Didaktischer Rahmen: Genuss mit Zukunft 06.09.2010 Dr. Ute Fehnker
Mit der Zielsetzung Gestaltungskompetenz rücken eine offene Zukunft mit variablen Möglichkeiten und die aktive Mitgestaltung in den Mittelpunkt der Bildungsprozesse. Dazu gehört auch auf die Fähigkeit, die zukünftigen Lebenssituationen in Kooperation mit anderen modellieren zu können und sich dabei von ethisch-moralischen Wertvorstellungen leiten zu lassen.
Eine Herausforderung für den Unterricht
Zukunftsfähige Entwicklung und darauf bezogene Bildungsprozesse haben vor allem dort Chancen auf Verbreitung, wo sie Institutionen und Personen nicht vor neue zusätzliche Aufgaben stellen. So ist ein Anschluss an bestehende Unterrichtsthemen ist z. B. über die Einbeziehung erweiterter Perspektiven oder auch über eine veränderte Richtung der Behandlung möglich; Problemstellungen müssen eventuell verschoben werden. Die Dynamik von Wissenschaft, Wirtschaft, Technik, Kultur und Gesellschaft erfordert ohnehin eine permanente Weiterentwicklung von Bildungszielen, -inhalten und -prozessen. Dies trifft insbesondere auf einen Unterricht zu, der die Ansprüche aufnimmt, die Bildung für nachhaltige Entwicklung stellt. Im gewohnten, vielleicht bisher bewährten Organisationsrahmen dürfte kaum eine reale Chance bestehen, die geforderten Intentionen durchzusetzen. Unterricht, der auf die Entwicklung von Gestaltungskompetenz ausgerichtet ist, muss sich mit Lebensbereichen undsituationen auseinandersetzen, die eine aktive Mitgestaltung erlauben und fordern. Diese Voraussetzung ist bei der Frage nach unserer Ernährung gegeben wie bei kaum einem anderen Themenbereich. Zu berücksichtigen ist, dass im Ernährungsbereich neben den drei Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung (soziale, ökonomische und ökologische Aspekte) auch gesundheitliche Aspekte einbezogen werden müssen, denn eine Ernährungsweise kann nur dann zukunftsfähig sein, wenn sie den Menschen einen hohen Grad an Gesundheit und Lebensqualität ermöglicht.
Es wird deutlich, dass es nicht primär um die unmittelbare Vermittlung eines veränderten Verhaltens, der Erfüllung vorgegebener gesellschaftlicher Normen oder um moralische Appelle geht. Gestaltungskompetenz beschreibt stattdessen als Zielsetzung die Fähigkeiten zur eigenständigen Urteilsbildung verbunden mit der Eignung, in Kooperation mit anderen im Kontext zukunftsfähiger Entwicklung innovativ handeln zu können, verbal wie instrumental.
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Die globale Krise ist weder allein auf der politischen noch auf der technischen Ebene lösbar, sondern wesentliche Schritte können nur dann vollzogen werden, wenn sich auch das All-tagshandeln der Menschen ändert. Die Konsum-, Lebens- und Ernährungsweisen der westlichen Industrieländer können nicht als Entwicklungsleitbild für die weniger entwickelten Länder dienen. Es gilt, die Lebenspraxen und Ernährungsstile von Menschen mit dem Ziel der Zukunftsfähigkeit in Übereinstimmung zu bringen.
Orientierungen für Bildungsprozesse
Bildung für nachhaltige Entwicklung steht für einen Lernprozess, der unser Fühlen, Denken, Handeln und unsere Entscheidungs- und Beurteilungsfähigkeit vor dem Hintergrund der globalen Verflechtungen in den Mittelpunkt stellt. Es gilt, die wechselseitigen Zusammenhänge unseres Ernährungsverhaltens mit globalen Prozessen in das Bewusstsein zu rücken und letztlich in vielen individuellen Bereichen die Akzeptanz von Handlungsalternativen zu fördern. Dabei ist -ausgehend von Wahrnehmungen und Handlungen im eigenen Erfahrungsraum- schrittweise die Perspektive zu erweitern. Bis hin zu einer Weltsicht, die durch die Reflexion der zugrunde liegenden Wertvorstellungen und Leitbilder gekennzeichnet ist. Ebenso ist bei diesem Schwerpunkt ein Blick nach innen erforderlich: Unsere Ernährungsentscheidungen sind hinsichtlich ihrer gesundheitsbezogenen Wirkungen zu reflektieren.
Für die Gestaltung zukunftsorientierter Lehr- und Lernprozesse gelten die folgenden Prinzipien:
- Das Denken in Zusammenhängen und die Bearbeitung schülernaher Ernährungsfragen. In altersangemessener Form sollte versucht werden, komplexe alltägliche Ernährungsfragen unterrichtlich zu bearbeiten. Erforderlich ist eine integrative Vorgehensweise, die die verschiedenen interdisziplinären (umwelt-, entwicklungs- und gesundheitsbezogenen) Zusammenhänge in ihrer Vielschichtigkeit und Vernetztheit erfasst und zu bearbeiten sucht. Zahlreiche unserer lokalen Handlungen rund um die Ernährung sind mit globalen, aber auch mit gesundheitsbezogenen Prozessen vernetzt. Der Umgang mit nicht vorhersehbaren Wirkungen, Wahrscheinlichkeiten und Risiken sollte thematisiert und geübt werden, wobei ebenso die Frage nach langfristigen Auswirkungen gestellt werden muss (Zukunftsperspektive).
- Die Entwicklung von Kompetenzen zur Verständigung und die Reflexion zugrunde liegender Werte.
Interkulturelle und zwischenmenschliche Verständigung auf der Basis ethischer Wertvorstellungen ist ein wesentlicher Kernpunkt der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Fähigkeit zur Verständigung, insbesondere bei Interessengegensätzen und Entscheidungskonflikten, ist wesentlich abhängig von der Sprachkompetenz, dem Vorhandensein und der Beherrschung einer entsprechenden medialen Ausstattung, aber auch von der jeweils kulturabhängigen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Persönliche Motive, Interessen, Verhaltensmuster sowie Entscheidungen und Verständigungsbemühungen müssen im Rahmen des Unterrichts in einem dauerhaften Prozess vor dem Hintergrund der nachhaltigen Entwicklung in Frage gestellt werden. So kann ein konstruktiver und konsensfähiger Umgang mit gegensätzlichen Interessen und Zielen, Konflikten und Missverständnissen möglich werden. - Der Aufbau von Kooperationen.
Die Herausforderungen einer zukunftsfähigen Entwicklung sind ohne die Zusammenführung der Kompetenzen und Erfahrungen möglichst vieler Menschen nicht zu lösen. Im 3 | S e i t e
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Unterricht sollte die Bereitschaft zu lokalen und globalen Partnerschaften und interdisziplinärem Zusammenarbeiten wecken und den Aufbau solcher Kooperationsbeziehungen fördern.
- Gestaltung von Möglichkeiten und Situationen für praktische Handlungen und Partizipation.
Unsere alltäglichen Handlungs- und Entscheidungsbereiche mit Bezug zur Ernährung stellen den Ausgangspunkt für die Themenbearbeitung dar. Hier können Handlungsalternativen entwickelt und hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Tragfähigkeit erprobt und in einem weiteren Schritt an andere (innerhalb oder auch außerhalb der Schule) vermittelt werden. Durch Partizipation soll die Bereitschaft und Fähigkeit gefördert werden, sich an der Gestaltung der individuellen Lebenswelt aktiv zu beteiligen, sich kompetent und ver-antwortlich auseinanderzusetzen, sich einzumischen und Möglichkeiten der Mitbestimmung wahrzunehmen.
- Entwicklung von Eigeninitiative und -verantwortung.
Bildung für nachhaltige Entwicklung beschreibt einen (lebenslangen) Lernprozess, der sich in allen Lebensphasen und in allen Alltags-, Arbeits- und Freizeitbezügen immer wieder neu stellen wird. Schulische Bildung kann sich vor diesem Hintergrund nicht auf die Vermittlung feststehender Kenntnisse und Methoden beschränken, sondern im Mittelpunkt muss die Initiierung und Förderung eines ergebnisoffenen, selbstorganisierten Lernprozesses stehen. Im Rahmen vereinbarter Ziele und Aufgaben planen die Schüler und Schülerinnen ihre Arbeiten selbst. Sie nutzen Hilfsquellen (vor allem auch außerhalb der Schule), ordnen ihre Ergebnisse kritisch ein, präsentieren sie und treten auch als Multiplikatoren auf. Irrtümer, Fehler und Schwächen sind in diesem Kontext anders zu gewichten: Sie sind eher ein Anreiz, auf anderen Wegen weiterzulernen. Der Prozess der Themenbearbeitung steht gegenüber dem Ergebnis im Vordergrund. - Ganzheitliches Lernen.
Bildung für nachhaltige Entwicklung spricht neben den kognitiven Fähigkeiten insbesondere die sinnlichen und kreativen Wahrnehmungen und Erfahrungen an. Vielfältige und überraschende Zugangsmöglichkeiten sollten erprobt und kulturell oder biographisch vernachlässigte Wahrnehmungs- und Erfahrungswege aktiviert werden. Ganzheitliches Lernen kann Voraussetzungen vermitteln, die Diskrepanzen zwischen Kopf, Herz und Hand, durch die die Entscheidungen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung oftmals gekennzeichnet sind, erfahrbar zu machen und zu reflektieren.
Die beschriebenen Prinzipien erfordern innovative Lehr- und Lernformen, wie sie bereits an vielen Schulen in vielen Fachbereichen entwickelt, erprobt und z.T. in das Schulprogramm übergegangen sind. Bildungsangebote sollten so gestaltet sein, dass die einzelnen Schülerinnen und Schüler mit ihren individuellen Stärken, Interessen und Fähigkeiten wahrgenommen, angesprochen und gefordert werden können. Lernsituationen, die verschiedene inhaltliche Zugänge und (evtl. arbeitsteilige) Bearbeitungsweisen anbieten, sollten verstärkt in die Unterrichtspraxis integriert werden und die nach wie vor sinnvollen Phasen des Lehrgangslernens ergänzen. Es stehen ein breites Methodenrepertoire und auch eine Vielzahl aktueller Medien und Materialien zur Verfügung. Der Unterricht muss sich öffnen, um den formulierten Anspruch einlösen zu können. Er sollte sich nicht nur an der Wirklichkeit orientieren, sondern diese auch aufsuchen. Ebenso gilt es, enge Fachgrenzen zu überschreiten.
Die bisher beschriebenen Anforderungen, die Bildung für nachhaltige Entwicklung an die Gestaltung der Lernprozesse und auch an das Schulleben stellt, macht deutlich, dass eine „klassische“ Lehrerrolle im Sinne eines Belehrers und Erziehers im Rahmen dieses Konzep-
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Arbeit zitieren:
Ute Fehnker, 2010, Didaktischer Rahmen - Genuss mit Zukunft, München, GRIN Verlag GmbH
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