bedeutet, dass sich der Einzelne mit der Nation identifizieren muss, zugleich jedoch seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse darin realisieren kann. 2
Hierbei sind Mythen, auch bezüglich kultureller Sinnstiftung, bei der Entstehung von Nationen von Bedeutung. Das Wort Mythos stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt Wort, Rede oder Erzählung. 3 In einer Mythisierung werden verstorbene Personen, vergangene Ereignisse oder Ideen von bestimmten Personen oder Gruppen in bestimmten Zeiten wieder vereinnahmt. Ein Mythos ist folglich von Dauer und durch Erinnerung soll politisches oder gesellschaftliches Handeln legitimiert werden. Meist wird dem Mythos auch eine nationale Bedeutung zugemessen, d.h. er wird von politischen oder religiösen Lagern vereinnahmt, womit seine individuelle Interpretation einhergeht. Auf der anderen Seite ist noch der ‚Kult’ zu definieren. Das Wort ‚Kult’ kommt aus dem Lateinischen und wird mit Pflege, Bildung oder Verehrung übersetzt. Gleichsam einer Vergötterung bzw. übertriebenen Verehrung einer Person. Diese Verehrung ist mit einer Breitenwirkung verbunden. 4 In diesem Punkt, der Beanspruchung von Massen, ist eine Überschneidung in den beiden Definitionen zu finden. Ein Mythos kann wie erwähnt in Form einer popularisierenden Wirkung auftauchen und in gleichem Maße der Kult breite Verehrung aufzeigen. In Anlehnung an diese beiden Definitionen werden Schiller und Goethe bezüglich einer Mythisierung in meiner kurzen Arbeit genauer erforscht.
Mythos: Friedrich Schiller
Schon zu seinen Lebzeiten begeisterte Schiller mit seinen Dramen das Publikum. Er galt als angesehener Dichter und zugleich als Rebell. Seine Werke handelten vom Kampf gegen den Absolutismus, von Befreiungskämpfen oder Gedankenfreiheit. Doch proklamierte Schiller die Ausbildung zu freiem Menschentum als oberstes Ziel. Die Bildung eines deutschen Nationalstaates hielt er um 1800 für unmöglich und verdeutlichte dies in folgendem Xenion:
2 Vgl. Langenwiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, 39/40.
3 Wahrig, Brockhaus Deutsches Wörterbuch, 761.
4 Ebd., 343.
5 zit. in: Schiller, Gedichte, 379.
Trotz dieser klaren Aussage stieg Schiller bis Mitte des 19. Jahrhunderts zur geistigen Führerfigur der politischen Opposition auf, da diese aus seinen Gedichten die Forderung nach nationaler Einheit interpretierten. Die öffentliche Dominanz der Figur Schiller zeigte sich vor allem in der Zeit des Vormärz und der 1848er Revolution, in der er „zur Galionsfigur der politisch-liberalen Opposition gegen den fürstlichen Absolutismus, die literarische Zensur etc.“ 6 instrumentalisiert wurde. Die Gründung von Schillervereinen, die Errichtung von Denkmälern bis hin zu gewaltigen Massenveranstaltungen in Form von Feiern sollten den deutschen Dichter ehren. 7 Obwohl die Figur in bestimmten Zeitabschnitten in den Hintergrund rückte, war die Wirkung der Schiller-Verehrung im 19. Jahrhundert von „literaturhistorischer Singularität“. 8
Aus Schillers literarischem Schaffen basierte seine öffentliche Bewunderung. Das Besondere in der Entwicklung war die entfachte Euphorie bis hin zur Heiligsprechung, welche durch die Inanspruchnahme seiner Person bei den diversen Schillerfeiern im Volk geweckt wurde. 1859 glorifizierten die Redner in den Schillerfeiern ihre kulturelle Einheit. Sie stilisierten Schiller zum Aushängeschild der Nation: „Daß wir alle Schiller sind, dass wir in ihm die am schärfsten und reinsten ausgeprägte Form erblicken, in der wir alle gebildet, nach der wir alle gemodelt sind, das macht ihn zu dem Dichter des deutschen Volks.“ 9 Der politischen Nationsbildung ging die Kulturelle vorweg. Kulturelle Bildung sollte durch die Feiern das Volk zur Nation einen und die Menschen sollten sich durch Teilnahme zu den übermittelten Werten bekennen. Die Instrumentalisierung Schillers sowie ein starkes vereinfachen seiner Werke, indem die Redner einzelne Sequenzen aus dem Kontext nahmen und öffentlichkeitsnah präsentierten, kennzeichneten die Reden. So bediente sich beispielsweise der Klempnermeister Lehrmann in seinem vorgetragenen Gedicht zum Schillerfest in Hamburg einer leicht abgewandelten Übernahme des Rütlischwurs: „Was du prophetisch sprachst, laß in Erfüllung gehen!“ 10 Hiermit stellt er eine direkte Beziehung zwischen der Aussage einer Figur aus Schillers Drama und Schiller selbst her.
6 Vgl. Noltenius, Die Nation und Schiller, 171.
7 Vgl. Haller-Nevermann, Friedrich Schiller, 235.
8 zit. in.: Ebd. 233.
9 zit. in: Langewiesche, Nation, 86.
10 Lehrmann, Zum Schiller-Feste, in: Noltenius, Die Nation und Schiller, 157.
11 zit. in: Ebd.
In seiner poetischen Inszenierung benutzt Lehrmann den toten Schiller als geistigen Führer des Volkes, um seine eigenen Ideale respektive Ziele im politischen Kampf der Handwerker auf die Bürger zu übertragen. Den Rütli-Schwur verwendet er als Instrumentarium der Herstellung von Identifikation, indem das Volk aufgefordert wird, den Schwur zu wiederholen. 12
Doch als Grundlage der breiten Schillerverehrung galt sicherlich die Sprache des Dichters, welche eine Brücke zu den Problemen der Menschen schlug. Seine Ausdrucksweise in Verbindung mit den im Menschen hervorgerufenen Gefühlen bildete erst die Grundlage für eine spätere Instrumentalisierung. Schiller schaffte es wie kein anderer deutscher Dichter, dass das Volk sich in seiner Sprache wieder fand, sich in seine Gedichte und Dramen hineindenken und sich somit absolut mit ihm identifizieren konnte. 13 Der Literaturhistoriker Robert Prutz beschrieb in einer seiner Vorlesungen den Gegensatz der literarischen Breitenwirkung zu Goethe wie folgt:
„Hat an Schiller, in der gefährlichsten, verhängnisvollsten Zeit, die Nation sich aufgerichtet [...] so ist sie [...] an den Altersdichtungen Goethes nur noch mehr gesunken...“ 14
Schillers Sprachgewalt fand in allen untersuchten Reden zum Schillerfest euphorische Bewunderung. So lobte Friedrich Theodor Vischer in seiner Rede zur hundertjährigen Feier der Geburt Schillers die belebende, geschmeidige und erhöhende Sprache, welche als „goldene Sprüche wie Flammenschrift“ 15 aus Schiller entspross. Die Intensität von Schillers Sprache verschaffte ihm Nähe zum Volk.
Bezeichnend für die Stellung der beiden Dichter in der Öffentlichkeit waren die Gedenkfeiern von 1849 bzw. 1855. Während für Schiller große Gedenkfeiern in ganz Deutschland abgehalten wurden (Rudolf Wustmann schreibt in seinem Buch Weimar und Deutschland: „in einem Ansturm von Begeisterung wurde es überrannt.“ 16 ) würdigte man die 100. Wiederkehr des Geburtstags Goethes in sehr kleinen und bescheidenen Rahmen. Bei der Errichtung des Goethe-Schiller Denkmals 1859 in Weimar stand folglich Goethe im Schatten des
12 Vgl. Noltenius, Dichterfeiern, 160.
13 Vgl. Gerhard, Schiller als Religion, 259.
14 zit. in: Mandelkow, Goethe in Deutschland, 132.
15 zit. in: Vischer, Rede zur hundertjährigen Feier, 423.
16 Wustmann, Weimar und Deutschland 1815-1915, 143.
Arbeit zitieren:
Heiko Hoffmann, 2009, Kulturelle Mythen im 19. Jahrhundert: Friedrich Schiller und Johann W. Goethe , München, GRIN Verlag GmbH
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