Übersetzungen von poetischen Texten als schwierig oder gar nicht übersetzbar gelten. Was ein Übersetzer bei seiner Arbeit beachten muss, ist laut Benjamin, dass dieser das
Wesentliche, das er als das „Unfaßbare, Geheimnisvolle, >Dichterische<“ 2 bezeichnet, in einer gelungenen Übersetzung wiedergeben muss. Unter dem „Wesentlichen“ 3 einer Übersetzung versteht Benjamin nicht die Mitteilung bzw. Aussage eines Gedichtes, sondern
vielmehr das Wesen bzw. die Gestalt. „Vom Sinn [muss] in sehr hohem Maße abgesehen“ 4 und der Fokus des Übersetzers muss auf die Form und Syntax eines poetischen Textes gelenkt werden, um eine gelungene Übersetzung entwickeln zu können.
Ob und inwieweit Google Translate den Anforderungen Benjamins an eine gute Übersetzung bzw. an einen guten Übersetzer gerecht wird, wird nun anhand des Gedichtes ‚Willkommen
und Abschied‘ 5 von Johann Wolfgang von Goethe demonstriert. Nachdem das vollständige Gedicht in das Programm eingegeben und es automatisch vom Deutschen ins Englische übersetzt wurde, ist zunächst auffällig, dass Google Translate die Absätze, die das Original aufweist, nicht in der Übersetzung berücksichtigt, sondern stattdessen vollkommen weggelassen hat. Der maschinelle Übersetzerformte folglich das geordnete und übersichtliche Original, das aus insgesamt vier Strophen besteht, um, in eine einzige gebundene Strophe. Des Weiteren wird deutlich, dass die Software jegliche Satzzeichen vom Original in die
Übersetzung übernommen hat. 6 Bei näherer Betrachtung der Übersetzung erkennt man jedoch, dass das Programm zwar alle Zeichen grammatikalisch korrekt und an den gleichen Stellen, wie es im Original ist, übernahm, aber im fünften Vers ein Satzzeichen eingefügt hat, das im Original nicht zu finden ist. Das Komma betont zwar hierbei das Wort ‚oak‘, kann aber in diesem Falle aus grammatikalischer Sicht weggelassen werden. Des Weiteren besteht das Original aus einem Kreuzreim (ababcdcd …). In der von Google Translate angefertigten Übersetzung ist sehr gut sichtbar, auf welche Art und Weise das Programm eine Sprache in eine andere überträgt: Es übersetzt jedes einzelne Wort und versucht dabei die Syntax beizubehalten. Das Programm übersetzt im ersten und dritten Vers beispielsweise ‚Pferd‘ mit ‚horse‘ und ‚Erde‘ mit ‚earth‘ und behält, um der Anordnung des Originalverses zu folgen, die Wörter, die eigentlich einen Reim bildeten, an der gleichen Stelle- nämlich am Schluss des Verses. Da das Programm die Anordnung beibehält verschwindet der Reim in der Übersetzung jedoch. Demzufolge besitzt die Software nicht die
2 Benjamin, Walter: Die Aufgabe des Übersetzers. In: ders. Gesammelte Schriften Bd. IV/1, S. 9. Frankfurt/Main 1972.
3 Ebd.
4 Benjamin S. 18.
5 Siehe Anhang.
6 Beispiele dafür finden sich u. A. in den Versen 1,2, 18,23, etc.
2
Arbeit zitieren:
Susanne Hahn, 2010, Google Translate, München, GRIN Verlag GmbH
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