1. Einleitung
Die Mitgliedschaft zu einer Hochschule bedeutet für die Studierenden in China mehr, als dort nur Kurse zu besuchen. Studierende identifizieren sich mit der Hochschule. Sie ist ein Aushängeschild für die eigene Persönlichkeit. Traditionell bestehen in China enge Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Über die reine Vermittlung von Fachwissen hinaus, fühlen sich die Lehrer für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Schüler verantwortlich. Der Studienalltag ist wesentlich straffer durchorganisiert als in Deutschland. Die meisten chinesischen Studierenden verbringen täglich rund zehn Stunden mit dem Besuch von Veranstaltungen und der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. Neben dem Fachstudium pauken chinesischen Studierende in den ersten beiden Jahren der Bachelorstudiums auch noch Englisch und politische Ideologie, was ein Bestandteil des Lehrplans ist. Wer sich als Bachelorstudent auf die landesweite Masterprüfung vorbereitet, sitzt spätestens ein halbes Jahr vorher täglich von frühmorgens bis spätabends über den Büchern und hat nur einen halben freien Tag in der Woche. 1
Was ist die schulische Vorgeschichte dieser Studenten? Wie ist die Schulpflicht in China bis zu einem akademischen Abschluss aufgebaut? Gibt es Zulassungsbedingungen, um an einer chinesischen Universität zu studieren? Die folgende Arbeit soll einen Einblick in das chinesische Schulsystem geben und die Laufbahn von der Grundschule zum Hochschulstudium veranschaulichen.
2. Zeitliche Einordnung
Ein Grund für das chinesische Bildungssystem ist das beschlossene Gesetz der Volksrepublik China über die allgemeine Schulpflicht vom 12. April 1986. Es regelt den Aufbau und die Struktur der Schulbildung. Bestandteil dieses Gesetzes ist die Bindung an eine neunjährige allgemeine Schulpflicht. Das Bildungsgesetz, von 1986 ist sehr stark vom Sozialismus geprägt. Marxismus-Leninismus, das
1 Vgl.: DAAD-Studienführer China, Obendiek, Overberg, 2008, W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co.KG, S.60f
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Denken Mao Zedongs und die Theorie des Aufbaus eines chinesischen Sozialismus dienen als Grundpfeiler des Schulpflichtgesetz (Vgl.:Art. 3). 2
3. Das chinesische Schulsystem im Überblick
Das chinesische Schulsystem ist ein Sechs-drei-drei System: sechs Jahre Grundschule (xiaoxue), drei Jahre untere Sekundarstufe (chuzhong) und drei Jahre obere Sekundarstufe an einem hochschulvorbereitenden Gymnasium (gaozhong). Nach der unteren Sekundarstufe kann auch eine zwei- bis dreijährige berufsbildende Fachschule (zhongzhuan) oder eine technische Fachschule (jixiao) besucht werden. Mitte der 80er-Jahre wurde die Einführung der neunjährigen Schulpflicht im ganzen Land als mittelfristiges durchzusetzendes Ziel festgelegt. Heute besuchen nach Angaben des chinesischen Erziehungsministeriums über 90 Prozent der entsprechenden Altersgruppen die Klassen eins bis neun. 3
Im Jahre 2004 wurden 10 Mrd. Yuan aus dem zentralen Haushalt in die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht auf dem Lande investiert, was einen Anstieg um 72% gegenüber 2003 bedeutete. Außerdem wurde aus dem zentralen Haushalt ein Sonderfonds abgezweigt, um 24 Mio. Schülern aus armen Familien in zentralen und westlichen Gebieten, die sich in der Phase der allgemeinen Schulpflicht befinden, kostenlos Lehrbücher zu gewähren. 4 Seit 2007 ist die Schulpflicht für Kinder auf dem Land jedoch kostenlos. Die Qualitätsunterschiede im Bildungsangebot zwischen ländlichen und städtischen Regionen sind allerdings eklatant und eine Angleichung ist derzeit nicht abzusehen, 5 weil die gesetzlich vorgegebenen Mindeststandards: Struktur, Statut, Lehrerqualifikation, Ausstattung und Finanzierung für eine Schule erfüllt werden müssen. 6
2 Vgl. Bildungssystem und Schulbildung in der Volksrepublik China, Lutz R. Reuter und Xinke Zhang, 1998, Bibliothek der Universität der Bundeswehr Hamburg, S.10f
3 Vgl.: DAAD-Studienführer China; Obendiek, Overberg; 2008, W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co.KG, S. 50f
4 Vgl.: China- Fakten und Zahlen; Neuer Stern-Verlag; Druck und Verlag in der Volksrepublik China; S. 147f
5 Vgl.: DAAD-Studienführer China; Obendiek, Overberg; 2008, W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co.KG, S. 51f
6 Vgl. Bildungssystem und Schulbildung in der Volksrepublik China, Lutz R. Reuter und Xinke Zhang, 1998, Bibliothek der Universität der Bundeswehr Hamburg, S.10f
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3.1 Kindergarten (you`eryuan)
Vor der Grundschule (xiaoxue) ist der elementare Bereich, die Vorschule, die überwiegend aus chinesischen Kindergärten (you`eryuan) besteht. Der Kindergarten zählt zu den nicht staatlichen Bildungsträgern (Art. 17 Bildungsgesetz) und übernimmt die Aufgabe der Vorschulischen Erziehung. Die Teilnahme ist freiwillig und unentgeltlich, bis auf Lehrbücher und Nebenkosten. 7 Eine ganztägige Betreuung soll jedem Kind, elementare Kenntnisse vermitteln, die dazu beitragen, dass sie sich moralisch, körperlich und geistig entfalten können, und durch die sie auf den Besuch der Grundschule vorbereitet werden. 8
So wird der Kindergarten zum lernen von Schriftzeichen und zählen bis 199 genutzt, bevor die Kinder krabbeln lernen. Der Kindergarten entfernt sich von dem alten Bildungskonzept der politisch ideologischen Erziehung, wonach jedes Kind sich moralisch, körperlich und geistig entfalten können soll. 9
Frühkindliche Erziehung mit Lerneinheiten im Bereich Sinneswahrnehmung, Sprache, Zahlen und Lebensgewohnheiten 10 , lassen sich ehrgeizige Eltern in privaten Bildungseinrichtungen bis zu 20% des Familieneinkommens kosten, denn: „Je mehr der Kleine hier lernt, desto mehr lohnt sich die Investition.“ 11 Eine Einschulung in eine „Schwerpunktschule“ unterstützt talentierte und besonders begünstigte Schüler in ihren Fähigkeiten.
3.2 Grundschulen (xiaoxue)
Die Grundschule in China wird vom siebten bis 13. Lebensjahr besucht und ist der Erste Teil des Sechs-drei-drei Systems. 12 Sie soll den chinesischen Schülern ein Mindestmaß an Bildung zusichern. Die öffentliche Zugängigkeit und bestehende Lehrmittelfreiheit soll den Schulen einen großen Schülerzulauf zusichern, sodass sich die finanziellen Belastungen auf ein Minimum reduzieren lassen. Jedoch fallen, regionalbedingt Instandhaltung der Schulgebäude, Pflege des Schulgeländes, Anschaffungskosten für Lehrmaterial und Schulbücher auf die
7 Vgl. Bildungssystem und Schulbildung in der Volksrepublik China, Lutz R. Reuter und Xinke Zhang, 1998, Bibliothek der Universität der Bundeswehr Hamburg, S.10f
8 Vgl.: Erziehung und Ausbildung in China, Peter Mauger u.a., 1975, Verlag nauer Weg GmbH, S.79f
9 Vgl.: Bildung und Wissenschaft in der Volksrepublik zu Beginn der achtziger Jahre, Jürgen Henze, 1983, Mitteilungen des Institut für Asienkunde S. 30-33
10 Vgl.: http://www.china-guide.de/china/bildungssystem/a.vorschule.html, 07.01.09
11 Vgl.: Vorsicht China, Kurt Seinitz, 2008, Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, S.60f
12 Vgl.: http://www.china-guide.de/china/bildungssystem/a.vorschule.html, 07.01.09
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Eltern und Kinder zurück. Die Einschulungsquote in die Grundschule beträgt in den städtischen Regionen ca. 90%. Auf dem Land liegt die Anzahl bei 80%, da viele Eltern ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen, um eine Grundbedarfsdeckung für die Familie zu erreichen.
In den chinesischen Grundschulen findet eine ganztägige Betreuung an fünf Tagen in der Woche statt, aufgeteilt in vier Vormittagsstunden und zwei Nachmittagsstunden zu je vierzig Minuten und zwei Stunden Mittagspause. 13 Gemäß Art. 3 Schulpflichtgesetz ist es der Auftrag der Grundschule „die moralische, geistige und körperliche Entwicklung der Schüler zu fordern“. Dies wird erreicht durch einen Stundenplan mit den Fächern Chinesisch, Lesen und Schreiben, Mathematik, Naturkunde, ideologische- moralische Erziehung, Musik, Gesellschaftskunde, Geschichte und Geographie, und Sport. Die Schwerpunkte im Stundenplan belaufen sich auf Chinesisch an erster Stelle, Mathematik und Sport 14 . Die Lehrpläne sind in China einheitlich angepasst, curriculare Kompetenzen sind somit in den Provinzen, autonomen Gebieten, Großstädten und Kreisen ausgeschlossen. Die Schüler haben im Durchschnitt von der ersten bis zur sechsten Klasse 21 bis 25 Wochenstunden, wobei Chinesisch und Mathe mit Schwerpunkt zu betrachten sind. Das Fach „Arbeit“, was sich ab der Klasse vier im Lehrplan wiederfindet, gibt den städtischen, als auch den ländlichen Schulen die Gelegenheit mit den Schülern innerschulische Ordnungsarbeiten, insbesondere Gartenarbeiten durchzuführen. 15 Die personell und Reinigungsarbeiten und
materiell besser ausgestatteten Grundschulen, vorwiegend in der Stadt, unterrichten ab der fünften Klasse Fremdsprachen. Die geographischen Unterschiede zeigen eine Anpassung des Lehrplans an die jeweiligen regionalen und klimatischen Bedingungen. So lässt sich annehmen, dass in ländlicheren Gegenden und Kreisen mehr Wert auf landwirtschaftliche und praktisch orientierte Ausbildung gelegt wird. Nach Abschluss der Grundschule (xiaoxue) sind die Kinder im Schnitt im vierzehnten Lebensjahr und bereiten sich anschließend auf die Versetzung in die Mittelschule vor.
13 Vgl. Kinder in China, William Kessen, Carl Hanser Verlag München,1976, S.145ff
14 Vgl.:Schule und Hochschule in der Volksrepublik China, Gerald A. Straka, 1983, Druckerei der Universität Bremen, S. 50f
15 Vgl. Bildungssystem und Schulbildung in der Volksrepublik China, Lutz R. Reuter und Xinke Zhang, 1998, Bibliothek der Universität der Bundeswehr Hamburg, S.12f
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3.3 Mittelschulen
Die chinesische Mittelschulen unterteilen sich in die dreijährige untere Mittelschule (chuzhong), nach Beendigung dieses Bildungsabschnitt stehen die obere Sekundarstufe (gaozhong), berufsbildende Fachhochschule (zhongzhuan) oder eine technische Fachschule (jixiao) zur Auswahl. Die untere Sekundarstufe wird für alle Schüler vom vierzehnten bis zum sechzehnten Lebensjahr in den Klassen sieben, acht und neun besucht. 16
Der national einheitlich angestrebte Lehrplan an den unteren Mittelschulen soll durch die Fächer: Chinesisch, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Fremdsprachen, Politik, Geschichte, Philosophie, Musik, Kunst, ein Profilfach wie z.B.: technisches Werken und Sport, die Weiterbildung der Schüler gewährleisten und somit qualifizierte Bewerber für das Hochschulstudium ausbilden. Wöchentlich über acht Stunden, in der Zeit von acht Uhr bis sechzehn Uhr und in vierzigminütigen Unterrichtseinheiten, sollen diese beiden Ziele erreicht werden. Die Zulassung zur unteren Sekundarstufe erfolgt durch eine Aufnahmeprüfung, gleiches gilt für die Zulassung zur oberen Mittelschule. Nach weiteren drei Jahren in der oberen Sekundarstufe erhält man, nach einer bestandenen Hochschulaufnahmeprüfung, die Zulassung zum Studieren an einer chinesischen Universität. Das chinesische Sekundarschulwesen ist kein striktes Einheitsschulsystem, denn neben den regulären Mittelschulen gibt es »Schlüsselschulen« oder auch Schwerpunktschulen, die in den Städten errichtet wurden und über erheblich bessere Bedingungen verfügen, als die in ländlicheren Gegenden regulären Schulen. Dies gilt beispielsweise für die Qualifikation des pädagogischen Personals, die Sachmittel und die Raumausstattung (Fachräume, Labors, Bibliotheken usw.). Anders als die regulären Mittelschulen bieten die Schlüsselschulen ihren Schülern eine relativ sichere Chance, die für die Hochschulen festgelegten Mindestpunktzahlen bei der nationalen Hochschulprüfung zu erreichen.
Der Bereich der oberen Sekundarstufe des chinesischen Schulwesens ist stärker differenziert. Wie in der Unterstufe existieren neben den regulären Mittelschul-Oberstufe die entsprechenden Schlüsselschulen. In beiden Schulformen ist der
16 Finnish National Board of Education (2007), Higher Education in the People’s Republic of China; www.edu.fi/julkaisut/chinaedu.pdf in DAAD-Studienführer China; Obendiek, Overberg; 2008, W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co.KG, S 51
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Arbeit zitieren:
Björn Thiele, 2009, Der chinesische Weg zur Hochschule , München, GRIN Verlag GmbH
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