1. Einleitung
Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: Satire darf alles. Tatsächlich wird Autoren unter dem Deckmantel der Satire eine gewisse Narrenfreiheit gewährt, alles dürfen sie jedoch nicht. In den Verfassungstexten moderner Demokratien ist für gewöhnlich der Grundsatz der Meinungs- und Pressefreiheit verankert. So kann im deutschen Grundgesetz gelesen werden:
Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung […] werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. […] Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. 1
Noch im selben Artikel findet sich allerdings die Einschränkung, dass dies unter Berück- sichtigungdes „[Rechts] der persönlichen Ehre“ 2 stattzufinden hat. Beschließt nun beispielsweise ein Autor des deutschen Satiremagazins Titanic, eine Person von öffentlichem Interesse auf die Schippe zu nehmen, so ist das sein gutes Recht. Er muss sich hierbei aber an gewisse Grenzen halten. Dies bedeutet häufig eine gefährliche Gradwanderung, welche entsprechende Satiriker jedoch üblicherweise meistern. Die sie ausreichende Kenntnisse zur Rechtslage haben, können sie ohne weiteres rechtmäßige Karikaturen von Politikern oder anderen Personen/Institutionen anfertigen, ihre Leser damit belustigen und zum Teil kostbare Denkanstöße geben, welche in einem anderen Rahmen nicht publizierbar wären.
Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Satire als Ausdrucksform befassen, wobei aller- dingsein absolutes „Meisterwerk der Filmgeschichte“ 3 , Charles Chaplins Der große Dikta-tor, den Ausgangspunkt der Analyse darstellen wird. Zunächst wird der Versuch einer Begriffsbestimmung erfolgen - die so aufgedeckten Charakteristika der Satire sollen anschließend auf Chaplins Film angewendet werden um so zu verdeutlichen, welch eine beispielhafte Satire dieser darstellt. Die Grundlage hierfür bildet die deutsche Sprachversion des Film, obgleich der Authentizität halber Namen und Orte aus der englischen Originalfassung verwendet werden. Anschließend wird eine genaue Analyse der von Chaplin parodierten real-historischen Personen und Institutionen folgen. Den Abschluss der Arbeit soll ein Fazit bilden. Dies wird in Form der Frage, ob die Satire ein Mittel des Erinnerns und Vergessens darstellen kann, geschehen.
1 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: Artikel 5.
http://www.bundestag.de/parlament/funktion/gesetze/grundgesetz/gg_01.html (14.8.2008).
2 ebd.
3 Der große Diktator.de: Über ‚Der große Diktator„. http://www.der-grosse- diktator.de/global_html/zumfilm_2.html(13.8.2008).
2
2. Begriffsbestimmung - Besonderheiten - Probleme
In der Literaturwissenschaft werden drei literarische (Groß-)Gattungen unterschieden: Lyrik, Drama und Erzählliteratur. Dem Terminus kommt noch eine zweite Bedeutung zu - so bezeichnet man ebenfalls die verschiedenen Texttypen, wie Tragödie, Komödie oder Kurzgeschichte, als literarische Gattungen. 4 In diese Reihe fällt formal auch die Satire. Tatsächlich stellt sie eher eine „gattungsübergreifende Literaturform“ 5 dar, da alle weiteren Text-sorten durch die Verwendung entsprechender Stilmittel „von satirischer Absicht her über-formt werden“ 6 können. Die Satire besitzt demnach eine Art parasitären Charakter. Jedoch bedienen sich auch andere, vor allem verwandte Textintentionen, wie z.B. die Ironie, ihrer Stilmittel. Die Satire ist also keine Textgattung im herkömmlichen Sinne, welche mithilfe einfacher formaler Kriterien bestimmt werden kann. Es kann vielmehr von einer satirischen Absicht, welche „durch Aggressivität, protreptische Intention und verzerrende Darstellungsart gekennzeichnet ist“ 7 , gesprochen werden. Sie besitzt drei Hauptmerkmale:
[…] erstens der Angriff auf irgendein nichtfiktives, erkennbares und aktuell wirksames Ob- jektindividueller oder allgemeiner Art; zweitens die Normbindung des Angriffs, daß er wenigstens dem Anspruch nach nicht rein privat motivierter Feindseligkeit entspringt, sondern helfen soll, eine Norm oder Idee durchzusetzen; drittens seine Indirektheit; sie kann notwen-
dig sein, erzwungen oder bloß taktisch. 8
Die Aggression kann sich gegen alles Menschliche oder menschlich Geprägte richten, von einzelnen Personen über Institutionen bis hin zu Diskursen. Der Angriff muss nicht deutlich erkennbar sein, er kann sich indirekt oder stark verdeckt darstellen - ebenfalls ein ästhetisches Mittel der Satiriker. Grundsätzlich herrscht in satirischen Texten ein „indirekter Sprechmodus“ 9 vor, da Themen oft nur angedeutet und bestimmte Textgattungen und Ausdrucksmittel zur Tarnung verwendet werden. Ebenfalls häufig benutzte Stilmittel sind die Verharmlosung von Sachverhalten oder die Verdrehung, zum Beispiel von Werten und Normen. Notwendig ist die Indirektheit, wenn „ein direkter Zugriff prinzipiell nicht möglich
4 vgl. Wenzel, Peter: Literarische Gattung. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Dritte, aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart
2004, S. 209.
5 Brummack, Jürgen: Satire. In: Kohlschmidt, Werner/Wolfgang Mohr (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Berlin 1977 (= Band 3, P - Sk), S. 602.
6 ebd.
7 ebd.
8 ebd.
9 Kämmerer, Harald/Uwe Lindemann: Satire: Text & Tendenz. Berlin 2004, S. 11.
3
ist“ 10 , erzwungen, wenn „das Objekt durch Macht, Gesetz oder Sitte vor einem direkten Angriff geschützt ist“ 11 und taktisch, wenn damit die Wirkung erhöht werden soll. Wie bereits erwähnt, soll die Satire nicht allein durch Belange des Schreibers motiviert sein, sondern im Interesse der Allgemeinheit Missstände anprangern oder die Verbreitung einer Idee oder Norm erreichen. Der Satiriker benötigt dennoch eine persönliche Haltung und damit Intention, welche häufig überhand zu nehmen scheint. Daher tauchen regelmäßig so genannte Apologien von Satirikern auf, in welchen sie „das Moment persönlicher Aggressi- onimmer wieder wortreich [ablehnen] und auf einen sozialen Reformwillen als Motiv für ihr Schreiben“ 12 hinweisen. Da sie sich in ihren Schriften jedoch zumeist „aggressiv, negativ, unfair und degradierend“ 13 äußern, liegt der Glaube an positive Absichten der Schreiber eher fern. Es sollte an dieser Stelle allerdings erwähnt werden, dass der Satiriker selbst nicht die im Text sprechende Person darstellt. So wie es in Texten anderer Art beispielsweise das lyrisch Ich gibt, existiert auch hier ein satirischer Sprecher, satirische persona genannt. 14
Durch die Maske der satirischen persona transportiert der Satiriker die Textinhalte mit ihren impliziten satirischen Wertungen. Das kann die Maske eines Moralisten, eines Scharfrichters, aber auch die eines vermeintlichen Parteigängers des Angegriffenen sein. 15
In gewisser Weise kann auch das als ästhetisches Mittel, Tarnung oder gar Ausrede für künstlerische Narrenfreiheit gedeutet werden. Es existieren jedoch gewisse Grenzen, welche Satiriker nicht verletzen dürfen: „Wird eine Person nachweislich beschädigt, kann Satire justiziabel werden“ 16 , da sie sich so in ihrer Wirkung kaum noch von einer direkten, öffentlichen Beleidigung unterscheidet und es in diesem Falle auch nicht mehr relevant ist, ob hier eine reale Person ihre Meinung äußert oder eben die satirische persona.
Eine weitere Besonderheit der Satire liegt in ihrer Rezeption. Hierfür ist grundsätzlich ein Vorwissen des Lesers erforderlich, da er die satirischen Andeutungen sonst kaum erkennen und verstehen wird. Der Satiriker selbst geht von der Existenz dieses Vorwissens aus und „richtet sich an Adressaten, die bereits über eine ähnliche oder gleiche negative Haltung
10 Brummack, Jürgen: Satire, S. 602.
11 ebd.
12 Kämmerer, Harald/Uwe Lindemann: Satire: Text & Tendenz, S. 10.
13 ebd.
14 vgl. ebd.
15 ebd., S. 10 f.
16 ebd.
4
zum verhandelten Gegenstand […] verfügen“ 17 . Dies bezieht sich nun hauptsächlich auf privat am Thema interessierte Rezipienten, die in derselben Zeit wie der Satiriker leben. Soll eine Satire aber im Rahmen einer literaturwissenschaftlichen Arbeit interpretiert werden, kommt auf die ausführende Person weitaus mehr Nachforschungsarbeit zu, als auf den zuvor angesprochenen Laien. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine professionelle Interpretation eines Textes mehr Informationen erfordert, als für das privat motivierte Verständnis eines Laien notwendig ist. Bei der Interpretation einer Satire ist dies jedoch besonders problematisch, da diese Textform stark „von der Wirklichkeit und damit auch von zeitge-bundenen politischen, kulturellen und sozialen Strömungen abhängig“ 18 ist. Liegt die Entstehungszeit der Satire also weit zurück und hat der Rezipient nicht die nötigen Kenntnisse über soziale und politische Umstände dieser Zeit, so ist für ihn „die Spannung zur Wirklichkeit“ 19 gerissen und er wird ohne Studium der historischen Gegebenheiten nicht in der Lage sein, den Text zu verstehen oder gar als Satire zu erkennen. Diese Problematik betrifft wiederum vermehrt Laien, da heute beispielsweise Fabeln wie Gullivers Reisen als Kinderbücher verstanden und (vor)gelesen werden. Da wohl den wenigsten Menschen die genauen Umstände der Entstehungszeit dieser Werke bekannt sind, können sie nicht wissen, dass es sich eigentlich um eine „äußerst bittere und scharfe [Satire]“ 20 handelt. Wenngleich bisher vornehmlich von Satiren in Textform die Rede war, können die genannten Merkmale, aufgrund des parasitären Charakters der Satire, ebenso auf andere Medien angewendet werden. Um dies zu belegen und ein Beispiel zu geben, soll im Folgenden Der große Diktator des Briten Charles Chaplin im Zentrum dieser Arbeit stehen.
3. Satire im Film: Der große Diktator von Charles Chaplin
In diesem Kapitel sollen zunächst die zuvor beschriebenen satirischen Charakteristika aufgegriffen und auf Den großen Diktator angewendet werden. So soll gezeigt werden, dass filmischen Satiren die typischen Merkmale ebenso stark innewohnen, wie ihren textförmigen Verwandten. Da auch Filme auf einer niedergeschriebenen Vorlage, dem Drehbuch, beruhen, sollte dies nicht allzu sehr überraschen.
Hierauf wird eine Analyse der zwei großen, im Film parodierten Elemente folgen: Die der Person des großen Diktators und des Doppelkreuz-Regimes. Das Ende des Kapitels wird ein zusammenfassendes Fazit bilden.
17 ebd., S. 11.
18 Magic-Point.de: Literaturgattungen: Satire. http://www.magicpoint.net/fingerzeig/literaturgattungen/satire/satire.html (9.8.2008).
19 ebd.
20 ebd. [Änderung durch die Verfasserin A.F.]
5
Quote paper:
Alice Fleischmann, 2008, Die Satire: Stilmittel des Erinnerns?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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