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Der kulturelle Kontext von Angehörigen des Gewaltmonopols 1
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Durch die vorliegende Arbeit soll ein nachvollziehbares Bild des Polizisten 1 und seiner Kultur, in der er lebt, entstehen. Obwohl bereits beim Auswahlverfahren für angehende Polizisten gewisse Anforderungen an die zukünftigen Amtsträger 2 gestellt werden, so ist die Heterogenität in der Berufsgruppe dennoch sehr gross. Bei der Polizei handelt es sich um eine Organisation „… die aus handlungstheoretischer Sicht nicht eine Kultur besitzt, sondern in deren Alltag verschiedene Kulturmodelle miteinander konkurrieren.“ 3
So viele Polizisten wie es gibt, so viele kulturelle Prägungen sind vorhanden. Diese verschiedenen Prägungen werden bei der Polizei in einen gemeinsamen kulturellen Kern überführt, welcher von Organisation zu Organisation oder Dienststelle verschieden stark ausgeprägt sein kann. Rafael Behr prägte dafür den Begriff „Cop Culture“. 4 Von den Polizisten selber wird oft der Begriff „Korpsgeist“ 5 verwendet, um einen Teil von Kultur im eigenen Polizeikorps zu beschreiben. Die vorliegende Arbeit erhebt nicht den Anspruch, die „Cop Culture“ weiter zu erläutern. Ebenso wenig wird der Korpsgeist deskribiert. Vielmehr soll ein kurzer Überblick über einige Bereiche im Leben des Polizisten gegeben werden, welche für die Kultur, in der er lebt, massgeblich sind.
Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt. Der kulturelle Kontext des Einzelnen verändert sich fortlaufend. Besonders in der heutigen Zeit der (bereits auslaufenden?) Postmoderne ist der kulturelle Kontext oft nicht viel mehr als eine momentane Laune. Ständig ergeben sich neue Mög- 1 Im Folgenden wird aufgrund der besseren Lesbarkeit auf die Unterscheidung der männlichen und weiblichen Form verzichtet. Natürlich sind immer auch die Polizistinnen gemeint. Falls es der Inhalt erfordert, werden die Geschlechter spezifisch erwähnt. Weiter wird explizit auf den Polizisten aus der Deutschschweiz eingegangen.
2 In der Schweiz gibt es keinen gesonderten Beamtenstatus. Der Polizist ist ein Angestellter im öffentlich-rechtlichen Verhältnis mit allen einhergehenden Pflichten und Rechten. Trotzdem wird von einem Amtsträger oder auch Beamten gesprochen. So gilt im Strafgesetzbuch nach wie vor der Tat- bestandder „Gewalt und Drohung gegen Beamte“.
3 Rafael Behr, Cop Culture-Der Alltag des Gewaltmonopols, 2. Aufl. (Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008), 18.
4 Behr, a.a.O., 10: Der Autor führt aus, dass es bei der Polizei eine Subkultur gibt, welche er Cop Culture nennt. Behr schreibt weiter, dass die Polizeikultur aus der Ethik des polizeilichen Handelns und aus der Unternehmenskultur bei der Polizei besteht.
5 Der Begriff „Korpsgeist“ dient in den schweizerischen Polizeikorps vor allem dazu, sich von anderen kantonalen oder städtischen Polizeikorps abzugrenzen.
BBS 2023 David Jäggi
Der kulturelle Kontext von Angehörigen des Gewaltmonopols 2
lichkeiten und neue Herausforderungen, welche man entweder ablehnen oder annehmen kann. Dazu Jens Stangenberg:
„Wenn es aber stimmt, dass es (in der Postmoderne, Anm. d. Verf.) prinzipiell keine Standpunkte geben kann, dann gibt es auch keine Endgültigkeiten. Das, was heute für mich Bedeutung hat, mag diese Bedeutung morgen schon ver- lorenhaben. Damit ist alles vorläufig. Vorläufig meint (…): nicht fest gefügt und starr.“ 6
Schliesslich soll am Ende der Arbeit auch die Frage gestreift werden, wie das Evangelium im Umfeld der Polizei neue Relevanz erhält. Dies immer unter Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse aus den nachfolgend beschriebenen Erhebungen.
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Bereits zu Beginn der vorliegenden Arbeit konnte ich feststellen, dass wenig einschlägiges Material in diesem Bereich der Forschung vorhanden ist. In der deutschen Polizeiforschung gibt es zwar mittlerweile ein wachsendes Forschungsangebot. 7 Vergleichbare Resultate aus der Schweiz konnten jedoch keine gefunden werden. So kam ich für eine aussagekräftige Darstellung nicht umhin, sämtliche relevanten Daten selber zu erheben.
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„Ich hasse es, wenn mein Chef als Begründung für ein bestimmtes Vorgehen sagt: ‚Das macht man eben schon immer so.‘ Wer ist ‚man‘? ‚Man‘ ist das dümmste, einfältigste und verallgemeinerndste Wort das ich kenne!“. So äusserte sich mir gegenüber vor kurzem ein Polizeikollege. Die Soziologie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wer „man“ ist. Wieso „man“ das schon immer so macht und welche Wege es gibt, wie „man“ dieses oder jenes alltägliche Vorgehen auch anders machen könnte. Die Soziologie beleuchtet das alltägliche und gewohnte Wissen aus der nötigen Distanz. Dies bringt es mit sich, dass derjenige, welcher sich mit der Wissenschaft der Soziologie befasst, skeptisch und misstrauisch an die alltäglichsten Dinge der Welt herangeht. Insofern hat sich der erwähnte Polizist mit seiner Aussage bereits soziologisch betätigt.
6 Jens Stangenberg, Tanz auf der Fontäne: Christliche Spiritualität in der Postmoderne und der Zukunft (Glashütten: C&P Verlagsgesellschaft, 2009), 30.
7 Vgl. Behr, a.a.O., 15.
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Der kulturelle Kontext von Angehörigen des Gewaltmonopols 3
Ob er allerdings zu einer Antwort gelangt ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Mindestens wird er von seinem Vorgesetzten als misstrauischer Skeptiker angesehen. „Am sechsten Tag vormittags schuf Gott die Gesellschaft, nachmittags, als er schon müde war, den Menschen nach ihrem Bilde.“ 8 Wie aus diesem Zitat hervorgeht, wird der Mensch als Individuum durch die Gesellschaft geprägt. Die Gesellschaft stellt gewisse Erwartungen (Muss/Kann/Soll) an den Menschen 9 , welche dieser aus Sicht der Gesellschaft zu erfüllen hat. Es gibt Bräuche, Sitten und geltendes Recht, welches dem Menschen gewisse Normen auferlegt, an die er sich zu halten hat. Diese Traditionen und Bedeutungssysteme grenzen die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen ein. Dadurch nehmen sie allerdings auch eine Entlastungsfunktion war. Die Bedeutungssysteme sind sozusagen ein „Instinktersatz“ für die physiologi- scheFrühgeburt Mensch.
Der Ausspruch: „Der ist nicht normal!“ bezeichnet treffend, dass wir von unserem Gegenüber oder Mitmenschen erwarten, dass er sich an gewisse Normen hält. Jedoch hat der „Nichtnormale“ vielleicht lediglich die von uns unreflektiert übernom- menenNormen analysiert und ist zum Schluss gekommen, dass er in diesem Bereich die persönliche Identität über die soziale Identität stellen möchte. Dies stellt im Kann- und Sollbereich noch kein Problem dar. Hält sich der „Nichtnormale“ allerdings im Mussbereich nicht an die geltenden Normen, muss er mit Bestrafung durch das Gewaltmonopol, eben die Polizei, rechnen. Doch an welche Normen halten sich die Angehörigen des Gewaltmonopols selber?
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In der Sozialforschung wird grundsätzlich zwischen der quantitativen (erklärend, objektiv, von aussen, Suche nach Gesetzen und Ursachen) und der qualitativen (verstehend, subjektiv, von innen, nachvollziehend) Forschung unterschieden. Dabei ist es wichtig, die beiden Methoden nicht gegeneinander auszuspielen, sondern die Vorteile beider Methoden in die Betrachtungen einfliessen zu lassen. Innerhalb dieser beiden Gruppen gibt es diverse Methoden:
8 Ludwig Marcuse, zitiert nach http://www.zitate.eu/beruehmte-personen/zitate/detail/marcuse-ludwig-pseudonym-raabe-heinz/zeitgenoessische-soziologie-am-sechsten-tag-vormittags-schuf-gott-die-gesellschaft-nachmittags-als-er-schon-muede-war_/2435/119652 vom 26.05.2010.
9 Rolf Eickelpasch, Grundwissen Soziologie: Ausgangsfragen, Schlüsselthemen, Herausforderungen, Richard Geisen Hg. (Stuttgart: Ernst Klett Verlag, 2007), 22ff.
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Der kulturelle Kontext von Angehörigen des Gewaltmonopols 4
Zur Analyse des Forschungsfeldes „Polizei“ kamen einerseits die teilnehmende Beobachtung und andererseits zwei unterschiedliche Befragungen zum Tragen. Durch
die Kombination von Beobachter- und Teilnehmerperspektive 10 sollte es gelingen, sowohl qualitative als auch quantitative Erkenntnisse zu erhalten. Da die Zielgruppe nicht damit rechnet, beobachtet zu werden, wird auch ihr Verhalten nicht beeinflusst.
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Im Februar 2010 erstellte ich eine Online-Umfrage zu den im Folgenden untersuchten Bereichen. Eine Online Umfrage hat den Vorteil, dass sie vom Befragten zu jeder Tageszeit ausgefüllt werden kann. Ausserdem gestaltet sich die Auswertung unter Mithilfe der EDV um ein Vielfaches einfacher als bei einer schriftlichen Befragung. Ein weiterer Vorteil ergibt sich daraus, dass der Link zur Umfrage durch den Befragten selbständig an andere Kollegen weitergeleitet werden kann. Die Befragung umfasste 54 Fragen. Diese Anzahl Fragen ist für eine solche Befragung ungewöhnlich hoch. 11
Von den 202 Teilnehmern waren 87% Männer und 13% Frauen. Dies zeigt, dass die Polizeiarbeit auch heute noch von Männern dominiert wird. Die Geschlechterverteilung bei der Befragung entspricht allerdings nicht dem Durchschnitt in der Schweizer Polizeilandschaft. Heute arbeiten rund 22% Frauen bei der Polizei. 12 Der grösste Teil der Befragten ist mit 43% zwischen 30 und 40 Jahren alt. Rund ein Drittel arbeitet zwischen fünf und zehn Jahren, rund ein Drittel zwischen zehn und 20 Jahren bei der Polizei.
10 Der Autor dieser Arbeit ist selber seit dem Jahr 2002 Polizist. Er arbeitet in einem Teilzeitpensum bei der Stadtpolizei Kloten.
11 Rafael Behr, Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Polizei in Hamburg und Verfasser des Buches ‚Cop Culture‘, wurde durch mich mit den Umfrageergebnissen bedient. Gemäss seinen Aussagen sind die Fragestellungen zu Spiritualität und Glaube ungewöhnlich und deren Beantwortung im Kontext der deutschen Polizei undenkbar. Die erhaltenen Antworten seien jedoch sehr interessant.
12 Vgl. http://www.beobachter.ch/archiv/inhaltsverzeichnisse/artikel/polizistinnen-frauen-sindimmer-einen-tick-schlauer/ vom 26.05.2010. In den aktuellen Polizeischulen macht der Frauenanteil bereits 25% aus.
BBS 2023 David Jäggi
Arbeit zitieren:
David Jäggi, 2010, Der kulturelle Kontext von Angehörigen des Gewaltmonopols, München, GRIN Verlag GmbH
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