INHALT
1. Einleitung 1
2. Zum Alevitentum 2
2.1 Ein historischer Abriss zur Unterdrückung der Aleviten 2
2.2 Religiöse Vorstellungen 4
3. Theoretischer Unterbau 4
3.1 Ritual 4
3.2 Ritualtransfer/ Ritualwanderung 5
3.3 Migration 6
3.4 Hybridisierung 6
4. Der traditionelle bzw. idealtypische Cem 7
4.1 Formale Beschreibung des Cem 7
4.2 Zu Ablauf und Inhalt eines idealtypischen Cem 8
4.3 Funktion und Interpretation des traditionellen Cem 10
5. Cem heute 10
5.1 Veränderte Kontextfaktoren 10
5.2 Cem in Hamburg 12
5.2.1 Formale Bedingungen 13
5.2.2 Zum Inhalt und Ablauf der Cems in Hamburg 13
5.2.3 Interpretation der Cems 14
6. Cem in Heilbronn 15
6.1 Formale Beschreibung 15
6.2 Zu Ablauf und Inhalt 16
6.3 Interpretation 18
7. Schluss 20
8. Literatur 23
1. Einleitung
Als ich Bekannten und Verwandten von meinem Hausarbeitsthema berichtete konnten sie mehrheitlich nichts mit dem Begriff „Aleviten“ anfangen, obwohl Aleviten schätzungsweise etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Türkei ausmachen (Wunn 2007:98) und ungefähr eine halbe Mio. in Deutschland leben ( Motika/ Langer 2005: 74) 1 . Es gibt jedoch vielfältige Gründe, weshalb die Aleviten lange wert darauf legten auch unbekannt zu bleiben. In der Türkei bietet sich dieser Bevölkerungsgruppe folgende Situation: „Aleviten […] zählen zu den traditionell durch die sunnitische Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzten Gruppen. Erlittene Diskriminierungen und die ökonomische Marginalisierung setzen diese unter zusätzlichen Migrationsdruck.“ (Motika/ Langer 2005: 75) Diese Unterdrückung hat siezum einen- in der Vergangenheit dazu bewogen ihre Identität geheim zu halten (dieses Verhalten wird takiye genannt) und sich in Randbezirken (z.B. im Gebirge) anzusiedeln. Zum anderen tendierten viele im letzten Jahrhundert zur Migration. Während des Revivals des Alevitentums in den 80er Jahren in Deutschland -während dessen die Aleviten die takiye aufgaben- wurden hier zahlreiche alevitische Vereine gegründet. Diese Vereine arbeiteten und arbeiten immer noch an einer alevitischen Erinnerungskultur und waren von da an Träger der rituellen Praxis. Das wichtigste Ritual der Aleviten ist der Cem. In dieser Hausarbeit möchte ich mich nun mit der Art der Ausführung dieses Rituals in der deutschen Diaspora beschäftigen. Um mich diesem Phänomen des sozusagen „mit-immigrierten“ Rituals anzunähern möchte ich mich des Konzeptes des „Ritualtransfers“ bedienen. Dieses wurde an der Ruprecht-Karls-Universität im Rahmen des SFB 619 RITUALDYNAMIK entwickelt. Dazu möchte ich am Anfang einen übersichtsartigen Abriss über die Verfolgungsgeschichte der Aleviten in der Türkei vorstellen, dem dann eine kleine Einführung in die alevitischen religiösen Vorstellungen folgen wird. Im dritten Kapitel der Hausarbeit werden die Begriffe Ritual, Ritualtransfer, Migration und Hybridisierung angesprochen. Um untersuchen zu können inwiefern es Unterschiede zwischen dem historisch traditionellen und dem Cem in der Diaspora gibt möchte ich im vierten Kapitel ein Standard-Cem erläutern. Hier muss betont werden, dass es sich nicht um einen tatsächlich so praktizierten Cem handelt, sondern um einen Idealtyp. Im fünften Kapitel möchte ich auf die veränderten Kontextfaktoren in Deutschland, die für einen Ritualtransfer eine besondere Rolle spielen, eingehen. Dem folgt dann ein Beispiel für einen Cem aus der Anfangszeit des alevitischen Revivals in Deutschland, der sich sehr deutlich von dem traditionellen Cem aus den anatolischen Dörfern unterscheidet.
1 Die Angaben zum Bevölkerungsanteil der Aleviten schwanken stark, da bei türkischen Volkszählungen nicht nach Religion unterschieden wird und viele Aleviten auch noch heute ihre Identität verschweigen. ( Motika/ Langer 2005: 74 Fn.4)
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Das von Sökefeld geschilderte Ritual zeigt nicht nur den Einfluss der äußeren Bedingungen, sondern auch die Folgen der kulturellen Amnesie des Alevitentums, auf die im dritten Kapitel eingegangen wird. Dem folgt ein Exempel aus der heutigen Zeit das auf eigenen Beobachtungen bei einem Cem in Heilbronn basiert. Mit diesen drei Beispielen soll gezeigt werden welchen Veränderungen der Cem unterlegen ist und wie diese zu interpretieren sind. Damit soll kein direkter Vergleich zwischen dem Cem in der Türkei und dem in Deutschland erfolgen, denn die Zeremonie in der Türkei war zum einen durch die Binnenmigration Veränderungen ausgesetzt. Zum anderen wirken durch moderne Medien und Kommunikationsmittel die Veränderungen durch Migration auch auf die Dorfcems zurück. Vielmehr soll durch diese Momentaufnahmen gezeigt werden was das Konzept Ritualtransfer leisten kann und es soll schlaglichtartig auf die Zusammenhänge der Kontextfaktoren und der Ritualtransformation eingegangen werden.
2. Zum Alevitentum
2.1 Ein historischer Abriss zur Unterdrückung der Aleviten
Die Verfolgung der Aleviten begann im Osmanischen Reich (1299-1923). Dort existierten verschiedene Glaubensgemeinschaften die im Millet-System anerkannt wurden und gewisse Sonderrechte besaßen. Das Alevitentum gehörte nicht zu diesen anerkannten Gemeinschaften (Aydın 2006: 17-24) und war deshalb Verfolgung, Zwangsumsiedlungen und Unterdrückung ausgesetzt (Kaplan 2004: 17). Nach darauf folgenden Aufständen wurde der Bektaşi-Orden (der einen wichtigen Einfluss auf das Alevitentum hatte und auch Teil dessen wurde) verboten und alle schriftlichen Dokumente aus dieser Zeit wurden vernichtet. Vom 16. bis Mitte des 17. Jahrhundert wurden tausende Kızılbaş-Aleviten (alevitischer Zweig) hingerichtet. Um diesen Repressalien zu entfliehen und die eigenen sozialen und religiösen Werte zu sichern zogen sich die Aleviten in eine selbst gewählte Isolation in ländliche Gebiete in Randbereichen des Reiches zurück und verheimlichten ihren Glauben vor Nicht-Aleviten (takiye). Dies führte auch dazu dass das rituelle Leben im Geheimen verrichtet wurde. Mit der Gründung der Türkischen Republik 1923 unter Atatürk begann die Herausführung der Aleviten aus der Isolation. Atatürk strebte eine Säkularisierung des Staates an und versuchte den sunnitischen Staatsislam in die Privatsphäre zurückzudrängen. Außerdem schaffte er das islamische Schariarecht ab und führte das Zivilrecht ein, was großen Zuspruch bei den Aleviten fand. Dieser Prozess endete mit der Abwahl seines Nachfolgers Inönü mit der eine Re-Islamisierung einsetzte, die ihren Höhepunkt in den 70er bis 80er Jahren erreichte. Nicht nur diese Re-Islamisierung bereitete den Aleviten Probleme, sondern auch die explizit anti-kommunistische Politik. Da die Aleviten aufgrund der Glaubenslehre in den 60er und
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70er Jahren sehr mit der sozialistischen Bewegung sympathisierten waren sie nun wieder Repressalien ausgesetzt. (2004: 18-19) Diese Repressalien führten dazu, dass das Alevitentum abermals im Verborgenen ausgeführt wurde. Die Aleviten ordneten sich zudem aufgrund gewisser Ausgangsbedingungen politisch links ein, nämlich aufgrund eines religiösen Cleavages 2 : die sunnitischen Türken erwiesen sich nicht nur religiös bewahrend, sondern auch als staatsnah und demzufolge als politisch konservativ. Die Aleviten, die zwar mit den laizistischen Grundideen Atatürks übereinstimmten, sich jedoch als kulturelle Gruppe von den nationalistischen Zügen des Kemalismus distanzierten, verorteten sich im linken Spektrum, also staatsfern. So findet man sich in der Türkei aufgrund der Herkunft auf einer Seite des politischen Spektrums verortet, praktisch ohne eigenes zutun. ( Seufert 1999: 74-75) Diese linke Verortung hatte in den 70er Jahren erheblichen Einfluss auf die rituelle Praxis der Aleviten. Denn linke Aleviten lehnten das Alevitentum als Religion gänzlich ab, was dazu führte dass das rituelle Leben in vielen Gebieten komplett zum erliegen kam. ( Sökefeld 2008: 14) „Diese Entwicklung […] unterbrach die mündliche Weitergabe des Wissens und resultierte in einer Art kultureller Amnesie, die bis heute nachwirkt und zur Folge hat, dass der jüngeren Generation fast jedes Wissen über das Alevitentum fehlt.“ (2008: 14) Die politischen Entwicklungen und die damit einhergehende Benachteiligung der Aleviten gipfelten in Terroranschlägen, bei denen staatlicher Schutz ausblieb und hunderte Aleviten ums Leben kamen. Besonders seit dem Anschlag in Sivas am 2. Juli 1993 bei dem die Polizei tatenlos zusah wie 37 Menschen verbrannten ist das Vertrauen der Aleviten in den türkischen Staat nachhaltig erschüttert worden. Im Gegensatz zu der Strategie der takiye hofft die alevitische Bewegung seit den 90er Jahren durch Öffentlichkeit und Erinnerung an die Massaker, die Anerkennung des Alevitentums und die Verhinderung von weiteren Menschenrechtsverletzungen durchzusetzen. (Kaplan 2004:19-20) Da heutzutage das Alevitentum immer noch nicht vom türkischen Staat anerkannt wird, kämpft die sog. alevitische Bewegung auf nationaler und internationaler Ebene dafür. So ist die öffentliche Bekennung zum Alevitentum in der Diaspora bei Leuten die dies normalerweise nicht als notwendig erachten würden, durch die Unterdrückung in der Türkei bedingt. Viele würden sonst nicht den Drang verspüren sich einem Verein anzuschließen und ihre religiöse Praxis weiter zupflegen bzw. sie wieder aufleben zu lassen. Sie sehen so die Möglichkeit auf nationaler bzw. internationaler Ebene wahrgenommen zu werden. (Shankland/ Çetin 2005: 55) Besonders auf sozialistisch gesinnte Aleviten die dementsprechend nicht besonders religiös
2 Cleavage= „Fachbegriff der Parteien- und Wahlverhaltensforschung für eine Konfliktformation, die charakterisiert ist durch einen in der Gesellschaft verankerten Konflikt mindestes zweier Streitparteien.“ (Schmidt 2004: 372)
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sind trifft diese Beobachtung zu. Aus dem sozialistischen Kontext heraus ist auch die Frage ob das Alevitentum als eine Religion oder eine Kultur zu verstehen ist nachzuvollziehen. Als Nachwirkung der linken Bewegung in den 70er Jahren spielt für viele Aleviten der religiöse Glaube keine Rolle und sie betrachten das Alevitentum als Kultur und nicht als Religion. (Sökefeld 2008: 17)
2.2 Religiöse Vorstellungen
Die Aleviten stammen ursprünglich aus der Türkei und sind eine sehr heterogene Gruppe. Die religiöse Zugehörigkeit überschneidet sich mit ethnischer Differenz: es gibt türkische, zazasprechende und kurdische Aleviten. Anfänglich waren die Aleviten bäuerliche Gemeinschaften und haben sich innerhalb der unterschiedlichen Dörfer individuell entwickelt. Es existiert also keine allgemeinverbindliche Doktrin oder Kanonisierung der religiösen Vorstellungen, die auf alle Aleviten zutreffen würde. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten: alle neigen tendenziell zu einer Glaubensvorstellung, die Gott im Innern sucht. Ebenso lehnen alle die „Fünf Säulen“ des Islam als Grundvoraussetzung für Religiosität ab. Anstelle dessen rücken sie ihre eigenen drei Bedingungen ins Zentrum des Glaubens: „Beherrsche deine Hände, deine Lende und deine Zunge“, dies kann mit „Stehle nicht, begehe keinen Ehebruch und lüge nicht“ übersetzt werden. (Shankland/Çetin 2008: 219-220) Ein weiterer Unterschied zum sunnitischen Islam besteht in ihrem Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen anderen Gott außer Allah, Mohammed ist sein Prophet und Ali sein Freund“. (Kaplan 2004: 38) Sie glauben also an eine Art Trinität, eine geistige Gleichartigkeit von Gott, Mohammed und Ali. Sie sehen Ali der Mohammeds Neffe und Schwiegersohn war als legitimen Nachfolger des Propheten an. Dieser Glaube unterscheidet sie grundlegend vom Sunnitentum und hat auch zu der Teilung der islamischen Gemeinschaft und in der weiteren Folge zu der Unterdrückung der Aleviten geführt. (2004: 16)
3. Theoretischer Unterbau
Ich werde in diesem Teil keine umfassenden Definitionen der einzelnen Begriffe geben. Besonders bei Ritual und Migration würde es auch den Rahmen sprengen, deshalb möchte ich nur die Aspekte herausheben, die für diese Hausarbeit eine Rolle spielen.
3.1 Ritual
Polythetischer Ansatz:
Ritual soll hier durch eine aufzählende Beschreibung verschiedener Stichworte definiert werden:
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- Verkörperung: Rituale bestehen aus intentionalen Handlungen, die handelnde Personen voraussetzen. Diese Handlungen entstehen durch Verkörperung in Raum und Zeit. Davon lassen sich die wichtigen Aspekte der Inszenierung, Aufführung und Performativität ableiten.
- Förmlichkeit: Ritualhandlungen bestehen oft aus wiederholten, nachahmbaren Handlungen.
- Ritualdynamik: Verändert kann nur werden, was eine abgrenzbare Form hat. Jedoch keine Erstarrung, sondern Veränderungen, Wechsel und Dynamik sind der Normalfall. - Rahmung: meint die Abgrenzung zur Alltagswelt und die kognitive Rahmung bei den Teilnehmern („Dies ist ein Ritual“).
- Transformation und Wirksamkeit: Rituale bewirken einen Wechsel des Status oder der Kompetenz.
- Überhöhung: Rituale „haben vielfach einen heiligen bzw. die Teilnehmer überhöhenden Zweck. Diese Handlungen stabilisieren, solidarisieren oder hierarchisieren soziale Beziehungen und transzendieren nicht selten die im Handlungskomplex ausgedrückten Ereignisse, indem sie sie zu einer anderen, meist als höher bewerteten Welt oder Tradition in Beziehung setzen.“ (Michaels 2003: 4-5)
Diesem Definitionsversuch ist hinzuzufügen dass Michaels sich gegen die Fragestellung „Was ist ein Ritual?“ ausspricht. „Das Ritual losgelöst von allen historischen, regionalen oder sprachlichen Kontexten gibt es ohnehin ebenso wenig wie ein Wesen des Rituals.“ Er schlägt dagegen die Frage vor: „Wer bezeichnet x,y warum als Ritual […]?“ und zeigt damit, dass ein Ritual von seinen Kontexten abhängig ist. (2003: 6) Auf diese für ein Ritual äußerst wichtigen Kontexte wird noch bei der Definition von Ritualtransfer einzugehen sein.
3.2 Ritualtransfer/ Ritualwanderung
Von einem Ritualtransfer spricht man, „wenn Akteure ein Ritual von einem sozialen Umfeld in ein anderes soziales Umfeld dauerhaft übertragen.“ (Neubert: 3) Neubert geht damit einen Zwischenschritt, den andere Autoren auslassen. Er geht davon aus, dass der Transfer sich zwischen verschiedenen sozialen Umfeldern abspielt. Diese Umfelder werden von Kontextfaktoren geprägt. Harth und Michaels formulieren dagegen, dass Rituale immer innerhalb von Kontexten realisiert werden. (Harth/Michaels 2003: 24) In beiden Fällen spielen folgende Kontextaspekte eine Rolle:
- die Medien, in denen das Skript sowie die Ausführung des Rituals gefasst sind,
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Arbeit zitieren:
Kristina Scheuermann, 2010, Der alevitische Cem in der Diaspora, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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