Der Postkoloniale Raum: Stereotypen der Wüste
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Eine Wissenschaft von der Schrift: Saussure und Derrida. 4
2.1. Die Metapher als Markierung des ursprungslosen Signifikanten. 6
2.2. Nietzsches Bruch mit dem Wahrheitswert. 7
3. Konsequenzen einer rhizomatischen Struktur. 8
3.1. Spiele mit einer konkaven Subjektkategorie. 11
3.2. Der Postkoloniale Raum. 13
3.2.1. Veiller sur le sens absent 1 : Eine ethische Konzeption. 13
3.3. und die Nomadologie. 16
4. Die menschenleere Insel. 18
4.1. Eine Welt ohne Anderen. 22
5. Reflexionen. 25
6. Literaturverzeichnis. 26
1 Blanchot, Maurice: L´Écriture du désastre. Paris: Gallimard 1980. 72
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Der Postkoloniale Raum: Stereotypen der Wüste
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit sucht sich mit dem Essay Causes et raisons des îles désertes (1951) von Gilles Deleuze auseinander zusetzten. Da der Text infolge seiner alogischen Konstruktion wie etwas unhintergehbares anmutet und zunächst sehr ungewöhnlich erscheint, werden hinsichtlich des hier einzuschlagenden Weges einer Annäherung an Gilles Deleuze Essay, beständig Querverbindungen sowohl zu anderen Schriften des genannten Autors als auch weiterer zeitgemäßer Schriftsteller eröffnet und aufgezeigt. Um zu den Prämissen des Deleuzeschen Denkens und Schreibens vorzustoßen, befasst sich das erste Kapitel der vorliegenden Ausarbeitung mit der Derridaschen Vorstellung von der Schrift. Die Erörterung der Schriftkonzeption Jacques Derridas und insbesondere seine spezielle Auseinandersetzung mit dem von ihm umgedachten Konzept der klassischen und modernen Rhetorik bezüglich des Metapherndiskurses, welche er vor dem Hintergrund der Philosophie Nietzsches entwickelt, ist nicht nur eine Voraussetzung für den sogenannten Poststrukturalismus, sondern es kommt zu reichhaltigen Überlappungen zwischen den evozierten Philosophen, so dass sich insgesamt ihre Schriften in das Foucaultsche Dispositiv und genauso in das Intertextualitätskonzept Julia Kristevas einschreiben. Daher ist die Textstruktur geprägt von ununterscheidbaren Überschneidungen, welche Deleuze als Rhizom charakterisiert und als Rhizomatik deklariert. Es bestätigt sich hier nicht nur der eben angedeutete umstrukturierte Metapherndiskurs, das Dispositiv und die Intertextualität, sondern hinsichtlich der Lektüreerfahrungen ergibt sich aus dieser Schreibkonzeption eine enthierarchisierte Lesefreiheit, welche aufgrund ihrer möglichen Anstrengungen und Laster, Abgründe und Gefahren im dritten Abschnitt problematisiert wird. In einen gemeinsamen Kontext gerückt, sollen dann im Nachfolgenden die beiden Unterteilungen der vorangehenden Kapitel Schrift, Schreiben, Lesen und Denken als sich überschneidende Struktur aufgezeigt werden. Im Ganzen betrachtet versucht Gilles Deleuze auf diese Weise die bestehenden Gefüge, die oppositionell strukturierten Denkprozesse und die in Hegelianischer Tradition stehenden Argumentationsformalisierungen zu sprengen, welches er im zu analysierenden Essay eindrucksvoll und explizit in Szene setzt. Nachdem nun in einem einleitenden Abschnitt die Methodik der Wissenschaften mit Hilfe des Textes von der einsamen Insel reflektiert und gleichzeitig auch angewandt wird, befasst sich diese Arbeit im Anschluss daran mit der vom Essay aufgeworfenen Frage nach einer Struktur in einer Welt ohne anderen und den daraus resultierenden Möglichkeiten der Fiktionalität, welche insbesondere, aber natürlich nicht nur, für die Literaturproduktion von Bedeutung ist.
In der Konsequenz soll im letzten Teil dieser Arbeit ihre Form und ihr Inhalt noch einmal
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reflektiert werden und in Zusammenhang zu dem sogenannten poststrukturalistischen Schreib- und Lesekonzept gesetzt werden.
2. Eine Wissenschaft von der Schrift: Saussure und Derrida
Wie beginnen, wie anfangen, wo es keinen absoluten Anfang mehr gibt, wohl noch nie gab und nie geben wird, da dieser selbst immer schon Wiederholung ist, sich als begriffslose, komplexe Differenz definiert, dabei permanent, laut Deleuze, semantische Variation und somit Subversion darstellt, darstellen kann?
Die Voraussetzung für diese Idee der Differenz ist der Einmarsch des Signifikanten auf der akademisch-theoretischen Bühne im Zuge des Linguistic turn (Richard Rorty), was (bisher) sowohl für die Sozial- als auch die Geisteswissenschaften vielfältige Konsequenzen nach sich zog, insbesondere die Derridasche Dezentrierung der Strukturen und die der Interdisziplinarität:
„Im Modus einer Vervielfältigung der Ursprünge diskutiert die Grammatologie [von Jacques
Derrida] verschiedene historische (Antike, 18. Jh., Moderne) und epistemologische (Philosophie,
Linguistik, Anthropologie/ Ethnologie, Grammatologie) Urszenen der Schrift, in denen es um eine
Reflexion jener verborgenen Bewegungen geht, die der Entstehung und Fixierung von
bedeutungskonstituierenden Differenzen vorausgehen.“ 2
Schon mit Aristoteles beginnt die Unterscheidung der Schrift in gute Schrift, d.h. „natürliche“ Schrift (beispielsweise die Kartesische Metapher vom Lesen des „Buchs der Natur“), welche eine vermeintlich natürliche Beziehung zum Signifikanten haben würde, und schlechter Schrift, welche als künstlich, technisch, akzidentell und als abgeleitet abgewertet wird. Eine analoge Gedankenbewegung findet sich auch bei Deleuze. In dieser Gedankenbewegung beschreibt er mit einem entsprechenden Vokabular die Unterteilung zweier Arten von Inseln, welche von den Geographen vollzogen wird, d.h. dass zwischen kontinentalen und ozeanischen Inseln differenziert wird. Während Erstere als akzidentell und abgedriftet, zufällig und abgespalten beschrieben werden, sind Letztere ursprünglich, wesentlich und nicht annektierbar, d.h. uneinnehmbar. 3
Jedoch zunächst zurück zum Schriftdiskurs: Nach diesem Denksystem ist die schriftliche Schrift eine Verdoppelung der Technik, eine Verdoppelung des Signifikanten, welcher bereits die sekundäre und materielle Seite des Signifikats, der ideellen Bedeutung, im Saussurschen Zeichen darstellt. In diesem System ist jedoch die Differenz alles, kurz der Ursprung (jedoch
2 Weigel, Sigrid: Schrift-Gedächtnis-Differenz. Einleitung. In: Poststrukturalismus. Herausforderung der
Literaturwissenschaft. Germanistisches Symposium der DFG XVIII. Hg. v. Gerhard Naumann. Stuttgart:
Metzler Verlag 1997. S. 18
3 Vgl.: Deleuze, Gilles: L´île déserte et autres textes. Textes et entretiens 1953-1974. Paris: Les Éditions de
Minuit 2002. S. 11 Hoelenn Maoût 4
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eine Linie und kein Punkt).
Sprache ist ein differentielles System, da es kein transzendentales Signifikat gibt, welches auf alle anderen verweist, d.h. dass der Sinn eines Zeichens niemals im Zeichen selber präsent ist, sondern alles was ist, ist nur etwas, dadurch dass es sich auf etwas bezieht:
„(...) or, de quelque manière que le langage soit acquis, les éléments du langage ont dû être donnés
tous ensemble, en un coup, puisqu´ils n´existent pas indépendamment de leurs rapports
différentiels possible. (...) la série signifiante organise une totalité préalable, tandis que la signifiée
ordonne des totalités produites.“ 4
Deleuze bezeichnet dies als das „Robinsonsche Paradox“, und er, Robinson, kann so auf der vereinsamten Insel etwas einer Gesellschaft gemäßes nur herstellen, indem er sich alle Regeln und Gesetze auf einen Schlag vorgibt, auch wenn noch kein Ding vorhanden ist. 5 Das Saussursche Zeichen zeichnet sich also durch die Abwesenheit des Sinns aus. So kommt es zum „Begriff“ der Derridaschen Spur oder dem Deleuzeschen Begriff der Deterritorialisierung oder der Fluchtlinie, welcher die Wirkung durch Differenzierung charakterisiert, die an keinem bestimmten Punkt halt macht, somit einer Art Ortlosigkeit gleichkommt, was sowohl für die schriftliche als auch mündliche Sprache gilt, so dass der scheinbaren Selbstpräsenz eines sinnhaften Subjekts durch die Stimme eine Absage erteilt wird.
„Sans une rétention dans l´unité minimale de l´expérience temporelle, sans une trace retenant
l´autre comme autre dans le même, aucune différence ne ferait son œuvre et aucun sens
n´apparaîtrait. Il ne s´agit donc pas ici d´une différence constituée, mais, avant toute détermination
de contenu, du mouvement pur qui produit la différence. La trace (pure) est la différence.“ 6
Festgehalten werden sollte dementsprechend schon jetzt der vorbegriffliche „Begriff“ der Bewegung, der Spur, welche in Deleuzes Forschung, oder beispielsweise auch im Blanchotschen Schreiben, als stetige Verminderung, als ein Verlassen des Platzes bis hin zum Verschwinden konzipiert ist: « penser, s´effacer. » 7
Vermittels dieser Präzision, welche eigentlich noch viel weiter ausgeführt werden müsste, ergibt sich jedoch der Horizont, vor welchem sich Deleuze Denken bewegt. Vor diesem Hintergrund entzieht es sich nämlich den klassischen Denkkategorien, schreibt diese neu- umwieder, und verflüssigt so die starren Strukturen. Infolge der Umstrukturierung erhält auch der Text eine andere Notation, welche insbesondere als „une pratique signifiante; (...)“ 8 charakterisiert ist : „Ce n´est pas un ensemble de signes fermés, doué d´un sens qu´il s´agirait
4 Deleuze, Gilles: Logique du sens. Paris: Les Éditions de Minuit 1969. S. 63
5 Vgl.: Ott, Michaela: Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren des Literarischen im Werk von Gilles Deleuze. Wien:
Passagen Verlag 1998. S. 43
6 Derrida, Jacques: De la grammatologie. Paris: Les Éditions de Minuit 1967. S. 92
7 Blanchot, Maurice: L´Écriture du désastre. Paris: Gallimard 1980. S. 16
8 Barthes, Roland: L´aventure sémiologique. Paris: Éditions du Seuil 1985. S. 13
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de retrouver, c´est un volume de traces en déplacement; (...).“ 9
Die Schrift stellt die autonome Seite der Sprache dar, welche nicht von der klassischhierarchisch überbewerteten Gegenwart/Präsenz beherrscht ist, wodurch sowohl die Subjektkategorie im allgemeinen, als auch das Autorsubjekt ausholt, ein Diskurs auf den im Nachfolgenden noch näher eingegangen werden soll.
2.1. Die Metapher als Markierung des ursprungslosen Signifikanten
Das Wort als Schrift ist eine Metapher, denn, so schreibt Derrida in der Grammatologie, „Il ne s´agirait donc pas d´inverser le sens propre et le sens figuré mais de déterminer le sens « propre » de l´écriture comme la métaphoricité elle-même.“ 10
Daher erkennt Derrida bereits im Signifikanten eine Metapher, als Transponierung des Sinns über einen Umweg, wo ja vieles verloren gehen und hinzukommen kann, eine Bedeutung und deren Um- Ver- Änderung in einem anderen Kontext. (Es sei hier nur ganz am Rande auf das Spiel „Stille Post“ und die Kafkaesken Boten Beim Bau der chinesischen Mauer hingewiesen.)
Durch diese Denkbewegung bricht indes der Unterschied zwischen metaphorisch- und eigentlichem Sprachgebrauch zusammen. Folglich definiert Derrida die Ersetzungsbewegung der Metapher als etwas, das wesentliches über das sprachliche Funktionieren aussagt. Allerdings zirkuliert die Drehung des Supplements in einem `mehr Metapher/ keine Metapher mehr´.
An diesen Ausführungen erscheint jedoch die Unbeherrschbarkeit des Sinns der Metapher, der Schrift, und folglich des Textes als gegeben, welcher einer sich ständig verändernden Lesart und Interpretation bedarf. Im Falle der Deleuzeschen Metaphorik, welche sich insbesondere in die metaphorisch-philosophische Schreibweise eines Friedrich Nietzsche und dessen Kritik an den bestehenden Begriffskategorien einschreibt, bezeichnet die Metapher nicht nur ein textliches Objekt, sie bezeichnet simultan das Textverfahren, von welchem her sie als Metapher konstituiert wird. Es ist der Vorgang einer unendlichen Differentialisierung. „Die Metapher ist zwar nicht das supplementäre Überschussverhältnis des Textes, aber sie markiert es, zeigt seine Wirkung an, >metaphorisiert< es.“ 11
Ebenso wie Deleuze so entzieht sich beispielsweise auch Maurice Blanchot der klassischen Schriftkonzeption, denn er sieht im Begriff des Werkes die Markierung einer Filiation zwischen Logos und Langage, wodurch die Sprache, die Ordnung des Denkens und die
9 Ebd.
10 Derrida, Jacques: De la grammatologie. Paris: Les Éditions de Minuit 1967. S. 27
11 Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler Verlag 2000. S. 110
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Gesetze der Welt zusammenfallen, welche also eine Übereinstimmung zwischen den Dingen und ihren Ausdrücken postuliert. Als Prämisse für diese formulierte Kritik der hier insgesamt zitierten und zu zitierenden Texte erscheint der beständige Rekurs auf die philosophische Wende und den damit eingeleiteten Bruch durch die Schriften Friedrich Nietzsches. Bereits in einem seiner ersten Texte Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne zerstört Nietzsche die okzidentale Metaphysik und deren drei große Ideen: Gott, Wahrheit und Sein. So eröffnet er neue Wege die Schriftthematik zu denken.
2.2. Nietzsches Bruch mit dem Wahrheitswert
Die Hauptfrage in Nietzsches Werk ist der Sinn und die Stellung des Menschen in der Welt. Während er den Menschen als rätselhaftes Fragment charakterisiert, existiert, ihm zufolge, die Gesamtheit der Welt von Natur aus. Im Resultat ist die Wahrheit Textur, welche Nietzsche als eine bewegliche Armee von Metaphern qualifiziert. 12 Diese Ausführungen erschaffen nicht nur die Linguistik und die analytische, strukturelle und semiotische Konzeption, sondern beeinflussen darüber hinaus die Philosophie.
Nietzsche entwickelt die Idee, der zufolge der Intellekt das Produkt eines selbsterhaltenden Reaktionsinstinktes ist. Gleichzeitig stellt diese Phänomen die absolute Illusion dar, da es den überflüssigen und sinnlosen Charakter der Welt verschleiert. 13 In der Folge basiert die `Wahrheit´ auf einer sozialen und strukturellen Semiotik. Der Mensch braucht folglich aus Überlebenstrieb diese Wahrheit, um der Existenz Sinn und Wert zu geben. Nietzsche deklariert, gleich Saussure, dass die Signifikanten auf sozialen Konventionen basieren, welche die menschlichen Beziehungen in der Welt fixieren. Derart etablieren sich also die Werte zwischen wahr und falsch, so dass die `Wahrheit´ immer durch Sprache vermittelt ist. Sie sind anthropomorph, da sie die Summe der menschlichen Beziehungen sind, aber keine Wahrheit jenseits dieser Welt. 14 Somit besteht die Verführung der Sprache in der Tatsache, dass ihre logischen, grammatikalischen Beziehungen die (vielleicht notwendige) Illusion aufkommen lassen, dass eine natürliche Korrelation zwischen der Idee, den Worten und Dingen, was in Roland Barthes Buch Mythologies (1957) ebenfalls energisch problematisiert wird. In diesem Sinne gehört es zur Suggestion der Sprache, dass sie eine Analogie zwischen den Dingen und dem Abbild ihrer grammatikalischen Relationen vorgibt, so dass die Struktur des Satzes auf die Struktur der Realität verweise. In den Fiktionen der Sprache (und in einem semiotischen Konzept ist alles Sprache!) verschwindet die Wahrheit, so dass die Relation
12 Vgl.: Nietzsche, Friedrich : Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. In: Nietzsche Werke.
Kritische Gesamtausgabe III/2. Berlin: Walter de Gruyter & Co 1973. S. 373
13 Vgl.: Nietzsche, Friedrich : Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne. S. 370
14 Vgl.: Ebd. S. 373
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M.A. Hoelenn Maoût, 2006, Gilles Deleuze´s Geophilosophie, München, GRIN Verlag GmbH
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