Gliederung
I. Einleitung 3
II. Die Entwicklung des Ekels in Sartres La Nausée 4
III. Schlussbemerkung. 13
IV. Résumé. 14
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I. Einleitung
„La Nausée […]: c´est moi“: 1 so oder so ähnlich könnte das Ergebnis des Versuchs aussehen, dem Begriff Ekel in Jean-Paul Sartres im Jahre 1938 erschienenen Roman La Nausée eine Definition zuzuordnen. Unter dem theoretischen Aspekt betrachtet drückt Ekel als Bezeichnung für eine der stärksten Empfindungen, die der Mensch zu fühlen fähig ist, in erster Linie eine Abneigung bzw. einen starken Widerwillen gegen organische Substanzen jeglicher Art, gegen Objekte sowie auch gegen Subjekte aus. Er stellt somit eine Maßnahme zum Selbstschutz des eigenen menschlichen Körpers dar, dem etwas zu nahe kommt, das von dem Betroffenen als überaus unangenehm und aufdringlich empfunden wird. Als Ausweg aus dieser misslichen Lage bahnt sich bei der Person schließlich ein Ekel an, eine Art Abstoßungsreaktion, um sich von der unerwünschten Sache so schnell wie möglich zu distanzieren oder sich ihrer im günstigsten Fall sogar zu entledigen. In der Psychologie ebenso wie in der Neurologie wird Ekel als ein grundlegendes, jedem Menschen innewohnendes Reaktionsmuster angesehen, 2 das sich äußerlich in der Mimik einer angewiderten Person zeigt. Bei den Betroffenen kommt es meist zu heftiger Übelkeit, die mit einem Brechreizgefühl einhergeht.
In der heutigen Umgangssprache findet sich das Adjektiv “ekelhaft“ zur Benennung unwillkommener bzw. unerwünschter Gegebenheiten. Der Begriff meint hier jedoch in den meisten Fällen lediglich ein negatives Empfinden bzw. die individuelle Zuschreibung einer Situation als ablehnend 3 und wird daher in seiner Verwendung vielfach zweckentfremdet. Das subjektive Empfinden lehnt mit der Bezeichnung einer bestimmten Situation oder bestimmter Substanzen als “ekelhaft“ eben jene ab, wobei sich diese Art von Abneigung zumeist weit unterhalb des bei weitem darüber hinausgehenden, viel stärkeren Empfindens von Ekel befindet.
In Sartres Roman La Nausée verwendet der Protagonist des Öfteren sowohl den Begriff nausée als auch den Ausdruck dégoût. Im Deutschen jedoch ist lediglich der Universalterminus “Ekel“ als Äquivalent gebräuchlich, weshalb nicht exakt zwischen den beiden französischen Begriffen differenziert werden kann.
1 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 181.
2 Vgl. W. Menninghaus, Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, Frankfurt am Main 1999, 8.
3 Zum Beispiel: „Der Schneeregen ist ekelhaft“ heißt in der gehobenen Sprache so viel wie: „Der Schneeregen ist sehr/wirklich unangenehm.“
3
Dennoch ist anhand der wörtlichen Übersetzung eine leichte Differenz feststellbar: während nämlich der Begriff nausée wörtlich mit “Übelkeit“ und “Brechgefühl“ übersetzt wird und lediglich im übertragenen Sinn “Ekel“ bedeutet, bezeichnet der Terminus dégoût buchstäblich “Ekel“ und “Abscheu“. Der Protagonist hält sich also regelmäßig innerhalb des Bereichs des dégoût auf, des Ekels im eigentlichen Sinn, wenn er im Roman von nausée, von einer ihn überkommenden Übelkeit, spricht. Der Begriff nausée findet sich in der Existenzphilosophie Sartres 4 wieder und erlangt somit eine philosophische Komponente, während hingegen den Ekel konkret hervorrufende organische Aggregatzustände in die Kategorie des dégoût, des Ekels im allgemeinen Sinn, fallen. 5 Fraglich ist jedoch, was genau der Protagonist letzten Endes unter nausée versteht, dem Gefühl, das ihn so oft überfällt und in dessen Kontext nicht selten das Gefühl der Angst steht.
II. Die Entwicklung des Ekels in Sartres La Nausée
Alles beginnt für den Protagonisten Antoine Roquentin mit einer in seinem Alltag wahrgenommenen Veränderung:
„Dans mes mains […], il y a quelque chose de neuf, une certaine façon de prendre ma pipe ou ma fourchette. Ou bien c´est la fourchette qui a […] une certaine façon de se faire prendre […]. […][Comme] j´allais entrer dans ma chambre, je me suis arrêté net, parce que je sentais dans ma main un objet froid qui retenait mon attention par une sorte de personnalité. J´ai ouvert la main, j´ai regardé: je tenais […] le loquet de la porte“. 6
Der Hauptdarsteller fühlt sich unwohl und reagiert auf die neue Erscheinung der ihn umgebenden Gegenstände mit Angst, Angst vor allem Neuen und damit Ungewissen, Angst vor Veränderung, Angst vor der Zukunft. 7 Das erste Mal kommt der Protagonist mit dem Gefühl des Ekels in Berührung, als er - wie die Jungen es machten - einen Kieselstein über das Meer springen lassen wollte:
„[…] [Je] me suis arrêté, j´ai laissé tomber le caillou et je suis parti. […] Il y avait quelque chose que j´ai vu et qui m´a dégoûté, mais je ne sais plus si je regardais la mer ou le galet. Le galet était plat, sec sur tout un côté, humide et boueux sur l´autre. Je le tenais par les bords, avec les doigts très écartés, pour éviter de me salir“. 8
4 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 505.
5 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 505.
6 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 17/18.
7 Vgl. J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 19/20.
8 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 14.
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Diese auffällige Verhaltensweise kann als ein erstes Anzeichen für Ekel gewertet werden. Der Körper lehnt den Entschluss Roquentins, den Kieselstein zu werfen, ab, um sich selbst vor möglichen Gefahren zu schützen, die mit dem Werfen einhergehen könnten. 9 Das Verhältnis zwischen ihm und den ihn umgebenden Dingen scheint hier verkehrt, zumal da er selbst nicht mehr handelndes Subjekt ist, sondern von den Sachen in die passive Position des Handlungsträgers gesetzt wird. Während Roquentin also den Posten der Dinge einnimmt, übernehmen jene seine Stelle: „Les objets […] me touchent, c´est insupportable. J´ai peur d´entrer en contact avec eux […]“. 10 Auffällig ist auch die Sichtweise Roquentins bezüglich der Abfassung seines Romans über den Marquis de Rollebon, die sich im Anschluss an diese Vorfälle ändert: „Longtemps l´homme […] m´a intéressé plus que le livre à écrire. Mais, maintenant, l´homme […] commence à m´ennuyer. C´est au livre que je m´attache […]“. 11 Der Fokus seines Interesses gilt nun nicht mehr der Person selbst, sondern es geht Roquentin ab diesem Zeitpunkt vielmehr um das Schreiben des Buches an sich, um die Sache, während der Charakter Rollebons dabei in den Hintergrund zurücktritt. Auf Grund der Unbestimmtheit dieses unangenehmen Gefühls, dem Ekel, versucht Roquentin ihn eines Abends in dem Café, in welchem er sich aufhält, zu lokalisieren, um seiner Bedeutung in irgendeiner Weise näher zu kommen bzw. ihn gegebenenfalls sogar einmal definieren zu können: „[ …] [Je] l´ai […], la Nausée. Et cette fois-ci, c´est nouveau: ça m´a pris dans un café“. 12 Der Protagonist verliert in dem Café jeglichen Orientierungssinn, versucht aber dennoch, die Lage zu überschauen und sich über den Ursprung seiner Lust, sich zu übergeben, 13 klarzuwerden:
„Sa chemise de coton bleu se détache joyeusement sur un mur chocolat. Ça aussi ça donne la Nausée. Ou plutôt c´est la Nausée. La Nausée n´est pas en moi: je la ressens là-bas sur le mur, sur les bretelles, partout autour de moi. Elle ne fait qu´un avec le café, c´est moi qui suis en elle“. 14
Es entsteht der Eindruck, der Ekel nähere sich langsam von außen an Roquentin heran, und noch ist er es selbst, der sich in dem Ekel aufhält.
9 Vgl. P. Poiana, The Subject as Symptom in Nausea, in: A. Rolls/E. Rechniewski, Sartre´s Nausea. Text, Context, Intertext, New York 2005, 78.
10 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 26.
11 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 29.
12 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 36.
13 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 37.
14 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 38.
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Arbeit zitieren:
Anna Vogel, 2009, Ekel - Betrachtung der Empfindung in Sartres "La Nausée" unter dem philosophischen Aspekt des Existentialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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