Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin in Bayern 7
INHALT
Vorwort. Die tragische Heldin
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Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin in Bayern
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Der Autor Ernst Probst
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Der Luftfahrthistoriker Theo Lederer
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Literatur
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Bildquellen
245
E-Books über „Königinnen der Lüfte“
249
Bücher von Ernst Probst
253
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Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin in Bayern 9
DANK
Für wertvolle Hilfe bei der Entstehung dieses Buches danken die Autoren herzlich:
Otto Bauer sen., Orgelbaumeister, Schongau
Otto Bauer jun., Oberstudienrat, Schongau
Josef Eimannsberger, Flugzeughistoriker, München
Helga Ettrich, Geigant bei Waldmünchen
Thomas Gründl, 1. Bürgermeister, Bad Heilbrunn
Markus Heigl, Mittelbayerische Zeitung, Waldmünchen
Landeshauptstadt München, Direktorium, Stadtarchiv
Günter Lang, Diplom-Kaufmann, München
Thea Liegl, Ast bei Waldmünchen
Tobias Liegl, Geigant bei Waldmünchen
Stadt Waldmünchen
Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin
in Bayern
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VORWORT
C hristl-Marie Schultes (1904-1976) war eine tragische
Heldin des 20. Jahrhunderts. Sie kam in Geigant bei Waldmünchen zur Welt und wuchs in Oberenzenau bei Bad Heilbrunn auf. 1928 wurde sie die erste bayerische Fliegerin, verlor 1931 beim Absturz zu Beginn eines geplanten Weltfluges ihr linkes Bein, gründete 1933 in Berlin die „Deutsche Flugillustrierte“ und wurde von den „Nazis“ enteignet, weil sie tapfer zu ihrem jüdischen Verlobten hielt. Als Emigrantin gründete sie in Frankreich die „Internationale Fliegerhilfe“, wurde zur Wohltäterin für Kinder in Nizza, versorgte Judenlager in Frankreich, brachte Verfolgte über die Grenze, wurde in Nizza verhaftet, ins Internierungslager Brens eingesperrt, in Paris deportiert, in Deutschland zum Tode verurteilt und 1945 in letzter Minute von den Amerikanern in München befreit. Christl-Marie hatte Umgang mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten. Ihr großer Mut, ihre selbstlose Hilfe für Menschen in Not und ihre „rege Phantasie“ brachten sie oft in Schwierigkeiten. Eine wichtige Rolle im Leben der kinderlosen „Förster-Christl“ spielte ihr Foxterrier, dem sie in ihrem Taschenbuch „KZ-Hund Muggi“ ein
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literarisches und bewegendes Denkmal setzte. Autoren des Taschenbuches „Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin in Bayern“ sind der Journalist Ernst Probst aus Wiesbaden und der Luftfahrthistoriker Theo Lederer aus Bad Heilbrunn. Das Werk ist Christl-Marie Schultes und zwei ihrer in Schongau lebenden Verwandten gewidmet. Ihr Neffe Otto Bauer sen. und ihr Großneffe Otto Bauer jun. haben mit wertvollen Auskünften und zahlreichen Abbildungen maßgeblich zum Gelingen dieser Biografie beigetragen.
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Christl-Marie Schultes im Alter von 17 Jahren
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Otmar Eugen Schultes (vorne stehend) mit erlegtem Hirsch.
hinter ihm in Tracht seine Ehefrau Theresia,
sitzend auf der Treppe die Tochter Helene,
stehend hinter dem Kinderstuhl die Tochter Christl-Marie,
auf dem Arm des Kindermädchens der Sohn Josef
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Christl-Marie Schultes
Die erste Fliegerin in Bayern
D ie Ehre, die erste Fliegerin in Bayern gewesen zu
sein, gebührt Christl-Marie Schultes (1904-1976), geborene Maria Rosalia Schultes. Wegen ihrer Herkunft aus einer achtbaren Försterfamilie hat man sie oft als „Förster-Christl“ bezeichnet. Mitunter findet man in der
Literatur auch andere Schreibweisen ihres Vornamens wie Christlmariele oder Christl. In ihrem abenteuerlichen Leben, das reichlich Stoff für spannende Filme und Bücher bietet, gab es Höhen und Tiefen.
Der Vater von Christl-Marie hieß Otmar Eugen Schultes (1867-1957). Er wurde in Riglasreuth (heute ein Ortsteil der Gemeinde Neusorg im Landkreis Tirschenreuth, Oberpfalz) geboren und trug ursprünglich den Familiennamen Schultes zu Friedensfels. Die Familie Schultes ist in Friedensfels (Oberpfalz), das heute rund 1.500 Einwohner hat, bereits seit 1576 nachweisbar. Fast alle Vorfahren von Otmar waren im Forstdienst tätig, so auch dessen Vater, der das Amt eines königlichbayerischen Forstmeisters bekleidete. Otmar Schultes hätte sicherlich eine Künstlerkarriere machen können. Er besuchte nämlich mit Erfolg die Künstlerakademie in München und galt als talentierter
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der Geburtsort von Christl-Marie Schultes, auf einer alten Postkarte
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Maler. Anfangs malte er im Nazarenerstil, dann aber weisen seine Bilder deutlich impressionistische Züge auf. Aus dem Wunschberuf Kunstmaler wurde aber nichts, weil der Vater von Otmar verlangte, er solle einen „ordentlichen Beruf“ erlernen und nicht als Boheme in Schwabinger Künstlerkreisen sein Leben verbringen. Als höherer bayerischer Beamter hat der Vater seinen Sohn Otmar im gehobenen Forstdienst untergebracht. Zunächst arbeitete Otmar Schultes als Forstverwalter in dem Dorf Geigant bei Waldmünchen in der Oberpfalz. Heute ist dieser beschauliche Ort eine Gemeinde der Stadt Waldmünchen, die Ende 2009 rund 7.000 Einwohner hatte.
Otmar Schultes war zweimal verheiratet. Seine erste Ehefrau hieß Laura Schiffmann, stammte aus einer wohlhabenden Müllerfamilie in der Oberpfalz, brachte ein ansehnliches Heiratsgut mit in die Ehe und starb kurz nach der Geburt einer Tochter namens Anna im Kindbett.
Am 18. Juli 1899 heiratete der verwitwete Forstverwalter Otmar Schultes die rund zehn Jahre jüngere Theresia („Therese“) Koller (1878-1959), die aus einer begüterten Brauerfamilie in der Oberpfalz stammte. Theresia galt als Schönheit und wurde von ihren Mitmenschen als „saubere und lustige Kollerresl“ bezeichnet. Von 1905 bis 1926 trug die „Carl Freiherr von Voithenbergsche Brauerei Josef Koller“ in Herzogau bei Waldmünchen den Namen ihres Vaters. Dieser war so wohlhabend,
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In der am 10. November 1904
ausgestellten Geburtsurkunde Nr. 29 ist folgendes zu lesen:
„Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, Herr Ottmar Schultes, kgl. Forstwart, wohnhaft in Geigant, Hausnummer 61, katholische Religion, und zeigte an,
daß von der Theresia Schultes, geborene Koller, seiner Ehefrau,
am sechsten November des Jahres tausend neunhundertvier
und daß das Kind die Vornamen Maria Rosalia
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben In der Geburtsurkunde wird der Vorname des Vaters
ist die Schreibweise Otmar Schultes mit einem „t“ korrekt.
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dass er später die Brauerei verpachtete und sich in Fronberg (Oberpfalz) als Privatier niederließ. Theresia war eine gute Partie für Otmar Schultes, weil sie als Heiratsgut 30.000 Goldmark mit in die Ehe brachte. Da Otmar auch noch das Heiratsgut seiner ersten Frau besaß, war seine Familie für damalige Verhältnisse sehr begütert. Theresia Schultes hielt das Geld ihrer Familie eisern zusammen und konnte sogar rund die Hälfte des Vermögens über die Zeit der Inflation retten. Aus der zweiten Ehe von Otmar Schultes gingen zuerst die Töchter Helene (1902-1971) und Maria Rosalia („Christl-Marie“), dann der Sohn Josef (1908-1929) und schließlich das „Nesthäkchen“ Laura (1910-1924) hervor. Mit diesen Kindern wuchs die Tochter Anna aus der ersten Ehe auf. Christl-Marie erblickte am 6. November 1904 im Forsthaus in Geigant bei Waldmünchen das Licht der Welt. Ihr Geburtshaus steht heute noch. Zwei ihrer Geschwister sind nicht alt geworden. Laura erlag am 5. September 1924 im Alter von nur 14 Jahren der spanischen Grippe. Der unverheiratete Sohn Josef, Student der Humanmedizin und begeisterter Sportler, starb nach einem Fechtunfall auf dem Paukboden als Burschenschaftler der „Allemania München“ am 11. März 1929 als 21-Jähriger an einer Lungenentzündung. Christl-Marie, Christlmariele oder Christl, wie sie abwechselnd genannt wurde, wuchs in Oberenzenau bei Bad Heilbrunn (Oberbayern) auf. Dorthin war ihr Vater
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Helene Bauer mit Sohn Otto auf dem Schoß,
stehend hinter ihr Christl-Marie Schultes, sitzend Otmar Schultes mit Ehefrau Theresia, geborene Koller,
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Halbschwester Anna von Christl-Marie
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Schwester Helene von Christl-Marie im Alter von 17 Jahren
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Oben: Ehemaliges Staatliches Forstamt in Bad Heilbrunn.
Im Erdgeschoss befanden sich die Amtsräume,
im ersten Stock die Wohnung der Familie Schultes.
Unten: 1933 auf dem Nachbargrundstück errichteter
Altersruhesitz in der Bauweise eines Isartaler Holzhauses.
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1907 als Oberforstverwalter versetzt worden. Oberenzenau gehört heute zu Bad Heilbrunn im Landkreis Bad Tölz und zählte Ende 2009 insgesamt 3.770 Einwohner. Im Gebäude des „Staatlichen Forstamtes Bad Heilbrunn“ befanden sich im Erdgeschoss die Amtsräume und darüber lag die Wohnung der Familie Schultes. Dort wuchsen zeitweise die ingesamt fünf Kinder aus zwei Ehen auf.
Ungeachtet ihrer eigenen Kinderschar hatte Theresia Schultes ein großes Herz für andere Kinder. Sie unterstützte ihr Leben lang Waisenkinder, indem sie diese während der Ferien klassenweise in ihr Haus einlud, verpflegte und mit ihnen spielte. Außerdem finanzierte sie Kindern armer Leute das Studium. Eines der von ihr unterstützten Kinder machte im bayerischen Klerus eine beachtliche Karriere: Nämlich Georg Beis (geboren 1923), das sechste Kind eines Bahnarbeiters der Isartalbahn, der es bis zum Domdekan und Bistumsadministrator der Diözese Augsburg brachte. Von ihrer Mutter hat Christl-Marie offenbar das soziale Engagement, das sie als Erwachsene hatte, geerbt. Auch als Oberforstverwalter in Bad Heilbrunn hat sich Otmar Schultes weiterhin künstlerisch betätigt. Besonders eindrucksvoll belegt dies eines der Altarbilder in der katholischen Kirche St. Kilian von Bad Heilbrunn, das von ihm geschaffen wurde. Andere Bilder von ihm sind in der Dorfwirtschaft „Kronschnabl“ in Bad Heilbrunn zu bewundern. Noch heute besitzen viele
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Theresia („Therese“) Koller (1878-1959)
verwitweten Forstverwalter Otmar Schultes 1867-1957).
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Theresia Schultes, die Mutter von Christl-Marie, hatte ein großes Herz für Kinder. Sie lud während der Ferien klassenweise Waisenkinder in ihr Haus in Oberenzenau bei Bad Heilbrunn ein, verpflegte sie und spielte mit ihnen.
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Einwohner in Bad Heilbrunn von Otmar Schultes gemalte Motive.
Der Vater von Christl-Marie ging regelmäßig mit dem bayerischen Prinzregenten Luitpold (1821-1912) auf die Jagd und hatte somit Kontakt zum bayerischen Königshaus. Die Familie Schultes war sehr königstreu, auch nach der Abdankung von König Ludwig III. von Bayern (1845-1921) im Jahre 1918. „Aus dieser Haltung heraus erklärt sich auch die Ablehnung des Nationalsozialismus durch Christl-Marie“, schrieb im September 2010 ihr Großneffe, der Oberstudienrat Otto Bauer jun. aus Schongau, in einem Brief an den Autor Ernst Probst. Im Alter von elf Monaten fiel Christl-Marie in einen Starrkrampf, wurde vom Arzt bereits für tot erklärt, in einen Sarg gebettet und aufgebahrt. Sie wäre fast beerdigt worden, wenn sie nicht wenige Stunden vor der geplanten Bestattung wieder die Besinnung erlangt hätte. Ihr Vater hatte ihr Leben gerettet, weil er sie während des Starrkrampfes erfolgreich nach der Kneipp-Methode behandelte. Nachzulesen ist dies in dem Buch „Frauen fliegen“ (1931).
Von dieser Krankheit erholte sich die kleine Christl-Marie bald. Sie durfte bis zum neunten Lebensjahr die gute und würzige Berg- und Waldluft ihres Heimatortes atmen. Dann schickten ihre Eltern sie nach München und sie ging dort unwillig zur Schule. Mehrfach brannte Christl-Marie in München durch, weil sie nicht in der Stadt bleiben wollte. Dies brachte ihr strenge Verweise
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Prinzregent Luitpold (1821-1912)
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König Ludwig III. von Bayern (1845-1921)
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von der Schule und Tadel der Eltern ein. Nachdem sie erneut über eine Mauer kletterte und durchbrannte, erreichte sie ihre Entlassung aus der Schule in München.
Es gab aber auch etwas in der bayerischen Landeshauptstadt, woran sich Christl-Marie gerne erinnerte: In den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges besuchte sie - laut der Wochenzeitung „Heim und Welt“zusammen mit ihrem Onkel, einem General, das Armeemuseum in München. Besonders faszinierte sie die dort ausgestellte rote Kampfmaschine des gefallenen deutschen Fliegers Manfred von Richthofen (1892-1918), des erfolgreichsten deutschen Jagdfliegers im „Ersten Weltkrieg“. Nachdenklich stand die knapp vierzehnjährige Christl-Marie vor diesem Flugzeug und verließ mit Groll auf die „Feinde im Westen“, die dem Fliegerleben des „Roten Barons“ ein Ende bereitet hatten, das Museum. Damals entschloss sie sich, Fliegerin zu werden.
Die nächste Schule in Rosenheim im Gebirge behagte Christl-Marie merklich besser. Dort erlernte sie den Haushalt und die Landwirtschaft. Während der Ferien unternahm sie Reisen im In- und Ausland sowie Bergtouren mit ihrem Vater, die sie besonders genoss. Mit 18 Jahren wollte Christl-Marie eine Stellung in Afrika antreten, um später auf dem „Schwarzen Erdteil“ Farmerin zu werden. Doch ihr Vater verhinderte dies, indem er das Visum seiner minderjährigen Tochter
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Jagdflieger Manfred von Richthofen (1892-1918)
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des deutschen Jagdfliegers Manfred von Richthofen im „Deutschen Museum“, München
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sperren ließ. Die Folge war, dass Christl-Marie in der Heimat bleiben musste.
Die bildhübsche und dunkelhaarige Christl-Marie ging bei etlichen dörflichen Schönheitswettbewerben als Siegerin hervor. Angeblich wurde sie als „Förster-Christel“ über die Grenzen ihres Dorfes bekannt, in Romanen und Gedichten verewigt, in Paris von einem bekannten Künstler als „Carmen“ gemalt und von einer Filmgesellschaft nach Hollywood (USA) verpflichtet, was ihr Vater zu verhindern wusste. Aber vielleicht existierten diese Erfolge nur in ihrer „regen Phantasie“, von der noch öfter die Rede sein wird. Nichts mit ihr zu tun hatten jedenfalls die Operette von 1907 sowie die Spielfilme von 1926, 1931, 1952 und 1962, in denen es jeweils um eine „Försterchristl“ oder „Försterchristel“ ging.
Keine Einwände hatte der Vater, wenn Christl-Marie im Heimatdorf bei Fahnenweihen als Fahnenbraut, bei Denkmalsenthüllungen oder bei anderen Veranstaltungen teilnahm. Er hinderte seine sportliche Tochter auch nicht am Jagen, Reiten, Segeln und Motorradfahren. Angeblich ritt sie am liebsten die wildesten Pferde.
Bereits als Kind hatte Christl-Marie eine große Sehnsucht, es den Vögeln gleichzutun und in den Himmel zu fliegen. Sie träumte davon, fliegen zu können, wenn sie mit einem ausgebreiteten Tuch die Treppe in ihrem Elternhaus „hinabflog“, auf einem Treppengeländer
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schnell hinunterrutschte oder mit einem aufgespannten Regenschirm von einem hohen Baum sprang. Christl-Marie - von Freundinnen auch „Marille“ oder „Mare“ genannt - galt bereits als Teenager bei ihren einheimischen Mitbürgern/innen als sehr exzentrisch. Wenn beispielsweise am Fronleichnamsfest alle in der Kirche mehr oder weniger die selbe Tracht trugen, zog sie eine besonders auffällige Schürze an. Zur Heiligen Messe kam sie oft als Letzte in die Kirche, wenn der Pfarrer schon mit dem Gottesdienst angefangen hatte und stahl auch hierbei mit diversen Kleidungsstücken anderen Mädchen die Schau. Mitunter soll Christl-Marie in der Kirche an ihrer Bluse einen Knopf mehr als ihre Altersgenossinnen geöffnet haben, um mit ihrem Dekolleté mehr als diese aufzufallen. Ältere Einwohner von Bad Heilbrunn erinnern sich daran, gehört zu haben, dass Christl-Marie vielen jungen Burschen und später auch erwachsenen Männern den Kopf verdrehte. Abgeblitzte Verehrer sollen später ihre schärfsten Kritiker geworden sein.
Im Alter von 19 Jahren teilte die abenteuerlustige Christl-Marie Schultes ihrem Vater mit, dass sie jetzt das Fliegen lernen wolle. Ihr Vater, ihre Mutter und andere Verwandte reagierten auf diesen Wunsch entsetzt. Alte Leute schüttelten fassungslos den Kopf. Ein Mädchen sollte nach damaliger Auffassung Kochen, Nähen und alles, was zum Haushalt gehört, gründlich erlernen, dann heiraten und Kinder kriegen.
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Katholische Kirche St. Kilian in Bad Heilbrunn.
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Ernst Probst, Theo Lederer, 2010, Christl-Marie Schultes - Die erste Fliegerin in Bayern, München, GRIN Verlag GmbH
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