1. Einleitung
Der Leopoldston von Walther von der Vogelweide scheint auf den ersten Blick relativ unhomogene Strophen in sich zu bergen. Hier einen Zusammenhang zu finden und die Abschnitte nicht als etwas zufällig durcheinander Gewürfeltes zu betrachten, fällt zunächst schwer. Diese Ausarbeitung wird sich mit der Einordnung und Interpretation der einzelnen Sprüche des Gesamttons beschäftigen. Es soll gezeigt werden, dass die Anordnung der Sprüche keineswegs unproblematisch und in der Forschung umstritten ist. Daher widersprechen sich auch die Interpretationsansätze, die sich z.T. auf die Reihenfolge stützen. Abschließend soll in einem Exkurs die Gattungsproblematik vorgestellt werden. Die unterschiedlichen Forschungsmeinungen werden dabei exemplarisch an den Thesen von Friedrich Maurer und Kurt Ruh untersucht, bevor die Ergebnisse im Schluss zusammengefasst werden.
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2. Überlieferung des Leopoldstons
Die Strophen des Leopoldstones wurden hauptsächlich in der Handschrift C (C), auch ‚Große Heidelberger Liederhandschrift’ oder ‚Manesse-Kodex’ genannt, überliefert. Diese beinhaltet laut Schweikle 1 fünf Strophen in folgender Reihenfolge: ‚Spottstrophe auf Gerhard Atze’, ‚Reinmarnachruf II’, ‚Verkehrtes Regiment’, ‚Gute und schlechte Werte’ und ‚Drei Wünsche’. Sie werden fortlaufend mit den Nummern C 30 bis C 34 gekennzeichnet. Von C 34 sind jedoch nur die ersten fünf Verse bis „in scheid ir von ein ander niht“ (L 84,1, V. 5) notiert, die restlichen acht Zeilen wurden in kleinerer Schrift am unteren Rand nachgetragen. 2 Da sowohl diese als auch die zwei vorhergehenden Strophen einen anderen Schriftcharakter aufweisen als die beiden ersten, bildet dies zusammen mit der fehlenden Initiale von C 33 und dem Nachtrag von C 34 einen Hinweis auf ein späteres Aufzeichnen dieser drei Strophen. Dies war nicht unüblich: des Öfteren wurde in dieser Sammlung „Raum für eine Ergänzung freigelassen“ 3 , wobei diesmal jedoch der Platz ausnahmsweise wohl nicht ganz ausreichte. Der Nachtrag der Handschrift A (a), der ‚Kleinen Heidelberger Liederhandschrift’, verzeichnet jedoch neben anderen anonymen Waltherstrophen zwei ebenfalls anonyme Reinmarstrophen, bei denen die zweite der schon in C aufgeführten (C 31) entspricht. Sie werden mit ‚a 22’ und ‚a 23’ bezeichnet - a 23 entspricht wie schon erwähnt C 31, a 22 bildet somit den Reinmarnachruf I. Bei dieser nur in Handschrift A überlieferten Strophe fehlen in Vers neun ab „dun spræches ie den vrowen wol“ (L 82,24, V. 9) einige Worte, die jedoch in Anlehnung an die Dichtung Reinmars, mit dessen Worten Walther in diesen zwei Strophen spielt, mit nur geringen Unterschieden von verschiedenen Forschern ergänzt werden konnten. Nach a 23 wurde noch Platz für eine dritte Strophe gelassen, der jedoch nie gefüllt wurde 4 . Das Heiligenstädter Fragment (w xx ) enthält unter anderen auch noch eine siebente, jedoch anonyme Strophe, welche meist Walther und dem Leopoldston zugeordnet wird. Sie wird ‚Sibechstrophe’ nach dem darin beschriebenen schlechten Berater Sibech genannt, besteht jedoch nur aus den letzten sieben Versen der Strophe 5 , ohne dass die ersten dazu passenden Verse je gefunden wurden.
Die den meisten Interpretationen zu Grunde liegende Reihenfolge der Strophen geht auf Lachmann zurück, welcher sie folgendermaßen ordnet: C 30, a 22, C 31 (bzw. a 23), C 32, C 33, C 34 und zuletzt die Sibechstrophe. Diese bezeichnet er der Reihe nach mit folgenden Ziffern: 83,11 (Spottstrophe auf Gerhard Atze), 82,24 (Reinmarnachruf I), 83,1
1 Vgl. Schweikle 1994, S. 484.
2 Vgl. ebd..
3 Ebd..
4 Vgl. Scholz 2005, S. 140.
5 Vgl. Schweikle 1994, S. 484.
3
(Reinmarnachruf II), 83,14 (Verkehrtes Regiment), 83,27 (Gute und schlechte Werte), 84,1 (Drei Wünsche) und XXVII, 7-13 (Sibechstrophe). 6
Die nachfolgende Tabelle soll die Überlieferung und Benennung der Strophen in den verschiedenen Handschriften und in der letztendlich gewählten Reihenfolge bei Lachmann noch einmal verdeutlichen.
In der Forschung wurden auch teilweise andere Reihenfolgen gewählt: so ordnet Maurer nach den beiden Reinmarnachrufstrophen die ‚Guten und schlechten Werte’ an, gefolgt von den ‚Drei Wünschen’, dem ‚Verkehrten Regiment’ und letztendlich der Spottstrophe auf Gerhard Atze. Die Sibechstrophe fehlt bei ihm völlig. 7
Ruh (1972, S. 223ff) dahingegen teilt den Ton in zwei Triaden und die Atzestrophe auf. 8 Diese stellt er an die Spitze als Verbindung zum 1. Atzeton, folgend von der ‚Fürstenmahnungstriade’, bestehend aus ‚Gute und schlechte Werte’, ‚Verkehrtes Regiment’ und der ‚Sibechstrophe’, welche den Thüringer Fürsten, Landgraf Hermann I., wegen der schlechten Annahme bei Hofe tadeln sollen, und der ‚Wientriade’, bestehend aus den beiden Totenklagen um Reinmar und den ‚Drei Wünschen’, welche zusammen eine Einlassbitte beim Wiener Hof darstellen.
In folgender Tabelle wurden die verschiedenen Anordnungen von Maurer und Ruh noch einmal nebeneinander gestellt:
6 Vgl. Cormeaut 1996, S. 55f..
7 Vgl. Schweikle 1994, S. 485.
8 Vgl. Ruh 1972, S. 223ff..
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Je nach Gewichtung und Reihenfolge der Strophen wird der ‚Leopoldston’, in Anlehnung an den Herrscher in Wien, dem die Einlassbitte gilt, ‚2. Atzeton’, in Bezug zu dem Wiederaufgreifen des Themas aus dem 1. Atzeton, oder 1. Thüringerton, der das Entstehen des Tones am Thüringerhof voraussetzt, genannt. 9
Im Folgenden werden wir die Strophenanordnung Kurt Ruhs anwenden, da uns diese Reihenfolge für eine tiefgreifende Interpretation am sinnvollsten schien. Die mittelhochdeutschen Zitate stammen aus der Lachmann-Cormeau-Ausgabe von 1996.
9 Vgl. Scholz 2005, S. 70f..
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3. Fürstenmahnung-Triade
3.1 Atzestrophe
In der ersten Strophe des Leopoldston geht es um den auch schon im dritten Spruch des Atzetones erwähnten Gerhard Atze, welcher der geachtete und reiche Ministeriale am Hofe des Landgrafen Hermanns I. ist. 10 Entstanden ist diese Strophe am Thüringer Hof vermutlich um 1204/05. Zu dieser Zeit entstand dort auch Wolframs Parzival. 11 Nach Ursula Peters ist die Einordnung ausschließlich in Thüringen sinnvoll, da die Strophe vom Publikum ein gewisses Vorwissen verlangt. In dieser Strophe setzt sich nämlich der Autor mit seinem Publikum auseinander, welches damit gleichzeitig der Entstehungsgrund für die Strophe ist. 12 Dies soll an späterer Stelle noch genauer erläutert werden.
Der Spottstrophe geht voraus, dass Gerhard Atze mit oder ohne Absicht in Eisenach ein Pferd von Walther erschießt. Der Grund dafür ist, dass das Pferd nach der Auffassung von Gerhard Atze mit dem Ross verwandt sei, welches ihm einen Finger abgebissen hatte. Nachdem dieser keinen Schadensersatz für das Pferd Walthers zahlen will, geht Walther an den Thüringer Hof, wo der Landgraf Gerhard Atze den Prozess machen soll. 13 Diese Klage ist wahrscheinlich ins Leere gegangen. Jedoch ist es fragwürdig, ob dieser Prozess wirklich stattgefunden hat. Es ist kaum vorstellbar, dass Walther als Fahrender und Gast eine derartige gesellschaftliche Stellung hatte, sodass er einen Prozess gegen ein Mitglied des thüringischen Adels einleiten konnte. 14 Geht man davon aus, dass der Prozess stattgefunden hat und verloren wurde, dann ist die Spottstrophe als eine hinterhältige Rache an Atze zu bewerten.
„Weder ritest gerner eine guldîn katzen / alder einen wunderlîchen Gêrhart Atzen?“(V. 7-8) Walther bietet Atze als Reitpferd bzw. Esel 15 seinem Knappen an und vergleicht ihn beleidigend mit einem „affen“ (V. 10) und einem „guggaldei“ (V. 11).
Nach Klein lässt sich mit dieser Strophe auch Walthers angezweifelte Ritterbürtigkeit belegen, weil er wie ein Ritter einen Knappen und ein Pferd besitze. 16
Für die in Vers sieben genannte „guldîn katzen“ gibt es keine handfeste Deutung, sondern lediglich Ansätze. Fest steht jedoch, dass die Katze im Mittelalter für ein unreines und dem Menschen feindseliges Tier gehalten wurde und damit ein kränkender Vergleich war. 17 „Klein
10 Vgl. Klein 1971, S. 321.
11 Vgl. Schweikle 1994, S. 486.
12 Vgl. Peters 1981, S. 14.
13 Vgl. Brunner 1996, S. 160.
14 Vgl. Mohr 1983, S. 188.
15 atze = volkstümliche Abkürzung für lat. asinus.
16 Vgl. Schweikle 1994, S. 486, zit. nach Klein 1952, S. 77.
17 Vgl. Wilmanns 1924, S. 305.
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Arbeit zitieren:
Petra Richter, 2007, Walther von der Vogelweide - Der Leopoldston, München, GRIN Verlag GmbH
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