Vorwort
Sehr geehrter Leser,
die vorliegende Arbeit weicht ein klein wenig von den strikten Rahmenbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens ab. Diese Arbeit soll Sie auf eine Art Reise durch den Film schicken, in chronologischer Reihenfolge. Anhand der Szenenbeschreibungen sollen Anmerkungen und Erläuterungen Aufschluss darüber geben, welche Charakteristika, welche Eigenarten, und welche zeittypischen Merkmale des Zeitalters des Spätviktorianismus sich in dem Film The Importance Of Being Ernest widerspiegeln. Dabei wird das Leben von Oscar Wilde, dem Autor des zugrunde liegenden Buches, oder gar eine Analyse dessen außen vor gelassen.
Ich erhoffe mir dadurch, Ihnen als Leser neben den zahlreichen analytischen Texten ein wenig wissenschaftlich fundiertes Entertainment bieten zu können. Ausserdem möchte ich eine Anmerkung zu den von mir verwendeten Quellen machen: Es gibt natürlich unzählige ausgezeichnete Werke, in denen man alle von mir zur Verfügung gestellten Information im Überfluss und bis ins kleinste Detail vorfinden kann. Mein Ziel bei der Verwendung dieser Werke war es jedoch nicht, dem Leser so viele Informationen wie möglich zu liefern; mein Ziel war und ist es, so viele Informationen wie möglich selbst zu erarbeiten bzw. anhand des Filmes zu erkennen, und diese dann durch wissenschaftliche Werke zu fundieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
„Virtual Marriage“: Die Ehe als Geschäftsbeziehung 1
Jack Worthing, Gwendolen Fairfax und Lady Bracknell 1
Gesellschaftliche Hierarchie 4
„Society“: Heuchelei, Moral und Ideenreichtum 7
Ideenreichtum 7
Moral 9
Heuchelei 11
Schluss 12
Literaturverzeichnis 13
Einleitung
Die vorliegende Arbeit soll die Frage beantworten, ob die Verfilmung von Oscar Wildes The Importance Of Being Ernest aus dem Jahre 2002 die für die Zeit des Viktorianismus typischen Merkmale widerspiegelt, und wenn ja, auf welche Art und Weise dies geschieht. Dabei wird der Film in chronologischer Reihenfolge analysiert, wobei auf bestimmte Szenen und Sachverhalte genauer eingegangen wird. Zum Verständnis derer, die den Film nicht gesehen haben, werden immer wieder kurze, inhaltliche Be- und Anmerkungen gemacht. Fundament der Arbeit ist jedoch definitiv die Verfilmung, sowie die Originalfassung des Buches.
1. „Virtual Marriage“: Die Ehe als Geschäftsbeziehung
Ehen in der Zeit des Spätviktorianismus beruhten zumeist auf gesellschaftlichen Beziehungen, die den einzelnen Geschäftspartnern, den Eheleuten, den grösstmöglichen Nutzen, sowohl in sozialer als auch in monetärer Hinsicht erbringen sollten.
1.1. Jack Worthing, Gwendolen Fairfax und Lady Bracknell
Die zweite Szene des Films präsentiert eine der beiden männlichen Hauptrollen, Jack Worthing. Jack führt eine Art Doppelleben. Um wann und so oft es ihm beliebt vom Land in die Stadt (London) reisen zu können (meist am Wochenende), hat er einen jüngeren Bruder mit Namen Ernest erfunden. Dieses ist insoweit für ihn von Interesse, da sich das Leben dieser Zeit stark urbanisierte, es gab einen "growth of London-centered activities" (Davidoff, 29). Das hier beschriebene Verhalten ist typisch für die damalige Gesellschaft der Männer: "Clubs made it possible for the unattached man to continue to operate in the social sphere without maintaining his own establishment and in this way encouraged the late marriage age for men which was a feature of mid-Victorian life" (Davidoff, 24). Es gibt jedoch auch Einfluss auf das Heiratsalter der Männer sexueller Natur, so beschrieben von Eugene Black:
Though the sexual organs rapidly develope from the fourteenth to the twentieth year, yet they do not acquire their complete growth or functions before the twenty-fifth, sometimes not until the thirtieth year; and this is the age most proper for marriage. The body of man is not fully developed before the twenty-fifth year of age; the spermatic fluid is less abundant and fitted for reproduction (388).
1
Die These wird bestätigt, wenn Jack sich vor Lady Bracknell um die Gwendolens Hand bewirbt. Ein Mann im Alter von 35 Jahren wird hier von ihr als "geeignetes Alter für eine Heirat" definiert. Es passt also alles ganz klar zusammen, Jack hält sich unter einem falschen Namen in der Stadt auf, um so nicht seine wahre Identität oder sogar seinen Wohnsitz preisgeben zu müssen. Auf diese Weise pflegt er ein Scheinimage, nicht die dümmste Idee wenn es darum geht, sich dafür zu rechtfertigen das man noch nicht verheiratet ist. Auf diese Art und Weise muss er sich nämlich vor niemandem rechtfertigen. Auf seinem Anwesen auf dem Lande kennt diesen Bruder allerdings niemand. Lediglich die Geschichten davon, dass Ernest ein stets in Geldnöten steckender Lebemann sei, die Jack in der Heimat übermittelt, sind bekannt. In der Stadt gibt sich Jack selbst als Ernest aus. "It was all part of an act, somewhere between knowing self-promotion and whimsical vanity, best understood within the disciplined framework of Victorian history" (Gardiner, 321). So haben sich er und Algernon - Algernon, der zweite Protagonist, ist Jacks Bruder, wie sich nachher herausstellen wird - auch kennengelernt. Jack besitzt sogar Visitenkarten ausgestellt auf den Namen Ernest, um seine Rolle in der Stadt perfekt zu verkörpern. Aber warum war es damals so wichtig, seine wahre Identität zu schützen? Weil die von der "Society" vorgegebenen Normen und Gebräuche so stark in die Leben der Menschen eindrangen, dass der ganze Ruf eines Einzelnen abhängig war von dem, was die anderen über jemanden sagten, oder behaupteten. Das folgende Beispiel von Leonore Davidoff soll diese Tatsache veranschaulichen:
[...] some who could not afford the continual shuttle between London and the country were rumoured to have closed the shutters of their London house and lived a secret troglodyte existence in the back rooms throughout August and September until it was decent to be seen in Town again. Did this ever actually happen? It is impossible to know for certain. The circulation of such rumours itself is a sign of the power of 'Society' dictates (31). Die folgenden Szenen zeigen Jack und Algernon auf einem für die London Season typischen Ball. Typisch in dem Sinne, als das es eine Art Gepflogenheit war sich auf solchen Anlässen blicken zu lassen, um zur "Society" dazu zu gehören. Dabei ist anzumerken, dass es sich bei diesen Bällen und Parties um keine öffentlichen Veranstaltungen im eigentlichen Sinn handelte, sondern dass diese Bälle in Wohnhäusern und privaten Anwesen veranstaltet wurden.
John Summerson describes how the architecture of these great houses enhanced the public quality of social life. They had immense public rooms and small squalid back bedrooms. They were not built for domestic but for public life" (Davidoff, 20). Davidoff dazu selbst: "[...] some even having printed guide books for the visitor, Victorian gentlemen regarded their homes not as a temple to taste but to domestic virtues, one of which was engaging in Society functions (22).
2
Arbeit zitieren:
Tolga Güneysel, 2008, Charakteristika der Spätviktorianik anhand des Films "The Importance of Being Ernest", München, GRIN Verlag GmbH
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