Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die staatliche Germanisierungspolitik. 4
2.1 Überwachung des ruhrpolnischen Organisationswesens 6
2.2 Die Schule als Institution zur „Bekehrung“ 8
2.3 Behinderungen der Religionsausübung 9
2.4 Das Angebot zur Namensänderung 10
3. Gesellschaftliche Diskriminierungen der Ruhrpolen 11
3.1 Diffamierungen durch deutsche Mitbürger 12
3.2 Die anti-polnische Stimmung der Presse. 13
3.3 Die Ruhrpolen im Beruf - Lohndrücker und Streikbrecher 14
4. Exkurs: Der „Proleten- und Polackenverein“ Schalke 04 16
5. Fazit 18
6. Literaturverzeichnis. 21
7. Anhang 23
2
1. Einleitung
Die vorliegende Seminararbeit behandelt die Einwanderung und Integration polnischer Arbeitsmigranten ins Ruhrgebiet nach Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Im Zuge der industriellen Erschließung des Ruhrgebiets Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer massiven Einwanderung in die Region. Aufgrund der wirtschaftlichen Expansion wurden Arbeitskräfte aus vielen Teilen des damaligen deutschen Kaiserreiches angeworben. Schnell bildeten dabei polnischstämmige Einwohner der preußischen Ostprovinzen eine der zahlenstärksten Immigrantengruppen. 1 Die industriellen Unternehmer im Ruhrgebiet konnten durch die Anwerbung von polnischen Arbeitskräften ihren sprunghaft gestiegenen Bedarf abdecken. Die oft verarmten Polen aus den meist ländlich geprägten Ostgebieten waren zur Verbesserung ihrer Lebensumstände äußerst bereit ins aufstrebende Ruhrgebiet
auszuwandern. 2 In Zeiten der zunehmenden Industrialisierung bot ohnehin fast nur noch das Leben in urbanen und industriellen Räumen Chancen für einen sozialen Aufstieg. Die Einwanderungswellen ins Ruhrgebiet machten die Region schließlich erst zu einem urbanen Ballungsraum. Aus Dörfern und Kleinstädten wurden Großstädte.
Seit den drei Teilungen des Doppelstaates Polen-Litauen Ende des 18. Jahrhunderts existierte bis 1918 kein souveräner, eigenständiger polnischer Staat mehr. Preußen, das russische Zarenreich und das Kaiserreich Österreich-Ungarn okkupierten, teilten und verleibten sich das Land ein. Als Folge dessen lebten Millionen von Polen auf preußischem, später deutschem, Gebiet und wurden zu preußischen beziehungsweise deutschen
1 Zur Vereinfachung sind in dieser Hausarbeit mit dem Begriff „Ruhrpolen“, bzw. wenn die Rede von
polnischen Einwanderern ist, alle polnischstämmigen bzw. polnischsprachigen Ethnien gemeint. Dazu
zählen schlesische, west- und ostpreußische, pommersche und Posener Polen sowie Masuren und
Kaschuben. In der Literatur werden die Unterschiede zwischen diesen Gruppen verschieden gewichtet
und Zahlen entweder zusammengefasst oder getrennt angegeben, womit im Grunde keine
einheitlichen Definitionen existieren. An bestimmten Stellen geht die Seminararbeit aber ebenfalls auf
einige Differenzen ein.
2 Teile Schlesiens, speziell Oberschlesien, waren zwar dicht besiedelt und industriell geprägt, dennoch
wanderten viele polnische Facharbeiter aus dem gleichen Grund ins Ruhrgebiet ab.
3
Staatsbürgern. Die slawisch-polnischen Siedlungsgebiete in Osteuropa waren bereits seit dem Mittelalter immer wieder zwischen Deutschen, Polen, Russen und Balten umstritten. Stets waren sie in verschiedenen Staatsgebilden eingegliedert. Dies führte schon früh zur Bildung von historischen slawisch-polnischen Minderheiten in den jeweiligen deutschen Staaten.
Heute erkennt man noch deutlich die Prägung der Bevölkerung des Ruhrgebiets durch die polnischen Zuwanderer. Auffallend sind viele polnische Familiennamen und Wörter im Ruhrgebietsdialekt. Das Bewusstsein für die polnische Abstammung ist unter der großen Mehrheit der Nachfahren jedoch nicht mehr existent. Mit dem Vergessen verschwanden natürlich auch das Ausleben von polnischer Kultur und Tradition unter den folgenden Generationen. Dieser Umstand, falls nicht schon in Vergessenheit geraten, wurde und wird in der deutschen Öffentlichkeit oft voreilig damit begründet, dass die Einwanderung der Polen ins Ruhrgebiet ein Beispiel für gelungene Integration darstellt. An anderen Stellen wird allerdings auch von einer erzwungen Assimilation der sogenannten Ruhrpolen gesprochen. Letztere Behauptung erscheint wissenschaftlich fundierter. Ziel dieser Arbeit soll es deshalb sein, Widrigkeiten und Probleme aufzuzeigen, welche sich den Ruhrpolen damals stellten. Dabei handelt es sich zum einen um Repressionen von staatlicher Seite, zum anderen um Diskriminierungen in Beruf und Alltag. Es soll dadurch schließlich der Frage nachgegangen werden, ob die Migration der Ruhrpolen tatsächlich als Beispiel für eine gelungene Integration angegeben werden kann oder ob diese eher unter Druck zustande kam.
2. Die staatliche Germanisierungspolitik
Mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs nach dem deutschfranzösischen Krieg von 1870 und 1871 entstand ein deutlich definiertes und starkes Konzept einer „deutschen Nation“. Ein nationales Bewusstsein sollte als Basis des Zusammenhalts für das neue Reich dienen. Hintergrund dessen ist die jahrhundertlange Fragmentierung Deutschlands in viele einzelne, teilweise untereinander konkurrierende, Staaten. Um die Einheit
4
der Nation zu gewährleisten, sollte die Bevölkerung kulturell möglichst homogen sein. In dieser Hinsicht waren fremdländische Aspekte selbstverständlich unerwünscht. Jedoch lebten einige nationale Minderheiten sowie zugezogene ausländische Arbeitsmigranten auf dem deutschen Staatsgebiet. Größte Minderheit war die historisch polnischstämmige, wie in der Einleitung bereits beschrieben. Ganz im Sinne des deutschen Nationenkonzepts war die staatliche Minderheitenpolitik im Zuge des sogenannten „Kulturkampfs“ schließlich von konservativen, intoleranten Repressionen geprägt. 3
Die Polen als traditionell größtenteils widerwillige und auf ihre eigene nationale Identität beharrende Minderheit waren somit von der staatlichen Repressionspolitik immens betroffen. Sie wurden politisch als Staatsfeinde definiert. 4
Die Maßnahmen gegen die Polen im damaligen Deutschland zielten auf eine Germanisierung dieser nationalen Minderheit ab. Sie hatten jedoch meist das Gegenteil zur Folge. Je mehr Repressionen die Polen verspürten, desto mehr nationalpolnische Gesinnung entstand unter ihnen. Ebenso stärkten die Repressionen die Bildung einer ausgeprägten polnischen Subkultur. In der Segregation versuchten sich die Polen vor Diskriminierungen zu schützen. 5 Dazu ist festzuhalten, dass die polnische Minderheit schon in ihren Herkunftsgebieten - den preußischen Ostprovinzen - und vor Gründung des deutschen Reichs Germanisierungsansätzen ausgesetzt war. Zum Beispiel siedelte die preußische Regierung nach den polnischen Teilungen Deutsche aus den übrigen Teilen Preußens in den eroberten Ländereien an. Polnischer Großgrundbesitz wurde zu Gunsten deutscher Siedler aufgekauft und die Polen zu einfachen Pächtern oder Landarbeitern heruntergestuft. 6 Manifestiert wurde dies im Ansiedlungsgesetz von 1904, das den Haus- und Landerwerb für Polen in den Ostprovinzen unmöglich machte und sie somit indirekt zur Auswanderung ins Ruhrgebiet beziehungsweise dem Verbleib dort trieb. 7
3 Vgl. Krampen, 2001, S. 77 - 81 und 86 - 88
4 Oenning, 1991, S. 97
5 Klessmann, 1978, S. 60f
6 Vgl. ebd., S. 23 - 29
7 Ebd., S. 65
5
Politische und soziale Marginalisierung war für die Polen also der Hauptfaktor ins aufstrebende Ruhrgebiet auszuwandern. Dort angekommen erlebten sie eine noch größere Repression und Diskriminierung. Im Gegensatz zu ihrer alten Heimat, wo sie gebietsweise die Mehrheit der Bevölkerung stellten, fielen sie im Ruhrgebiet als Fremde auf. 8
2.1 Überwachung des ruhrpolnischen Organisationswesens
Im Zuge ihrer Segregation zum Schutz gegen Repressionen und Diskriminierungen sowie zum Erhalt der eigenen nationalen Identität, bauten sich die Ruhrpolen ein ausgiebiges Organisationswesen auf. Wichtigste Beispiele hierfür sind die vielen polnischen Kirchenvereine sowie die „Sokół“-Turnvereine. Darüber hinaus zählt man auch den Bund der Polen 9 und die polnische Berufsvereinigung ZZP dazu. Besonders die ZZP wurde zu einem wichtigen Organ, da die deutschen Gewerkschaften die Ruhrpolen nur mangelhaft gleichberechtigt zu den deutschen Arbeitern unterstützten. Den Ruhrpolen boten sich damit Möglichkeiten zur Partizipation am gesellschaftlichen Leben, die sie aufgrund der Ablehnung der bürgerlichen deutschen Gesellschaft und ihrer Wohnlage in peripheren Siedlungen sonst nicht gehabt hätten. Außerdem war die Mitgliedschaft in einem polnischen Verein für sie eine Schutzmaßnahme vor den Germanisierungsbestrebungen des Staats. 10
Die staatlichen Behörden sahen laut Peters-Schildgen in dem Aufbau eines polnischen Gemeinwesens wiederum die Gefahr einer großpolnischen Agitation mit den Zielen der Wiederherstellung eines polnischen Staats oder der „Polonisierung“ des Westens Deutschlands. Folglich begann eine Überwachung der polnischen Vereinsaktivitäten durch die Polizei. Polnischsprechende Beamte überwachten beispielsweise Versammlungen und führten ausgiebige Protokolle darüber. Das preußische Vereinsgesetz untersagte auch das Benutzen von polnischen Fahnen, Trachten oder Symbolen. Den „Sokół“-Vereinen wurde beispielsweise aufgrund ihrer
8 Vgl. Klessmann, 1978, S. 60f
9 Ein Verein zum Erhalt der polnischen Kultur, der 1922 in Berlin, mit Sitz bis heute in Bochum,
gegründet wurde.
10 Vgl. Peters-Schildgen, 2006, S. 49 und 57
6
Arbeit zitieren:
Roman Milenski, 2010, Die Ruhrpolen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Essay, 10 Seiten
Zur Migrationsgeschichte der „Ruhrpolen“ im Deutschen Kaiserreich von ...
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Polnische Migration ins Ruhrge...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 17 Seiten
Entwerfen - Überarbeiten - Veröffentlichen: Kreatives Schreiben - Eine...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Heinrich Heine: Neue Gedichte - zwischen Spiritualismus und Sensualism...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Die rechtliche Stellung der Frau in der Ehe des Mittelalters - Anspruc...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Grundgedanken der Dependenzgrammatik
Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik
Referat / Aufsatz (Schule), 14 Seiten
: neuer Titel erschienen: Die Ruhrpolen
Roman Milenski hat einen neuen Text hochgeladen
International Handbook of Migration, Minorities and Education
Understanding Cultural and Soc...
Zvi Bekerman, Thomas Geisen
Jugend, Partizipation und Migration
Orientierungen im Kontext von ...
Thomas Geisen, Christine Riegel
Jugend, Zugehörigkeit und Migration
Subjektpositionierung im Konte...
Christine Riegel, Thomas Geisen
In Flight over Ruhrgebiet
Fritz Pleitgen, Jochen Knobloch, Margaret Will
Bilderbuch Ruhrgebiet. Sonderausgabe
Faszination Industriekultur - ...
Wolfgang Berke, Manfred Vollmer
0 Kommentare