Claude Mandil beschreibt mit diesen Worten eine zentrale Befürchtung der westlichen Gas-Verbraucherstaaten. Nämlich, dass Gazprom seine Marktmacht primär durch Akquisition anderer Firmen zu festigen versucht und nicht durch Investitionen in eigene Förderkapazitäten. Das heißt etwas überspitzt formuliert: Gazprom tastet absichtlich eigene Vorkommen möglichst wenig an, sichert sich strategische Anteile an anderen Produzenten und Transitakteuren, um bei künftig steigender Gasnachfrage eine monopolistische Stellung inne zu haben.
Die klassische Auffassung, dass es lediglich Wettbewerb zwischen Verbraucherstaaten um die knapper werdenden Gasvorkommen der Welt gibt, muss heute tatsächlich korrigiert werden. Global agierende Produzenten versuchen zunehmend andere Produzenten mit deren Vorkommen unter ihre Kontrolle zu bringen. Zusätzlich findet eine Vermischung der lange Zeit getrennten Prozesskettenbereiche Up- und Downstream in immer stärkerem Ausmaß statt. So haben bspw. Ferngasgesellschafter ein Interesse daran aktiv im Fördergeschehen mitzuwirken - sich also Gewinnbeteiligungen an der Produktion und Einfluss bei der Preisgestaltung zu sichern (vertikale Rückwärtsintegration). Umgekehrt versucht Gazprom seinen Zugang zum Endkunden auszubauen, sei es durch Diversifizierung der Pipelinerouten, Zubau von Gasspeicherkapazitäten oder direkte Beteiligungen an Gashändlern - ebenfalls aus dem Interesse heraus Preise eigenständiger zu kontrollieren (vertikale Vorwärtsintegration).
Solche, unternehmenspolitisch im Sinne der Wertschöpfung durchaus nachvollziehbare 1 , Strategien sind im internationalen politischen System zunehmend Anlass zur Sorge. 2 Die Energieversorgung ist als Basis einer jeden Volkswirtschaft seit jeher nicht nur eine wirtschaftliche Angelegenheit. Denn aus neorealistischer Perspektive, welche in den internationalen Beziehungen das „Selbsthilfesystem“ und das Streben nach Souveränität beinhaltet, fürchten Staaten die Gefahr der Fremdbestimmung - sei es hier bei der Gasförderung oder beim Gasimport. Ob nun die Gefahr aus europäischer Sicht primär in der Erhöhung des (wirtschaftlichen) Gaspreises für die Kunden gesehen wird, oder darüber hinaus in der Erhöhung der Abhängigkeit von einem anderen Staat (politischer Preis), darüber kann spekuliert werden.
Fest steht, dass die EU-Kommission - auf Nummer sicher gehend - im Jahr 2007 mit dem dritten Liberalisierungspaket für beide Fälle regulatorische, bzw. protektionistische Initiativen ergriff. Das heißt: Es wird versucht, Sicherheit durch formale Institutionen zu schaffen.
1 Anm.: Auf die Frage, ob eine Verteufelung der vertikalen Integration Sinn macht, antwortet Claudia Kemfert: „Nein. Es ist verständlich, dass ein Unternehmen eine Monopolstellung bezweckt. Wettbewerb ist aber dennoch nötig.“ („Fakt“ 12.01.2009)
2 Vgl. Deutscher Bundestag, 08.11.2007: Jahresgutachten 2007/08 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, 411 ff. - Auszug: „Es ist zu befürchten, dass das Unternehmen Gazprom, das heute schon
in der Belieferung von Deutschland mit Erdgas eine marktbeherrschende Stellung besitzt, diese Marktmacht durch
Vorwärtsintegration in Transport und Verteilung zementiert und ausbaut.“
Um überhöhte Preise und monopolistische Strukturen zu bekämpfen, wurde die so genannte eigentumsrechtliche Entflechtung (Zerschlagung) ins Feld geführt. Erklärtes Ziel: ein offener europäischer Binnenmarkt, der Verbrauchern mehr Gewicht verschafft. Demnach dürften Strom- und Gasnetzbetreiber künftig nicht mehr zu Konzernen gehören, die auch in der Energieversorgung underzeugung tätig sind. 3 Käme die Auflage zur Entflechtung so wären bspw. BASF und E.On, beide beteiligt an Nord-Stream und dem Megafeld „Juschno Russkoje“, gezwungen ihre bisherigen Investitionsrechnungen unter veränderten Bedingungen neu zu bewerten. Es müssten unabhängige Betreiber geduldet werden. Das würde ein vom Gasfeld bis hin zum Kunden kontrolliertes Russlandgeschäft unmöglich, und damit weniger lukrativ machen.
Das dritte Liberalisierungspaket würde auch in der Frage politischer Abhängigkeit neue Regeln setzen. Die „strenge Gegenseitigkeitsklausel“ gilt für Firmen aus Drittstaaten, also auch Russland. Nach dieser Klausel dürften nur Anteile an europäischen Energiefirmen erworben werden, wenn die jeweilige ausländische Firma denselben Entflechtungsregeln folgt. 4 Gazprom wäre direkt betroffen. Bspw. im Zuge des Nord-Stream-Projektes, welches die Abhängigkeit des Konzerns von Transitstaaten reduzieren soll, müsste eine Entflechtung stattfinden. Und dies würde gerade den wertvollen Vorteil kosten, den Gazprom bezweckt. Schließlich sind die Gewinnspannen im Endkundengeschäft um ein Vielfaches höher als in Exploration und Förderung, besonders wenn man die komplette Prozesskette kontrollieren kann.
Bezüglich der Gegenseitigkeitsklausel ist für Europa festzustellen, dass es zwar bereits gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten im Gassektor mit Russland gibt. Getauscht werden jedoch vor allem Kapital, Know-How und Firmenbeteiligungen gegen Gewinnbeteiligungen. Letztere sind auf Projektlaufzeiten von wenigen Jahrzehnten beschränkt. Firmenbeteiligungen hingegen nicht. Das Hauptproblem ist somit nicht das Vorhandensein von Abhängigkeiten, diese sind systemimmanent und wirtschaftliche Realität. Vielmehr ist deren Gleichgewicht schwierig zu gewährleisten.
Die Erkenntnis ist also: Liberaler Handel ist demnach nicht automatisch Bestandteil unseres Wirtschaftens. Die EU-Kommission möchte möglichst durch festgeschriebene Regeln für die interne und externe Wirtschaft Sicherheit durch ausgewogene Kooperation in den Internationalen Beziehungen erreichen.
Alexej Miller, Vorstandsvorsitzender Gazproms, bezog bereits 2006 bei einem Treffen mit Repräsentanten europäischer Staaten folgende Gegenposition zum Thema Regulierung: „Man sollte nicht übersehen, dass Versuche, die Aktivität Gazproms auf dem Europäischen Markt zu begrenzen und die Voraussetzungen der Gasversorgung zu politisieren, die faktisch einzig und allein
3 Anm.: Die Bundesregierung hat es am 12. Januar dieses Jahres in einer Koalition mit anderen EU-Staaten geschafft, dass das dritte Liberalisierungspaket allgemeiner und weniger strikt im Ministerrat Zustimmung fand. So gäbe es für die Energiekonzerne
neben der erzwungenen eigentumsrechtlichen Entflechtung die Möglichkeit der gesellschaftsrechtlichen Entflechtung
(Übertragung an Tochterunternehmen) oder die Möglichkeit einen unabhängigen Netzbetreiber zu akzeptieren. Ob dieser Weg
ein probates Mittel ist, um den Idealfall moderater Transitgebühren und größerer Investitionen ins Übertragungsnetz zu
gewährleisten, ist kritisch zu sehen. Zum einen wäre eine starke Kontrolle nötig. Zum anderen sieht die europäische
Kommission in einer internen Analyse von 18 Staaten nur in der eigentumsrechtlichen Entflechtung einen Weg, den Marktanteil,
und damit die Marktmacht der großen Konzerne effektiv einzudämmen.
Am 27. März wurde, nach Revisionen durch das EU-Parlament, von führenden EU-Botschaftern eine Einigung über das
Entflechtungspaket erzielt. Es sieht unterschiedliche Möglichkeiten zur Entflechtung vor. Vgl. dazu Verbundnetz Gas AG,
27.03.2009: EU-Staaten billigen Kompromiss zur Energie-Entflechtung
4 Vgl. Euractiv, 30.08.2007: “EU may restrict foreign access to energy assets“ - Anm.: Die Reziprozitätsklausel soll mit Nachdruck dort ansetzen, wo bisher der Vertrag über die Energiecharta (durch die Nichtratifizierung durch die russische Seite)
scheiterte: Öffnet sich Russland nicht für europäische Firmen, so öffnet sich Europa nicht für russische Firmen.
ökonomischer Natur sind, zu keinem guten Ende führen.“ 5 Im selben Atemzug drohte er mit der Umorientierung zu anderen Märkten, wie zum Beispiel Asien oder Amerika. 6
Es wird also erwartet, dass es keine Politisierung im Bereich des Endkundenzugangs gibt. Das bereits im Jahr 2005 von Putin initiierte und 2008 von der Duma verabschiedete Gesetz zur Sicherung strategischer Branchen 7 bedeutet allerdings ganz klar eine Politisierung im Bereich der Produktion. Es soll verhindert, werden, dass sich der Ausverkauf russischer Rohstoffe der 90er Jahre wiederholt. So folgt also eine anti-liberale Maßnahme der anderen.
Dennoch gibt es Kooperation zwischen Russland und Europa - wirtschaftlich und politisch. Alexander Medwedew, Generaldirektor von Gazprom-Export, betont, dass die Hilfe des Westens bei der Ausbeutung der Gasvorkommen nötig ist, was zum einen eine „logische Entwicklung“ und zum anderen einen „gemeinsamen profitablen Ansatz“ darstellt. 8 Und: „Wir sind genauso von Europa abhängig, wie auch Europa von uns.“ 9 Es wird also hervorgehoben, dass Versorgungssicherheit und Nachfragesicherheit zwei Seiten derselben Medaille sind. Nicht, dass man aus Sympathie oder gemeinsamen Werten heraus kooperiert, bestimmend ist die Notwendigkeit und der gegenseitige Nutzen. Dieser gegenseitige Nutzen muss näher untersucht werden. Es handelt sich schließlich nicht nur um ein triviales Produzenten-Verbraucher-Verhältnis, indem der Vorteil des Produzenten notwendigerweise dem Nachteil des Verbrauchers entspricht. Im europäisch-russischen Gasmarkt nehmen viele Akteure unterschiedliche Rollen ein. Es gibt eine multilaterale Akteursstruktur, bei der nationalstaatliche und wirtschaftliche Interessen mal ineinander greifen, mal im Gegensatz stehen. Wo sie im Gegensatz stehen, hat europäische Energie(außen)politik eine Chance.
Zentrale Fragen dieser Arbeit sollen deswegen sein:
a. Wodurch ist der Gasmarkt global, in Europa und in Deutschland aktuell charakterisiert? b. Welche wirtschaftlichen Kooperationen sind aufgrund welcher Interessen, trotz der beschriebenen politischen Vorbehalte, zwischen Gazprom und europäischen Partnern im Zeitraum von 2005 bis 2008 zustande gekommen? c. Welche Akteure besitzen besondere Verhandlungsmacht?
Durch die Klärung dieser Fragen sollen schließlich Klassifikationen entworfen werden, die eine Übersicht geben, welche Akteure im europäisch-russischen Gashandel dominieren und damit für die gemeinsame europäische Politikformulierung von Bedeutung sind.
5 Vgl. Gazprom, 18.04.2006: On Results of Alexey Miller’s Meeting with Ambassadors of the European Union countries
6 Vgl. auch Ria Novosti, 20.12.2006: „Russland setze die Erhöhung der Gaspreise nicht als Druckfaktor ein, erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow. „Der Übergang zu Marktprinzipien in den Beziehungen sind die Basisbedingungen für
die Zusammenarbeit. So handeln alle Staaten", sagte er auf einer Pressekonferenz am Mittwoch.“
7 Vgl. Föderales Gesetz Nr. 57-FZ vom 29.04.2008: „Über das Verfahren zur Verwirklichung ausländischer Investitionen in Gesellschaften, die eine strategische Bedeutung für die Sicherung der Landesverteidigung und die Sicherheit des Staates
haben“ - Anm.: Die Gasbranche ist in Russland aufgrund der Finanzierung des Staatshaushaltes für die Sicherheit relevant.
8 Vgl. WDR, 02.02.09: „Gigant Gazprom - Die Deutschen und ihr Öl aus dem Osten“
9 Vgl. Arte, 20.02.08: „Das Gazprom Imperium“
Eine solche Übersicht ermöglicht dann eine Einschätzung, welche Werkzeuge in den Energieaußenpolitiken auf deutscher und europäischer Ebene überhaupt benötigt werden. Ob der Schwerpunkt auf der vielerorts propagierten gemeinsamen außenpolitischen Linie der EU liegen muss 10 oder doch eher auf wirtschaftspolitischen Regulierungen wie dem dritten Liberalisierungspaket. Denn so lässt sich eine übergeordnete Frage beantworten: Wer bremst eine europäische Energieaußenpolitik im Gasbereich? Sind es wirtschaftliche Interessen oder nationalstaatliche Politik? Oder anders: Durch wen oder was wird der Nutzen einer nationalstaatlichen Energieaußenpolitik größer als der Nutzen durch eine europäische Energieaußenpolitik?
Theoretischer Blickwinkel auf das Thema ist der neoliberale Institutionalismus. Es ist ein Blickwinkel zwischen Idealismus und Realismus, wo die Möglichkeit für Kooperationen grundsätzlich vorhanden ist, allerdings mit einer realistischen und nicht zwingend idealistischen Fundierung. 11 Zentrale Akteure des internationalen Systems sind die Staaten; wobei Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft eine unerlässliche Funktion einnehmen. Die alleinige, realistisch orientierte Begründung für ein kooperatives Verhalten liegt in dem Eigennutzen der beteiligten Akteure, welcher aus der Zusammenarbeit gezogen werden kann. Dabei wird das Sicherheitsdilemma in der an sich anarchischen Staatenwelt überwunden, welches aus (alter) realistischer Perspektive zwingend die Orientierung zur Machtanhäufung zur Folge hätte und damit großes Konfliktpotenzial bergen würde. Die Akteure im neoliberalen Institutionalismus zielen nicht, wie die Staaten im (Neo-)Realismus, auf ihr eigenes Überleben ab, sondern versuchen im internationalen System aus einer Kooperation den maximalen Nutzen auszuschöpfen und dabei die eigene Wohlfahrt zu steigern. Kooperation wird dabei durch formale Institutionen (bspw. Gesetzliche Bestimmungen und Abkommen in Textform) und nicht-formalen Institutionen (bspw. Aktivitäten von Interessensverbänden der Wirtschaft) erreicht. Überblickend lässt sich über den neoliberalen Institutionalismus sagen, dass neben den Staaten als Hauptakteure, die einer Entwicklung von Internationalisierung unterworfen sind, immer mehr nichtstaatliche Akteure im internationalen System auftreten.
Damit bezieht der neoliberale Institutionalismus alle für diese Analyse zentralen Aspekte ein:
- Es gibt internationale Kooperationen/Koalitionen.
- Durch diese weltweite politische und wirtschaftliche Vernetzung sind Staaten weniger in ihrer Existenz, sondern vielmehr in ihrem Status Quo und ihren Entwicklungsmöglichkeiten gefährdet.
- Staaten sind weiterhin zentrale, eigennützige, auf Sicherheit bedachte Akteure (Energie ist Basis der Volkswirtschaft und sichert Wohlfahrtsgewinn durch Wettbewerbsfähigkeit.)
- Kooperation ist demnach Notwendigkeit (bei der Förderung und Verbrauch).
- Formale Institutionen werden entwickelt (Bsp. drittes EU-Liberalisierungspaket)
- Wirtschaftliche Akteure haben sich zwar politischen Rahmenbedingungen zu unterwerfen, nehmen aber in einer globalisierten Welt verstärkt Einfluss auf den politischen Prozess.
10 Vgl. Schröder Hans-Henning und Tull, Denis M.: Europäische Energiesicherheit 2020, 37. Berlin 2008
11 Vgl.: Menzel, Ulrich: Zwischen Idealismus und Realismus, S.22. Frankfurt/M. 2001
Es gibt für die europäisch-russischen Beziehungen einen überspannenden Rahmen der Geopolitik. Dieser ist besonders durch das Interesse der USA charakterisiert, in den Randlagen Russlands und damit in Eurasien dauerhaft eine einflussreiche Macht darzustellen (vgl. Spykmans Auffassungen zur Bedeutung des so genannten „Rimland“ 12 , Brzezinskis Veröffentlichung „Planspiel - Das Ringen der Supermächte um die Welt“). Dieses Interesse lebte vor allem mit dem Ende der Sowjetunion auf. Die Tatsache, dass das Entstehen neuer unabhängiger Länder für die USA und den Westen allgemein zu völlig neuen Bedingungen in der Geopolitik führte, wird im geographischen Bereich von Zentralasien rund um das Kaspische Meer deutlich. Einige wichtige wirtschaftliche und strategische
Überlegungen beziehen sich auf diese Region. Erdöl- und Gasressourcen, an denen sowohl USamerikanische als auch europäische Unternehmen interessiert sind, wie auch die Herrschaft über die Pipelines für den Transport sind hochpolitisch, weil dieses Gebiet derzeit ein Machtvakuum darstellt und sich im Prozess einer neuen politischen und kulturellen Orientierung befindet; aber auch, weil dieses Gebiet - außer von Russland und China - von der Türkei, Georgien, dem Irak, dem Iran und Afghanistan umgrenzt wird. Diese Länder sind für die USA und für Europa von strategischer Bedeutung und stellen potentielle oder tatsächliche Krisenherde dar. Auch der Osten Europas spielt als Randlage eine besondere Rolle. Hier ist vor allem die NATO-
Osterweiterung im Zusammenhang mit der Ukraine ein Konfliktpunkt zwischen den USA und Russland. An diesem wird auch deutlich, dass strategische und wirtschaftliche Interessen nicht immer übereinstimmen; z.B. haben westliche Firmen ein Interesse, das man Russland stärker in den Ausbau von Förderung und Transport der Öl- und Gasressourcen einbinden müsse, denn längerfristig sei eine Stabilisierung und Befriedung dieser konfliktträchtigen Region ohne Russland nicht möglich. Das strategische Interesse der USA zielt jedoch gerade auf die Verdrängung des russischen Einflusses. Russland hingegen sieht in seinen Nachbarstaaten, welche „nahes Ausland“ genannt werden, die eigene Einflusssphäre, die es zu bewahren gilt. In Hinblick auf den europäisch-russischen Gasmarkt spielt dieses „nahe Ausland“ vor allem beim Thema Gastransit eine bedeutende Rolle. Russlands (Gazproms) Bemühungen mit der Nord- und der South-Stream-Pipeline alternative Transitrouten zu eröffnen, kann sowohl vor einem wirtschaftlichen als auch vor dem soeben skizzierten geopolitischen Hintergrund nachvollzogen werden. Wirtschaftlich, da es um die Ausweitung der Marktmacht geht und Gazprom in Verhandlungen über Transitgebühren auf Alternativen verweisen kann, um diese Gebühren zu „drücken“. Geopolitisch, da man sich nicht von Transitstaaten (bspw. Weißrussland, Polen, die Ukraine) erpressen lassen möchte. So hat der jüngste Gaskonflikt zwischen Gazprom und Naftogaz dazu geführt, dass das restliche Europa a. nicht beliefert wurde, b. Gazprom täglich knapp 90 Millionen Euro verlor und c. dem russischen Staatshaushalt wichtige Steuereinnahmen fehlten. Schlimmste Folge war aber wohl für Russland der Imageverlust, der auf europäischer Seite durch Zweifel an der Zuverlässigkeit zum Ausdruck kam und den Ruf nach alternativen Lieferanten stärker werden ließ. Es besteht also die Gefahr, dass Russland international in Misskredit fällt. Summa summarum wird deutlich, dass in einer multilateralen Welt scheinbar antiquierte Auffassungen von einer Vormachtstellung weiterhin bestimmende Rahmenbedingung ist.
12 Vgl. Spykman, Nicholas J.: The Geography of the Peace. New York 1944
1. Aufgrund von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum wird die globale Nachfrage nach Energie und damit nach Gas, trotz erneuerbaren Energien, steigen und zu einer Verknappung führen. 13
2. Die Bedeutung von Gas wird darüber hinaus durch weitere positive Eigenschaften gesteigert: eine um 20 Jahre längere Verfügbarkeit bei gleicher Produktionsrate, emissionsarme Verbrennung, flexible und hocheffiziente Handhabung sowie niedrige Fixkosten bei der Verstromung, flexiblerer Transport durch Bedeutungszuwachs von LNG.
3. Die Chancen für eine fundamentale Flexibilisierung des Gashandels sind jedoch noch gering. Je nach Akteur ist auch der Wille zur Flexibilisierung mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Damit bietet eine Fortführung der bestehenden Kooperationen für die Akteure die günstigste Möglichkeit zum Gasabsatz, zum Gastransport und zum Gasbezug. Bisherige Teilmärkte werden trotz Diversifizierungsbestrebungen fortbestehen, darunter auch der europäisch-russische. 14
4. Um den Gasexport zu flexibilisieren sichert sich Gazprom Anteile an anderen Produzenten und deren Reserven (Zentralasien und Nordafrika). Darüber hinaus wird in neue Pipelines und Gasspeicher investiert. LNG wird nicht zum Hauptgeschäft. Die zentraleuropäischen Staaten Deutschland, Italien und die Niederlande sind strategisch wichtige Partner.
5. Gegenüber Westeuropa, speziell dem zentral gelegenen Deutschland, verfolgt Gazprom eine weitgehend ökonomisch motivierte und auf Akzeptanz ausgelegte Strategie, da es sich um einen zahlungskräftigen Wachstumsmarkt handelt. Dem gegenüber wird in Hinblick auf Osteuropa daran gearbeitet, die Marktmacht auszubauen und hohe Transitkosten zu vermeiden. Dies ist nicht nur ökonomisch, sondern auch geopolitisch motiviert.
6. Die nationalstaatliche Politik der größten Gasmärkte Europas, die wirtschaftlich stark mit Gazprom verflochten sind und russisches Gas importieren, bremsen eine gemeinsame EU-Außenpolitik.
In dieser Arbeit werden Praktiken des geisteswissenschaftlich-hermeneutischen mit denen des empirisch-analytischen Forschungsansatzes kombiniert, um die gestellten Hypothesen zu überprüfen und die Fragestellungen zu beantworten.
Die Generierung und Analyse von Daten und Fakten erfolgt über die qualitative und quantitative Inhaltsanalyse von Primär- und Sekundärquellen. Primärquellen sind dabei: Meinungsbilder von Experten, Presseberichte, Geschäftsberichte, Internetauftritte und Studien, die von beteiligten
13 Anm.: Diese Verknappung hat ihre Hauptursache zunächst im Investitionsstau. Das heißt: Eine volatile Nachfrage (hier schnell steigend) bei trägem Investitionsverhalten ergibt ungenügende Förder- und Verarbeitungskapazitäten. Nicht der
Energieträger als solcher, sondern erschwerte industrielle Förderbedingungen stellen das Problem dar.
14 Anm.: Hauptgrund dafür sind die so genannten „sunk costs“. Einmal investierte Gelder stehen nicht mehr für andere Maßnahmen zur Verfügung. Verlegte und gebrauchte Pipelines sind nicht zu liquidieren.
Akteuren (IEA, EU, BP, Bundesregierung, o.ä.) verfasst wurden. Letztere sind vor allem wichtige Quellen für die statistische Inhaltsanalyse. Als Sekundärliteratur werden Fachpublikationen in Form von Diskussionspapieren, Berichten, Aufsätzen und oder Studien verwendet.
In Kapitel 2 wird zunächst ein allgemeiner Blick auf den globalen, europäischen und den deutschen Erdgashandel geworfen. Ziel ist es, eine grundsätzliche Einschätzung über den energiewirtschaftlichen Status Quo im Erdgasbereich treffen zu können. Dazu werden vor allem Statistiken über die Beurteilung der Erdgasvorkommen, Handelsstrukturen und zur Nachfragesituation zusammengetragen, interpretiert und ein Zwischenfazit gezogen.
In Kapitel 3, dem Hauptteil, werden auf Basis der vorangegangenen Erkenntnisse mit Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der EU mit Russland die wesentlichen Akteure und deren Interessen dargestellt.
Im Anschluss werden vorhandene Quellen nach wesentlichen Informationen zu wirtschaftlichen Kooperationen durchsucht: zu Firmenbeteiligungen, strategischen Partnerschaften (sowie zu Investitionen in die Gasinfrastruktur: Pipelines, Gasspeicher, etc.), zu Kreditaufnahmen. Zentraler Bestandteil ist die Erarbeitung eines Überblickes über die bestehende Akteursstruktur. Einschränkung: Untersuchungszeitraum sind die Jahre von 2005 bis 2008 (gewählt um Kooperationen zu analysieren, die trotz der eingangs erwähnten und ab 2005 forcierten protektionistischen Maßnahmen Russlands und der EU zustande gekommen sind).
In Kapitel 4 werden die Ergebnisse der vorigen Kapitel zusammengetragen und bewertet. Ziel soll die Entwicklung zweier Klassifikationen sein: einer zu Staaten und einer zu Unternehmen. In Hinblick auf die Staaten werden besonders Ergebnisse aus Kapitel 2 (Importabhängigkeiten, u.a.) einbezogen. Für die Entwicklung der Unternehmensklassifikation wird Kapitel 3 herangezogen. Durch das Abgleichen der Klassifikationen soll eine Einschätzung getroffen werden, welche Veränderungen auf europäischer Ebene benötigt werden, damit eine gemeinsame Energieaußenpolitik in einem vielseitigen Netzwerk unterschiedlicher Interessen funktionieren kann. Ob es primär wirtschaftspolitische Maßnahmen gegenüber Unternehmen oder supranationale regulatorische Maßnahmen gegenüber Nationalstaaten geben sollte.
- Erdgasist eine aus Kohlenwasserstoffen bestehende natürliche, chemische und brennbare Verbindung. Einzelne Komponenten sind im Allgemeinen Methan (C1 - 65-95%), Ethan (C2 - 2-15%), Propan (C3 - 0,25-5%), Butan (C4 - 0-5%) und diverse Pentane (0,05-2%). Weitere größere Bestandteile von Erdgas können sein: Stickstoff (0-20%), Kohlendioxid (0-15% und mehr), Schwefelwasserstoff (0-20% und mehr). Dazu kommen zum Teil Helium oder Argon. Alle diese Komponenten müssen vor Transport und Verkauf des Erdgases herausgelöst werden. Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff führen zu Korrosion von Pipelines und anderer Infrastruktur. Die anderen Gase behindern den Verbrennungsprozess und damit die Qualität/den Brennwert des Erdgases.
Der Endenergieverbrauch ist die Summe der zur unmittelbaren Erzeugung der Nutzenergie (wie Licht, Wärme) verwendeten Primär- und Sekundärenergieträger. In der Energiebilanz ist der Endenergieverbrauch als letzte Stufe der Energieverwendung aufgeführt.
Die hier verwendete Bezeichnung basiert auf dem Staatenverbund der EU-27, also der letzten Erweiterungsrunde.
Der Anteil des Gasverbrauchs, der zur Erzeugung von Energie eingesetzt wird. Bsp.: Herstellung von Chemikalien.
- Ein Kubikmeter Gas kann sehr unterschiedlich definiert werden. Je nach
Luftdruck, Temperatur und Feuchtigkeit des Gases variieren die Volumina. In dieser Arbeit wird vom Standard der IEA ausgegangen: 15°C, 1,0133 Bar Luftdruck, 0% Feuchtigkeit.
- Als Primärenergie wird der Energieinhalt von Energieträgern, die noch keiner Umwandlung unterworfen worden sind, bezeichnet. Erdgas ist ein Primärenergieträger.
Die Rohgasmenge entspricht dem aus der Lagerstätte entnommenen Volumen mit natürlichem Brennwert, der von Lagerstätte zu Lagerstätte in Deutschland zwischen 2 und 12 kWh/m3(Normvolumen = Vn) schwanken kann. Die Reingasmenge ist eher eine kaufmännisch relevante Größe, da Erdgas nicht nach seinem Volumen, sondern nach seinem Energieinhalt verkauft wird. Angaben in dieser Projektkursarbeit beziehen sich auf Reingas und dessen oberen Brennwert Ho = 9,7692 kWh/m3(Vn), der in der Förderindustrie auch als "Groningen-Brennwert" bezeichnet wird und eine grundsätzliche Rechengröße in der Gaswirtschaft darstellt.
Der Upstream-Bereich bezeichnet alle Tätigkeitsbereiche, die vor dem
Transport von Erdgas relevant sind: die Suche, Erschließung und Förderung. Downstream hingegen umfasst die Bereiche Transport, Verarbeitung, Vertrieb, Forschung und Entwicklung.
- Das traditionelle Konzept der Energieversorgungssicherheit zielt nach Umbach prinzipiell auf die Vergrößerung des Energieangebots, sowohl intern als auch extern ab. Maßnahmen sind die Diversifizierung von Energieträgern, die Diversifizierung des Energieimportes, die maximale Ausnutzung der heimischen Ressourcen, die Maximierung von
Energiesparmöglichkeiten, die Bildung von strategischen Reserven und der Ausbau guter politischer Beziehungen zu Erdölproduzenten und Transitländern (für ein freundliches Investitionsklima und stabile außenpolitische Beziehungen). Energiesicherheit bedeutet aber nicht nur Sicherheit für die Verbraucherländer, auch Transitstaaten und Produzentenländer haben in dieser globalen Dimension Bedeutung.
Es gibt große Herausforderungen im Bereich der Energieversorgung: Risiken für eine umfassende Energiesicherheit bestehen auf absehbare Zeit vor allem durch eine stetig wachsende Nachfrage (insbesondere der beschleunigte Eintritt Chinas, Indiens und anderer großer Schwellenländer in die Weltwirtschaft), einen globalen Investitionsrückstand 15 und eine zunehmende Konzentration der Öl-und Gasressourcen auf eine geringe Zahl von Versorgungsräumen. Diese drei Faktoren lassen erwarten, dass auf lange Frist ein Verkäufermarkt entsteht. 16 Darüber hinaus ist der Anteil staatlicher Öl- und Gaskonzerne an der weltweiten Produktion in den letzten Jahrzehnten gestiegen. 17 So besteht weiter die Gefahr, dass Lieferbeziehungen als Hebel für politische Ziele eingesetzt werden können. Gerade innerhalb der „strategischen Ellipse“ 18 könnten weniger stabile bzw. weniger demokratische Staaten konträre Politiken verfolgen. Zunehmende energiewirtschaftliche und -politische Abhängigkeiten von diesen Staaten stellen unter Umständen eine Gefahr für andere Politikfelder dar. Die erneuerbaren Energien versprechen, trotz Höhenflug der Preise für fossile Energien bis Juni 2008 und damit einhergehender verbesserter Konkurrenzfähigkeit, wenig Besserung in Bezug auf die Bewältigung des steigenden Energiebedarfs. Zu hoch sind die Energienachfrage und die erforderlichen Investitionen. 19 So kommen verschiedene Studien 20 zu dem Schluss, dass die bis 2030 um ca. 45% steigende globale Energienachfrage mit 80% weiter schwerpunktmäßig durch fossile Energieträger gedeckt werden wird. Mit dieser voraussichtlich fortbestehenden zentralen Bedeutung der fossilen Energieträger für die Weltwirtschaft wird sich bis 2030 ebenfalls die eingangs erwähnte Konzentration der Gasressourcen verstärken. Ein Ansturm auf eine nachlassende Anzahl von Nettoenergieexporteuren scheint schon jetzt einzusetzen. Speziell diejenigen werden umworben, die über große Rohstoffvorkommen verfügen und langfristig Versorgungssicherheit garantieren können. Klassische nationalstaatlich verfolgte Diversifizierungsbemühungen müssen auf lange Frist scheitern.
Das heißt zusammengefasst: Durch die starke Nachfrage und zu geringe Investitionen existiert ein durch eine immer geringer werdende Anzahl von Verkäufern dominierter Markt, auf dem geopolitische Interessen zur Rohstoffsicherung neue Konfliktpotenziale entstehen lassen. Zum einen empfiehlt es sich bi- und multilateral das Vertrauen zu bestehenden oder neuen Lieferanten zu stärken. Zum anderen sollten sich Verbraucher trotz wirtschaftlichem Wettbewerb multilateral koordinieren. Auf welcher Grundlage dies geschehen kann, sollen die nachfolgenden Kapitel zeigen.
15 Vgl. IEA Natural Gas Market Review 2007, 45: “Insufficient investment in the gas sector to 2015 is a serious cause for concern - the existing bottleneck in the gas market is in worldwide gas production, and this is likely to get worse.”
Vgl. außerdem: IEA Natural Gas Information 2006, l.4: “[…] there is a serious risk of under-investment unless it is assumed that
all projects currently in the planning stage will proceed on time.”
Anm.: Die kürzlich eingebrochenen Rohölpreise werden sich über die Ölpreisbindung in den Gaspreisen und damit bei den
Investitionsanreizen auswirken. Es wird seitens des Produzenten versucht, den so genannte „Break Even Point“ (Preis ab dem
wirtschaftlich gearbeitet wird/Gewinnschwelle) niedrig zu halten.
16 Anm.: „Markt, in dem aufgrund eines - das Produktangebot übersteigenden - Nachfragevolumens die Verkäufer eine gegenüber den Käufern dominierende Position innehaben und insoweit das Marktgeschehen dominieren.“ Schmidt, 1004; Anm:
Vertragsbedingungen wie zum Beispiel Preise, Zahlungs- oder Lieferbedingungen, Handelszeiten und Handelsorte können
durch den Verkäufer festgelegt werden.
17 Vgl. CRS Report for Congress, 2007:The Role of National Oil Companies in the International Oil Market
18 Anm.: Ca. 71% der konventionellen Welterdölreserven und ca. 69% der Welterdgasreserven entfallen laut BGR auf ein begrenztes Gebiet, welches vom Nahen Osten über den Kaspischen Raum bis nach Nordwest-Sibirien reicht.
19 Vgl. Informationen über Stromgestehungskosten bis zum Jahr 2030: Leitstudie BMU 2008, 113
20 Vgl. IEA World Energy Outlook 2008, 77; EIA Forecasts and Analysis, Annual Energy Outlook 2008, 2
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Benjamin Scholz, 2009, Gazprom und die europäische Energiesicherheit im Erdgas-Sektor, München, GRIN Verlag GmbH
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