2
Um die oben gestellte Frage zu beantworten, werde ich primär versuchen, die für Tacitus typischen Stilmerkmale zu identifizieren; dies anhand einer vergleichenden Gegenüberstellung eines Textes 4 des Kaisers Claudius mit einer von Tacitus umgestalteten literarischen Fassung 5 derselben. Anhand einiger Beispiele werde ich die mir am prominentesten scheinenden, kontrastierenden Charakteristika erläutern. In der Folge werde ich prüfen, inwieweit sich die für Tacitus als typisch erweisenden Merkmale auf sein Werk Germania übertragen lassen. Nach Erörterung der Befunde soll, quasi im Sinne einer Negativ-Evidenz, ein „Erholungsexkurs mit Cicero“ den Schweregrad des taciteischen Stils fassbar machen.
Ferner werde ich mich mit der Frage auseinandersetzen: Warum schreibt Tacitus so wie er schreibt?
Ein Einblick in die historische Ausgangslage des Autors soll Aufschluss geben über den Zeitgeist, der Tacitus geprägt haben mag. Dies wirft wiederum die Fragen auf: Inwieweit ist Tacitus’ Stil als ein Resultat der Schreckensherrschaft des Kaisers Domitian zu verstehen? Kann Tacitus etwa nur so schreiben wie er schreibt? Oder kann er auch anders? Wer war Tacitus’ Vorbild?
Atypische Textausschnitte aus Tacitus’ Werk sowie ein Vergleich mit Sallust werden die Beantwortung dieser Fragen erbringen und auf meine abschliessende These hinführen, dass Tacitus, meinem persönlichen Standpunkt zufolge, in erster Linie aus dem Streben nach Individualität heraus so schreibt, wie er schreibt. Mit einem abschliessenden Beispiel, welches die für Tacitus typischen Stilcharakteristika auch als ein zeitgenössisches Phänomen belegt, werde ich meinen Standpunkt zu untermauern versuchen.
2. Was macht den Tacitus-Text schwer verständlich?
2.1. Identifizierung von Stilmerkmalen bei Claudius und bei Tacitus
Die Identifizierung der typischen Stilmerkmale des Tacitus wird in einem ersten Durchlauf auf der Grundlage der folgenden Texte vorgenommen: Tacitus’ literarische Umgestaltung 4 einer Rede des Kaisers Claudius sowie Originalrede 4 des Kaisers Claudius aus dem Jahre 48. v. Chr.. Die aufgezeichnete Kaiserrede wird idealerweise als Vergleichstext herangezogen, da mit der durch Tacitus vorgenommenen literarischen Umgestaltung ein Text mit derselben inhaltlichen Thematik vorliegt. Es ist allerdings zu beachten, dass die beiden Texte unterschiedlichen Bedingungen unterliegen: Beim Text des Claudius handelt es sich um eine Rede, welche an ein Zuhörerpublikum gerichtet ist; Claudius ist Politiker und wendet sich in diplomatischer Manier an ein breites Publikum. Beim Tacitus-Text handelt es sich um eine fingierte Rede, de facto um einen Text, der an ein lesendes, d.h. gebildetes und wahrscheinlich politisch ausgerichtetes und in den Kontext eingeweihtes Publikum gerichtet ist.
Nach einer stilistischen Analyse der beiden Texte lassen sich, gestützt auf Ausführungen von M. von Albrecht (Meister römischer Prosa von Cato bis Apuleius, Heidelberg 1971, 164 -189) folgende Kontraste ausmachen:
4 Aufgezeichnete Rede des Kaisers Claudius: Senatus consultum Claudianum (oratio Claudii de iure honoris Gallis dando) aus dem Jahre 48
n. Chr.: in: Inscriptiones Latinae selectae, ed H. Dessau, Band I, Berlin 1902, Nr. 212. Ph. Fabia, La Table Claudienne de Lyon, Lyon 1929,
62 ff.
5 Tac. ann. 11. 24.
3
6 Oxford Latin Dictionary, Oxford, 1994
7 Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 1992
8 Lausberg H., Elemente der literarischen Rhetorik, 1976
9 Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 1992
10 Hor. ars poetica, 21
11 Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 1992
12 Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 1992
13 Albrecht, M. von, Meister römischer Prosa von Cato bis Apuleius, 1971, S. 188
14 Bantel, O., Schaefer, D. Grundbegriffe der Literatur, 1962
4
Durch die folgenden Beispiele soll visualisiert werden, wie sich die oben beschriebenen Merkmale konkret im Text manifestieren.
2.2. Beispiele von Stilmerkmalen bei Claudius und bei Tacitus
Prolixitas und Abundanz 15 bei Claudius:
Die Rede des Claudius ist an sich lang und ausführlich. In 72 Zeilen propagiert er auf taktvolle Weise die Einführung des ius honorum an Ausländer (Nichtrömer). Sein Text beinhaltet inhaltliche Ausführungen bis hin zu Abschweifungen vom eigentlichen Thema. Durch Abundanzen hebt er das politisch heikle Thema, die Ausländer, in Form von einem Überschuss an Schmuck und positiver Bedeutung in geradezu „leseproduktiver“ Weise hervor:
„Sane novo more et divus Augustus avunculus meus et patruus Ti. Caesar omnem florem ubique coloniarum ac municipiorum, bonorum scilicet virorum et locupletium, in hac curia esse voluit.“
Nach neuem Brauch, in der Tat, haben mein göttlicher Onkel Augustus mütterlicherseits, wie auch mein Onkel Tiberius Caesar väterlicherseits, die ganze Blüte aus Kolonien und Munizipien allseits, natürlich die Guten und die Wohlhabenden, in dieser Kurie vertreten sehen wollen.
In Form von Superlativen weist Claudius inhaltlich deutlichst darauf hin, in welch positiver Beziehung er zu gewissen Ausländern steht:
“Ornatissima ecce colonia valentissimaque Viennensium, quam longo iam tempore senatores huic curiae confert! Ex qua colonia inter paucos equestris ordinis ornamentum L. Vestinum familiarissime diligo…”
Da ist die rühmlichste und einflussreichste Kolonie Vienna, wie lange schon sendet sie Senatoren in unsere Kurie!
Prolixitas findet sich zudem durch die Wiederaufnahme von bereits Gesagtem, indem auf das Verständnis des Vorangegangenen in geradezu explizit repetitiver Weise hingearbeitet wird: „Quondam reges hanc tenuere urbem, nec tamen domesticis successoribus eam tradere contigit. Supervenere alieni et quidam externi, ut Numa Romulo successerit ex Sabinis veniens, vicinus quidem, sed tunc externus.” Einst waren Könige die Machthaber unserer Stadt, dennoch gelang es ihnen nicht, diese einheimischen Nachfolgern zu übergeben. Zu Hilfe kamen Fernstehende, ja geradezu Auswärtige, wie Numa, der, obwohl er aus dem Sabinischen kam, Romulus folgte, zwar ein Nachbar, aber dennoch ein Ausländer.
Anders bei Tacitus: Während Claudius in 72 Zeilen das ius honorum an Ausländer propagiert, so verwendet Tacitus dafür lediglich 27 Zeilen. Historische Ausschweifungen lässt er weitgehend aus; Tacitus fasst sich kurz, beschränkt sich bei den gewichtigsten Inhalten auf das Wesentliche:
15 Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 1992
5
Pointiertheit und Brevitas bei Tacitus:
Einzelne Stellen sind bei Tacitus durch Pointiertheit und explizite Antithesen hervorgehoben, wie beispielsweise: „advenae in nos regnaverunt;“. “Neulinge waren bei uns Könige;“
Kurz und prägnant die Betonung auf advenae in Erstposition, gefolgt von einem syntaktisch eher unübersichtlich und umständlich verschachtelten Satz, dessen antithetischer Hauptgedanke kurz und pointiert ans Ende gesetzt ist:
„libertinorum filiis magistratus mandare non, ut plerique falluntur, repens, sed priori populo factitatum est.“
Söhnen von Freigelassenen Ämter anzuvertrauen ist nicht, wie sich die meisten täuschen, neu, sondern wurde bereits von vorangehendem Volk gepflegt. Eine Reihe inhaltlicher Provokationen erscheint zudem in prägnanter Knappheit: “at cum Senonibus pugnavimus: scilicet Vulsci et Aequi numquam adversam nobis aciem instruxere. Capti a Gallis sumus: sed et Tuscis obsides dedimus et Samnitium iugum subiimus.”
Auch mit den Senonen haben wir gekämpft. Es versteht sich, dass die Vulsci und die Aequi niemals etwas gegen uns zustande gebracht haben. Gefangen waren wir von den Galliern: aber auch den Etruskern haben wir Geiseln ausgeliefert, und unter das Joch der Samniten haben wir uns begeben.
Die für den römischen Leser demütigenden Erinnerungen an zeitweilige Unterlegenheit gegenüber Fremden reissen den Leser geradezu mit zum antithetischen Hauptgedanken, der hier wiederum pointiert am Ende steht mit dem gewichtigen Schlusswort pax: „ac tamen, si cuncta bella recenseas nullum breviore spatio quam adversus Gallos confectum: continua inde ac fida pax.“
Dennoch wurde, sollte man alle Kriege aufzählen, kein Krieg in kürzerer Frist beendet als derjenige gegen die Gallier: von da an (herrscht) ununterbrochener und verlässlicher Friede.
Durch Brevitas wird die Pointe zusätzlich verstärkt. Der Weg bis hin zur Pointe ist bei Tacitus oft steinig und vordergründig verworren, d.h. inhaltlich kompliziert und syntaktisch unübersichtlich (vgl. Inconcinnitas Pkt. 2.1.).
Im Gegensatz zu Tacitus liest sich der gleichwohl anspruchsvolle Text des Claudius um einiges leichter. Die Sätze folgen, wenn auch nicht ganz in ciceronianisch exemplarischer Weise, eher dem Prinzip der Perspicuitas:
Perspicuitas bei Claudius:
Im untersuchten Text von Claudius finden sich weitgehend angenehm überblickbare Sätze mit inhaltlich logisch und chronologisch angeordnetem Aufbau: „Quondam reges hanc tenuere urbem, nec tamen domesticis successoribus eam tradere contigit. Supervenere alieni et quidam externi, ut Numa Romulo successerit ex Sabinis veniens, vicinus quidem, sed tunc externus;”
Einst waren Könige die Machthaber unserer Stadt, dennoch gelang es ihnen nicht, diese einheimischen Nachfolgern zu übergeben. Zu Hilfe kamen Fernstehende, ja geradezu Auswärtige, wie Numa, der, obwohl er aus dem Sabinischen kam, Romulus folgte, zwar ein Nachbar, aber dennoch ein Ausländer.
Selbst bei inhaltlich heiklen Themen bleiben bei Claudius syntaktische Strukturen stets überschaubar. So ist im folgenden Beispiel ohne Mühe erkennbar, wen es reuen, bzw. nicht reuen sollte:
Arbeit zitieren:
Sunniva Baumberger, 2009, Stil des Tacitus, München, GRIN Verlag GmbH
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