1. Vorwort
Das Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt für Frieden und Menschenrechte in Hamburg-Harburg (1986-1993) von Jochen Gerz entstand in Zusammenarbeit mit seiner damaligen Frau, der Bildhauerin Esther Shalev-Gerz. Der deutsche Künstler Jochen Gerz, dessen Interesse der Literatur gilt, arbeitet seit den 1967er Jahren im Bereich der Visuellen Poesie. Seine häufig im öffentlichen Raum entstehenden Arbeiten suchen eine Verbindung zwischen Bild und Wort. Seit der Installation EXIT Material. Zum Dachau-Projekt von 1972-74 wendet sich Gerz verstärkt in seinen Arbeiten den Themen des Gedenkens zu und zur Diagnose einer Kultur, für die alle verantwortlich sind. Diesem Schlüsselwerk folgen viele weitere Arbeiten zu diesen Themen. In dieser Reihe gliedert sich auch das Mahnmal gegen Faschismus ein, das eine mehrjährige Arbeit im öffentlichen Raum darstellt und in dem sich die Thematik des Gedenkens mit dem Prinzip der Interaktion verbindet. Die Idee für das Mahnmal
diejenigen zurückzugeben, die 1 . Dabei missachtet es eine ganz Reihe von konventionellen Merkmalen von Mahnmalen.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt für Frieden und Menschenrechte von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz. Ich beginne einführend mit einigen Überlegungen zur Herausbildung eines
zeitlichen Entstehungskontext. Anschließend rückt das Mahnmal selbst ins Zentrum. Dabei wende ich mich zuerst der Idee des Mahnmals und seiner Entstehungsgeschichte zu. In einem zweiten Schritt untersuche ich den Aspekt der Öffentlichkeit, da die Öffentlichkeit beziehungsweise die öffentliche Auseinandersetzung ein wesentliches Material des Kunstwerkes darstelltinsbesondere die Rolle der Signatur soll hier hinterfragt werden. In einem
des traditionellen Denkmals her und grenzt es davon ab. Ein Mahnmal, das als Reagenzglas angelegt ist, ist das noch ein Mahnmal? Woran wird gemahnt? Diesen Fragen folgend, wende ich mich im Anschluss dem Thema des
1 Achim Könneke: Interview mit Esther und Jochen Gerz, 1993, in: Jochen Gerz. Gegenwart der Kunst Interviews (1970 1995). Regensburg 1995, S. 166-177, hier S. 172
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Ephemeren zu. Geht das Konzept von Gerz auf, dass durch das Verschwinden des Mahnmals wenn uns also die Sichtbarkeit genommen wird uns ebenfalls die Möglichkeit zu verdrängen entzogen wird? Mit anderen Worten gesagt, gelingt es, dass das verschwindende Mahnmal von Hamburg- d sollen die erzielten Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst werden.
2 Denkmäler, der Prototyp öffentlicher Kunst, dienten lange Zeit als bildnerische Mnemotechnik im öffentlichen Raum.
3 Vgl. Manfred Schneckenburger: Denken-Gedenken-Mahnmäler heute, in: Kunst-Raum-Perspektiven. Ansichten zur Kunst in öffentlichen Räumen. Hrsg. v. Anne-Kathrin Kriegsmann; Manfred Schneckenburger. Jena 1997, S. 10-17, hier S. 11f.
4 Vgl. Ebd.
5
Monumente, indem sie Erinnerungsarbeit auf ihre Schultern nehmen, den Betrachter von seiner
Einwände gegen das Denk- und Mahnmal ließen sich aufzählen. Vgl. Manfred Schneckenburger: Denken-Gedenken-Mahnmäler heute, S. 13ff.
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6 Ausnahmen stellen die objet trouvés-- von dem Künstler Wolf Vostells dar, der sich in seinen
künstlerischen Produktionen mit den Holocaust-Opfern auseinandersetzt. Vgl. Andreas Huyssen: Gedächtnisfiguren im Laufe der Zeit, in: Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945-89. Hrsg. v. Stephanie Barron und Sabine Eckmann. New York 2009, S. 224-239, hier S. 231.
7 Vgl. Andreas Huyssen: Gedächtnisfiguren im Laufe der Zeit, S. 231.
8 Vgl. Annegret Jürgens-Kirchhoff: Schreckensbilder. Krieg und Kunst im 20. Jahrhundert. Berlin 1993, S. 319.
9 Vgl. Andreas Huyssen: Gedächtnisfiguren im Laufe der Zeit, S. 234f.
10
Assmann da zu symbolischen
Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1992, S. 50ff. Diese Definition ist nicht unproblematisch, da sie suggeriert, dass das kommunikative Gedächtnis authentischer als das Konzeption von Holocaust-Mahnmalen hilfreich. Jochen Gerz Äußerung zu seinem Beitrag zum Berli
als persönlicher Akt von Verantwortung und als Zeugnis einer wachsenden Zahl lebendiger Menschen im Denk- und Mahnmalprozeß, zur Basis für ein gemeinsames Weitergehen werden. Das Denk- und Der
Denkmalstreit das Denkmal?: die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas , eine Dokumentation. Hrsg. v. Ute Heimord, Günter Schlusche, Horst Seferens. Berlin 1999, S. 884.
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Bei der Auseinandersetzung mit Erinnerung, und damit auch mit Vergessen - als Begriffspaar zu sehen 13 - stellt sich die einfache und dabei hochkomplexe Frage, was erinnern leisten kann. Besteht der größte Erfolg, wie Andreas Huyssen postuliert, in einem Holocaust-Denkmal, das eine mimetische Annäherung in
Gang setzt? 14
Memorialpolitik, wiederholendem Gedächtnisritual und der technologischen Großmaschinerie der digitalisierten, in ihren Wirkungszusammenhängen noch nicht wahrhaft durchschauten, weltweit operierenden Kommunikations- 15 Deutlichwird dies einmal mehr, wenn man die Tatsache betrachtet, dass in den verschiedenen Ländern, die durchaus gleichen Fakten überaus unterschiedliche Darstellungen und Formen der Erinnerung an den Holocaust hervorgebracht haben. Stehen in Deutschland die traumatischen Belastungen des nationalen Selbstverständnisses an erster Stelle in Verbindung mit dem Holocaust, gewann er in Israel zentrale Bedeutung für die Staatsgründung und
11 Vgl. James E. Young: Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur. Hamburg 2002, S. 7f.
12 James E. Young: Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur. Hamburg 2002, S. 7.
13 Die heutige Geschichtswissenschaft sieht vier Faktoren, die dazu führen, dass wir Geschichte als das Produkt eines Zusammenwirkens von Erinnern und Vergessen begreifen müssen: 1. die unabwendbare Selektivität der Geschichte, 2. die anthropologische Begrenztheit jeder Erfahrung, 3. die narrative Struktur jeder Geschichte, 4. die temporale Einheit von Vergangenheit und Gegenwart. Vgl. Lucian Hölscher: Erinnern und Vergessen Vom richtigen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, in: Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum. Hrsg. v. Ulrich Borsdorf; Heinrich Theodor Grütter. Frankfurt, New York 1999, S. 111-127, hier S. 121ff.
14 amit
Hans Ulrich Reck: Totales Erinnern und
Vergessensphobie- Aktueller Gedächtniskult und digitale Speichereuphorie, in: Kunstforum international. Ressource Aufmerksamkeit. Ästhetik in der Informationsgesellschaft. Bd. 148. Hrsg. v. Florian Rötzer. S. 46-51, hier S. 46.
15 Ebd.
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das amerikanische Holocaust-Bewusstsein wiederum konzentriert sich auf die Rolle Amerikas als Zufluchtsort und Befreier um einige Beispiele zu nennen. Diese vielfachen Brechungen der Erinnerung an den Holocaust sind auch in der Errichtung von Gedenkorten festzustellen und zeugen, wie Andreas Huyssen bereits vermeintlich richtig bemerkt hat, von einer nicht erstarrten Erinnerung zu einem einzigen traumatischen Bild. 16
16 Vgl. Andreas Huyssen: Denkmal und Erinnerung im Zeitalter der Postmoderne, in: James E. Young: Mahnmale des Holocaust. Motive, Rituale und Stätten des Gedenkens. München 1994, S. 9-17, hier S. 15.
17 Andreas Huyssen: Gedächtnisfiguren im Laufe der Zeit, S. 238.
18 In verschiedenen Aspekten des Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt für Frieden und Menschenrechte spiegelt sich die Idee eines Anti-Denkmals/Gegenmonuments wider. Unter dem Aspekt des Etiketts Mahnmal, ist das Harburger-Mahnmal in verschiedener Hinsicht absolut atypisch. Vgl. Achim Könneke: Interview mit Esther und Jochen Gerz, 1993, S. 169.
6
den 19 Mit dem Mahnmal üben die beiden Künstler
Amerikanische Künstler wie Art Spiegelman, David Levinthal und Shimon Attie gehen in ihren künstlerischen Arbeiten ebenfalls auf den Aspekt des Erinnerns ein, jedoch wenden sie sich der Frage zu, auf welche Art und Weise sie von dem
Holocaust gehört haben und wie er sie geprägt hat. 21 Mit ihrem Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt für Frieden und Menschenrechte haben Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz auch in der Folge von Theodor W. Adorno und Saul Friedländer gehandelt. Das verschwindende Mahnmal trägt in sich die moralische Verpflichtung zur Erinnerung und verweist zugleich auf die
Unmöglichkeit. 22
3. Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt für Frieden und Menschenrechte das Gerzsche Gegenmonument
3.1 Konzept versus Ausführung
Das Mahnmal gegen Faschismus von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz wurde am 10. Oktober 1986 der Öffentlichkeit übergeben. (Abb. 1) Die Initiative für diese Arbeit im öffentlichen Raum kam von der Bezirksversammlung Hamburg-Harburg, die nach vierjähriger Diskussion 1983 den Beschluss fasste, als vordringliches Projekt im öffentlichen Raum ein Monument gegen Faschismus, Krieg, Gewalt, für Frieden und Menschenrechte in Harburg errichten zu lassen. 23 In der folgenden eingeschränkten Ausschreibung, in der fünf von den
19 tik an den
Entfremdungszuständen der spät-industriellen Gesellschaft, wie er sie in den 70er Jahren in Foto-Text-Tafeln, Aktionen und Videotapes zum Ausdruck brachte, formuliert er in seinen zahlreichen Werken der ars memorativa eine fundamentale Skepsis gegenüber Inhalt und Vermittlungsform der Deep Storage.
Arsenale der Erinnerung. Sammeln, Speichern, Archivieren in der Kunst. Hrsg. v. Ingrid Schaffner und Matthias Winzen. München; New York 1997, S. 142.
20 Ebd., S. 144.
21 Vgl. James E. Young: Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur, S. 9.
22 Vgl. Ebd., S. 13.
23 Vgl. Ulrich Krempel: Sieben Anmerkungen zum Harburger Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt von Esther und Jochen Gerz, in: Kunst im öffentlichen Raum. Anstöße der 80er Jahre. Hrsg. v. Volker Plagemann. Köln 1989, S. 177-184, hier S. 177.
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sechs eingeladenen Künstlern 24 ihre Vorschläge einreichten, wurde sich schließlich nach Diskussion und öffentlicher Anhörung für das Projekt von Esther
Shalev-Gerz und Jochen Gerz entschieden. 25 Um die Umstände zu verstehen, die zu dem Mahnmal gegen Faschismus geführt haben, bedarf es einiger Worte zu der Idee der beiden Künstler und zu den Grundgedanken der Auftraggeber, deren Einstellung überraschte: 26 In der aufkommenden Diskussion beim Hearing, an dem die Bürgerschaft von Hamburg-Harburg, Vertreter der politischen Parteien, außerdem Beamte und Leute aus dem Bereich der zeitgenössischen Kunst teilnahmen, kristallisierte sich der Wunsch heraus, enden Hirhaben zu wollen, sondern ein [s] 27 Die Diskussion machte
Gerz betroffen, gleichzeitig überraschte ihn der sehr spezielle Auftrag positiv und ließ den Künstler seine erste Arbeit im öffentlichen Raum im staatlichen Auftrag annehmen.
Die eingereichte Idee des Künstlerpaares bestand aus der Errichtung eines Pfeilers von 12 m Höhe, dessen Körper aus verzinktem Stahl und einer Verkleidung aus Feinblei bestehen soll, mit einem Grundmaß von 1 x 1 m und einem Gewicht von zirka 7 t. An dem Pfeiler sollen vier Stahlstifte angebracht werden, mit denen die Passanten auf der Bleioberfläche durch ihre Unterschrift ihre Unterstützung dieses Mahnmals signalisieren können. Die beschriftbare Oberfläche von 48 m² bietet Platz für etwa 60 000 Unterschriften. Das Konzept der beiden Künstler sah vor, den Pfeiler in acht Schritten in fünf bis sieben Jahren abzusenken, analog zum Grad seiner Nutzung, bis die Oberseite mit dem Boden abschließt, die ebenfalls beschriftet werden kann. 28 Dem Pfeiler zugeordnet wird
24 Eingeladen waren die Künstler: Lothar Baumgarten, Jochen Gerz, Jochen Hiltmann, Siegfried Neuenhausen, H.D. Schrader und Timm Ulrichs. Vgl. Stephan Schmidt-
(Jan./Febr.), Köln 1987, S. 318-321, S. 318.
25 Vgl. Jochen Gerz: Performances, Installationen und Arbeiten im öffentlichen Raum 1968-1999. Werkverzeichnis Band I. Hrsg. v. Volker Rattemeyer, Renate Petzinger. Nürnberg 1999, S. 90.
26 Jochen und Esther Gerz: Das Harburger Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, in: Kunst und Holocaust. Bildliche Zeugen vom Ende der westlichen Kultur. Hrsg. v. Detlef Hoffmann. Rehburg-Loccum 1990, S. 201-218, hier S. 204.
27 Vgl. Achim Könneke: Interview mit Esther und Jochen Gerz, 1993, S. 166.
28 Vgl. Ulrich Krempel: Sieben Anmerkungen zum Harburger Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt von Esther und Jochen Gerz, S. 177.
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Jana Seipelt, 2010, Das "Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt - für Frieden und Menschenrechte" von Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz, München, GRIN Verlag GmbH
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