Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem kulturhistorischen Kontext Italiens im 19. Jahrhundert. Für die Thematik wichtige Etappen der historischen Entwicklung Italiens im 19. Jahrhundert sind der Wiener Kongress, das „Risorgimento“ und die Entstehung des Italienischen Nationalstaates 1861 als konstitutionelle Monarchie. Würde man die für Italien bedeutenden Auswirkungen des Wiener Kongress’ von 1814/1815 isoliert betrachten, blieben wichtige historische Entwicklungen und Geschehnisse der Folgezeit unverständlich, sodass die Einbeziehung des ausgehenden 18. Jahrhunderts nicht gänzlich außer Betracht gelassen werden kann. So wird es unumgänglich sein zunächst zumindest einen kurzen Blick auf die politische Landkarte Italiens des „settecento“ zu werfen. Zum einen den vornapoleonischen Zeitraum vor der Französischen Revolution betreffend, aber auch die Neugestaltung der politischen Landkarte durch die Revolution und Napoleon I. selbst.
Italien war ähnlich wie Deutschland zu der Zeit in viele teils kleinere teils größere Einzelstaaten und Fürstentümer zersplittert. Bestimmt bzw. beherrscht wurden die meisten davon vom dynastischen Absolutismus fremder Herrscher. Königreiche, Herzogtümer und auch Republiken, wie beispielsweise die Genuas standen unter fremder Herrschaft. Grob vereinfacht teilen zwei annähernd gleich starke Mächte Italien unter sich auf. 1 Den Norden haben die österreichischen Habsburger in der Hand; den Süden regieren die spanischen Bourbonen. Ausnahmen bildeten u. a. das Königreich Sardinien-Piemont, der Kirchenstaat und die Republik Venedig. Die Fremdherrschaft war dabei kein Phänomen des 18. Jahrhunderts, sondern hatte im Wesentlichen ihre Wurzeln bereits im Mittelalter. Dass die Fremdherrschaft auch als solche von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde, bezeugt der Humanist Girolamo Muzio, der im 16. Jahrhundert schrieb: „O wie schön, wie glücklich wäre Italien, wenn es so sehr seinen Italienern gehörte, wie Frankreich den Franzosen, Spanien den Spaniern, Deutschland den Deutschen und die anderen Länder den anderen Völkern!“ 2
Als 1789 der Ruf nach „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ über den Kontinent ging, war das Echo in Italien, das überwiegend auf dem Absolutismus fremder Dynastien basierte, sehr gering. Zwar bildeten sich schon in den Jahren zwischen 1790 und 1795 im Großherzogtum Toskana, in Neapel, Palermo, Turin und Bologna republikanische Jakobinerklubs. Doch sie
1 SEIDLMAYER, Michael: Geschichte Italiens - Vom Zusammenbruch des Römischen Reiches bis zum ersten
Weltkrieg. Stuttgart, 1989, S. 333 - 351.
2 SEIDLMAYER: Geschichte Italiens. Stuttgart, 1989, S. 362.
blieben ohne den Rückhalt der breiten Volksschichten und konnten von den jeweiligen Staatsgewalten unschädlich gemacht werden.
Erst als die französischen Volksheere die Alpen überquerten, wurde Italien in den politischen und geistigen Strudel der Umwälzungen hineingerissen.
Bereits ab November 1792 wurden erste Gebiete (Savoyen und Nizza) zur Französischen Republik annektiert. Bis auf das Königreich Sardinien-Piemont, dass sich mit Österreich, England, Niederlande, Spanien und Preußen verbündete und Truppen in den ersten Koalitionskrieg entsandte, blieben die übrigen italienischen Staaten zurückhaltend. Eine zuvor von Sardinien-Piemont angestrebte Konföderation der italienischen Staaten kam nicht zu Stande.
Im September 1796 hatte Napoleon, zu der Zeit General des Direktoriums, fast ganz Italien erobert. Und zwar nicht nur die österreichische Lombardei, sondern auch kleine Staaten wie das Fürstentum Modena oder die kirchenstaatliche Romagna, die vorab bereits ihre Neutralität bekundet hatte. Noch im gleichen Jahr (1796) erklärten sich Modena, Reggio, Bologna und Ferrara zur Cispadanischen Republik, die nebenbei angemerkt auch noch im Jahr 2010 noch Anlass zu politischen Kontroversen auf der politischen Bühne der Italienischen Republik bietet. Im Jahr 1797, nach dem Frieden von Campoformio erweiterte sich die Cispadanische Republik zur Cisalpinischen Republik. Hinzu kamen Mailand, Mantua, das westliche Venetien und die Romagna. Als Ersatz für die verlorenen Gebiete erhielt Österreich die Markusrepublik. Die fast tausendjährige Geschichte der Republik Venedigs endete 1797.
In großen Schritten ging die Revolutionierung Italiens voran: Aus dem Kirchenstaat wurde die Römische Republik. Die Aristokratenrepublik Genua wurde zur Ligurischen Republik. Den stärksten Widerstand leistete Neapel. Dennoch konstituierte sich Anfang 1799 die Parthenopäische Republik. Das gesamte festländische Italien fiel der Revolution bis Anfang 1799 zum Opfer.
Hinter den republikanischen Regierungen stand die französische Militärdiktatur, die keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, wer das Sagen hatte. Enorm wachsende Steuerlasten und Zwangsaushebungen zum Militärdienst wurden als schwere Last empfunden. Säkularisierung von Kirchengut empfand das gläubige Volk als Frevel. Unzählige Kunstschätze wurden aus Bibliotheken, Museen und Kirchen entwendet und nach Paris gebracht. Selbst bei begeisterten Republikanern konnte das nicht auf Sympathien stoßen.
Der zweite Koalitionskrieg brach an und Russland und Österreich gelang es im Sommer 1799 die Franzosen kurzeitig aus Oberitalien zu vertreiben. Alle italienischen Republiken verschwanden noch im Laufe des Sommers und an ihre Stelle traten die alten legitimen Regierungen. Doch bereits im Sommer 1800 stand Napoleon - mittlerweile erster Konsul der frz. Republik - erneut in Oberitalien. Österreich verlor die entscheidende Schlacht bei Marengo und im Frieden von Lunéville (1801) wurden die Italienischen Gebiete erneut Napoleon zugeschlagen. Nun entstand unter der persönlichen Präsidentschaft Napoleons die Italienische Republik, im Wesentlichen die Oberitalienischen Gebiete. Piemont wurde direkt mit Frankreich vereinigt. Aus der Toskana wurde das Königreich Etrurien. Monarchische Tendenzen Napoleons zeichneten sich hier bereits ab. 1804 krönte sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen und 1805 krönte er sich ebenfalls selbst mit der alten eisernen Krone der Lombarden im Dom von Mailand zum König von Italien. Im gleichen Jahr wurde das Österreichische Venetien an das Königreich Italien abgetreten und die Ligurische Republik dem frz. Kaiserreich unterstellt. 1807 erfolgte Vereinigung des Königreiches Etrurien mit Frankreich, 1809 der Kirchenstaat bis auf die Stadt Rom, die den Status einer freien Stadt erhielt. Die letzte Erweiterung ist die Angliederung des Trentino an das Königreich Italien. 3
Vereinfacht ergeben sich daraus drei Gebiete: 1) Das Königreich Neapel unter Joachim Murat 2) der größte Teil Oberitaliens als Königreich Italien unter Napoleon selbst 3) und die mit Frankreich verbundenen Länder Piemont, Ligurien, Parma-Piacenza, Toskana und der Kirchenstaat. 4
Diese politische Ordnung blieb bis 1814/15 erhalten. Der Zusammenbruch dieser Konstellation wurde ausschließlich außerhalb Italiens auf dem Kongress in Wien entschieden.
Doch die Umwälzung war nicht nur politischer Natur, sondern auch kulturell und geistig bewirkte sie nachhaltig viele Veränderungen. Bereits unter französischer Herrschaft wurde viel Praktisches geleistet: Straßen, Brücken, Wasserleitungen und Kanäle wurden gebaut. Handel und Industrie in hohem Maße gefördert. Krankenhäuser, Schulen aller Art, Bibliotheken und Forschungsinstitute wurden gegründet. Und alles auf der Grundlage eines öffentlichen, staatlichen Lebens, das nun auch das politische Interesse vieler weckte. Vieles davon gab es auch vorher, aber nicht in dem Maße und auch immer nur auf einzelne Länder
3 SEIDLMAYER: Geschichte Italiens. Stuttgart, 1989, S. 352 - 365.
4 BRUCKMÜLLER / HARTMANN (Hrsg.): Putzger Historischer Weltatlas. Berlin, 2005, S. 128 - 129.
beschränkt. Zölle, unterschiedlichste Gesetze, mangelnde sprachliche Einheit, etc. prägte die Zeit davor im Wesentlichen. 5
Vossler beschreibt die unterschiedliche Entwicklung in Frankreich und Italien wie folgt: „ […] In Frankreich macht das aufstrebende Bürgertum den Umsturz, in Italien ersteht erst durch den Umsturz ein aufstrebendes, aufgeklärtes und selbstbewusstes Bürgertum. Bei den Franzosen geht das gespannte politische Interesse, der unbefriedigte Staats- und Machtwille der Revolution voraus, bei den Italienern wird erst durch die napoleonische Revolution von oben und außen das innerliche, politische Interesse, der Staats- und Machtwille geweckt. In den Köpfen der Franzosen ist die Revolution schon fertig, ehe sie sich in die Wirklichkeit umsetzt, in Italien werden zuerst die revolutionären Einrichtungen geschaffen, und dann erst setzt sich auch in den Köpfen der revolutionäre Geist dieser Einrichtungen durch, dann erst ersteht in dem neugeschaffenen Beamtentum und Heer und weiterhin im erstarkten Bürgertum und in einem großen Teil des Adels eine politisch denke Schicht mit einem aufgeklärten und freiheitlichen politischen Willen.“ 6
Ugo Foscolo (1778 - 1827) als Zeitgenosse formulierte es so: „Er (Napoleon) brachte es ganz allein fertig, die Italiener zu beleben, sie mit selbstständigen Meinungen, Gesetzen, Waffen, mit dem Sinne für Unabhängigkeit, mit der Sehnsucht nach einem freien Vaterland und besonders mit einer so raschen fortschrittlichen Beweglichkeit auszustatten, dass sie in wenigen Jahren in ihren inneren Verhältnissen Veränderungen aufweisen konnten, zu denen unter anderen Umständen eine Arbeit von drei oder vier Generationen nötig gewesen wäre.“ 7 Napoleon hatte zwar die politische Einheit des Landes in einem bis dato nicht gekanntem Maße erzwungen, aber von Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung konnte nicht die Rede sein. Aber ein nationales Empfinden war geweckt und es entstand ein neues italienisches Selbstbewusstsein, eine Kraft, welche in der Folgezeit nicht nur politisch, sondern auch literarisch greifbar wurde. Es erwuchs eine nationale Begeisterung, die dem Feind und der Fremdherrschaft den Kampf ansagte.
5 SEIDLMAYER: Geschichte Italiens. Stuttgart, 1989, S. 352 - 365.
6 SEIDLMAYER: Geschichte Italiens. Stuttgart, 1989, S. 360.
7 SEIDLMAYER: Geschichte Italiens. Stuttgart, 1989, S. 363
Arbeit zitieren:
Luigi Tucciarone, 2010, Der Kulturhistorische Kontext Italiens im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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