1 Einleitung
1.1 Einführung
Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, als sich eine neue deutsche Literatur wieder in der heimischen Öffentlichkeit präsentieren konnte, waren es die Autoren der „Inneren Emigration“, die zunächst die weiteste Rezeption erfuhren, nicht etwa jene der Autoren des Exils. 1 Thomas Mann hatte zwar ein verdammendes Urteil gesprochen und den Büchern, die während des NS-Regimes im Deutschen Reich erschienen waren generell die Existenzberechtigung abgesprochen, indem er erklärte:
„Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. Sie sollten alle eingestampft werden.“ 2
Dies richtete sich natürlich nicht allein gegen die Bücher, sondern auch gegen jene, die sie verfasst hatten, die also während der NS-Herrschaft nicht das Deutsche Reich verlassen hatten. In diesem Zusammenhang aber ist darauf hinzuweisen, dass auch die überwältigende Mehrheit der Emigrierten den Schritt ins Exil nicht freiwillig, sondern allein aufgrund einer konkreten Bedrohung und Gefahr unternommen hatte. 3
Bereits beim ersten größeren Zusammentreffen der Vertreter des Exils und jener der ‚Inneren Emigration’ auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 10. Oktober 1947 im sowjetischen Sektor Berlins stattfand, kam es zum Konflikt zwischen den Autoren der beiden Gruppen, wobei die während des NS-Regimes in Deutschland Verbliebenen nun fast alle in den Westzonen ansässig waren. 4 Ein
1 Vgl. Schnell (1993), S. 74.
2 Vgl. Mann (1974), S. 832.
3 Vgl. Scholdt (1994), S. 24.
4 Vgl. El-Akramy (1997), S. 16f.
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Dialog war kaum noch möglich, die Nachkriegsdebatte zwischen den beiden Gruppen ist vielmehr ein „Dokument der totalen Entfremdung“ 5 .
Die vielfache Diffamierung aber vermochte dem Interesse an dieser Literatur zunächst nur wenig Abbruch zu tun, auch wenn der Streit zwischen ‚innerer’ und ‚äußerer’ Emigration die intellektuelle und literarische Entwicklung im Nachkriegskriegsdeutschland negativ beeinflusste, 6 wobei aufgrund der Diffamierung der Emigranten in der Adenauer-Ära zunächst die Vertreter der ‚Inneren Emigration’ die bundesdeutschen Lesebücher beherrschten. 7 Die drei hier untersuchten Autoren Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Ernst Wiechert zählen nach der Zerschlagung des NS-Regimes zu den Vertretern der älteren Generation von Schriftstellern, „denen ihre ästhetische bzw. moralische Vorreiterrolle bereits in den dreißiger Jahren zugewachsen war und nun nach kurzer Quarantäne bzw. ohne Verzug wieder zugebilligt wurde“ 8 .
Erst später, zuerst 1961 wieder durch Franz Schonauer, kam es zur intensiven Auseinandersetzung um die “Innere Emigration“. Schonauer fand hier aufgrund der Verantwortung des Bürgertums für den Aufstieg des NS keine Literatur, „die die herrschende Ideologie verneinte, sondern nur eine Literatur, die vor gewissen Praktiken dieser Ideologie die Flucht ins Erbauliche ergriff. Die Literatur der sogenannten inneren Emigration war Flucht.“ 9 Zwar verleugnete Schonauer keineswegs die positiven Seiten dieser Literatur, erkannte diese gar explizit an, weigerte sich aber auch, sie zum Widerstand zu zählen: „Sie hatte eine humanistische Funktion insofern, als sie während des Dritten Reiches die Abscheu gegen die verbrecherischen Praktiken des Hitler-Regimes wachhielt und die privatmenschliche Substanz des deutschen Bürgertums bewahren half. Aber dieser Abscheu
5 Vgl. Mayer (1988), S. 37.
6 Vgl. Klapper (2007), S. 134.
7 Vgl. Schnell (1976), S. 1.
8 Vgl. Denkler (2006), S. 5.
9 Vgl. Schonauer (1961), S. 127.
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führte weder zu einem wirklichen geistigen, noch gar zu einem effektiven politischen Widerstand.“ 10
Gerade diesem Bürgertum aber lastete Schonauer an, dass es durch seine apolitische und idealistische Einstellung erst die Machtübernahme der Nationalsozialisten ermöglicht habe. Es bleibt also als Essenz des Schonauerschen Textes die Verurteilung des Bürgertums wie der Schriftsteller, die seine Bedürfnisse adressierten, aber so wie ihr Publikum in ihrer Innerlichkeit verharrten, sich allein auf „das bewährte und damit Problemlose“ 11 besinnend anstatt Umsturzbestrebungen unternehmend. Solch eine das System der NS-Herrschaft im Endeffekt stabilisierende Literatur musste mit gutem Gewissen als wertlos, die Beschäftigung mit ihr als obsolet erachtet werden, nachdem die Restaurationsbemühungen der fünfziger Jahre abgeschlossen waren und deren antikommunistische Ressentiments verblassten. So bewirkte die ‚Zensur der Nachgeborenen’ 12 einen Wechsel der Gewichtung, die Autoren der „Inneren Emigration“ gerieten weitgehend in Vergessenheit, und zwar nicht nur beim Lesepublikum, sondern auch in der wissenschaftlichen Fachwelt, so dass noch Mitte der siebziger Jahre die Spärlichkeit der Beiträge zur Analyse dieser Richtung beklagt wurde. 13 Dies hat sich seitdem allerdings deutlich geändert, mittlerweile liegen zahlreiche Analysen einzelner Werke und Aufarbeitungen der Anschauungen der Vertreter der „Inneren Emigration“ vor, die sich auch durchaus differenzierter Einschätzungen befleißigen, 14 denn der schwierigen Situation innerhalb Nazideutschlands „kann die Alternative Dissens und Opposition oder Mitläuferschaft und Kollaboration nicht gerecht werden.“ 15 Es erfolgte bereits in den siebziger Jahren auch eine gewisse Rehabilitation, die Schriftsteller der ‚inneren Emigration’ erschienen nun teilweise gar „als Bestandteil einer antifaschistischen Volksfront.“ 16 , andererseits aber auch als Ausdruck einer spezifisch deutschen Lebensform.
10 Vgl. Ebd.
11 Vgl. Ebd.
12 Vgl. Denk (1995).
13 Vgl. Schnell (1976), S. 5.
14 Vgl. Braun / Guntermann (2007), S. 9.
15 Vgl. Phillipp (1994), S. 13.
16 Vgl. Choi (1996), S. 81.
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Zwar sind die Autoren der ‚inneren Emigration’ keineswegs zu den Vertretern der Fundamentalopposition zu rechnen, war ihr Widerstand und Dissens doch oft nur partiell 17 können aber auch nicht zu den stützen des NS-Regimes gezählt werden, selbst wenn natürlich „alle geduldete Literatur eine Funktion innerhalb der nationalsozialistischen Gesellschaft ausübte.“ 18 Zu dieser Funktion gehörten Belehrung, Erbauung und Trost, deren Wirkungen letztlich nicht dem Widerstand, sondern vielmehr dem Hitlerregime zu Nutzen waren. 19
Widersprüchlichkeit kennzeichnet also diesen Terminus, umfasst er doch einerseits den resignativ anmutenden Rückzug in sich selbst, andererseits aber auch den rebellischen, wenn auch gut zwischen den Zeilen versteckten, literarischen Widerstand. 20 Eben diese Vieldeutigkeit aber ließ die Leistungen und das Versagen der literarischen Inneren Emigration nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs zum Gegenstand eines öffentlichen Streits werden, dessen Wertungen sich zwischen emphatischer Betonung des Widerstandspotenzials und konsequenter Verurteilung des Anpassungscharakters verorteten. 21 Die „Innere Emigration“ ist dabei keineswegs allein Widerstand, sondern auch zu verstehen als Strategie „literarischer Selbstreinigung und kollektiver Entlastung“ 22 . Sie repräsentiert die sog. „guten Deutschen“, die sich nicht an den Gräueln des NS-Regimes beschmutzten, zwar sich innerhalb dessen Machtbereich bewegten, aber dadurch auch Bericht zu erstatten vermochten, zumindest theoretisch also zur Zeugenschaft über die Zerstörung der Menschlichkeit und der Grundlagen der Zivilisation durch den Nationalsozialismus befähigt waren. Andererseits aber mussten auch immer wieder „Konzessionen an das NS-Regime“ 23 gemacht werden. Diese Ambivalenz der Aussage und auch der
17 Vgl. Broszat (1986), S. 300.
18 Vgl. Phillipp (1994), S. 13.
19 Vgl. Schonauer (1961), S. 129.
20 Vgl. Wiesner (1970), S. 385.
21 Zur Diskussion eines Widerstandspotenzials der Literatur der Inneren Emigration vgl. die Diskussion
zwischen Frank Thieß und Thomas Mann, dokumentiert und kommentiert in: Grosser (1963). Zum Vorwurf eines Anpassungscharakters der Literatur der Inneren Emigration vgl. Schonauer
(1961).
22 Vgl. Braun / Guntermann (2007), S. 9.
23 Vgl. Rotermund (2007), S. 31.
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politischen Position, 24 ihre Uneindeutigkeit war es, die im Gefolge des Paradigmenwechselns nach 1968 die Vertreter der ‚Inneren Emigration’ in den 1970er und 1980er Jahren überwiegend Ablehnung seitens der Germanistik und Literaturwissenschaft erfahren ließ. Die Bedingungen des NS-Regimes nicht berücksichtigend wurde so diesen Autoren eine affirmative Nähe zum NS bzw. dessen zumindest indirekte Stabilisierung unterstellt, was sich aber in den folgenden Jahren wieder änderte, 25 nun kamen Konzeptionen wie der ‚Magische Realismus’ 26 auf.
1.2 Forschungsfragen
Anhand der exemplarisch untersuchten Texte der drei Vertreter der ‚Inneren Emigration’ soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern diese der Opposition oder gar dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus hinzu gerechnet werden können.
Hinsichtlich der Wirkung ihrer Werke und ihrer Inhalte wird im Weiteren der Frage nachgegangen inwiefern die betrachteten Autoren zu aktiven Zeugen der Verbrechen des NS-Regimes geworden sind oder ob sie vielmehr teilhatten an deren Verdeckung und Verschleierung.
1.3 Inhalt und Aufbau
Nachdem zunächst eine kurze Einführung in die Thematik erfolgt und die zu untersuchenden Fragestellungen umrissen werden, geschieht im Kapitel Zwei die theoretische Grundlegung.
Es wird dabei sowohl der Begriff der ‚Inneren Emigration’ in seiner historischen Entwicklung dargestellt und kritisch erörtert als auch die Konflikt beladenen
24 Vgl. Schnell (1976), S. 53.
25 Vgl. Kroll (2007), S. 73f.
26 Vgl. Kirchner (1993); Scheffel (1990).
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Verhältnisse von Zeitgeist und Zeugenschaft sowie Identifikation und Identifizierung, da diese beide den Rahmen des Schreibens im Nationalsozialismus bestimmen. Es wird sodann die wesentliche Technik dessen für die ‚Innere Emigration’ allgemein, vor allem aber für die drei hier näher untersuchten Autoren, die historische Camouflage analysiert und deren Methoden vorgestellt, aber auch deren Einfluss auf die politische Reichweite der Texte erörtert. Deren radikale Selbstbeschränkung seitens der Autoren in einigen ihrer Werke wird anhand der Naturlyrik dargestellt.
Im dritten Kapitel erfolgt sodann die Untersuchung anhand dreier Vertreter der ‚Inneren Emigration’, wobei aufgrund ihrer großen Bedeutung für die damalige literarische Landschaft Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Ernst Wiechert ausgewählt wurden. Diese Autoren werden jeweils hinsichtlich ihrer Biographie und ihrer Gesamtwerke kurz vorgestellt. Von jedem der drei Autoren werden sodann ein oder zwei ihrer Werke detaillierter untersucht hinsichtlich der Rezeptionsgeschichte und des möglicherweise vorhandenen oppositionellen Inhalts.
Abschließend geschieht die Zusammenfassung der Analyseergebnisse und es werden die Beantwortung der Forschungsfragen vorgenommen sowie die Eröffnung von Perspektiven potentieller weiterer Forschungsvorhaben erörtert.
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2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Zum Begriff der „Inneren Emigration“
Der Begriff der Inneren Emigration, der nach eigenen Angaben auf Thomas Mann zurückgeht, 27 obwohl andere ebenfalls ihre Urheberschaft behaupteten,28 und
dessen Gebrauch sich auf jeden Fall für die Zeit der Herrschaft des NS-Regimes belegen lässt, 29 benennt in erster Linie ein politisch-soziales Phänomen, nicht ein literaturhistorisches oder literaturästhetisches Phänomen. Der Begriff der Inneren Emigration ist literarhistorisch ebenso vieldeutig wie umstritten. Der mit scharfen Worten geführte Konflikt zwischen den inneren und äußeren Emigranten schuf zwischen diesen beiden Gruppen zwar eine tiefe Kluft, - die von dem DDR-Literaturhistoriker Brekle 30 beschworene antifaschistische literarische Volksfront über alle literarischen Anschauungen und Positionen, aber auch über die Kategorien der klandestin verfassten und versteckten Texte, über die illegal verbreiteten bis hin zu den in der ‚Sklavensprache’ verfassten noch unter dem NS-Regime veröffentlichten, hinweg gab es spätestens nach dieser Debatte nicht mehr - eine begriffliche oder sozialhistorische Begriffserklärung aber erfolgte nicht. 31 Hellmut Seier vermochte es so, mit seiner Bemerkung aus dem Jahre 1959 eine scheinbar ewig gültige Wahrheit auszusprechen, indem er sagte:
„Eine präzise Definition des Begriffs der inneren Emigration hat sich bisher nicht durchgesetzt und ist kaum möglich.“ 32
Bis ungefähr 1960 wurde „Innere Emigration“ schlicht mehr oder minder mit Opposition gleichgesetzt. 33 Charles W. Hoffmann entwickelte drei Kriterien, denen
27 Vgl. Mann (1977), S. 243.
28 -Zur Urheberschaft des Begriffs „Innere Emigration“, die nach 1945 auch Frank Thieß beanspruchte,
vgl. Grimm (1972) und Schnell (1976), S. 3.
29 Vgl. Phillipp (1994), S. 11.
30 Vgl. Brekle (1970), S. 72.
31 Vgl. Wögerer (2004), S. 42.
32 Vgl. Seier (1959), S. 319.
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ein oppositioneller Text zu genügen hätte. Hierbei handelt es sich um die Selbstaussage des Verfassers, um die zeitgenössische Rezeption durch das Publikum und um die Reaktion der offiziellen Stellen. 34 Denk ergänzte dieses Modell um drei weitere Parameter:
• die zeitgenössische Kritik, die die Reaktionen der Leserschaft erschließen lasse;
• den Text selbst, den auch der Leser von heute als Kritik an der Diktatur erkennen können müsse sowie
• die Rezeption in der Germanistik bzw. Literaturwissenschaft, die häufig vernichtende urteile aussprach, die es zu widerlegen gelte bevor ein Werk rehabilitiert und damit wieder nutzbar gemacht werden könne. 35 Auch in späteren Jahren aber wurde von verschiedenen Autoren der Begriff der „Inneren Emigration“ noch ohne Ausnahme für alle Schriftsteller verwandt, die nicht zum NS zu zählen waren, aber innerhalb seines Herrschaftsbereiches verblieben, 36 es kam aber dann in den 1960er und 1970er Jahren doch mehrheitlich zu einer Umdeutung hin auf Irrationalismus und Innerlichkeit, die den ‚Inneren Emigranten’ unterstellt wurden. 37
Charles W. Hoffmann lehnte die strikte Abgrenzung zwischen angeblich antifaschistischer und angeblich systemaffirmativer Literatur ab, denn für ihn „lautet die Frage nicht mehr ‚Ist dies Opposition zum Dritten Reich oder nicht?’, sondern vielmehr ‚Welches Maß an Opposition, welches Maß an Nicht-Konformität enthält dieses Werk?’“ 38
Vieldeutig ist der Begriff aber vor allem wegen der Widersprüchlichkeit jenes Prozesses, den er benennt: Emigration nach Innen konnte im Dritten Reich Flucht ebenso wie kalkulierten und realitätsgerechten Protest bedeuten. Daher blieb dieser
33 Vgl. Denk (1995), S. 226.
34 Vgl. Hoffmann (1962), S. 137f.
35 Vgl. Denk (1995), S. 240.
36 Vgl. Brekle (1970 und 1985); Scholdt (1994); Wiesner (1970).
37 Vgl. Denk (1995), S. 232.
38 Vgl. Hoffmann (1973), S. 130.
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Begriff lange Zeit über „ebenso unscharf wie umstritten“ 39 . Für Reinhold Grimm bedurfte es daher nicht allein eines, zumindest bei entsprechender Interpretation, nicht faschistischen Inhalts der Texte, sondern vielmehr vor allem einer „Gegenhaltung, die erkennbar war“ 40 , um von ihm zum Kreis der „Inneren Emigration“ gerechnet zu werden. Grimm forderte allerdings auch, sich "von jeglichem Schubladendenken freizumachen und stets eine gleitende Skala im Auge zu behalten, die vom aktiven Widerstand bis zur passiven Verweigerung reicht." 41 Grimm vermochte es so die verschiedenen Spektren in seine Fassung des Begriffs der 'Inneren Emigration' einzuschließen. Hoffmann verweist zurecht darauf, dass es keineswegs selbstverständlich und zwingend ist anzunehmen, dass das Schrifttum der ‚Inneren Emigration’ tatsächlich „einen Komplex an Literatur darstellt, der einfach deshalb in sich zusammenhängt, weil er von Menschen hervorgebracht wurde, die das gleiche Schicksal der Isolation und Entfremdung teilten.“ 42
Eindeutigkeit in der Opposition hätte die Emigration erzwungen bzw. die Eliminierung durch das NS-Regime bewirkt, komplette Kooperation mit diesem Regime aber hätte die Zugehörigkeit zur Richtung der „inneren Emigration“ verunmöglicht, deren Vertreter daher stets sich in einem Spannungsfeld zwischen Kooperation und Opposition bewegten, sich dabei jeweils ganz individuell, auch im Laufe der Zeit die Positionen vielfach verändernd, bewegten, also, wie Michael Philipp betont, auch immer innerhalb des Rahmens der gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden sollten. 43 Diese waren, wie Werner Bergengruen 1961 in einer Rede über seinen Roman „Der Großtyrann und das Gericht“ darlegte, durch eine stets erforderliche Klandestinität der Kontakte und der beständigen Bedrohung durch Spitzel geprägt. So lernte auch er bald Vorsicht selbst den kleinsten Dingen des Alltags walten zulassen, da es dieser zum Überleben bedurfte. 44
39 Vgl. Schnell (1976), S. 2.
40 Vgl. Grimm (1976), S. 411.
41 Vgl. Ebd.
42 Vgl. Hoffmann (1973), S. 131.
43 Vgl. Phillipp (1994), S. 15.
44 Vgl. Bergengruen (1961a).
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Auch Ralf Schnell verwahrt sich gegen eine allein immanente Herangehensweise an die Texte, die ebenso wenig zielführend sei wie eine Beschränkung allein auf das soziopolitische Umfeld ihrer Produktion und Distribution. Es seien vielmehr sowohl die "historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Literatur zu diskutieren, als auch die Frage, in welcher Weise diese rezipiert worden sind. 45 Zu beachten ist dabei, nach Karin Gradwohl-Schlacher, auch der Grad der jeweiligen Eingebundenheit der Autoren in das NS-System, also die Mitgliedschaft in Verbänden und Institutionen, aber auch die ökonomische Situation. 46
Innere Emigration ist so zunächst einerseits abzugrenzen gegenüber allen Formen eines dezidiert politischen Widerstands, wie er sich bei Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Kirchen findet, denn im protestierenden, kontemplativen oder resignativen Rückzug auf bürgerliche Individualität und Identität - dem noch zu zeigenden Kern der Inneren Emigration - bleiben eben jene gesellschaftlichen Verhältnisse unangetastet, von denen diese Verhaltensweise zurückweicht oder von denen sie sich abwendet.
Günther Klemm etwa erkennt in den Werken Bergengruens so nicht das politische Moment sondern vor allem die Tendenz zum Religiösen und metaphysischen, die die damalige Geistesgeschichte wieder nachhaltiger zu prägen begann als in den Jahrzehnten zuvor. 47
Innere Emigration ist andererseits abzugrenzen gegenüber solchen Formen politischen Mitläufertums oder gar aktiven Eintretens für den Faschismus, die vor allem in den ersten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft kennzeichnend für das politische Verhalten eines konservativen Bürgertums gewesen sind. 48 Denk unternimmt eine Klassifikation der Literatur der NS-Zeit nach Parteiliteratur, für den NS vereinnahmbarer Literatur, unpolitischer Literatur und oppositioneller Literatur, wobei Letztere sich aufteilt in antifaschistische Literatur, Widerstandsliteratur, entweder christlicher oder humanistischer Orientierung sowie regimekritische
45 Vgl. Schnell (1976), S. 15.
46 Vgl. Gradwohl-Schlacher (1998), S. 74.
47 Vgl. Klemm (1957), S. 5f.
48 Zur Vorgeschichte dieses Prozesses vgl. Sontheimer (1962).
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Literatur, die sich ihrerseits wiederum aufteilt in diejenige, die die Diktatur angreift, jene, die sich zentral dem Kampf gegen den Rassismus widmet und zum Dritten die Antikriegsliteratur der Jahre 1939-1945. 49 Hierbei fallen für Denk sowohl Werner Bergengruens „Der Großtyrann und das Gericht“ als auch Ernst Wiecherts „Der Dichter und die Jugend“ sowie sein „Tobias“ unter die Diktaturkritik, während Reinhold Schneiders „Las Casas vor Karl V.“ von Denk als vordergründig dem Rassismus und Werner Bergengruens „Am Himmel wie auf Erden“ als zentral dem Krieg entgegengesetzt eingeordnet wird. 50 Festzuhalten bleibt, dass alle drei hier betrachteten Autoren keineswegs unpolitisch waren, sondern vielmehr Werke verfassten, die eindeutig als ‚Schlüsselliteratur’ angesehen wurden. 51
Auch hinsichtlich der Einteilung der Autoren entwickelt Denk ein beachtenswert feines Untersuchungsraster. er unterscheidet so hinsichtlich der biographischen Fassung des Begriffs sieben Formen der ‚Inneren Emigration’. Hierbei handelt es sich um diejenigen,
1. deren Rückzug vom NS-Regime meist mittels offener Gewaltanwendung erzwungen wurde, 2. deren Rückzug freiwillig erfolgte,
3. die sich in totalem Schweigen ergingen, was aber für Autoren, die ihre Profession auszuüben trachteten, unmöglich war;
4. die ihre bereits zuvor praktizierte Zurückgezogenheit nur fortsetzten; 5. die sich eines unpolitischen Debüts befleißigten; 6. die ihr Debüt verschoben und zunächst auf Veröffentlichungen verzichteten; sowie zuletzt
7. die von ihm als ‚vermeintliche innere Emigranten’ erachtet werden. 52
Hervorzuheben ist dabei, dass alle drei hier näher untersuchten Autoren von ihm zu den ‚vermeintlichen inneren Emigranten’ gerechnet werden: „Denn sie haben sich nicht zurückgezogen, sondern als Autoren immer wieder eingemischt.“ 53
49 Vgl. Denk (1995).
50 Vgl. Denk (1995).
51 Vgl. Bluhm (1991), S. 9.
52 Vgl. Denk (1995), S. 229ff.
53 Vgl. Denk (1995), S. 231.
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Zu beachten ist auch die Rezeption der Texte und der Umgang mit den verfassenden durch die Nationalsozialisten selbst. Heidrun Ehrke-Rotermund unterscheidet hier fünf Fälle oder Grundformen: 54
• offizielle Umdeutung und somit erzwungene Integration;
• fraktionierte Bewertung;
• bewusste, organisierte Ignoranz - also völliges Totschweigen;
• Enttarnung der verschlüsselten Botschaft mit entsprechenden Sanktionen für den jeweiligen Titel; sowie als gravierendste Maßnahme
• die Enttarnung der versteckten Botschaft mit anschließender Bestrafung des Autors.
Mittlerweile kann, nach Ansicht von Pottier, die ‚innere Emigration’ nur noch als „eine Stufe, eine Variante unter anderen“ 55 auf der Skala zwischen Dissens und Widerstand verstanden werden. Zu beachten ist, dass viele Menschen, die dem NS-Regime ablehnend gegenüberstanden, diese Literatur „als moralische Stärkung, als lebensnotwendigen Zuspruch erfahren hatten“ 56 . Formal lässt sich der Kreis der ‚Inneren Emigration’ umfassen als jene Schriftsteller, „die im Dritten Reich lebten und publizierten, jedoch nicht als Faschisten einzustufen sind, sondern in ihren Werken eine zumindest distanzierte Haltung zum faschistischen Regime erkennen ließen.“ 57 Gemeinsam mit der „äußeren Emigration“ ist den Vertretern der „inneren Emigration“ der Verlust zwar nicht der geographischen Nähe zur bisherigen Lebenswelt, aber doch das Einbüßen der emotionalen und moralischen Heimat. 58
2.2 Zeitgeist vs. Zeugenschaft
Wir begegnen bei der Betrachtung der Vertreter der inneren Emigration dem Zeugen sowohl in seiner passiven Funktion als Instrument, aber auch als aktiv agierende
54 Vgl. Ehrke-Rotermund (1998), S. 41ff.
55 Vgl. Pottier (2007), S. 90.
56 Vgl. Phillipp (1994), S. 12.
57 Vgl. Schnell (1976), S. 5.
58 Vgl. Wögerer (2004), S. 41.
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Kraft. Ulrich Baer bezeichnet Zeugenschaft daher, als "die eigene Person für die Wahrheit der Geschichte einzusetzen und das eigene Wort zum Bezugspunkt einer umstrittenen oder unbekannten Realität zu bestimmen, die man selbst erfahren oder beobachtet hat" 59 . Wesentlich sei "die Zeugenschaft als bislang übersehenes zentrales Moment in den Auseinandersetzungen um den Umgang mit dem Holocaust und den politischen, intellektuellen und persönlichen Entscheidungen über die Zukunft der Vergangenheit - über Erinnerungskultur und Entsorgung der Geschichte" 60 , wie sie von den meisten Deutschen der Nachkriegszeit vorgenommen zu worden sein scheint. Einige Täter wurden immerhin in Nürnberg verurteilt, auf diese konnte nun als Sündenböcke die kollektive Schuld, „die in der Tat unabhängig ist von dem, was man selbst getan hat, und daher weder moralisch zu werten noch gar in strafrechtlichen Begriffen zu fassen ist“ 61 , abgewälzt werden.
Baer verweist in diesem Zusammenhang auf die, von Paul Celan herausgearbeitete, radikale Isolierung und absolute Singularität des Zeugen. Dies mag insofern fragwürdig erscheinen, als Zeugenaussagen auch durchaus, hinsichtlich wesentlicher Inhalte, übereinstimmend von ganzen Gruppen von Menschen wiedergegeben werden können. Jenseits der hermeneutischen Erklärungsmuster aber, muss doch der historische Kontext, den Erwägungen Baers einbezogen werden. Dieser ist auf deutscher Seite geprägt, durch den Wunsch nach allumfassendem Gedächtnisverlust. Aus diesem resultiert die Selbstreinwaschung. Von jüdischer Seite aber, gab es nach Kriegsende tatsächlich oft nur ganz wenige Überlebende, wenn überhaupt, die von den Orten der Massenvernichtung und von den dort vollzogenen Taten zeugen konnten. Baer überschreitet bei weitem den Rahmen der üblichen juristischen Logik, wenn er postuliert: "Die Aussage eines Zeugen kann weder durch die Aussage einer anderen Person noch durch eine andere Aussage ersetzt werden." 62 Auch die von Baer verlangte "universelle Wahrheit" 63 , bildet als solche bereits eine Kategorie, die der sorgfältigsten Erwägung vor ihrer Benutzung bedarf. Wegweisender ist die Tat, statt der Worte, die nur allzu oft verblassen, unter
59 Vgl. Baer (2000), S. 7.
60 Vgl. Baer (2000), S. 9.
61 Vgl. Arendt (1986a), S. 25.
62 Vgl. Baer (2000), S. 7.
63 Vgl. Baer (2000), S. 7.
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dem Mangel der Bereitschaft der anderen Menschen zum Zuhören, zum Übernehmen einer 'sekundären Zeugenschaft'. 64 Ulrich Baer betont so, die Auseinandersetzung mit dem Leid Anderer könne "in verantwortlichem Handeln münden, statt in der unmöglichen Einfühlung und Identifikation mit den Toten, in Verdrängung, in politisch lähmendem Mitleid, in melancholischer Fixierung oder im stummen Entsetzen über die schockierende Fremdheit der traumatischen Erfahrung zu enden." 65 Gerade das Handeln also vermag eine Perspektive zu eröffnen, der negativen Symbiose zu entrinnen, da die totalitäre Herrschaft, ihre Totalitarität ja erst dann wirklich gewinnt, "wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt", 66 also auch die Privatsphäre zutiefst berührt, dort ebenfalls ihre Spuren hinterlässt. Die Melancholie und Todessehnsucht ist es sonst, die den Blick auf die Realität versperrt und damit die Analyse des Geschehenen so verunmöglicht, wie die Verhinderung eines neuen Unheils. Gerade in diesem Widerspruch aber scheinen die Vertreter der Inneren Emigration gefangen, sind aber auch verstrickt in das Verhältnis von Identifizierung und Identifikation, welches im nächsten Abschnitt untersucht wird.
2.3 Das Spannungsverhältnis zwischen Identifikation und
Identifizierung
Die Zeugenschaft wurde im Deutschen Reich für die in ihm lebenden Autoren dadurch erschwert, dass sie geprägt waren durch „eine allgemeine Desorientiertheit, die sich nicht zuletzt aus dem Fehlen einer alternativen Autorität ergab (wie etwa Kirche oder König in Italien), die dem Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Staats und seiner Ideologie hätte Grenzen setzen und Freiräume schaffen können.“ 67
Gerade die hier untersuchten Autoren aber banden sich in jenen Jahren an die selbst gewählte Autorität des christlichen Glaubens, der zwar keine organisatorische Bastion gegen das NS-Regime bildete, aber doch einen geistigen Rückzugsraum
64 Vgl. Baer (2000), S. 11.
65 Vgl. Baer (2000), S. 25.
66 Vgl. Arendt (1986b), S. 727.
67 Vgl. Bluhm (1991), S. 11.
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darstellte, damit auch die eigene Nicht-Identifizierung mit der totalitären Herrschaft und ihrem Apparat, in den die Autoren immer wieder eingespannt wurden, als dessen Vertreter sie also auch identifiziert wurden, erlaubend. Beispielhaft wird dieses konfliktgeladene Verhältnis durch Grete Weil dargestellt.
Die Möglichkeit der Nichtidentifikation mit dem Nationalsozialismus, der inneren Emigration, entfällt für Grete Weils Helden in ihrem Roman Beethovenstraat, Andreas, in Amsterdam, hier ist er - ob gewollt oder nicht - Vertreter der Okkupanten:
"Ein Feind, ich bin ein Feind, gehöre dazu, mehr als in München, bin ein Mitglied der Besatzungsmacht, ganz gleich, ob ich besetzen will oder nicht, niemand wird mich nach meiner Gesinnung fragen, vor dem Stoß in die Gracht." 68
Andreas versucht zwar sich der deutschen Identität zu verweigern, dies aber gelingt ihm nur bruchstückweise, immer wieder wird er von den anderen Menschen in diese Identität hineingezwungen. Bei der Verwendung des Begriffs der Identität wird diese nur selten als dialogischer, interaktiver Prozess 69 aufgefasst. Identifizierung basiert einerseits auf dem eigenen biographischen Hintergrund, dem Sozialisationsprozess. "Zwar erscheint der Mensch in der Umgebung als von dieser weitgehend unabhängig. In Wirklichkeit aber ist sie in ihm, sie ist im Prozeß des Gewordenseins gleichsam geronnen, also ein Teil von ihm." 70
Es ist andererseits aber auch ein gesellschaftlicher Prozess des Zwangs, welcher zum Deutschen stempelt oder zum Juden macht, aber auch zum Oppositionellen oder zum Apologeten des NS-Regimes, immer ist es ein Vorgang, der auf gegenseitiger Identifikation beruht:
"Identität, die Erfahrung des Identisch-Seins mit sich selbst in sich verändernden sozialen Situationen, basiert auf der (Selbst-) Reflexivität als einer spezifisch menschlichen Eigenschaft. Sich-Selbst-Identifizieren als reflexiver Akt hängt immer von der
68 Vgl. Weil (1992), S. 22.
69 Vgl. Greverus (1995).
70 Vgl. Wessel (1993), S. 23.
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Konfrontation mit dem 'Anderen' ab, d.h. von der Unterscheidung vom Anderen und der Anerkennung durch das Andere." 71
Gerade die Unterscheidung ist das Wesentliche.
"Identität ist ein Prozess der ständigen Neu-Festlegung auf nur eine Partikularform unter Verzicht auf alle anderen
Identifikationsmöglichkeiten." 72
Identität wird so oft statisch mit dem subjektiven Zugehörigkeitsbewusstsein einer Person zu einer Gruppe gleichgesetzt, wobei diese Gruppen sich vor allem in ethnische, religiöse und nationale Identitäten unterscheiden lassen. "Identität ist damit abhängig von der Art der sozialen Beziehungen, der sozialen Umwelt, ist erfassbar nur vor dem Hintergrund der je spezifischen Gesellschaftsformation." 73
Diese Bezugnahme ist umso bedeutender angesichts der Mehrdeutigkeit der hier untersuchten literarischen Zeugnisse, die aufgrund der zeitgeschichtlichen Umstände ihrer Erschaffung sich besonderer Techniken bedienen mussten, welche im folgenden Kapitel analysiert werden.
2.4 Voraussetzungen des Schreibens im Nationalsozialismus
Die Frage der Ästhetik kann aber in der Literatur nicht unbeantwortet bleiben. Es ist im Hinblick darauf, was Literatur der inneren Emigration ist, auch nach dem ästhetischen Widerstandspotenzial zu fragen, auf jenes Engagement der Artistik, das auf gesellschaftlich Vermitteltes nur antwortet. Es ist deshalb notwendig, sich die Voraussetzungen solcher Vermittlungen klar zu machen, aber auch die individuellen Voraussetzungen der jeweiligen Autoren, Voraussetzungen, die zusammen der poetischen Form der Inneren Emigration zu Grunde lagen. Nach dem 2. Weltkrieg kam es zu einer Vielzahl von Veröffentlichungen von Seiten zahlreicher Autoren, die im NS-Deutschland geblieben waren. Teile dieser Veröffentlichungen legen nahe, dass es sich um Rechtfertigungsschriften handelt.
71 Vgl. Stienen / Wolf (1991), S. 81.
72 Vgl. Stienen / Wolf (1991), S. 81.
73 Vgl. Stienen / Wolf (1991), S. 81.
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Denn zu rechtfertigen gab es vor allem, dass auch nicht-faschistische Autoren in vielerlei Weise die faschistische Herrschaftsordnung mit stabilisierten, so etwa durch die Unterschrift unter eine von Gottfried Benn entworfene Loyalitätserklärung, die die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gegenüber dem NS-Staat abgab, 74 oder durch die Unterschrift unter ein Treuegelöbnis für Hitler, oder durch eine Vielzahl von Beiträgen zu NS-Veranstaltungen, Ehrungen und Feiern, auf denen renommierte Autoren als Gäste willkommen waren, weil sich mit ihrer Anwesenheit die kulturelle Verbundenheit des Faschismus mit dem Bürgertum auf willkommene Weise öffentlich demonstrieren ließ. Insbesondere Hans Carossas Autobiographie „Ungleiche Welten“ (1951) 75 lässt sich als ein Dokument der Anpassung und nachträglichen Rechtfertigung lesen, weniger hinsichtlich der Fakten, die in ihm verarbeitet sind - Carossas Vorsitz der NS-gesteuerten Europäischen Schriftstellervereinigung etwa -, als vielmehr auf Grund der argumentativen Stereotypen, die diese Autobiographie repräsentiert. Denn Carossa nimmt zur Beantwortung der Frage, was den Faschismus verursacht habe, seine Zuflucht - hier Ernst Wiechert vergleichbar 76 - in dämonisierenden Erklärungsversuchen, die für ihn selbst Entlastungsfunktion besitzen mögen. Menschen wie Hitler, so Carossa, erfüllen
„einen höheren Auftrag: sie sind Werkzeuge einer unbekannten Macht, die
sich ihrer bedient, um zögernde Kräfte zur Entscheidung zu bringen,
freilich meistens zu einer andern, als sie meinen. Es ist zweifelhaft, ob sie
wissen, was durch sie geschieht. Wenn der Erdgeist sie mit unbändigem
Willen und großer Schlauheit ausstattet, so verrückt er ihnen dafür das
Augenmaß für die wahren dynamischen Verhältnisse des Zeitalters.“ 77
Der ahistorische Mystizismus Carossas ist selbst Teil der ideologischen Dispositionen, auf die die Nationalsozialisten partiell schon während der Weimarer Republik zurück greifen konnten und die sich nach 1933 für die Nationalsozialisten als nützliche Illusionen erwiesen. Carossa spaltet mit seinen historisch unhaltbaren „ungleichen Welten“ vergleichbar dem „Doppelleben“ Gottfried Benns (1950) 78 in
74 Vgl. Brenner (1972), S. 58 ff.
75 Vgl. Carossa (1951).
76 Vgl. hierzu Wiechert (1957b).
77 Vgl. Carossa (1951), S. 30.
78 Vgl. Benn (2005).
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dualistischer Weise eine literarische Existenz- und Überlebensmöglichkeit in die Bereiche Kunst und Leben, die auch die Entwicklung einer apolitischen Poetik in den 1950er Jahren in Deutschland einleitet.
Nicht als Selbstrechtfertigung, sondern als Selbstreflexion und damit weit eher geeignet, die Voraussetzungen des Schreibens im Nationalsozialismus zu erfassen, erscheinen die Tagebücher und auch Briefe, die zwischen 1933 und 1945 von verschiedenen Autoren geschrieben wurden. Jochen Kleppers „Unter dem Schatten Deiner Flügel“ (1956) 79 und Oskar Loerkes „Tagebücher 1903-1939“ (1955) 80 , Emil Barths „Lemuria“ (1947) 81 und Friedrich Reck-Malleczewens „Tagebuch eines Verzweifelten“ (1947) 82 , um hier nur einige Beispiele zu nennen, verleihen in ihren Tagebüchern einem reflektierten Leiden an der Gegenwart des Dritten Reichs empörten und bitteren, hasserfüllten und zugleich hoffnungslosen Ausdruck. Es sind Dokumente eines hilflosen Antifaschismus. Das Tagebuch ist also auch bei diesen Autoren wesentlich charakterisiert durch die Reflexion, richtet es sich doch an den Verfasser selbst. Und als Schubladenliteratur sind gerade die Tagebücher typische Erzeugnisse der ‚Inneren Emigration’, ja geradezu „das Medium der inneren Emigration“. 83
Sie offenbaren daher das Schwanken zwischen Anpassung und Widerstand als Äußerungsform einer tief greifenden politisch-gesellschaftlichen und zugleich ästhetischen Erschütterung und Krise, die nicht bewältigbar ist. So lässt sich bei Jochen Klepper ein Festhalten an Illusionen, ein Vertrauen in Einsicht und Menschlichkeit selbst nationalsozialistischer Funktionäre durchgehend registrieren, das wohl auch zu der wohlwollenden Aufnahme seines Romans „Der Vater“ (1937) 84 durch die offizielle Buchbesprechung seiner Zeit führte. Noch bis zu seinem Selbstmord 1942 hatte Klepper auf eine Existenzmöglichkeit im Dritten Reich
79 Vgl. Klepper (1956).
80 Vgl. Loerke (1955).
81 Vgl. Barth (1947).
82 Vgl. Reck-Malleczewens (1966).
83 Vgl. Vogelsang (1985), S. 197.
84 Vgl. Klepper (2003).
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gemeinsam mit seiner jüdischen Ehefrau und deren Tochter gehofft. 85 Im Gegensatz hierzu verbindet sich in Oskar Loerkes Tagebüchern die „Verzweiflung über das Teuflische“ 86 oder der abgründige Hass auf die faschistischen „Popel“ und „Drecktreter“ 87 mit einem historischen Agnostizismus, dessen Bedingungen im nachhaltig erschütterten bürgerlichen Kulturkonservatismus zu sehen sind:
„Wo das hinführen soll, ist dunkel. Nun: es wird dahin führen, wohin es
führen muß. Goethe sagte, kein Volk wisse, was in ihm vorgehe. Was
vorgegangen ist, wird erst nachträglich klar.“ 88
Noch anders stellt sich Reck-Malleczewen dar, dessen Hass auf den Faschismus ebenso radikal ist wie sein Kulturpessimismus und sein Insistieren auf die Geschichtsmächtigkeit des Irrationalen, sein Beharren auf die Einsicht,
„daß vierhundert Jahre rationalistischer Weltsteuerung und
rationalistischer Häresien abgelaufen sind und daß es wieder das ganz
große Geheimnis und die Irrationale selbst ist, die an die morschen Tore
der Menschlichkeit pocht.“ 89
Daneben gibt es Existenzweisen, die die „verhängnisvolle Macht der Gewohnheit“ 90 zu einem problematischen Arrangement mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit geführt hat. Dieses Argument sei, so Emil Barth,
„eine Gabe, in der soviel Schmach wie Barmherzigkeit liegt, daß sie uns
einerseits das Leben selbst unter sehr harten und erniedrigenden
Bedingungen erträglich macht und uns andererseits die Kraft raubt, immer
weiteren Entwürdigungen Einhalt zu gebieten.“ 91
Bei aller Unterschiedlichkeit der hier beispielhaft ausgewählten Dokumente, die über die Voraussetzungen des Schreibens im Dritten Reich Auskunft geben, kommt doch eine entscheidende Gemeinsamkeit zum Vorschein: Das Beharren darauf, dass der Schreibakt selbst als ein Medium der Verarbeitung von Realität und auch gerade
85 Vgl. Klepper (1956).
86 Vgl. Loerke (1955), S. 328.
87 Vgl. Ebd., S. 315.
88 Vgl. Ebd., S. 324.
89 Vgl. Reck-Malleczewens (1966), S. 176.
90 Vgl. Barth (1947), S. 27f.
91 Vgl. Ebd.
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unter dem Faschismus Geltung behält. Oskar Loerke hat das Schreiben von Gedichten gar als eine „Zuflucht in der Bedrohung der Existenz hier“ 92 begriffen, als Möglichkeit, in der literarischen Arbeit ein notwendiges Minimum an Individualität und Identität bewahren zu können gegenüber dem Gleichschaltungszugriff des NS-Staates.
Es waren gerade die Tagebücher, mit denen sich die Autoren der ‚Innere Emigration’ sich beständig ihrer „humanistischen Substanz“ 93 vergewissern, diese dadurch aufrechterhalten konnten. nach 1945 aber wurden vor allem diese Tagebücher auch von ihren Verfassern im Rahmen der „sofort allgemein einsetzenden Rechtfertigungsbestrebungen“ 94 selbst als Beweis für ihre eigene Integrität angeführt. Dies wurde allerdings keineswegs von allen Zeitgenossen akzeptiert, sondern vielmehr teilweise als völlig untauglicher Nachweis bewertet, wie etwa durch den von den Nationalsozialisten mit Publikationsverbot bedachten und zu Zwangsarbeit verurteilten Heinz Rein, der in diesem Zusammenhang das folgende Verdikt formulierte:
„Die geistige Verfassung der sogenannten inneren Emigration kann von niemandem besser geschildert werden als von ihr selbst, nur sie vermag die geistige Zwitterstellung, in die sie sich selbst begab, zu bezeichnen, nur sie kann das magere politische Skelett ganz enthüllen, das sie mit dem Fleische der Menschlichkeit, der reinen Geistigkeit und der Selbstaufopferung, der bürgerlichen
Wohlanständigkeit und dem Abscheu vor dem braunen Pöbel zu bekleiden sich bemühte, nur sie hat es endlich auch nötig, sich selbst und vor allem der Welt zu beweisen, daß die braune Schlammflut nicht ganz über ihr zusammengeschlagen ist.“ 95
92 Vgl. Loerke (1955), S. 282.
93 Vgl. Hocke (1986), S. 178.
94 Vgl. Bluhm (1991), S. 27.
95 Vgl. Rein (1950), S. 157.
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Die in Form der Tagebücher vorgelegten Selbstzeugnisse vermochte Rein nicht als hinreichend für einen solchen Nachweis zu erachten, auch wenn er dergestalt eine durchaus extreme Position hinsichtlich der Bewertung der Vertreter der ‚Inneren Emigration’ bezog.
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2.5 Historische Camouflage
So umstritten wie die „Innere Emigration“ allgemein ist auch die Anwendung der Technik der historischen Camouflage, die einige Autoren und Analysten für konstitutiv für diese Literaturrichtung halten, während andere, wie Ernst Jünger, diese Bezeichnung für ihre Art zu Schreiben ablehnten. 96 Verständlich ist diese Ablehnung angesichts des Anrüchigen, welches der Literatur anhaftet, die nicht eindeutige Anti-Nazi-Position beziehen konnte, sondern innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs erzeugt und auch publiziert werden sollte, wobei es sowohl der Camouflage einerseits, andererseits aber auch der Anbiederung an die allgewaltigen Machthaber bedurfte, wie Charles w. Hoffmann betont:
„Veröffentlichen bedeutete per Definition, etwas getarnt auszudrücken und Kompromisse zu schließen. Und wenn auch die Erwartung gerechtfertigt ist, daß auf wirkliche Opposition bedachte Autoren daher für eine heimliche Verbreitung hätten schreiben sollen, gibt es einige zwingende Gründe für die Einschränkung der Erwartung, daß solche Werke die Menschen auf die Barrikaden getrieben hätten.“ 97
Die historische Camouflage verwendet vergangene geschichtliche Episoden um untergründige Bezüge auf die Gegenwart zu gestalten, indem diese sich den Lesern als Parallelfall enthüllen, wofür es aber der Distanzierung des Lesers vom historischen Gegenstand der Erzählung bedarf, da sonst die wahre Bedeutung nicht entschlüsselt werden kann. 98
96 Vgl. Rotermund (2007), S. 17.
97 Vgl. Hoffmann (1973), S. 135.
98 Vgl. Choi (1996), S. 86.
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Christina Herzog, 2010, Der literarische Widerstand, München, GRIN Verlag GmbH
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