mehr weiß, was korrekt ist. Man erinnert sich auf diese Weise immer schlechter, bis man nicht mehr unterscheiden kann. Vergessen ist also kein Fehler, sondern eine Vervielfachung, keine Auslöschung sondern Übertreibung. Schon Agrippa (1600) warnte deshalb auch, dass die Mnemotechnik die Menschen nur wahnsinnig werden lassen würde. 4
Ecos Schluss ist, dass die ars oblivionalis nicht realisierbar ist. Die ars oblivionalis ist ein Oxymoronica, weil eine 'semiotica oblivionalis', ein semiotisches Vergessen, nicht möglich ist. 5
2. Kritik und Ergänzung
Eco scheint den Begriff ars oblivionalis sehr eng gefasst zu haben. Vermutlich zu eng. Er hat gezeigt, dass sie keine Semiotik sein kann, doch muss man sich so daran festmachen, die ars oblivionalis als Gegenspielerin der Mnemotechnik zu sehen, welche die gleichen Techniken benutzt? Ich glaube nicht. Es gibt viele Möglichkeiten zu vergessen, und wenn man den Begriff weiter fasst, findet sich auch eine Möglichkeit, ihn zu realisieren. Eine Vergessenskunst scheint auch durchaus anstrebsam zu sein, macht man sich einmal bewusst, wieviele Menschen etwas vergessen wollen. Fast immer bezieht sich dies auf negative persönliche Erlebnisse. Natürlich kann man hier dagegen halten, dass diese Erlebnisse den Menschen erst formen, doch wieviele dieser Erlebnisse waren traumatisch und damit für den Menschen in seinem zukünftigen Leben negativ? Hiermit wird eine aktuelle Frage der Ethik angeschnitten. Doch bei jedem, der freiwillig vergessen möchte, dürfte sich die Frage nach der Ethik eigentlich kaum stellen, ist es doch seine Entscheidung. Aber nun zu möglichen Methoden.
Harald Weinrich schilderte z.B., dass Drogen wie die der Lotophagen oder Alkohol vergessen lassen und wie Ovid zur Zeit Christi davon schrieb, wie man eine Liebe vergessen könne: sich neu verlieben. Dies würde wohl die Erinnerung an die alte Liebe überschreiben oder zumindest an da- 4vgl. ebd., S. 259f. 5 vgl. ebd., S. 260.
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mit verbundene Gefühle. Doch bot Ovid damit auch nur eine langfristige und keine kurzfristige Methode zum Vergessen. 6 Drogen wurden in der Menschheitsgeschichte oft und gerne herangezogen. Auch in Literatur und Kunst wurde dieses Thema oft behandelt. Diese Methode hat jedoch einige Nachteile: sie wirkt nicht bei jedem und kann gravierende Nachteile mit sich bringen. Liebe und Liebesschmerz waren dabei ein besonders häufiger Grund, vergessen zu wollen. Ovids Methode lässt einen zwar vielleicht über den Schmerzen hinwegkommen, doch wirklich überwinden wird man ihn kaum. Letztlich läuft es hauptsächlich auf Verdrängung und Überschreibung von Erinnerungen hinaus, die aber latent vorhanden bleiben. Und latente, sporadisch wieder an die Oberfläche kommende Erinnerungen mögen starke negative Folgen mit sich bringen, z.B. alle damit verbundenen Emotionen.
Für Paul Ricœur war das Verzeihen und Vergeben eine aktive Form des Vergessens, die jeder selbst ausüben kann. Doch dazu müsse man geben und nehmen und Konflikte auflösen können. 7 Das Problem hierbei ist jedoch, dass dies kein wirkliches Vergessen ist. Was auch immer geschehen ist, wird weiter im Gedächtnis der Beteiligten verbleiben. Lediglich negative Reaktionen sollen verdrängt werden. Und das Problem der Verdrängung wurde ja oben schon angesprochen. Sigmund Freud zeigte auf, dass man zumindest unbewusst 'absichtlich' sehr wohl vergessen kann, so z.B. Namen, Vorsätze oder Eindrücke aus z.B. Nachsicht der betroffenen Person gegenüber. 8 Hauptsächlich jedoch sind auch dies Formen der Verdrängung. Freud selber führte dies auf Unlustmotive zurück.
Sich an Freud anlehnend fragte sich auch Manfred Osten, ob nicht das Gegenteil des Vergessens ein solches auch erzeugen könne: ein verordnetes Erinnern, das zu Unlustmotiven und damit zum Vergessen führt. 9 Erinnerungen, die an Orte gebunden sind, kann man vergessen, indem man
6 vgl. Weinrich, Harald: Lethe - Kunst und Kritik des Vergessens. München: C.H. Beck 2000³, S. 30ff. 7 vgl. Ricœur, Paul: Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern - Vergessen - Verzeihen. Göttingen: Wallstein-Verlag 1998.
8 vgl. Freud, Sigmund: Psychopathologie des Alltagslebens. Über Versprechen, Vergessen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. Wien 1901.
9 vgl. Osten, Manfred: Das geraubte Gedächtnis. Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel Verlag 2004, S. 39ff.
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Arbeit zitieren:
Andre Schuchardt, 2009, Kann es, Umberto Eco zum Trotz, eine Vergessenstechnik geben?, München, GRIN Verlag GmbH
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