1. Vorwort
Ich möchte in meiner Arbeit der Frage nachgehen, wie sich Versöhnung im Christentum und im Islam jeweils gestaltet. Ich werde dabei in Hinblick auf die Struktur meiner Arbeit so vorgehen, dass ich zu Beginn das Verständnis von Vergebung im Islam darstelle. Anschließend gehe ich erst auf den Versöhnungsgedanken im Christentum ein. Der Grund dafür, dass ich als Studentin der evangelischen Theologie nicht mit der Sichtweise des Christentum beginne, liegt darin, dass ich wirklich versuchen möchte, die Perspektive der Muslime bezüglich der Thematik „Versöhnung“ einzunehmen, deren Gedanken nachvollziehen zu können und dadurch so neutral wie möglich diese (möglichst auf der Basis von Koran-Textstellen) zu beschreiben. Erst in einem zweiten Schritt werde ich also den mir vertrauten Versöhnungsgedanken durch Jesus Christus im Christentum aufzeigen. Diese Vorgehensweise ist zum Einen etwas schwieriger, da man sich im Bereich der eigenen Glaubensinhalte genauer auskennt und natürlich auch in gewisser Weise davon geprägt ist. Zum anderen ist einem die „andere“ Religion (hier der Islam) und deren Sichtweise, noch etwas „fremd“ und man weiß leider viel zu wenig darüber. Aber gerade diese „Fremdheit“ sollte überwunden werden, so dass man sich der „anderen“ Religion annähert, auch wenn man das nur durch kleine Schritte tut. Da ich mir in meiner Hausarbeit intensiv über den Dialog zwischen Christen und Muslimen Gedanken mache, finde ich es wichtig, der „anderen“ Religion, einen gewissen „Vortritt“ einzuräumen.
2. Zentrale Fragestellung
Kann es einen christlich-muslimischen Dialog über Jesus geben? Wenn ja, wie könnte dieser aussehen?
3. Versöhnung und Vergebung im Islam
3.1 Der Gottesbegriff im Islam
Der Islam gehört zu den monotheistischen Religionen, d.h. der Glaube an einen Gott, an Allah, ist, im Gegensatz zum Polytheismus, der Vielgötterei, die vom Islam ganz deutlich abgelehnt wird, vorherrschend. 1 Im Koran wird die Einzigkeit Gottes betont:
1 Vgl. Krötke, Wolf: Sind monotheistische Religionen besonders >>anfällig<< für Gewalt? In: Reinhard Hempelmann, Johannes Kandel (Hrsg.): Religionen und Gewalt. Konflikt‐ und Friedenspotentiale in den Weltreligionen. Band 51. Göttingen 2006. S. 47‐62. 3
„Sprich: ‘O ihr Menschen, ich bin für euch alle ein Gesandter Allahs, Dessen das Königreich der Himmel und der Erde ist. Es ist kein Gott außer Ihm. Er macht lebendig und läßt sterben. Darum glaubt an Allah und an Seinen Gesandten, den Propheten, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, der an Allah und an Seine Worte glaubt; und folgt ihm, auf daß ihr rechtgeleitet werden möget.‘" (Sure 7,158) 2
Überdies ist Gott der Schöpfer von Himmel und Erde. An seiner Tätigkeit als Schöpfer erkennt man als weitere Eigenschaft Allahs seine Allmächtigkeit und Allwissenheit:
„Alles Lob gebührt Allah, dem Schöpfer der Himmel und der Erde, Der die Engel, mit je zwei, drei und vier Flügeln, zu Boten gemacht hat. Er fügt der Schöpfung hinzu, was Ihm gefällt; Allah hat wahrlich Macht über alle Dinge.“ (Sure 35,1) 3
„Was Allah den Menschen an Barmherzigkeit gewährt, das kann keiner zurückhalten; und was Er zurückhält, das kann nach Ihm keiner freigeben; und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (Sure 35,2) 4
Aus der Allmächtigkeit, Allwissenheit und Einzigkeit Allahs resultiert eines der wichtigsten Merkmale Allahs, seine Barmherzigkeit den Menschen gegenüber: „O ihr Menschen, gedenkt der Gnade Allahs gegen euch. Gibt es einen Schöpfer außer Allah, der euch vom Himmel und von der Erde her versorgt? Es ist kein Gott außer Ihm. Wie könnt ihr euch da (von Ihm) abwenden?“ (Sure 35,3) 5
3.2 Vergebung durch die Barmherzigkeit Allahs
Die Barmherzigkeit Gottes (l-rahman, rahim = der Barmherzige) gilt also als eine der herausragenden Eigenschaften Gottes im Islam. Das lässt sich schon daran festmachen, dass die Eröffnung des Korans (Al-Fatiha), die gleichzeitig das Grundgebet des Islams darstellt, folgendermaßen aussieht: 6
„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten,
dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,
dem Herrscher am Tage des Gerichts!
Dir (allein) dienen wir, und Dich (allein) bitten wir um Hilfe.
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht (den Weg) der Irregehenden.“ (Sure 1) 7
Der Mensch kann sich auf Gottes Barmherzigkeit verlassen, wenn er seine Fehler einsieht, umkehrt und sich bessert in Zukunft:
Euer Herr hat sich zur Barmherzigkeit verpflichtet. Wenn einer von euch in Ungewissheit Böses tut und dann später umkehrt und sich bessert findet er Gnade. Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.“ (Sure 6,54) 8
2 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure007.html.
3 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure035.html. 4 Ebd.
5 Ebd.
6 Vgl. http://www.al‐sakina.de/inhalt/artikel/amg/bechm/bechm.html.
7 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure001.html. 4
Die Bedeutsamkeit der Barmherzigkeit Gottes im Koran ist daran erkennbar, dass alle 114 Suren (außer Sure 9) mit folgender Einleitung beginnen:
„Im Namen des gnädigen und barmherzigen Gottes [...].“ 9
Gottes Barmherzigkeit ist grenzenlos:
„[...] Meine Barmherzigkeit umfaßt alle Dinge [...].“ (Sure 7,156) 10
Wenn ein Mensch gläubig ist und dennoch gesündigt hat und er aber hinterher seine Schuld einsieht und Gott um Vergebung bittet, vergibt ihm Gott und belohnt diese Einsicht, indem er ihm den Eintritt ins Paradies gewährt:
„Und diejenigen, die - wenn sie etwas Schändliches getan oder gegen sich gesündigt haben - Allahs gedenken und für ihre Sünden um Vergebung flehen; und wer vergibt die Sünden außer Allah? - und diejenigen, die nicht auf dem beharren, was sie wissentlich taten;
für diese besteht ihr Lohn aus Vergebung von ihrem Herrn und aus Gärten, durch die Bäche fließen; darin werden sie ewig sein, und herrlich ist der Lohn der Wirkenden.“ (Sure 3,135/136) 11
Diese eben angesprochene Einsicht des Menschen in seine Fehler, die Umkehr bzw. Buße umfasst, dass der Mensch zum Einen Gott um Vergebung bittet und sich zum Anderen ganz klar von diesem Tun abwendet und es in Zukunft unterlässt. Wenn der Mensch diesen Schritt der Buße getan hat, wendet sich Gott dem Sünder wohlwollend und gnädig zu:
„Wissen sie denn nicht, daß es Allah allein ist, Der von Seinen Dienern Reue annimmt und Almosen entgegennimmt, und daß Allah der Allvergebende, der Barmherzige ist?
Und sprich: ‘Wirkt! Allah wird euer Wirken sehen, und so (auch) Sein Gesandter und die Gläubigen. Und ihr sollt zu dem Kenner des Verborgenen und des Offenbaren zurückgebracht werden; dann wird Er euch verkünden, was ihr zu tun pflegtet.‘" (Sure 9,104/105) 12
Der Sünder soll Allah fürchten, an ihn glauben und Reue zeigen. Dann bekommt der Mensch einen großen Teil der Barmherzigkeit Gottes von ihm geschenkt, d.h. Allah vergibt dem Sünder und leitet ihn wieder richtig. Die Muslime sind also durchaus in der Lage die Gnade Gottes zu erhalten, denn dadurch, dass Allah allmächtig ist verfügt er allein über die Gnade und gibt sie, wem er will: 13
„O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Allah und glaubt an Seinen Gesandten! Er wird euch einen doppelten Anteil von Seiner Barmherzigkeit geben und wird euch ein Licht bereiten, worin ihr wandeln werdet,
8 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure006.html.
9 http://www.islaminstitut.de/uploads/media/BusseundVergebung.pdf#.
10 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure007.html.
11 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure003.html.
12 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure009.html.
13 Vgl. http://www.islaminstitut.de/uploads/media/BusseundVergebung.pdf#. 5
und wird euch vergeben - und Allah ist Allvergebend, Barmherzig-,
damit die Leute der Schrift nicht meinen, daß sie (die Muslime) nicht imstande seien, die Huld Allahs zu erlangen, und (damit sie wissen), daß die Huld in Allahs Hand ist, auf daß Er sie verleihe, wem Er will. Und Allah verfügt über die große Huld.“ (Sure 57,28/29) 14
3.3 Grenzen bezüglich Allahs Barmherzigkeit
Es gibt allerdings eine Ausnahme in Hinblick auf die Sündenvergebung Allahs, bei der der Sünder keine Vergebung erfährt: Es ist der Unglaube, der im Gericht Gottes keinesfalls vergeben, sondern hart bestraft wird:
„Diejenigen aber haben keine Vergebung zu erwarten, die schlechte Taten begehen, und die erst, wenn sie zum Sterben kommen, sagen: ‘Jetzt kehre ich um.‘ Auch diejenigen nicht, die als Ungläubige sterben. Für sie haben Wir eine schmerzhafte Strafe bereitet.“ (Sure 4,18) 15
Diese Koran-Stelle zeigt zwei Ausnahmen auf, bei denen Gott dem Menschen keine Vergebung schenkt. Erstens wird den Ungläubigen, die sich mit ihrem Unglauben endgültig von Gott abwenden, nicht von Gott verziehen. Als Ungläubige gelten im Islam Menschen, die nicht an Gott glauben sowie Götzendiener, die mehrere Götter anbeten. Zweitens wird denjenigen nicht vergeben, die kurz vor dem Tod Angst vor dem Gericht Gottes und einer möglichen Strafe bekommen und die somit allein aus Berechnung Reue zeigen; eine Art der Reue, die gar nicht ehrlich gemeint ist, weil sie nicht von Herzen kommt. Überdies gibt es eine dritte Ausnahme, in der Gott sich nicht barmherzig und gnädig zeigt: Der Koran warnt davor, dass Allah absichtlich begangene Sünden nicht verzeiht, die Allah aufgrund seiner Allwissenheit und Weisheit sofort erkennt, da man Allah nichts vormachen kann:
„Nur diejenigen haben bei Allah Vergebung zu erwarten, die in Unwissenheit Böses tun und hierauf beizeiten umkehren. Diesen wendet Sich Allah wieder gnädig zu; und Allah weiß Bescheid und ist Allweise.“ (Sure 4,17) 16
Auch wenn Gott dem Sünder schon Vergebung geschenkt hat, muss der Mensch seine Sünden wiedergutmachen. Gute Werke, die der Menschen tut (z.B. Beten oder Fasten) sind dazu nötig und werden von Gott belohnt und als sündenvergebend angesehen: 17
„Wetteifert nach guten Werken [...].“ (Sure 2,148) 18
„All denen, die glauben und gute Werke verrichten, wird er [Allah] den vollen Lohn auszahlen und ihnen aus Gnade noch draufgeben [...].“ (Sure 4,173) 19
14 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure057.html.
15 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure004.html.
16 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure004.html.
17 Vgl. http://www.islaminstitut.de/uploads/media/BusseundVergebung.pdf#.
18 Schedl, Claus: Muhammad und Jesus. Die christologisch relevanten Texte des Korans neu übersetzt und erklärt von Claus Schedl. Wien 1978. S. 360. 6
3.4 Jesus im Koran
Insgesamt wird Jesus im Koran in fünfzehn Suren mit jeweils unterschiedlicher Betitelung erwähnt. Jesu Geburt durch die Jungfrau Maria wird als göttliches Wunder beschrieben, wobei Jesus und Maria nicht verherrlicht werden, vielmehr wird Gott das Lob zugesprochen. Jesu Geburt ist kein Zeichen für die Besonderheit Jesu, sondern sie verweist auf die Einzigkeit und Besonderheit Gottes. Jesus ist lediglich ein Prophet, ein Gesandter, ein Diener und Knecht Gottes, der die Offenbarung Gottes, das Evangelium, empfängt:
„Er (Jesus) sagte: ‘Ich bin ein Diener Allahs; Er hat mir das Buch gegeben und mich zu einem Propheten gemacht.‘“ (Sure 19,30) 20
Jesus bringt die Botschaft Gottes, in der er nicht sich selbst, sondern Gott als den einen anbetungswürdigen Herrscher über alle Menschen verkündet. Zu dieser Botschaft Jesu gehört auch die Ankündigung des Propheten Muhammads: „Und da sagte Jesus, der Sohn der Maria: ‘O ihr Kinder Israels, ich bin Allahs Gesandter bei euch, der Bestätiger dessen, was von der Thora vor mir gewesen ist, und Bringer der frohen Botschaft eines Gesandten, der nach mir kommen wird. Sein Name wird Ahmad sein.‘" (Sure 61,6) 21
Darüber hinaus vollbringt Jesus aufgrund zwei wichtiger Prämissen Wunder. Zum einen hat Gott Jesus ab dem Zeitpunkt seiner Geburt bereits mit dem „Geist der Heiligkeit“ gestärkt. Zum anderen kann Jesus nur durch den Willen und die Erlaubnis Allahs Wunder tun:
„Wenn Allah sagen wird: ‘O Jesus, Sohn der Maria, gedenke Meiner Gnade gegen dich und gegen deine Mutter; wie Ich dich stärkte mit der heiligen Eingebung - du sprachst zu den Menschen sowohl in der Wiege als auch im Mannesalter; und wie Ich dich die Schrift und die Weisheit lehrte und die Thora und das Evangelium; und wie du mit Meiner Erlaubnis aus Ton bildetest, was wie Vögel aussah, du hauchtest ihm dann (Atem) ein, und es wurde mit Meiner Erlaubnis zu (wirklichen) Vögeln; und wie du mit Meiner Erlaubnis die Blinden und die Aussätzigen heiltest; und wie du mit Meiner Erlaubnis die Toten erwecktest;‘“ (Sure 5,110) 22
Im Koran wird die Gottähnlichkeit bzw. Gottessohnschaft Jesu strikt abgelehnt. Gott ist nicht der Vater Jesu, sondern sein Herr. Jesus dient Gott in dieser Position als Knecht, wobei er keine herausragende Rolle als Gottessohn einnimmt. Jesus ist keine Ausnahme; er ist ein Knecht Gottes, wie die anderen Propheten auch:
„Von allen im Himmel und auf Erden, kommt keiner zum Erbarmer außer als Knecht.“ (Sure 19,93) 23 Die Bezeichnung Jesu als „Messias“ hat im Koran keinesfalls eine christlichtheologische Bedeutung im Sinne der Zwei-Naturen-Lehre (Jesus ist halb Mensch,
19 Ebd. S. 476.
20 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure019.html.
21 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure061.html.
22 http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure005.html.
23 Schedl, Claus: Muhammad und Jesus. Die christologisch relevanten Texte des Korans neu übersetzt und erklärt von Claus Schedl. Wien 1978. S. 242. 7
Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Mona Marwan, 2008, Versöhnung und Vergebung im Christentum und Islam, München, GRIN Verlag GmbH
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