Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 GRUNDASPEKTE ZUR KONFLIKTTHEMATIK 6
2.1 Konflikte 6
2.1.1 Konflikt - Was ist das? 6
2.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Konflikten 8
2.3 Konfliktanalyse 10
2.3.1 Begründungen und Funktionen von Konflikten in der Schule 11
2.3.2 Konfliktsymptome 13
2.3.3 Die Sach- und Beziehungsebene von Konflikten 14
2.3.3.1 Das Eisberg-Modell 16
2.4 Konfliktmanagement 16
2.4.1 Umgang mit Konflikten 17
2.4.1.1 Geschlechtsspezifische Merkmale eines Konflikts 18
2.4.2 Konflikteskalation 19
2.4.2.1 Die neun Stufen der Konflikteskalation 19
2.4.2.1.1 Methoden der Konfliktbehandlung bei den Eskalationsstufen nach Glasl 22
3 KONFLIKTLÖSUNGEN 23
3.1 Konstruktive und destruktive Konfliktaustragung 23
3.1.1 Konstruktive Konfliktaustragung 24
3.1.2 Destruktive Konfliktaustragung 24
3.2 Mediation 25
3.2.1 Die Historie der Mediation 26
3.2.2 Annäherung an den Terminus Mediation 26
3.2.3 Merkmale und Kennzeichen einer Mediation 28
3.2.4 Das Konzept der konstruktiven Konfliktkultur 29
3.2.5 Mediation zur Schaffung einer konstruktiven Konfliktkultur 31
3.2.6 Ziele der Schulmediation 33
3.2.7 Der Ablauf einer Mediation als Konzept in der Schulpraxis 34
3.2.8 Die Rolle, Aufgaben und Haltung der Mediatoren 36
1
3.2.9 Die Lehrkraft als Mediator 38
4 DURCHFÜHRUNG EINER EMPIRISCHEN STUDIE: INTERVIEWS
MIT LEHRKRÄFTEN ALS MEDIATOREN 40
4.1 Die Auswertung der durchgeführten Interviews 40
4.2 Diskussion und Ideen der empirischen Analyse 45
5 FAZIT UND GESAMTREFLEXION 49
6 LITERATURVERZEICHNIS 53
7 ANHANG 56
7.1 Interviewprotokoll 56
2
1 Einleitung
Bedrohungen, Prügeleien, Beschimpfungen, Auseinandersetzungen oder das gegenseitige Quälen auf dem Schulhof. Es lässt sich nicht vermeiden, dass Kinder und vor allem Schüler Erfahrungen mit Konflikten machen. Dabei ist es vollkommen unbedeutend, wo diese Konflikte wahrgenommen werden, ob vor der Schule, auf dem Schulhof oder auf dem Rückweg von der Schule. Konflikte gehören zu dem Alltag von Schülern beziehungsweise ihrem Schulalltag. Da vielen Schülern eine gewaltfreie Bearbeitung von Konflikten nicht bekannt ist und es in der Schule kaum Möglichkeiten gibt, einen Streit auszutragen, kommt es zu zahlreichen Konfrontationen, die oft Auswirkungen auf den Unterricht haben und den Lehrern keine andere Wahl lassen, erzieherische Maßnahmen dem ursprünglichen Unterricht vorzuziehen. Lehrkräfte sind der Meinung, „Interventionen sind ständig gefordert, Fortschritte aber schwer zu erkennen“ (Walker 2001, S. 11) und sehen demnach die Unerlässlichkeit, mit den Schülern gemeinsam nach Lösungen ihrer Konflikte zu suchen oder diese auszutragen, finden aber auf Grund des stressigen Schulalltags nicht den hierfür erforderlichen Freiraum. (Vgl. Walker 2001, S. 10) In der Schule treffen viele heterogene Gruppen wie beispielsweise soziale Schichten aufeinander, wodurch jeder einzelne Schüler in seinem Wesen beeinflusst wird. Hierbei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Schüler zu einem Schulbesuch gezwungen sind und daher eine Zwangsmitgliedschaft ausüben und eventuell unfreiwillig mit den Schulkameraden kommunizieren. „Die Schule ist eine bedeutsame gesellschaftliche Institution. Sie ist neben dem Elternhaus, nach Tagesmüttern oder Kindertagesstätten bzw. Kindergärten, die wichtigste Sozialisationsinstanz für Kinder. Minderjährige müssen mindestens zehn Jahre lang einen Teil ihres Alltags in der Schule
verbringen.“ (Simsa 2001, S. 6)
Da auch Lehrkräfte Konflikte zwischen Schülern als kräftezehrend und belastend empfinden, vor allem vor dem Hintergrund, dass viele Konflikte zwischen gewissen Schülern wiederholt auftreten, ist es nahezu unabdingbar, Konfliktlösungen in Schulen anzubieten und durchzuführen. Durch Konfliktlösungen wie Mediationen kommt es auf Dauer zu Veränderungen in der Schule, die sowohl wichtig für eine angenehme Lernatmosphäre wie auch privat für jeden einzelnen Schüler sind. Mediation in der Schule bringt viele Vorteile mit sich, zum Beispiel, dass Lehrer als Streitschlichter verstärkt am persönlichen Leben der Jugendlichen teilnehmen und außerdem ihre eigenen Grenzen kennenlernen. (Vgl. Walker 2001, S. 12)
3
Zwar gibt es in der Schule Konflikte unterschiedlicher Hierarchieebenen, wie die zwischen Schülern und Lehrern, jedoch werden in dieser Arbeit lediglich die Konflikte zwischen Schülern näher erläutert, die durch Lehrer als Mediatoren gelöst werden sollen.
Die vorliegende Arbeit setzt sich näher mit dem Thema Mediation in der Hauptschule - eine empirische Studie zu geschlechtsspezifischen Effekten auseinander, wobei Mediation eine von vielen Möglichkeiten der Konfliktlösungen darstellt. Durch Mediationen in Schulen soll sich die Lernatmosphäre verbessern, wobei die Akzeptanz der Schüler untereinander sowie die Achtung voreinander erlernt werden.
Die Arbeit wird sich zu Beginn mit dem wichtigsten Gegenstand der Mediation beschäftigen, dem Konflikt, und zeigt die Grundaspekte zu dieser Thematik hierfür auf, während sowohl die Definition, als auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede, wie die Analyse und das Management eines Konflikts beschrieben werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf verschiedene Konfliktlösungsansätze eingegangen. Dafür werden zunächst die verschiedenen Möglichkeiten einer Konfliktaustragung beschrieben, bevor nach einer Definition der Mediation gesucht wird, die das Verfahren umfassend erklärt. Die theoretischen Grundlagen dienen zur Basis, um die darauf folgende Empirie verständlich zu machen und Hintergrundinformationen zu liefern.
Die Studie soll sich, wie der Titel schon sagt, mit der Mediation an Hauptschulen auseinandersetzen. Dabei wurden gezielt mit zehn Lehrkräften Interviews durchgeführt, von denen sechs an einer Hauptschule in Wuppertal angestellt sind und vier an einer Förderschule, die Aufschluss darüber geben, wie es sich in Bezug auf das Thema Mediation in der momentanen Praxis verhält. Es wird ebenfalls untersucht, ob die an der Förderschule als Mediatoren wirkenden Lehrkräfte bedeutungsvolle Unterschiede in gewissen Aspekten der Thematik sehen, im Gegensatz zu den Erfahrungen und Beobachtungen der Hauptschullehrer. Die empirische Studie soll Ergebnisse liefern zu den Fragen: Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede herrschen in Bezug auf Konflikte und die Methoden der Konfliktlösung an der Hauptschule? Welche Lösungsstrategien werden von welchem Geschlecht allgemein bevorzugt?
4
Die Arbeit endet mit einem Fazit und der Gesamtreflexion und zeigt auf, welche Erfahrungen in Bezug auf die Schulpraxis gemacht werden konnten, sowohl in der Theorie dieser Arbeit als auch in der Empirie.
Anmerkung:
Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird von der grammatischen Benennung beider Geschlechter abgelassen. Mit den Bezeichnungen „Schüler“, „Lehrer“ und Ähnlichen sind folglich beide Geschlechter gemeint, es sei denn, die Trennung der Geschlechter und somit ihre Benennung ist von großer Bedeutung.
5
Teil I: Wissenschaftliche Theorien zur Mediation
in der Schule
2 Grundaspekte zur Konfliktthematik
Im Folgenden werden die für diese Arbeit wichtigsten Begriffe im Zusammenhang mit Konflikten und Konfliktlösungen definiert und genauer beschrieben, da Konflikte den zentralen Gegenstand für eine Mediation darstellen.
2.1 Konflikte
Es gibt viele Möglichkeiten der Entstehung eines Konflikts und ebenso viele Methoden solche Konflikte zu lösen. Grundsätzlich wird bei Konflikten zwischen zwei Kategorien unterschieden. Von besonderer Signifikanz sind jene Konflikte, die zwischen mindestens zwei Personen stattfinden und als soziale Konflikte bezeichnet werden. Auslöser derartiger Konflikte können auch die so genannten intrapersonalen Konflikte sein. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Konflikte in allen Lebensbereichen vorkommen. Im Folgenden werden der Begriff Konflikt sowie dessen Grundzüge genauer erläutert.
2.1.1 Konflikt - Was ist das?
„Das Wort ,Konflikt‘ stammt von dem lateinischen Substantiv ‚conflictus‘ und bedeutet Aneinanderschlagen, Zusammenstoßen, im weiteren Sinne daher auch Kampf, Streit.“ 1 Ein solcher Kampf oder Streit geht oft daraus hervor, dass „un- vereinbareZielvorstellungen […] das Erreichen des einen Zieles das Erreichen des anderen ausschließen würde“ (Galtung 1972, S. 235) Bevor versucht wird, den Begriff Konflikt detaillierter zu definieren, muss vorweg genommen werden, dass es keine einheitliche Definition dieses Terminus gibt, da je nach Fachrichtung andere Aspekte als wesentlich erachtet werden. Generell ist es jedoch möglich und wichtig, den Konflikt in zwei Kategorien zu unterteilen, nämlich den
1 http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Konflikte.shtml, gesehen am 07.03.2010
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intrapersonalen Konflikt und den interpersonalen Konflikt. Während die interpersonalen Konflikte, welche sich auf Konflikte zwischen Personen oder Gruppen beziehen, wichtig für die Thematik dieser Arbeit sind, spielen die intrapersonalen Konflikte, die die Psyche eines einzelnen Menschen betreffen, wie zum Beispiel Stress (vgl. Canori-Stähelin/Schwendener 2006, S. 35), in dieser Arbeit eine un-tergeordnete Rolle. Interpersonale Konflikte werden auch als soziale Konflikte bezeichnet, wie zum Beispiel die Kommunikationskonflikte oder die Beeinträchtigungskonflikte. Bei den interpersonalen Konflikten spielen sowohl Gefühle als auch die Grundeinstellung anderen Menschen gegenüber eine große Rolle, insofern, als dass der Konflikt entsprechend ausartet, je stärker gewisse Aspekte bei den Parteien vorhanden sind. (Vgl. Simsa 2001, S. 7) Um eine Kombination aus beiden Konfliktarten handelt es sich, sofern beispielsweise ein psychischer, intrapersonaler Konflikt, das soziale Umfeld beeinflusst oder etwa umgekehrt. Im ersten Fall trägt in vielen Fällen ein innerer Konflikt, der auf Unzufriedenheit einer Person beruht, dazu bei, gewisse Aggressionen an anderen Personen auszulassen. Im umgekehrten Fall führt zum Beispiel ein sozialer Konflikt einer Person mit einer Gruppe zu einem intrapersonalen Konflikt, das heißt, die Person setzt sich psychisch mit dem Konflikt auseinander und könnte in Depressionen verfallen. Der Handlungseinsatz gegeneinander ist umso enormer, je intensiver die Emotionen bei den Parteien vertreten sind. Insbesondere in Bezug auf die Steigerung eines Konflikts ist zu sagen, dass Konflikte die Tendenz haben, „zu eskalieren, d.h., sie weiten sich aus und nehmen an Intensität zu. Konflikte werden als Störung des ‚normalen‘ Lebens empfunden und halten von einem gewohnten Handlungsablauf ab.“ 2 Im Schulalltag ist eine solche Störung oft nicht zügig zu behandeln, sondern benötigt eine Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Problem, um dem gewohnten Verlauf des Tages nachzugehen. Kommt eine Diskussion und Analyse des Konflikts zwischen den beiden Parteien nicht zustande, droht entweder der so genannte kalte Konflikt oder aber der im Allgemeinen so bezeichnete heiße Konflikt. Denn bekanntermaßen kann das Stadium und somit die Wahrnehmung in diese beiden Arten eines Konflikts unterschieden werden, wobei die heißen Konflikte auch als manifeste Konflikte (offenkundig und klar erkennbar) bezeichnet werden können, die kalten Konflikte jedoch als latente Konflikte, also schwelend.
2 http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Konflikte.shtml, gesehen am 07.03.2010
7
In einem manifesten Konflikt ringen die Parteien offenkundig, direkt und heftig miteinander, so dass die Begegnung, also die Auseinandersetzung gesucht wird. Dahingegen meint der latente, kalte Konflikt, dass die Parteien sich aus dem Wege gehen, so wenig wie möglich miteinander verkehren und lediglich auf der formellen Ebene versuchen, miteinander auszukommen. Hierbei wird der Konflikt an sich nicht offenkundig, sondern diskret im Verborgenen ausgetragen. (Vgl. Glasl 1997, S. 70-82)
Wie oben beschrieben, kommen Konflikte überall und immer wieder auf Grund von Heterogenität anwesender Menschen im Alltag vor. Um Lösungen zu finden, die die (immer wieder auftretende) Konflikte (auf Dauer) beseitigen, ist es notwendig, Gründe für einen Konflikt herauszufinden. Im Anschluss wird beschrieben, welche Konfliktbegründungen in Bezug auf die Schule möglich sind. Da es zahlreiche Ursachen für jegliche Konfliktarten in der Menschheit gibt, wird die Arbeit im Folgenden ausschließlich Konflikte und ihre adäquaten Lösungen in der Schule referenzieren, weil diese wesentlich für das gestellte Thema sind.
2.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Konflikten
Bevor im späteren Verlauf dieser Arbeit die empirischen Ergebnisse aufzeigen werden, inwiefern es einen Unterschied der Konflikte zwischen Jungen und der Konflikte zwischen Mädchen gibt, werden die Arten der Auseinandersetzungen kurz beschrieben. Es ist generell festzuhalten, dass die Tendenz der Gewalt bei Konflikten zwischen Mädchen zu steigen scheint. Immer wieder sind in den Medien Gewaltakte zwischen jungen Frauen zu beobachten, die nicht nur auf verbaler Ebene bestehen 3 , wenngleich die typischen Rollenbilder von Mädchen und Jungen anders erscheinen.
„In der Bochumer Studie zur Gewalt in der Schule (1995) wird folgendes Fazit gezogen: „Jungen sind bzgl. aller erhobenen Gewaltphänomene eher Täter als Mädchen … Mädchen zeigen in Auseinandersetzungen weniger psychische, sondern vor allem verbale Gewalt.“ (Welz 1998, S. 33). Es sollte beachtet werden, dass das oben Zitierte vor nunmehr fünfzehn Jahren aktuell war. Dementsprechend liegt die Vermutung nahe, dass Konflikte heutzutage sowohl von Jungen als auch von Mädchen nicht nur verbal oder psychisch,
3 Siehe zum Beispiel: http://nachrichten.lvz-online.de/leipzig/polizeiticker/wegen-streit-unter-maedchen-15-jaehrige-schneidet-maedchen-die-haare-ab/r-polizeiticker-a-22002.html, gesehen am
27.03.2010
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sondern auch körperlich gelöst werden. Diese Aussage steht im Gegensatz zu Weidners Ansicht „Aggressives Verhalten ist geschlechtsspezifisch eindeutig zu-zuordnen: Es ist Jungen- und Männerverhalten“ (Weidner 1997, S. 257). Auch Walker erwähnt in seinem Buch Mediation in der Schule 2001, dass „es häufig leistungsschwache (männliche) Schüler sind, die gewalttätig werden“ (Walker 2001, S. 21). „Aggressionen und Gewalt werden in der sozialen Interaktion also vor allem von Jungen ausagiert, ebenso sind die Opfer vorrangig männlich“ (Knopf 1996, S. 23). Da Konflikte auf Grund von Interessenunterschieden existieren, lernen die Streitenden nicht nur die Interessen der Gegenpartei kennen, sondern ebenfalls, welche Wünsche sie selbst hegen. Doch nicht nur die Wünsche, sondern auch die Überlegenheit in jeglicher Hinsicht gegenüber anderen Menschen und wer in welcher Beziehung zu einer Person steht, werden durch Konflikte wahrgenommen. Vor allem bei jüngeren Schülern gilt es daher, sich auszuprobieren, sei es durch körperliche Gewalt oder durch verbale Angriffe an einem Gegner, sofern eine Provokation und somit Aggression aufgekommen ist. Auf diese Art und Weise lernen Schüler, welche Konfliktverarbeitung für sie die Beste zu sein scheint und welche sie auch in Bezug auf Werte und Normen vorzugsweise ablegen sollten.
Dass sowohl physische als auch psychische Gewalt an Schulen zunimmt, weist vor allem der Artikel „Unsichtbarer Zickenkrieg“ 4 auf. Aggressionen gegenüber Mitschülern werden demnach benutzt, um das Selbstbewusstsein zu stärken, bei Mädchen und bei Jungen, wobei Mädchen in den meisten Fälle - nach dem Stand von 2006 - den Gegnern eher seelischen Schaden zufügen. Mit Aggression ist also nicht ausschließlich die körperliche Aggression und somit ein physischer Konflikt gemeint, wie Schlagen oder Treten, sondern jegliche Art der Schädigung von Mitmenschen, direkt, indirekt, physisch oder emotional und somit psychisch. „Aggression ist ein Energiepotential, das zur Grundausstattung der menschlichen Gefühle gehört und erst im Laufe der Sozialisation geformt wird. Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, in dem individuelle Verhaltensmuster, Werte, Maßstäbe, Fähigkeiten und Motive in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Rollenerwartungen der Gesellschaft entstehen. Entscheidend ist am Sozialisationsprozess, dass er nie geschlecht[s]unabhängig
von statten geht.“ 5
4 http://www.welt.de/print-welt/article192126/Unsichtbarer_Zickenkrieg.html, gesehen am
26.03.2010
5 http://www.u25-freiburg.de/infothek/aggression.htm, gesehen am 28.03.2010
9
„Mädchen wenden offenbar besonders häufig verdeckte Formen der Aggression an, da diese ihnen helfen, unentdeckt zu bleiben, und sie somit für ihr aggressives Verhalten gegenüber anderen nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Sie tun dies aus gutem Grund: In den Augen der
Mädchen ist aggressives Verhalten verpönt.“ 6
Erwähnenswert ist, dass Jungen sich selbst als relational aggressiver gegenüber den Mädchen einschätzen. Werden allerdings Mitschüler hierzu befragt, stellt sich heraus, dass die Mädchen den relational aggressiveren Part übernehmen. Relational aggressiv meint die verdeckte, emotionale Aggressivität innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen. 7
Aufschlussreiche Informationen bezüglich der Gewalt und Aggression von Schülern in geschlechtsspezifischer Hinsicht werden die Interviews in dem empirischen Teil der vorliegenden Arbeit darlegen.
2.3 Konfliktanalyse
Konfliktanalyse meint das Zerlegen in einzelne Bestandteile eines Konflikts, welche erörtert werden. Dabei wird darauf geachtet, was den Grund beziehungsweise die Funktion eines Konfliktes darstellen kann und somit auch, welche Partei welche Rollen in dem Konflikt adaptiert. „Für die Konfliktanalyse müssen alle Kon- fliktpunkteerfasst werden, welche die unterschiedlichen Parteien vorbringen. Es wird analysiert, inwieweit sich die Konfliktpunkte decken und die Parteien jene der Gegenseite kennen“ (Canori-Stähelin/Schwendener 2006, S. 37). Grunwald entlehnt, sollte eine Konfliktanalyse drei wesentliche Aspekte beinhalten. Zum Einen die eigene Sichtweise, bei der man sich die Frage stellt, wie der Konflikt zu beurteilen ist, zum Anderen die Sichtweise der Gegenseite, bei der es darum geht, zu überdenken, wie der Gegner sich fühlt und wie er den Streit interpretiert, und zuletzt die neutrale Sichtweise, in der man sich in eine außenstehende Person hineinversetzt und überlegt, wie jene den Streit aufgefasst haben könnte. Sofern Konfliktpartner mit diesen drei Ansatzpunkten eigenhändig arbeiten können, kommt es zu einem positiven Fortschritt der Sachlage dahingehend, dass Empathie und das mitgebrachte Verständnis für die Gegenpartei zu einer Konfliktkompetenz führen. (Vgl. Sander/Sander 1997, S. 20)
6 http://www.welt.de/print-welt/article192126/Unsichtbarer_Zickenkrieg.html, gesehen am
28.03.2010
7 http://dictionary.babylon.com/relational%20aggression/, gesehen am 28.03.2010
10
Im Weiteren wird in der Konfliktanalyse zwischen Sachlichkeit und Emotionalität (oder auch Beziehung) unterschieden.
2.3.1 Begründungen und Funktionen von Konflikten in der Schu-
le
Konflikte sind nicht immer bemerkbar, egal, wo sie stattfinden. So kommen Konflikte in verbaler, psychischer Art vor, jedoch wird auch Gewalt angewendet, so dass der Konflikt in „physischer Gestalt“ (Walker 2001, S. 9) vorkommt. Schmerzlich sind alle Arten von Gewalt, ob körperlich oder seelisch, ob Rangelei oder Ausgrenzung aus einem Kollektiv. Trotzdem bringen Konflikte nach der angemessenen Behandlung oder Diskussion Vorteile mit sich, die speziell in der Schule eine Chance bieten, eine angenehme Lernatmosphäre zu erreichen. So äu- ßerteAlbert Einstein einst den Satz „Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden völlig einig sind, ist ein verlorener Abend.“ 8 Positive Gedankengänge zu dem Begriff Konflikt könnten also „Veränderung, Weiterentwicklung, Innovation, Meinungsvielfalt, Diskussion, Kompromiss, Schlichtung, Hoffnung, Konsens, Chance, neue Lösungen“ (Sander /Sander 1997, S. 17) sein. Trotz dieser affirmativen Vorstellungen von einem Konflikt, wird der Terminus primär mit negativen Assoziationen in Verbindung gebracht, wie „Ärger, Aufregung, Spannung, Stress Aggression, Kampf, Angriff, Streit.“ (Sander/Sander 1997, S. 17) Durch diese Ideen kommen zwar Möglichkeiten auf, die einen Konflikt auslösen, konkrete Begründungen stecken aber nicht in ihnen. Walker nennt in seinem Buch Mediation in der Schule - Konflikte lösen in der Sekundarstufe I verschiedene Verhaltensweisen von Schülern, die zu einem Konflikt führen können, denn sowohl durch Medien als auch persönlich erleben Jugendliche Gewalt, wodurch sie lernen, dass der Stärkere sich durchsetzt. (Vgl. Walker 1995, S. 9) So werden in diesem Zusammenhang vor allem verbale Angriffe wie Beleidigungen als Hauptursache für einen Streit angesehen, zum Beispiel auf Grund des Äußeren oder der Familie. (Vgl. Walker 2001, S. 9) Ebenso werden Unwahrheiten über Mitschüler verbreitet, die diese psychisch beeinflussen, wie auch der „Übergriff an persönlichen Sachen“ (Walker 2001, S. 10) oder Provokationen, Hänseleien wie Pumuckl bei einem
8 http://www.zitate-online.de/sprueche/wissenschaftler/15742/ein-abend-an-dem-sich-alleanwesenden-voellig.html, gesehen am 18.03.2010
11
rothaarigen Kind. Zu diesen Punkten zählt auch der Begriff Mobbing, dessen Definition lautet
„negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen“ (Leymann 2002, S. 21). Abgesehen von verbalen Attacken sind anhaltende Wettbewerbe oder Besitzansprüche in Bezug auf Konfliktgründe von Bedeutung. Hierfür bietet der Schulhof einen ausreichenden Umfang an Beispielen, wie etwa das Besetzen einer Tischtennisplatte, um ausschließlich mit den eigenen Freunden daran zu spielen. Neben der Ruhmsucht, besitzen auch die emotionalen Aspekte wie Eifersucht (zum Beispiel das Verlieben in ein bereits liiertes Mädchen) und Neid (zum Beispiel auf Grund des Tragens von Markenkleidung) einen hohen Stellenwert in puncto Schulkonflikte. Insgesamt sind Gründe für Konflikte in der Schule Interessenkollisionen von Schülern und somit ein Anzeichen für zwischenmenschliche Proble- me.„Konflikte an sich sind nicht gut oder schlecht; die Art und Weise, wie sie bewältigt werden, entscheidet über das Resultat.“ (Canori-Stähelin/Schwendener 2006, S. 34) Des Weiteren werden Konflikte „als Chancen gewertet, gestörte Be- ziehungenaufzuarbeiten“ (Simsa 2001, S. 9). Dennoch wird es von Schülern und Lehrern als vorteilhaft empfunden, „das Schulleben konfliktarm zu gestalten“ (Sander/Sander 1997, S. 18), obwohl „gerade eine Schulklasse ist doch eine zufällig zusammengewürfelte ‚Zwangsgemeinschaft‘, in der sich in einem Klassenraum das gesamte menschliche Potential an Verhaltensweisen widerspiegelt, das auch in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen seit jeher zu Konflikten führt (Egozentrik, direkte und verlagerte Aggression, Aufbau von Machtstrukturen, Mädchen-Jungen, Projektion, Ausgrenzung …)“ (Böttger 1996, S. 91). In der Schulklasse spiegelt sich also eine unfreiwillige Gemeinschaft wider, in der Schüler fast täglich mehrere Stunden miteinander auskommen müssen, woraus sich zwangsläufig Konflikte ergeben. (Vgl. Walker 1995, S. 19) Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass viele Streitigkeiten nur in Folge mehrerer vorangegangener Konflikte ausarten und die Person, welche sich in der Opferrolle befindet, dem Täter gegenüber keine Geduld mehr entgegenbringen kann. (Vgl. Sander/Sander 1997, S. 21)
Konflikte existieren in allen Schularten, sowohl in den Berufsbildenden Schulen als auch in den Allgemeinbildenden Schulen. Je nach Schultyp kann allerdings der
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Sarah Tieben, 2010, Mediation in der Hauptschule, München, GRIN Verlag GmbH
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