Inhalt
0. Voraussetzungen 3
1. Leben und Philosophie des Pythagoras 6
1.1 Biographisches 6
1.2 Abriss der pythagoreischen Philosophie 7
2. Das Quadrivium 10
2.1 Die pythagoreische Prägung des Quadriviums 10
2.2 Die musica scientia 12
2.2.1 Der mittelalterliche Musikbegriff 12
2.2.2 Die Schmiedelegende 13
2.2.3 Die Konsonanzproportionen 15
3. Fazit 22
Literatur 25
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0. Voraussetzungen
Bei der Beschäftigung mit Pythagoras stellt sich gleich zu Anfang schon ein Problem, das man zwar umgehen, aber kaum mehr lösen kann, nämlich das Problem der Authentizität. Die außerordentlich schwierige Überlieferungslage führt zu regelmäßigen Inkongruenzen innerhalb der Fülle verschiedenster Theoreme, die man Pythagoras zugeschrieben hat, ohne seine historischen Umrisse kenntlich machen zu können. Dieser Widerspruch zwingt dazu, sich zwischen traditioneller Zuschreibung und dem Versuch historischer Genauigkeit zu entscheiden; wobei diese Entscheidung in der Regel, gerade wegen der schlechten Überlieferungslage, gegen den historischen, nicht sicher rekonstruierbaren Denker Pythagoras ausfallen wird andererseits aber auch nicht für die traditionelle Überlieferung, die voller abweichender Legenden steckt und mitunter bis ins Mythenhafte überzogen ist. Man ist also gezwungen, seinen Gegenstand Pythagoras genauer als durch diesen Namen ihn in
den Titel einer wissenschaftlichen Arbeit einbezieht. Denn anders als bei den meisten anderen Denkern ist diese Zuordnung, wie gesagt, keineswegs eindeutig. Wie Jesus oder Sokrates, die gleichermaßen als historisch belegt gelten und die, wie wir sehen werden, auch in anderer Hinsicht parallel betrachtet werden dürfen, scheint Pythagoras selbst keinerlei Schriften verfasst zu haben, in denen er seine Lehren sozusagen selbst bezeugte; jedenfalls sind keine Schriften von ihm überliefert. Dass er auf solche Autorschaft bewusst verzichtet haben könnte, erscheint nicht unplausibel vor dem Hintergrund des sektenähnlichen Geheimbundes, mit dem Pythagoras sich umgab und der sich durch Schweigepflicht und Initiationsriten von Unzugehörigen abschottete. Diese grundlegend andere Organisation der Anhängerschaft (auch in der Pythagoras-
gegenüber Sokrates und Jesus einen folgenschweren Überlieferungsnachteil: aus Pythagoras persönlichem Umfeld gingen keine berufenen Schüler hervor, kein Platon und keine Evangelisten, welche die Lehren ihres Meisters über viele
und hierin besteht die eigentliche Parallele zu den beiden anderen Lehrern erst recht eine Anhängerschaft, die sich sittlichen Zielen und einer von höchsten Werten bestimmten Lebensführung verpflichtet hat, dass man als Nachgeborener zum einen mit Mythisierung des Gründers, zum andern mit der Aneignung und Variierung des
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Werks durch frühere Nachgeborene rechnen Muss. Diese Aneignung des Werks tritt zudem, ebenso wie die ersten biographischen Quellen, erst einige Jahrhunderte nach Pythagoras selbst sichtbar hervor.
Was kann man also überhaupt von einem griechischen Naturwissenschaftler und Philosophen des 6. vorchristlichen Jahrhunderts wissen, von dem keine Schriften erhalten sind, der seine Lehren wohl vor allem in Form mündlicher Maximen vermittelte (die man auch nur akustisch lernte) und dessen Umfeld zur Geheimhaltung verpflichtet war? Zunächst Muss man eine grundlegende Ungewissheit eingestehen, die über voneinander abweichende Quellen hinausgeht, da man faktisch keine zeitgenössischen Quellen kennt, die über das Maß einer bloßen Erwähnung hinausreichen. An die Stelle dessen, was jemand bezeugt, tritt hier schon fast von Überlieferungsbeginn an jenes, wofür es keine Zeugen mehr gibt. Ja, die ersten reicheren biographischen Quellen datieren gar aus dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, bereits od. Was bleibt und
woraus sich die Überlieferung überhaupt erst speist sind Ausnahmen, historische Wechselfälle und Abtrünnige jener esoterischen Kommunität. Einen der in diesem Sinn bedeutendsten Zufälle stellten etwa die antipythagoreischen Aufstände politischer Gegner dar, die um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. den gemeinschaftlichen Zusammenhalt zerschlugen und die Pythagoreer zerstreuten. Von solchen und anderen Zufällen und historischen Bruchstücken nimmt eine seit der Antike immer reichere Überlieferung ihren Ausgang, die Pythagoras im lateinischen Mittelalter dann als lange unangefochtene Autorität gerade der Musiktheorie konstituiert. Für diese auf den ersten Blick erstaunliche Karriere sind vor allem zwei Vermittler verantwortlich, die als Bezugspunkte mittelalterlichen Denkens ihrerseits auf Pythagoras zurückverweisen, nämlich Platon (ca. 428-348 v. Chr.) und Boethius. Ersterer, ein persönlicher Freund eines der einflussreichsten Pythagoreer, des Archytas von Tarent (ca. 429-347 v. Chr.), unterlag nicht nur selbst einem starken pythagoreischen Einfluss, wie selbst Aristoteles bezeugt 1 , sondern hat diesen Einfluss auch über die platonisierende Pythagoras-Interpretation seiner Nachfolger an der Akademie weitergegeben. Das heißt freilich, dass Pythagoras seinen mittelalterlichen Ruhm nicht zuletzt der Tatsache verdankt, dass er im Sinne des Platonismus, also einer philosophischen Referenz des Christentums, umgedeutet
1 ss der Pythagoreer auf die
Philosophie seines Lehrers ausgeht. Die pythagoreische Deutung Platons scheint vielmehr in der Akademie recht
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worden ist. Der zweite Vermittler, Anicius Manlius Severinus Boethius (ca. 480-525/526 n. Chr.) steht im Zeichen des Neuplatonismus bereits an der Schwelle zum Mittelalter. Der Urheber des Wortes quadrivium überliefert nicht nur neupythagoreisches Gedankengut etwa in einer freien Übersetzung der Arit des Nikomachos von Gerasa (etwa 100 n. Chr.), die
einen der vier Lernbereiche des Quadriviums erläutert; sondern er tradierte auch explizit ein Pythagorasbild, das neben den Metaphysiker den Musiker stellte, der die Zahlenproportionen der Konsonanzen entdeckte und das Monochord erfunden haben soll: im ersten Buch seiner maßgeblichen musiktheoretischen Schrift De institutione musica, die ebenfalls zum großen Teil auf Nikomachos beruht und einen weiteren quadrivialen Bereich abhandeln sollte, gibt Boethius eine Zusammenfassung der pythagoreischen Lehre über ihre musikologischen Implikationen hinaus.
nicht der Anspruch historischer Authentizität verbunden werden, sondern der Primat historischen Einflusses. Der Versuch, authentische von nicht-authentischen Erkenntnissen zu trennen, wäre nicht nur aussichtslos, sondern führte notwendigerweise dazu, jahrhundertelang richtungsweisende Theoreme wie die unter diesem Namen überlieferten pythagoreischen Intervallproportionen aus Authentizitätsbedenken unterzuordnen. Umgekehrt Muss bei einer Darstellung der historischen Wirksamkeit auch solches einbezogen werden, was heute sicher als Irrtum und falsche Zuschreibung enttarnt werden kann, zur untersuchten Zeit aber von weitreichender Bedeutung war wie etwa die im Mittelalter oft kolportierte Legende von Pythagoras in der Schmiede, die erst dessen Rolle als Begründer der musica scientia . Also nicht was aus der mittelalterlichen Musiklehre tatsächlich auf Pythagoras als Einzelperson zurückgeht, sondern was sich mitunter fälschlicherweise dem Einfluss der von ihm ausgehenden philosophischen Schule verdankt und unter welchen Voraussetzungen dieser Einfluss zustandekommen konnte, das soll in der vorliegenden Arbeit am Beispiel der Konsonanzproportionen aufgezeigt werden.
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1. Leben und Philosophie des Pythagoras
1.1 Biographisches
Pythagoras wurde um das Jahr 570 v. Chr. auf Samos geboren. Seine Ausbildung führte ihn vor allem in den Nahen Osten; nach der Überlieferung etwa des Neuplatonikers Iamblich von Chalkis (ca. 240-ca. 325 n. Chr.), von dessen
vier Bände erhalten sind, soll er mitunter mehrere Jahre bei den Ägyptern, Chaldäern und Phöniziern verbracht haben, wo er sich umfassende Kenntnisse in Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik erworben habe 2 . Iamblich zählt auch den Milesischen Naturphilosophen Thales zu sei
er zunächst nach Samos zurückgekehrt. Einzelne Quellen berichten von einer schon dort beginnenden, erfolgreichen Lehrtätigkeit. Wohl aufgrund politischer Querelen mit dem Tyrannen Polykrates, der die Insel von 538-522 v. Chr. regierte, siedelte Pythagoras nach Kroton in Unteritalien über. Von verschiedenen Quellen wird die charismatische Wirkung, die von Pythagoras in Kroton ausging, als außerordentlich stark beschrieben. Er habe den Senat der Stadt durch seine Beredsamkeit soweit für seine Lehre eingenommen, dass der ihm Kinder und Frauen zur Unterweisung überstellte (wobei die Unterrichtung von Frauen an einer antiken Philosophenschule eine deutliche Ausnahme war). In Kroton gründete er auch jene logenhafte
dem neben so bedeutenden Naturwissenschaftlern wie Philolaos von Kroton (ca. 470-ca. 380/370 v. Chr.) auch politisch einflussreiche Persönlichkeiten angehört haben mochten, etwa nach der Legende der zweite römische König Numa Pompilius oder die unteritalischen Gesetzgeber Charondas (6. Jh. v. Chr.?) und Zaleukos (um 650 v. Chr.?). Vielleicht im Kontext mit solchen mächtigen Anhängern ist die Unsicherheit zu sehen, die in den Quell
politische Haltung auffällt: ob er tatsächlich in wirkungsvollen Reden Despoten zur Machtniederlegung überredete oder ob er und seine Schüler vielmehr selbst nach der Tyrannis strebten. Übereinstimmung besteht allerdings darin, dass die politischen
2 Diese Reisen haben später zu der berechtigten Frage geführt, welche Bestandteile der pythagoreischen Philosophie und Naturwissenschaft schlicht aus älteren Traditionen übernommen seien. So ist nicht nur die
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Verwicklungen des Kreises zu seiner Auflösung führten. Aus widerstreitenden Interessen oder weil er von Pythagoras abgewiesen worden war, soll ein krotoniatischer Adliger namens Kylon einen Aufstand gegen die Pythagoreer angeleitet haben. Pythagoras flieht nach Metapont, wo er erneuten Unruhen begegnet sein soll. In Metapont stirbt er um 480 v. Chr. (nach anderen Quellen um 496 v. Chr.). Sein Tod wird in vielfältigen Variationen erzählt ob durch seine Verfolger, Suizid oder auf natürliche Art.
1.2 Abriss der pythagoreischen Philosophie
Im folgenden soll, wie bereits erwähnt, nicht versucht werden, eine Zusammenfassung der ausschließlich auf Pythagoras selbst zurückgehenden Gedanken zu geben; im Blick auf ihre mittelalterliche Wirkung soll es stattdessen auch um einige jener Theoreme gehen, die möglicherweise erst von Anhängern des Pythagoras ermittelt und verbreitet worden sind allerdings in Fortführung der hier zu skizzierenden Grundzüge. Ich setze daher an die Stelle einer nicht eruierbaren , die auf ihn
selbst ebenso wie auf seine philosophischen Erben zurückgeht. Sie vereint, grob unterteilt, drei verschiedene Bereiche der Wahrheitssuche: den mathematisch-naturwissenschaftlichen, den metaphysischen und den ethischlebensweltlichen. Damit, könnte man sagen, versuche sie, Religion und Wissenschaft zu verschmelzen: neben geometrischen Beweisen und mathematischen Thesen, die stets die Essenz aller Wirklichkeit mitzubeschreiben haben, stehen allgemeine Forderungen der Lebensweise wie Vegetarismus oder Kleidertabus. Die Musiktheorie, wie wir später sehen werden, umfasst dabei alle diese drei Bereiche. Im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit sollen von einer so weitverzweigten und so Entferntes zusammenführenden Lehre wie der pythagoreischen jedoch nur die metaphysische Bedeutung aller ihrer Teile erklärt und jene für den musiktheoretischen Kontext relevanten Thesen genannt werden.
Die Metaphysik der Pythagoreer 3 ist zugleich eine Theorie der Zahlen: die Zahl ist der Anfang aller Dinge, jenes Eine, wodurch das Unbestimmte / Unbegrenzte
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Arbeit zitieren:
Sascha Becker, 2006, Pythagoras in der Musiktheorie des Mittelalters, München, GRIN Verlag GmbH
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