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1. Einleitung
Die Geisteswissenschaften stehen besonders in der jüngeren Vergangenheit unter großem öffentlichen Legitimationsdruck. Von den Universitäten wird immer mehr direkt nutzbarer Output für Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft verlangt. Die Bildungslandschaft verändert sich nachhaltig, indem beispielsweise modularisierte, schulähnliche Bachelor und Master Studiengänge für alle Fachrichtungen eingeführt werden oder das (Zentral-)Abitur nun schon nach nur 12 Jahren Schule abgeschlossen werden kann. Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem die der Naturwissenschaften, gehen immer öfter Kooperationen mit Firmen ein, um die technische Entwicklung gezielt voranzutreiben. Universitäten mutieren zu modernen Großunternehmen, die sich genau überlegen müssen in welche Wissenschaftssparten sie die vorhandenen Fördermittel investieren.
2007 wurde der Fokus der Allgemeinheit durch das „Jahr der Geisteswissenschaften - Das ABC der Menschheit“ explizit auf diesen Wissenschaftsbereich gelenkt. Vor diesem Hintergrund soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, welchen Nutzen die Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft haben.
Im ersten Teil der Arbeit wird der Begriff ‚Geisteswissenschaften’ näher erläutert. Außerdem soll kurz auf die Entstehungsgeschichte und die Unterschiede zu den Naturwissenschaften dieser noch jungen Wissenschaft eingegangen werden. Im zweiten Teil, der den Hauptteil der Arbeit darstellt, werden die Standpunkte zweier Philosophen (Joachim Ritter und Odo Marquard) vorgestellt, die jeweils viel beachtete Aufsätze über die Frage des Nutzens der Geisteswissenschaften verfasst haben. Aufbauend auf Ritters Position soll Marquards Kompensationstheorie vorgestellt und analysiert werden. Abschließend stelle ich die Standpunkte einiger Autoren vor, die im Gegensatz zu Ritter und Marquard zumindest keinen direkten Nutzen in den Geisteswissenschaften sehen. Im Fokus hierbei steht Herbert Schnädelbachs Kritik an der Kompensationstheorie von 1988.
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2. Ursprung und Entwicklung der Geisteswissenschaften
Der Begriff ‚Geisteswissenschaften‘ bezeichnet einen Komplex von wissenschaftlichen Disziplinen, Aktivitäten, Produkten etc. Teil der Geisteswissenschaften sind so beispielsweise die Geschichtswissenschaften, die Religionswissenschaften, die Sprachwissenschaften oder die Kunstwissenschaften (vgl. Anzenbacher, 1981, S. 22). Diese einzelnen Wissenschaften können als spezifische Manifestation der deutschen traditionellen Philosophie und des deutschen traditionellen Wissenschaftsverständnisses gesehen werden (vgl. Ritter, 1974, S. 211). Das Kompositum ‚Geisteswissenschaften’ beinhaltet also die in ihr fortlebenden Traditionen des deutschen Idealismus sowie ein breit gestreutes Spektrum von alten und neuen Wissenschaften (vgl. Ritter, 1974, S. 213).
Der relativ junge Terminus ‚Geisteswissenschaften‘ kommt erst im späten 19. Jahrhundert auf. Ritter geht im Jahre 1961 noch davon aus, dass das Wort ‚Geisteswissenschaften‘ zum ersten mal bei Schiele in dessen Übersetzung der Logik Mills auftaucht (vgl. Ritter, 1961, S. 121). Heutzutage geht die Forschung davon aus, dass der Begriff schon vorher in teils verschiedenen Bedeutungen aufgetaucht ist. Es lässt sich jedoch nicht genau datieren, wann der Terminus zum ersten Mal verwendet wurde. Der älteste Beleg findet sich in einer 1787 erschienen Schrift mit dem Titel Wer sind die Aufklärer eines anonymen Autors. Nachfolgend erscheint der Terminus der Geisteswissenschaften immer öfter. So zum Beispiel bei van Calker und Schlegel, die um 1800 in dem neuen Begriff ein Synonym für ‚Philosophie‘ sehen. 1824 kommt Werber in seinem Werk Der Parallelismus zwischen Natur und Kultur. Ein System der Natur- und Geistesphilosophie der heutigen Begriffsbestimmung schon deutlich näher, indem er eine Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vornimmt. 1847, also 23 Jahre später, nimmt Calinich die erste klare Unterscheidung zwischen der naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Methode vor. Dies stellt die erste Verwendung des Begriffs nachdem heute gültigen Bedeutungssinn dar (vgl. Ritter, 1974, S. 211). Initiierend für die seit Ende des 19. Jahrhunderts belegte Ausbreitung des Begriffs gilt das 1883 erschienene Buch Einleitung in die Geisteswissen-
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schaften von Dilthey. Hier werden die Geisteswissenschaften als „Erfahrungswissenschaften der geistigen Erscheinungen“ bzw. als „Wissenschaft der geistigen Welt“ umschrieben (vgl. Ritter, 1974, S. 211). Später bezeichnet Dilthey dann die wissenschaftlichen Disziplinen als Geisteswissenschaften, die versuchen, die geschichtlich geistige Welt des Menschen mit hermeneutischen Mitteln zu verstehen (vgl. Ritter, 1961, S. 121). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden sich noch andere, semantisch recht ähnliche Begriffe. Der lebensphilosophisch verstandene Terminus ‚Geisteswissenschaften’ entwickelt sich jedoch zum Zentralbegriff der deutschen Philosophie. Nach Hartmann realisiert sich der Geist im „Geistesleben“ einer Gruppe, eines Volkes, einer Kultur, einer Gesellschaft oder in der lebensphilosophisch-völkisch verstandenen Gemeinschaft sowie in deren geschaffenen kulturellen Produkten. Durch Vertreter dieser Richtung wird der Begriff auch im Zusammenhang mit Pädagogik verwendet. Insbesondere im Umfeld der höheren Schulbildung und der Universitäten. Daraus resultiert, dass das deutsche wissenschaftstheoretische und philosophische Denken sich stark an den Geisteswissenschaften orientiert. So kommt es dazu, dass die wissenschaftlich-technische Welt samt ihrer Schöpfungen und Erkenntnisse, dem „organismisch-völkisch-lebendigen“ und traditionellem „deutschen“ Denken, als gefährlich und fremd gegenüber gestellt wird (vgl. Ritter, 1974, S. 212). Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde vor allem in der marxistischen Philosophie der Terminus ‚Geisteswissenschaften’ nahezu komplett durch die Begriffe ‚Sozial-’ oder ‚Gesellschaftswissenschaften’ ersetzt. Epigonal setzt sich die deutsche idealistische Tradition der Geisteswissenschaften fort und somit ebenfalls die damit verknüpfte Konzeption von Wissenschaft. Durch die Auseinandersetzung mit dem positivistisch-pragmatisch-analytischen Denken entwickelten sich zwei neue Denkrichtungen: Das hermeneutisch-geisteswissenschaftliche sowie das analytisch-positivistische Denken. Diese Trennung geht durch die verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen hindurch (vgl. Ritter, 1974, S. 212).
Die großen Probleme den Terminus ‚Geisteswissenschaften’ adäquat in andere Sprachen zu übersetzen verdeutlicht, wie sehr er „auf dem Boden der deutschen Geistesphilosophie gewachsen“ ist (vgl. Ritter, 1974, S. 212).
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Natur- und Geisteswissenschaften kommen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts an die Universitäten. Typisch für die damalige Situation der Geisteswissenschaften an den Universitäten war, dass einzelne Forschungszweige, die heute institutionell verankert sind, fehlten oder sich erst emanzipieren mussten. So kam es beispielsweise dazu, dass der Historiker Raumer wie selbstverständlich Vorlesungen über Politik, Statistik, Geschichte, Staats- und Finanzrecht hielt. Bemerkenswert ist auch der Fakt, dass Max Lenz eine Professur für romanische Sprachen noch im Jahre 1910 als „lächerlich“ bezeichnete (vgl. Ritter, 1961, S. 122f.). „So haben sich insgesamt die Geisteswissenschaften erst im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland sowohl methodisch konstituiert wie ihr Recht und ihren Ort an den Universitäten erobert“, fasst Ritter zusammen (vgl. Ritter, 1961, S. 124).
Für die Konzeption der Geisteswissenschaften ist die Unterscheidung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften von enormer Bedeutung. Geist und Geschichte bilden wie Natur und Wissenschaft eine Einheit. Die Naturwissenschaft oder ‚Science’ ist auf das Allgemeine bezogen, also auf Gesetze etc. Ihre Methoden sind gesetzgebend und ihre Aufgabe ist das Erklären (!). Die Geisteswissenschaften sind dem entgegengesetzt und beziehen sich als historische Wissenschaften auf das Individuelle, das Einmalige und das Geschichtliche, das sie jeweils verstehen (!). Aus den Gegensätzen von Erklären und Verstehen entsteht sozusagen als Nebenprodukt die Antithetik der beiden Wissenschaftstypen (vgl. Ritter, 1974, S. 214).
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3. Welchen Sinn haben die Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft?
Wie zu Beginn erwähnt, war 2007 das Jahr der Geisteswissenschaften. Die Bundesbildungsministerin Annette Schawan nutzte die Eröffnungsrede, um auf das Thema der Nützlichkeit der Geisteswissenschaften einzugehen. Sie sieht unter anderem einen klaren Nutzen und damit eine Legitimation darin, dass beispielsweise ein kleines geisteswissenschaftliches Fach, wie die Afrikanistik als wichtiges Medium für die Wirtschaft fungiert. Laut Schawan haben so Ingenieure und Kaufmänner einen direkten Nutzen von dieser geisteswissenschaftlichen Disziplin (vgl. Schawan, 2007, S. 4). In einer Pressemitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht sie sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnet die Geisteswissenschaften als einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für den Standort Deutschland: „Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler machen aber auch einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor aus. Allein im Kulturbereich werden jedes Jahr in Deutschland 35 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das entspricht einem Anteil von 1,6 Prozent am Bruttoin-landsprodukt. Die Geisteswissenschaften sind längst in der Wirtschaft angekommen. Dass diese Erkenntnis sich auch in der Öffentlichkeit durchsetzt, ist eine Aufgabe des Jahrs der Geisteswissenschaften. Sie tragen wesentlich zum Verstehen und zum Verständnis gesellschaftlichen Lebens bei, vor allem im internationalen Feld, wenn es um Kulturen, Märkte und Kunden geht.“ (Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2007)
Die Bundesministerin für Bildung und Forschung verweist in ihrer Eröffnungsrede auf das Essay Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften von Odo Marquard. Im Anschluss möchte ich zuerst den Standpunkt von Joachim Ritter erläutern, um anschließend näher auf Marquards Essay einzugehen. Im Mittelpunkt der Betrachtung wird die Kompensationstheorie stehen. Einleitend werden Ritter und Marquard jeweils kurz portraitiert.
Arbeit zitieren:
Bastian Einck, 2009, Was sind Geisteswissenschaften und welchen Nutzen haben sie in der modernen Gesellschaft?, München, GRIN Verlag GmbH
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