Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1
2. Die Genese der Menschenwürde
2
3. Kants Begriff der Menschenwürde
3.1. Moral als Pflicht gegen sich selbst
4
3.2. Würde als absoluter Wert
7
4. Der Menschenwürdebegriff nach Kant
8
4.1. Gleichheit vs. Leistung als Grundlage der Menschenwürde
9
4.2. Das Negative Verständnis der Menschenwürde
12
4.3. Würde per Gesetz
13
5. Ausblick auf die Zukunft des Menschenwürdebegriffs
15
6. Fazit
17
Literatur
18
1. Einleitung
Im Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ 1 Auf einem Wahlplakat wird ‚Leben in Würde’ politisch versprochen. Bis vor nicht allzu langer Zeit galt der Grundsatz: „Die schrankenlose Durchleuchtung persönlicher Verhältnisse durch Fragebogen verstößt gegen Art. 1 Abs. 1. Es ist mir der Menschenwürde unvereinbar, ‚wenn von jemandem ohne Grund Lichtbilder und Fingerabdrücke in einer Kartei der Polizei aufbewahrt werden.“ 2
Was bedeutet der Begriff Würde, wenn er fast schon inflationär und scheinbar ohne Notwendigkeit der näheren Erläuterung, selbstverständlich, quasi selbsterklärend gebraucht wird? Anscheinend wird ‚Würde’ als universeller Ausgangspunkt rechtlicher, politischer, philosophischer und in jüngster Zeit auch biologischer Anschauungen und Wertungen des Menschen zur Hand genommen und die „Vorstellung, man könne ohne Hinsehen auf alle Umstände und alle betroffenen Interessen kategorische Unrechtsurteile abgeben und demgemäß absolute Grundrechte verbürgen“ 3 kommt jedem gelegen, der nach der letzten Begründung verschiedener ethischer Überzeugungen sucht. Im Seminar: „Natur und Kultur“, auf dessen Grundlage diese Arbeit aufbaut, wurde der Begriff der Menschenwürde mehrfach als Argument, gegen welches nicht angekommen werden kann, ohne ethische Grundsätze moralisch vertretbar zu verletzen, verwendet und schien unbezwingbar.
In dieser Arbeit soll daher der Frage nachgegangen werden, woher der Begriff stammt und wie er an Bedeutung bis hin zum ersten Artikel und Grundsatz des Grundgesetzes gewinnen konnte. Dabei wird der Kant’sche Würdebegriff zentral sein, denn er - soviel sei vorweggenommen - nimmt für das aktuelle Würdeverständnis die wesentlichste Vorreiterrolle ein. Auf welchen philosophischen Grundlagen basieren Kants Überlegungen? Warum hat sich gerade sein Verständnis so einflussreich ausgewirkt und wie hat sich der Begriff bis heute semantisch weiterentwickelt? Wie wurde er zur Grundlage deutscher und internationaler Rechtsprechung und Wertvorstellungen? Wie kann er definiert werden und welche Probleme treten dabei auf? Welche Zukunft hat der Begriff? Gerade weil das Konzept der menschlichen Würde so vielschichtig ist, soll in dieser Arbeit ein Abriss der wesentlichen Stationen gegeben werden.
1 Art. 1 GG
2 Löw: Grundwerte der Demokratie, 28
3 Brugger: Menschenwürde, Menschenrechte, Grundrechte, 28
1
2. Die Genese der Menschenwürde
Um den heutigen Würdebegriff verstehen zu können ist es notwendig einen kurzen Abriss seiner Genese auszuführen. Als eine der ersten Quellen ist an dieser Stelle Cicero zu nennen, der ganz in der Tradition der altrömischen ‚dignitas’ lebt und denkt. Zu seiner Zeit war der Begriff vor allem für das politische Leben zentral. „Sie war an adelige Abstammung, an die Bekleidung hoher öffentlicher Ämter, an herausragende politische Leistungen, auch an Grundbesitz und finanzielles Vermögen und nicht zuletzt an sich öffentlich bewährende moralische Integrität geknüpft.“ 4 Diesen ständisch begrenzten und politisch gebundenen Begriff öffnete Cicero in Richtung der Philosophie und den freien Künsten, indem er erstmals jedem Menschen auf Grund seiner Anlage zum vernunftbasierten Handeln grundlegend Würde zuerkennt, die jedoch durch Handeln zum Gemeinwohl individuell gesteigert werden kann. 5 Es lässt dich festhalten, dass der Begriff der ‚dignitas humana’ seine geschichtlichen Wurzeln im politischen Leben Grie-chenlands hat und bis heute „das Bedeutungselement des Aristokratischen bzw. Königlichen und Göttlichen“ 6 aufbewahrt. Wie modern dieses Verständnis bereits ist lässt sich daran verdeutlichen, dass ein ähnliches Begriffsverständnis fast zweitausend Jahre später - nach einer langen Phase christlich dominierter Philosophie - wieder auftaucht und zu einer Erfolgsgeschichte im 20. Jahrhundert wird. Die antiken Wurzeln hat sich der Würdebegriff bis heute bewahrt. Für viele Jahrhunderte war er jedoch von religiösen, christlichen Einflüssen bestimmt. Der Ausgangspunkt ist dabei die „Lehre von der Gotteskindschaft und Gottesebenbildlichkeit des Menschen“. 7 Thomas von Aquino hat in seiner Summa Theologiae mit den Worten: „homo factus ad imaginem die - der Mensch ist zum Bild-Gottes-Sein gemacht“ ausgedrückt, dass er seine Moraltheorie auf der biblischen Lehre vom Menschen gründet. Seine herausgehobene Würde verlieh demnach Gott dem Menschen indem er in Gestalt Christi selbst Mensch - und eben nicht Tier oder Pflanze - wurde. 8 Für Christen ist daher die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Würde einfach: sie kommt direkt von Gott. Da der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, hat er zwangsläufig Anteil an der göttlichen Heiligkeit und folglich einen höheren Grad an Würde als andere Lebewesen. Die kirchliche Argumen-
4 Forschner:Über das Handeln im Einklang mit der Natur, 96
5 Ebd., 97
6 Ebd., 92
7 Ebd., 92f.
8 Ebd., 93
2
tation hat sich seither kaum geändert. Mit den Worten von Papst Johannes Paul II.: „Der Mensch kann weder seiner Spezies noch der Gesellschaft als einfaches Mittle oder bloßes Werkzeug untergeordnet werden; er hat einen Wert an sich. Er ist Person.“ 9 Auf Grund seiner „Geistseele“ besitz die gesamte Person Würde und weil der Körper die Seele beheimatet kommt auch ihm Würde zu. Auch wenn sich der Vatikan im Laufe des 20. Jahrhunderts mit der Evolutionstheorie ausgesöhnt hat, wird die Frage woher diese Geistseele stammt vom Papst damit beantwortet, dass es im Verlaufe der Evolution einen „ontologischen Sprung“ gab. 10 Da sie nicht in der Lage sind die Würde der Person zu begründen, weist der Papst die Evolutionstheorien, die den Geist für ein Ergebnis der Kräfte der Natur verstehen, als nicht mit der „Wahrheit über den Menschen vereinbar“ 11 zurück. Das lässt nur zu folgern: „Irgendwann im Verlauf der fünf Millionen Jahre zwischen unseren schimpansenartigen Vorfahren und dem Auftreten des modernen Menschen wurde die menschliche Seele in uns eingepflanzt, und wie das geschah, bleibt geheimnisvoll.“ 12
Während der Renaissance gewinnt der Würdebegriff eine entscheidende, neue Dimension durch Pico della Mirandola. 1486 formuliert er, dass die Würde des Menschen darin begründet sei, dass „Gott den Menschen der Freiheit gänzlicher Selbstgestaltung überantwortet habe“ 13 . Der Mensch ist für ihn unbeschränkter ‚Selbst- und Weltgestalter’ der das göttliche Werk nicht mehr bloß erkennt und sich ihm fügt, sondern es durch Forschung und Erfindung als ‚homo faber’ nachgestaltet.
Für den Empiristen Bacon liegt ein Jahrhundert später, methodisch klarer, die Würde des Menschen, die ‚dignitas scientarium’, in der Nutzung seiner Fähigkeit zur Selbstgestaltung. Ganz utilitaristisch liegt hier ‚Würde’ im Geschaffenen, das dem Wohle der Menschheit dient, wobei er Erfindungen lediglich als Nachahmungen göttlicher Werke ansieht. 14 Zur Zeit Bacons galt die Ansicht: Wissenschaft und Technik bewirken ausschließlich Gutes für die Menschheit und sind somit völlig legitim der Würde würdig. Erst einige Kapitel der Menschheitsgeschichte später wird die Skepsis gegenüber technischen Neuerungen den Sieg über die Natur in Frage stellen. Dass sich Vernunft und Erkenntnis nicht zwangsläufig bedingen und gleichsam fortschreiten, sondern im Wettlauf der Wissenschaften die Moral eher auf der Strecke blieb,
9 Papst Johannes Paul II: http://stjosef.at/dokumente/evolutio.htm
10 Fukuyama: Das Ende des Menschen, 225
11 Papst Johannes Paul II: http://stjosef.at/dokumente/evolutio.htm
12 Fukuyama: Das Ende des Menschen, 226
13 Forschner: Über das Handeln im Einklang mit der Natur, 98
14 Ebd., 101
3
erkannte schließlich Rousseau 1750. 15 Erstmals war nun der Bedarf des Schutzes menschlicher Anliegen gegen den Trend zur Idealisierung des Technischen Fortschrittes geboten.
Die Wichtigkeit dieser Erkenntnis für die Genese des Würdebegriffs liegt darin begründet, dass durch sie, Immanuel Kant von seiner zeitgleichen Sicht - ausschließlich wissenschaftliche Erkenntnis und technische Leistung seien würdestiftend - abkam und den „modernen sittlich-rechtlichen Begriff der Würde des Menschen entscheidend prägte“ 16 . Er wollte die Würde von nun an am Beitrag zur „Herstellung der Rechte der Menschheit“ messen. 17 Im nächsten Abschnitt wird Kants Konzept der menschlichen Würde dargestellt, um im Weiteren dessen Auswirkungen betrachten zu können.
3. Kants Begriff der Menschenwürde
3.1. Moral als Pflicht gegen sich selbst
Vorwegzunehmen ist, dass es Kants Verdienst ist dem Menschen einen moralischen Ausnahmestatus zuzuschreiben, der frei von Gottbezügen ist. Ihm gelang es diesen Status ohne Unterscheidungen wie Geschlecht, Ethnie, Wohlstand oder Intelligenz herzuleiten, indem er die menschliche Fähigkeit, nach freiem Willen sittliche Entscheidungen zu treffen, als das entscheidende, die besondere menschliche Würde ausmachende, Kriterium bestimmte. 18
Grundlegend unterscheidet er zwei Perspektiven den Menschen zu betrachten, die aus seiner Einteilung der Philosophie entlehnt ist: der Mensch als Teil des natürlichen bzw. physikalischen Systems und den Menschen als Person, der im System der Ethik bzw. der Freiheit verankert ist. 19 Persönlichkeit ist bei ihm nicht mit dem empirischen Menschen identisch, beide sind aber auch nicht voneinander zu trennen. Sie ist nicht das Resultat, sondern die Voraussetzung des menschlichen Wertes. 20 Die Natur versteht er, in Anknüpfung an Bacon, als „Inbegriff der Gegenstände der Erfahrung und der erfahrungs-wissenschaftlichen Forschung“, die objektiv beobachtet und erfasst, sowie mathematisch beschrieben werden können. 21 Der Verstand ermöglicht dabei den Zugang zu diesen empirischen Tatsachen, die unter Abstraktion
15 Forschner: Über das Handeln im Einklang mit der Natur, 103.
16 Ebd., 104
17 Ebd., 104
18 Fukuyama: Das Ende des Menschen, 212
19 Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 11
20 Baumgartner, Honnefelder, Wickler, Wildfeuer: Menschenwürde und Lebensschutz, 198
21 Forschner: Über das Handeln im Einklang mit der Natur, 107
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Arbeit zitieren:
Peter Wöckel, 2009, Würde bei Kant - Genese, Aktualität und Zukunft einer moralischen Kategorie, München, GRIN Verlag GmbH
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