) geschwächt, musste das österreichische Heer dennoch im Revolutionsjahr 1848/49 um die Selbstbehauptung der Habsburgermonarchie kämpfen. Hier ist Radetzky hervorzuheben, der den Krieg der italienischen Einheitsbewegung beendete. Danach gab es wieder militärische Umformungen, es wurden Kasernen gebaut, wie das riesige k. k. Artillerie-Arsenal. 1852 wurde die Landwehr wieder abgeschafft. „Im Zeitabschnitt bis 1866 hat kein
7
Großmachtheer Europas so häufig und überhastet Organisationsänderungen vorgenommen wie das österreichische.“ (Fiedler, 1991, S.39). Das große Problem Österreichs waren die verschiedenen Kriegsschauplätze des Habsburgerreiches und die zum Teil verschiedene Ausbildung der verschiedenen Völker und die Verständigung untereinander (Sprachproblem). Immerhin wurden im Vielvölkerheer elf Sprachen gesprochen und es gab fünf verschiedene Glaubensbekenntnisse. Aber nichts desto trotz zeigten die Streitkräfte (Soldaten) der verschiedenen Länder dem Reich und dem Kaiser gegenüber Loyalität, was auch sicher zum langen Bestehen der Dynastie beigetragen hat. Auch das Offizierskorps war international bunt zusammengesetzt. Der Kaiser (Franz Josef) war der Oberste Kriegsherr, er hatte eine eigene Militärzentralkanzlei. Ein wirklich effektives, alleinverantwortliches Kriegsministerium kam aber nicht zustande. Die ständige Bekämpfung der inneren Unruhen sowie die Unterdrückung der Nationalitätsbewegungen bzw. Autonomiebestrebungen der einzelnen Länder, sowie die Verteidigung der Außengrenzen und Territorien führten zur Schwächung der militärischen Kraft des Reiches. So musste Österreich, im Befreiungskrieg gegen Napoleon noch als europäische Großmacht gefeiert, die schwere Niederlage gegen die Preußen 1866 hinnehmen.
Dazu kamen die Niederlagen 1859 und 1866 gegen Italien. Weiters gab noch die schweren Konflikte mit Ungarn, es kam 1867 zu einem Ausgleich. Es entstanden zwei gleichberechtigte, selbstständige Staatsgebilde, die so genannte österreichischungarische Doppelmonarchie. Gemeinsam war ihnen das Staatsoberhaupt (Franz Josef), die auswärtigen Angelegenheiten, das Finanz- und Militärwesen. Der Monarch verfügte über das gesamte Heer. Österreich-Ungarn war zu der Zeit der zweitgrößte Staat Europas. Aber die vielen ständigen Konflikte und Freiheitskämpfe im Vielvölkerstaat wiesen schon auf das Ende des großen Reiches bzw. der Doppelmonarchie hin, welche endgültig 1818 zerbrach. Radetzky war der Meinung, dass das österreichische Heer zwar mutig und tapfer sei, aber aus seinen Erfolgen nicht wirklich Kapital schlagen könne. Seiner Meinung nach waren ständige Geldnöte der Grund für eine unzulängliche Ausrüstung und daher auch zum Teil schlechte Organisation. Aber auch Zögerlichkeit bei manchen Operationen und die ständigen Bemühungen, einen inneren Frieden im Reich aufrecht zu erhalten, schwächten seiner Meinung nach die Schlagkraft des Heeres. Er war der Ansicht „Österreich
Arbeit zitieren:
Klaus Hofmann , 2007, Entwicklung und Etablierung des Militärwesens und deren politische Folgen für Europa, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Hausarbeit, 19 Seiten
Die napoleonische Fremdherrschaft und die Auswirkungen auf Deutschland
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Referat / Aufsatz (Schule), 7 Seiten
Militärreformen des 18. Jahrhunderts
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Herrschaft Napoleons in Europa
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Referat / Aufsatz (Schule), 11 Seiten
: neuer Titel erschienen: Entwicklung und Etablierung des Militärwesens und deren politische Folgen für Europa
Klaus Hofmann hat einen neuen Text hochgeladen
Österreichische Medien und der Vertrag von Lissabon
Eine Analyse der Berichterstat...
Teresa Kästenbauer
Europa - politisches Einigungswerk und gesellschaftliche Entwicklung
Eine Einführung zur gesellscha...
Stefan Immerfall
15 Jahre Europäische Union und...
Roman Pfefferle, Nadja Schmidt, Gerd Valchars
0 Kommentare