Inhaltsverzeichnis
Einleitung - Seite 3
Ged ächtnisbegriff - Seite 3
Ultrakurzzeitged ächtnis / Echogedächtnis - Seite 5
Kurzzeitged ächtnis - Seite 7
Langzeitged ächtnis - Seite 9
Deklaratives und implizites Wissen - Seite 12
Motorisches Gedächtnis - Seite 14
Schlusswort - Seite 15
Verzeichnis der zitierten Literatur - Seite 16
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Einleitung
Gehirn und Geist - dieser Dualismus gehört zu den letzten Mysterien der modernen Wissenschaft. So sehr sich diese These auch dem Vorwurf der Übertreibung stellen muss, das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit lässt sich dennoch erkennen. Trotz der vielen technischen Neuerungen an bildgebenden Verfahren in Forschung und Medizin der letzten Jahrzehnte, ist die Funktionsweise des knapp drei Pfund schweren, (nach Wilhelm Busch) „blumenkohlähnlichen“ Gebildes nur ansatzweise geklärt. Für den Menschen von besonderer Bedeutung ist dabei das Gedächtnis, mit dessen Hilfe der Einzelne Vergangenes mit der Gegenwart vergleichen kann, um seine Zukunft selbst zu gestalten. Vorliegende Arbeit versucht einen Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand der Neurophysiologie und -psychologie zum Thema Gedächtnis zu geben. Das spezielle (musikwissenschaftliche) Interesse liegt dabei in der Verbindung zwischen den verschiedenen Ausprägungsformen des Gedächtnisses und der Fähigkeit zur musikalischen Improvisation. Ausgangsbasis und Orientierung hierfür war der Text „Wissen und Gedächtnis“ von Herbert Bruhn aus dem Buch „Allgemeine Musikpsychologie“. 1 Trotz umfangreicher Studien zum Sachverhalt Musik und Gehirn waren keine wissenschaftlichen Publikationen aufzufinden, die sich direkt dem Thema Gedächtnis und Improvisation widmen. Im Anschluss an jedes Kapitel findet sich deshalb jeweils ein kurzes Fazit, welches die Bedeutung der einzelnen Gedächtnisprozesse für die musikalische Improvisation anzudeuten versucht.
Gedächtnisbegriff
Obwohl das Gedächtnis schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts 2 Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung ist, gibt es kaum eine einheitliche Vorstellung darüber, auf welche Art und Weise das Gehirn es dem Menschen überhaupt ermöglicht, dauerhaft Erfahrungen zu sammeln, spezialisierte Fähigkeiten auszubilden oder reproduzierbares Wissen zu erlangen. Als allgemein konsensfähig erweist sich die These, das Gedächtnis sei das Vermögen, „vergangene Wahrnehmungen nach einer kognitiven Verarbeitung mehr oder weniger dauerhaft zu speichern.“ 3
1 Bruhn, Herbert: Wissen und Gedächtnis. In: Allgemeine Musikpsychologie, hrsg. von Thomas H. Stoffer und Rolf Oerter, Göttingen 2005, Hogrefe Verlag für Psychologie, S. 537-590.
2 Bruhn S. 540: Die Arbeit Über das Gedächtnis von Hermann Ebbinghaus aus dem Jahre 1885 gilt als Ursprung der psychologischen Forschung über das Gedächtnis.
3 Bruhn, Herbert: Gedächtnis und Wissen. In: Musikpsychologie. Ein Handbuch. Hrsg. von Herbert Bruhn, Rolf Oerter und Helmut Rösing, Reinbeck 1993, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, S. 539.
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Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist bis heute noch nicht vollständig geklärt. Nach aktuellem Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass jede zentralnervöse Verarbeitung von Informationen über Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen verläuft, den sogenannten Synapsen. Jede Übertragung eines Nervenimpulses über eine solche Synapse kann zu einer Veränderung der Stärke von eben dieser führen. Somit schlägt sich jedes Ereignis, das vom Gehirn verarbeitet wird, auch mehr oder weniger im Gedächtnis nieder. 4 Neben der Stärke erhöht sich mit der Zeit auch die Anzahl der Verbindungen selbst, je nach Eigenheit und Dauer der entsprechenden Gehirnaktivität.
Ein Großteil der Forschung argumentiert nun direkt auf physiologischer Ebene: Gedächtnis ist die Fähigkeit der Nervenzellen im Gehirn, die Anzahl und Stärke ihrer Verbindungen zueinander über eine bestimmte Zeit zu verändern (d.h. zu erhöhen). Jede Aktivität zwischen zwei Nervenzellen kann jedoch zu chemischen Veränderungen führen, die diese Aktivität zeitlich überdauern, und somit könnte Gedächtnis als Charakteristikum aller Nervenzellen angesehen werden. 5 Es verwundert daher auch kaum, dass aus dieser Perspektive das Erinnerungsvermögen des Menschen schnell zum „Nebeneffekt“ 6 der verschiedenen Arten der Informationsverarbeitung im Gehirn erklärt wird.
In den 50er Jahren entwickelte sich eine bis heute allgemeinhin akzeptierte Theorie zur Unterteilung des Gedächtnisses in Analogie zur Computertechnologie in Lang- und Kurzzeitgedächtnis. 7 Erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte sich daneben auch die Vorstellung eines Ultrakurzzeitgedächtnisses. Diese Abstufungen sollten jedoch nicht als drei voneinander grundsätzlich verschiedene Speicherorte im Gehirn angesehen werden. Sie beschreiben vielmehr unterschiedliche Prozesse: „Die Aufnahme und Verarbeitung eingehender Reize, deren Bereithaltung für unmittelbar zu erledigende weitere Aufgaben sowie der Niederschlag der Informationsverarbeitung in der sich langfristig ändernden Stärke der Verbindungen zwischen Nervenzellen.“ 8 Diese Prozeduren sind also als funktional verschieden zu betrachten und sind nicht struktureller Natur. Bisher gibt es keinerlei Beweise für die anatomische Verschiedenheit der einzelnen Gedächtnisvorgänge. Die aktuelle Theorie besagt sogar, dass mindestens 2 Gedächtnisprozesse, nämlich das Lang- und Kurzzeitgedächtnis, dieselbe anatomische Struktur auf unterschiedliche Weise nutzen. 9
4 Spitzer, Manfred: Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. Stuttgart 2002, Schattauer, S. 125.
5 Snyder, Bob: Music and memory. An introduction. Massachusetts 2000, The MIT Press S. 4.
6 Bruhn S. 542
7 Bruhn S. 540-541
8 Spitzer S. 118
9 Snyder S. 4
4
Da es keinen einzeln zu benennenden Ort für die Speicherung von Daten im Gehirn gibt, kann man vom Gedächtnis auch als verteiltes Wissen innerhalb der Prozesse der sensorischen Wahrnehmung sprechen. 10
Einen gänzlich anderen Ansatz im Vergleich zur Neurophysiologie verfolgt die Psychologie. Sie nennt das Gedächtnis als „die grundsätzliche Voraussetzung für Lernfähigkeit, denn ohne eine Verankerung von Erfahrungen ist Lernen nicht möglich. Ohne Gedächtnis, ohne den Vergleich mit früheren Erfahrungen, blieben (abgesehen von einigen angeborenen Reiz-Reaktionsverbindungen) auch alle Sinnesreize leere und bedeutungslose Muster. Jede Melodie wäre nur eine Folge von einzelnen Tönen, wenn nicht im Gedächtnis die Zusammenhänge hergestellt würden, die Tonfolgen beim wiederholten Erklingen wiedererkannt und innerlich reproduziert werden könnten.“ 11
Ultrakurzzeitgedächtnis / Echogedächtnis
Es wurde gezeigt, dass der Begriff „Gedächtnis“ mehr umschreibt, als das bloße Memorieren und Erinnern von Wissensinhalten. Ein Großteil der Arbeit, die im neuronalen Netzwerk geleistet wird, läuft dabei unbewusst ab und kann auch nicht bewusst gemacht werden, wie etwa das Umwandeln und Kodieren diverser Speicherungsprozesse bei der kognitiven Verarbeitung des Wissens. 12
„Das Gedächtnis beginnt nicht erst mit der Repräsentation von Objekten und Ereignissen im Kortex, sondern hat Repräsentationen und Prozeduren auf vorbewussten Verarbeitungsebenen zur unbedingten Voraussetzung. So sind gespeicherte Prozeduren zur Verarbeitung von eingehenden auditiven Informationen oder zur Steuerung von Verhalten wie Musizieren und Singen im Allgemeinen nicht bewusst. Die Strukturierung von musikalischen Klängen oder die automatisierten Abläufe beim Musizieren sind vorbewusst, da sie sehr schnell ablaufen müssen. Sie sind nicht bewusstseinsfähig und können nur in ihren Auswirkungen bewusst gemacht werden.“ 13
Prozesse dieser Art kennzeichnen sich dadurch, dass sie präattentiv (d.h. vorbewusst) ablaufen, die Speicherung subkortikal 14 erfolgt und eine Veränderung der gespeicherten Gedächtnisinhalte nicht bewusst oder nur indirekt möglich ist. Die meisten dieser Prozeduren
10 Bruhn S. 546
11 Klöppel, Renate: Die Kunst des Musizierens. Von den physiologischen und psychologischen Grundlagen zur Praxis. Mainz 1993, B. Schott’s Söhne, S. 42.
12 Bruhn S. 452-453
13 Bruhn S. 543
14 Der Begriff „subkortikal“ beudeutet unterhalb der Gehirnrinde gelegen. Die äußere Gehirnrinde ist das letzte und am meisten spezialisierte Glied in der Evolution des Gehirns und somit verantwortlich für die außerodentlichen Denk- und Gedächtnisleistungen des Menschen gegenüber den Primaten und anderen Tieren.
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Arbeit zitieren:
Sebastian Bluschke, 2009, Inwieweit tangieren Voraussetzungen des Gedächtnisses die Fähigkeit zur Improvisation?, München, GRIN Verlag GmbH
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