Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - eine Feldskizze 4
2 Bezugsrahmen 9
2.1 Der Beobachter - eine Figur 9
2.1.1 Der „blinde Fleck“ des Beobachtenden 10
2.1.2 Die wissenschaftliche Beobachtung 12
2.1.3 Die Beobachtung des Neuen 17
2.2 Die Kybernetik - eine Erkenntnistheorie 18
2.2.1 Kybernetik zweiter Ordnung 20
2.2.2 Die Autopoiese - ein Konzept 22
2.3 Die „Laws of Form“ - ein Kalkül 22
3 Unbekanntes Nichtwissen - ein Phänomen 28
3.1 Daten - Informationen - Wissen 29
3.2 Die Organisation von Wissen und Nichtwissen 31
3.3 Wissenschaftliche Ansätze 35
3.4 Nichtwissensdimensionen 40
3.4.1 Wissen 41
3.4.2 Intentionalität 42
3.4.3 Zeitliche Stabilität 43
3.4.4 Erweiterungen 44
3.5 Nichtwissenskulturen 45
3.6 Vertrauen 47
4 Szenarien - eine qualitative Methode 49
4.1 Zukunftsforschung 51
4.2 Strategische Frühaufklärung 54
4.2.1 Qualitätskriterien 55
4.2.2 Trends und Trendforschende 56
4.2.3 Wild Cards 60
5 Kommunikation 62
5.1 Szenarien als Kommunikationsinstrument 65
5.2 Sprache 66
5.3 Kunst 70
5.4 Hypothesen 71
6 Heuristik 74
6.1 Anforderungen 75
6.2 Werkzeugaktualisierung 77
6.2.1 Irritationsvariable 77
6.2.2 Sinnübersetzung 79
6.2.3 Kommunikation 81
6.3 Anwendung 82
6.3.1 Datenbasis 82
6.3.2 Datenreflexion 84
6.3.3 Dateninspiration 85
6.3.4 Beobachtung und Kommunikation 89
7 Fazit und Ausblick 91
8 Verzeichnisse 94
9 Anhänge 96
2
10 Quellenangabe 102
Erkl ärung 109
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1 Einleitung - eine Feldskizze
„Ein Unternehmen, das rasche Veränderungen im Umfeld dynamisch bewältigen will, darf Informationen und Wissen nicht nur effizient verarbeiten, es muß [sic] sie selbst her-vorbringen. Es muß [sic] sich durch Auflösung des existierenden Wissenssystems und durch die Entwicklung innovativer Denk- und Handlungsmodelle selbst erneuern.“
(Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi 1997, S. 64)
Die Zukunft ist ungewiss. Allein diese Tatsache führt zu Risiken 1 im Umfeld von Entscheidungsprozessen. Der übliche Umgang mit solchen Risiken ist geprägt vom Vertrauen darauf, dass diese Risiken eher unwahrscheinlich sind und als retrospektiv erklärbar akzeptiert werden. Es wird sich auf das Bekannte, als das - was sich wiederholt, konzentriert. Vorausgesetzt wird damit die Kontrollier- und Planbarkeit künftiger Entwicklungen. Mit dem Ziel Sicherheit zu produzieren, wird von prinzipiell zeitunabhängiger objektiver Erkenntnis ausgegangen. Wissen besitzt einen hohen Stellenwert und damit geht einher, dass die Wirkung des Unwahrscheinlichen und Unbekannten unterschätzt oder ignoriert wird. Eine solche Risikostrategie erweist sich in unserer modernen, komplexen und rekursiven Welt, mit der folgenschweren Reichweite unerwarteter Ereignisse, als immer weniger geeignet (vgl. Willke 2004, S. 53, 69). Es hat sich ein spürbares Interesse am Umgang mit Nichtwissen und an der Erzeugung von Risikowissen entwickelt.
Nicht zuletzt aufgrund unvorhersagbarer, Ressourcen verschlingender Umweltturbulenzen, scheint auch mir die traditionelle Risikobetrachtung im Kontext eindeutiger Wissensproduktion zunehmend unbefriedigend. Die Konsequenzen von Nichtwissen, von unbekanntem Nichtwissen und/oder Nicht-Wissen-Wollen, in Form von Erschütterungen sind so offensichtlich, dass ich die Beschäftigung mit Nichtwissen für dringend notwendig halte. Das Thema dieser Diplomarbeit ist daher Nichtwissen und unbekanntes Nichtwissen als eine Ausprägung systemischen Nichtwissens.
Ausgehend von den beobachtbaren Erschütterungen in der Welt, wird im theoretischen Teil, die allgemeine Präferenz von Wissen kritisch beleuchtet, um die praktischen Konsequenzen dieser bevorzugten Perspektive darzulegen. Ziel der Arbeit ist die Gestaltung eines Reflexionswerkzeugs für Entscheidungsprozesse in Unternehmen. Es sollte dynamisch, vital und offen sein, dadurch intuitives, phantasievolles, ideenreiches Handeln erzeugen und zur geistigen Freiheit anregen. Die beabsichtigte Erweiterung des Vorstellungshorizonts dient dem Erkennen von Überraschungen, damit mögliche Schockwirkungen unerwarteter Ereignisse milder ausfallen.
Der Mensch, als soziales Wesen, steht in meiner Ausarbeitung im Mittelpunkt.
1 Die Etymologie des Begriffs Risiko ist nicht eindeutig geklärt (vgl. Kluge 2002, S. 267). „Ein Risiko ist ein Aspekt von Entscheidungen, und Entscheidungen können nur in der Gegenwart getroffen werden …. Risiko ist … eine Form für gegenwärtige Zukunftsbeschreibungen unter dem Gesichtspunkt, daß [sic] man sich im Hinblick auf Risiken für die eine oder die andere Alternative entscheiden kann“ (Luhmann 1992b, S. 142). Vgl. den Begriff des „Entwicklungsrisikos“ (Ewald 1998, S. 17).
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Die Relevanz des Themas bezeichnend, verweise ich exemplarisch auf die komplexen Auswirkungen von FCKW oder radioaktivem Atommüll 2 ; der Finanzarchitektur 3 ; gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen bspw. im Iran, Afghanistan oder Pakistan; des von der deutschen Bundesregierung verabschiedeten Bundeshaushalts 2010 und des Finanzplans bis 2013 am 23.06.09 4 sowie der Rinderseuche BSE:
»BSE« ist wesentlich eine Krise des Wissens. Wissenschaft hatte lange Zeit die Funktion, eindeutiges Wissen zur Charakterisierung und Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemlagen zu liefern. Jedoch ist solches Wissen nicht einfach vorhanden, sondern entsteht in einem vielschichtigen Prozess wissenschaftlicher, politischer und zunehmend auch öffentlicher Kommunikation sowie experimenteller Erprobung. Der Fokus muss also auf dem Prozess der Erzeugung von Risikowissen sowie der Konfrontation mit Nichtwissen eingestellt werden. (Böschen/Dressel/Schneider/Viehöver 2004b, S. 107-108).
Mit der Erfindung von Derivaten - als Ergebnis von „Spielen der Dekomposition und Rekombination“ (Willke 2002, S. 155) - die ganz allgemein der Steuerung und Streuung von Preisänderungsrisiken dienen, wurden „komplexe Risikoarchitekturen“ geschaffen, die unkalkulierbare Risiken mitführen (ebd., S. 32). In der gegenwärtigen finanzpolitischen Ausein-andersetzung fällt auf, dass die Entwicklung - die unter dem Begriff Finanzkrise diskutiert wird - von einzelnen Personen zwar erwartet wurde, doch tragfähige Alternativ- und Krisenreaktionskonzepte fehlen. 5 Unkalkulierbar erscheinen Risiken auch aufgrund von Unsicherheit infolge mehrwertiger Erwartungen und inhaltlicher Unklarheit infolge der Erstmaligkeit von Ereignissen (vgl. Ansoff nach Liebl 2001, S. 510).
Erst im Nachhinein erkanntes Nichtwissen hat Einfluss auf das gesellschaftliche Vertrauen. Beurteilungen und Erwartungen der Bevölkerung wirken sich auf das Handeln von Akteuren aus: „Der Rahmen der Risikobetrachtung wird nicht allein durch wissenschaftliche Problem-horizonte gebildet, sondern ganz wesentlich auch durch gesellschaftlich etablierte Erwar-tungshorizonte“ (Böschen et al. 2004a, S. 285). Vertrauen stellt innerhalb risikopolitischer Diskurse eine Qualität dar, die als entscheidende Variable verstanden und gestaltet werden sollte und sich insbesondere an einem „legitim anerkannten Umgang mit Nicht-Gewusste[m] erweisen muss“ (Böschen/Kastenhofer/Soentgen/Wehling 2007, S. 19). Vertrauen dient als Steuermechanismus in komplexen, dynamischen und selbstregulierenden Kontexten. Eine Präferenz indoeuropäischer Kulturen für Wissen gegenüber Nichtwissen wird obsolet, mit dem Umstand, dass prädikative Diagnostik nicht zu Präventionsangeboten führt (vgl. Wehling 2006, S. 13; vgl. Whorf 1999, S. 46). Der „neuen Bedeutung von Nichtwissen in komplexen, vernetzten und nicht mehr ohne weiteres dekomponierbaren Systemen“, versucht das sogenannte Systemrisiko gerecht zu werden (Wehling 2006, S. 53). Systemrisiko bezieht sich auf Risiken, die die gesamte Operationsweise eines Systems betreffen „dadurch, dass bestimmte Einzelrisiken sich durch die Vernetzung der Elemente zu einer systemischen Destabilisierung aufschaukeln“ (ebd.). Dieser Risikotypus bezieht sich auf Gefahren, die sich
2 Vgl. http://www.zeit.de/2009/38/DOS-Asse.
3 „Es geht darum, dass alle Marktteilnehmer, alle Produkte und alle Märkte wirklich reguliert oder überwacht werden. Es soll keine blinden Flecken geben und genau das werden wir auch schaffen“ (Angela Merkel zum Finanzgipfel in Washington am 15. September 2008). Unter http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts8570.html, am 17.09.2008.
4 Vgl. Tagesschau vom 23.06.2009 verfügbar unter: http://www.tagesschau.de/inland/rekordverschuldung106.html am 23.06.2009. 5 Beobachtungsfeld: Kapitalismuskongress, 6.-8. März 2009, Berlin, Thema „Kapitalismus am Ende?“.
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aus systemischen Nichtwissen ergeben können: „Systemisches Nichtwissen bezeichnet ein Nichtwissen, das die Logik, die Operationsweise, die Dynamik, die emergente Qualität, die Ganzheit eines selbstreferenziell geschlossenen Zusammenhangs von Operationen betrifft“ (ebd., S. 53-54). Ein systemisches Zusammenwirken einzelner Teile lässt sich nicht vorhersehen. Beobachten lässt sich systemisches Nichtwissen im Kontext einer Beurteilung von Folgen, beispielsweise bezogen auf gentechnisch veränderte Lebensmittel 6 , Nanotechnologie 7 , die Erfindung von Derivaten 8 , Ernährungskrisen (vgl. Braun 2008), Klimawandel oder die Verschuldung des Staates.
Franz Liebl stellt, bezogen auf nicht eindeutig entscheidbare und riskante Fragestellungen fest, „wenn solche Themen in der Öffentlichkeit verhandelt werden, entscheidet nicht Wahrheit oder wissenschaftliche Präzision, sondern letztlich die Akzeptanz des Publikums“ (2000, S. 47). Relevanzkriterien der Öffentlichkeit rücken somit in den Vordergrund. Die genannten Kontextbeispiele systemischen Nichtwissens weisen zum Teil Interdependenzen auf und erinnern damit an die Komplexität und Dynamik, mit welcher wir konfrontiert sind. Problematisch ist dabei, dass es uns Menschen schwer fällt, mit komplexen, intransparenten und dynamischen Situationen umzugehen.
Dietrich Dörner diagnostiziert im Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität 9 :
• Fehler bei der Zielbeschreibung, nicht formulierte Teilziele anhand von „Reparaturdienstverhalten“ (2002, S. 88);
• unvernetzte Analyse bspw. an einer Blindheit gegenüber widersprüchlichen Teilzielen; undynamische, irreversible Schwerpunktsetzungen;
• inadäquate Modellbildung anhand unbeachteter möglicher Nebenfolgen;
• unreflektierte, unangemessene Dokumentation;
• fehlerhafte Beurteilung von Veränderungen, zu beobachten an einer Nichtberücksichtigung von Exponentiationen;
• Planungsdefizite, beispielsweise an undynamischen „reduktive[n] Hypothesen“ und zu kurzen Planungshorizonten (ebd., S. 131);
• inadäquate Entscheidungsfolgenbeobachtung an nicht korrigierten Fehlern „ballistisch“ Entscheidender (ebd., S. 267, 288; Vester 2002, S. 36-37).
Eine systemische Betrachtung von Rückkopplungen und Regelkreisen, kritischen Systemvariablen und Indikatorvariablen - die abhängig von vielen Systemvariablen als Indikator für den Zustand eines Systems herangezogen werden können - erscheint im Kontext komplexer Umweltbedingungen angemessen aber operativ unökonomisch (vgl. Dörner 2002, S. 112, 290-291). Als ökonomisch relevant lässt sich die Verschleierung von Nichtwissen vermuten, da diese in einem erheblichen Maße Ressourcen bindet.
6 Vgl. Saatgutkonzern Monsanto klagt gegen Genmais-Verbot unter: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/monsanto-klagt-gegen-genmais-verbot;2248953 vom 22.04.2009 am 22.04.2009.
7 „Die Nanotechnologie könnte die erste Wissenschaft werden, in der Forscher eine größere Gefahr sehen als die Öffentlichkeit" Vicki Stone in der Süddeutschen Zeitung vom 18.02.2008. Unter: http://www.sueddeutsche.de/wissen/630/433379/text/. 8 Vgl. US-Finanzaufsicht: Warnung vor Derivaten knallhart geblockt. Unter: http://www.wiwo.de/finanzen/us-finanzaufsicht-warnung-vor-derivaten-knallhart-geblockt-377948/ vom 17.11.2008 am 22.04.2009.
9 Das Adjektiv komplex, lässt sich zurückverfolgen zu „ lat. complexus, dem PPP. [Partizip Perfekt Passiv] von lat. complect ī »umschlingen, umfassen« zu lat. plectere »flechten, ineinander flechten«“ (Kluge 2002, S. 516) . Vgl. Dörner 2002, S. 58-62.
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Die Wichtigkeit von Umfeldanalysen, verstanden als Beobachtung systemischer Wechselwirkungen und Reflexion potenzieller Interdependenzen, führt zu der Frage nach dem WIE der Umsetzung.
Die Anwendung verschiedener Szenario-Techniken 10 lässt sich als eine methodische Reflexion von Entwicklungen im Umfeld von Unternehmungen beobachten (vgl. Liebl 2001, S. 507). In meiner Diplomarbeit beleuchte ich unbekanntes Nichtwissen als eine Ausprägung systemischen Nichtwissens. In dieser Ausprägung bezeichnet es „eine prinzipiell nicht aufhebbare Ungewissheit möglicher Ereignisse, die als Möglichkeit ins Spiel kommen“ (Willke 2002, S. 11). Mögliche Ereignisse stellen vorstellbare Ereignissen dar, denn „eine Sache ist nicht möglich, wenn sie nicht vorstellbar ist, und wir könnten niemals bestätigen, dass sie möglich war, erschiene sie nicht tatsächlich. Was möglich ist, wird somit immer existent befunden werden“ (Spencer-Brown 1997, S. xviii). Eine Berücksichtigung unbekannten Nichtwissens, impliziert die Notwendigkeit offener Risikodiskurse.
Gesellschaftlich relevante Kommunikation bezieht sich nicht nur in Krisensituationen oder innerhalb von Risikodebatten auf unbekanntes Nichtwissen ('unknown unknowns'). Eine öffentliche Thematisierung möglicher Folgen (Folgenabschätzung bspw. in ökologischen, technologischen und ethischen Kontexten) von Entscheidungen und des Umstands einer prinzipiell unbekannten Zukunft führen zu einer Auseinandersetzung mit dem Phänomen Nichtwissen.
Je weiter man in die Zukunft blickt, desto wahrscheinlicher ist ein Übergewicht der nicht-vorhergesehenen Folgen. Die Weite des relevanten Zukunftshorizontes ist selbst eine Variable. Einerseits ändern sich heute in der Gesellschaft Strukturen schneller als früher; zum anderen rückt die Unprognostizierbarkeitsschwelle der Zukunft näher an die Gegenwart heran. Sachlich wie zeitlich nimmt damit die Bedeutung des Nichtwissens … in Horizonten zu, die als handlungsrelevant entworfen werden. (Luhmann 1992c, S. 185-186).
Systemintern lässt sich eine Etikettierung „strategische[r] Frühaufklärung als Managementprozess“ (Liebl 1996, S. 11) erkennen, sowie die Entdeckung des Phänomens Nichtwissen im Bereich des Wissensmanagements, infolge einer Fokussierung auf Wissen, welches als Unternehmensressource und Produktivitätsfaktor verstanden wird. Daraus resultierend erscheint Strategiegestaltung als Management von Wissen und Nichtwissen (vgl. Liebl 2004). Wir haben es dauerhaft mit der Problematik des unbekannten Nichtwissens zu tun, ohne zu wissen, inwieweit sich das, was wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen, als relevant erweisen wird (vgl. Wehling 2006, S. 123). Mit den Worten von Peter Wehling folgt daraus „die paradox anmutende, wenn nicht gänzlich uneinlösbare Forderung, sich gerade gegen solche Gefährdungen zu wappnen, die man gar nicht kennt und von denen man nicht das geringste weiß“ (ebd., S. 9).
Innerhalb eines unsicheren, unbekannten, neuen und überraschenden Ereignisumfelds besteht die Herausforderung in einem adäquaten kommunikativen Umgang mit dem, von dem wir als Beobachtende nicht wissen, dass wir nicht wissen und der damit einhergehenden
10 Technologie verstanden als eine feste Kopplung kausaler Elemente, wobei die Elemente physische, chemische, biologische oder soziale sein können. So kann sowohl der Verbrennungsmotor als auch der Containertransport als Technologie verstanden werden (vgl. Luhmann 2006, S. 364).
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systemspezifischen Intransparenz (vgl. Willke 2004, S. 54).
Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit der Frage: WIE kann eine Reflexion dessen, was wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen, aussehen?
Beabsichtigt ist die Gestaltung eines Reflexionswerkzeugs für Entscheidende, speziell für den Einsatz in Situationen, in denen Daten, Informationen und/oder Wissen fehlen. Die Methode soll Entscheidungsträger darin unterstützen, das Phänomen, dass sie nicht wissen, was sie nicht wissen, zu reflektieren und zu moderieren.
Szenarien, als angewandte Methode der Zukunfts- und Trendforschung, scheinen mir als besonders geeignet für eine Reflexion von Nichtwissen (vgl. Steinmüller 1997, S. 48). Da „hochrangige Expertise immer weniger von Einzelkämpfern erarbeitet werden, sondern von Arbeitsgruppen, Projektteams oder in anderen Formen kollegialer Kooperation“ (Willke 2002, S. 129) gewinnt die Tätigkeit des Moderierens auch innerhalb der Szenariomethode an Relevanz.
Der Dokumentation und Verbreitung des Reflexionsprozesses kommt eine entscheidende Bedeutung zu, um das generierte Wissen innerhalb der Organisation, beispielsweise im Bereich des Stakeholdermanagements 11 , nutzen zu können.
Die Bildung von Vertrauen generierender Kommunikations- und Entscheidungskompetenz -verstanden als Grundlage anerkannter, wertgeschätzter Unternehmungen - lässt sich im Rahmen eines entsprechend sensibilisierenden Nichtwissensmanagements erwarten, denn mit den Worten Boris Groys geht die Gefahr „von dem aus, was der Mensch nicht bemerkt, wogegen er nicht gewappnet ist, was nicht im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit steht, doch aus eben dieser verborgenen Quelle kann auch das Heil kommen“ (2004, S. 133).
11 Unter Stakeholdern verstehe ich alle Personen und Personengruppen, die an der Unternehmung (Unternehmen, Organisation, Institution etc.) Anteil nehmen.
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2 Bezugsrahmen
Bevor ich Nichtwissen als heterogenes Phänomen und unbekanntes Nichtwissen im Speziellen beleuchte, möchte ich mich einführend den Konzepten der Wissenschaftler 12 widmen, die mich in meinem Denken inspirieren, und mir damit als Beobachtungsinstrumente in Form von „Denkmustern“ 13 (Bateson 1985, S. 105) bei der Erstellung der vorliegenden Arbeit dienen. Ich orientiere mich an der Figur des Beobachters (2.1), an der Kybernetik zweiter Ordnung (2.2) und an der Formalisierung des Unterscheidungsprozesses in den „Gesetzen der Form“ (2.3). Aus meiner Sicht handelt es sich bei den genannten Konzeptionen um begriffliche Werkzeuge, die unsere Optionen erweitern.
2.1 Der Beobachter - eine Figur
“The notion of ignorance is relevant because it reminds us of the limits to predictability which lie in the human structure of cognition.“
(Malte Faber und John Proops 1990, S. 20)
Beobachten bedeutet, etwas zu bezeichnen und stellt damit immer eine Unterscheidung, eine Abgrenzung dar. 14 Ein Unterschied, der im Kontext Zeit beobachtet wird, nennen wir Veränderung (vgl. Bateson 1985, S. 580).
Die Komplexität, beispielsweise in Form von Daten, Informationen und Wissen von der Welt, nimmt mit den Beobachtungen zu, weil eine Beobachtung im Moment ihres Stattfindens selbst nicht beobachten kann, WIE unterschieden wird. Ein Fragen nach dem WIE bezieht sich auf „prozedurales Wissen“, welches „unmittelbar in Handeln umgesetzt wird“ (Guber 1999, S. 32). Nur einem weiteren anderen Beobachter ist es im Moment des Stattfindens möglich, die Form der Unterscheidung zu beobachten. Heinz von Foerster spricht vom „blinden Fleck“ des Beobachters (1993a, S. 26). Die Figur des Beobachters lässt sich als „selbstreferentielles, beobachtungsfähiges und deshalb negationsfähiges System“ beschreiben (Baraldi/Corsi/Esposito 1997, S. 132).
Bereits auf der Ebene der Daten hängt das, was wir erkennen können, von Instrumenten und Verfahrensweisen der Beobachtung und Dokumentation ab (vgl. Willke 2004, S. 28). Mit Blick auf die Erkenntnisfähigkeit von Menschen lässt sich festhalten, dass nur die Intensität eines Stimulus von Nervenzellen kodiert wird, „aber nicht die Natur der Erregungsursache (kodiert wird nur: »So-und soviel an dieser Stelle meines Körpers«, aber nicht was“) (von Foerster 1993a, S. 31). Dieser Umstand, dass sensorische Rezeptoren, die mit den Sinneswahrnehmungen verbunden sind, blind sind in Bezug auf die physischen Eigenschaften und damit blind in Bezug auf die qualitativen Unterschiede des Reizes, bezeichnet von Foerster
12 In dieser Arbeit verwende ich entweder die männliche oder die weibliche Form, wobei ich mich um eine diesbezügliche Ausgeglichenheit bemühe. Die jeweils aus Gründen der Lesbarkeit nicht explizit genannte Form wird mit gemeint.
13 „Wir können sagen, daß [sic] die Denkmuster der Individuen so standardisiert sind, daß [sic] ihnen ihr Verhalten als logisch erscheint“ (Bateson 1985, 105).
14 Vgl. Selbstbeobachtung, systemtheoretisch verstanden als „Handhabung von Unterscheidungen“ (Luhmann 1987, S. 63).
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als das „Prinzip der undifferenzierten Kodierung“ (ebd., S. 273). Menschliches Wahrnehmen ereignet sich in Relation zu einem Bezugspunkt und lässt sich an Beziehungen und Beziehungsstrukturen diagnostizieren. Wahrnehmen beruht auf Bewegung, Abtasten oder Scanning:
Eine Beziehung wird hergestellt, dann … geprüft, und von dieser Prüfung wird dann eine Abstraktion gewonnen, die unserer Ansicht nach dem mathematischen Begriff der Funktion analog ist … Funktionen machen demnach das Wesen unserer Wahrnehmung aus; und … sind … «Zeichen für einen Zusammenhang … für eine Unendlichkeit möglicher Lagen von gleichem Charakter...». (Watzlawick/Beavin/Jackson 2000, S. 28-29).
Wir müssen das Dilemma akzeptieren, mit komplexen, vernetzten, nichtlinearen und unserer Intuition widersprechenden Entwicklungen, beispielsweise bezogen auf exponentielle Entwicklungstendenzen 15 zu rechnen, trotz der kognitiven Schwierigkeiten, die wir als Menschen hier haben (vgl. Dörner 2002).
Mit dem Ziel, mich den daraus resultierenden Konsequenzen für einen adäquaten Umgang mit unbekanntem Nichtwissen zu nähern, beleuchte ich ausgehend vom „blinden Fleck“ der Beobachterin (2.1.1) im Speziellen, Implikationen für die Wissenschaft (2.1.2) und Heraus-forderungen im Kontext von Innovationen (2.2.3) im Allgemeinen.
2.1.1 Der „blinde Fleck“ des Beobachtenden
„Die Abhängigkeit einer Erkenntnis von persönlichen Bedingungen lässt sich nicht formalisieren, weil man seine eigene Abhängigkeit nicht unabhängig ausdrücken kann.“
(Michael Polanyi 1985, S. 31)
Eine jede Beobachtung, verstanden als Basisoperation und bestehend aus der Tätigkeit des Unterscheidens und Bezeichnens, hat ihren „blinden Fleck“ 16 (von Foerster 1993a, S. 26-28). Der Beobachter sieht nicht, dass er eine Unterscheidung trifft und wie er sie trifft. Damit ist der Forscher im Moment der Beobachtung erster Ordnung nicht in der Lage, bestimmte Muster zu erkennen. Dirk Baecker formuliert:
Man kann nicht etwas bezeichnen, ohne anderes unbezeichnet zu lassen .... man kann nicht einmal sehen, daß [sic] man anderes nicht bezeichnet, denn man sieht ja genau und nur das, was man gerade bezeichnet ... man kann nicht einmal sehen, daß [sic] man eine Unterscheidung trifft um eine Bezeichnung vorzunehmen. (Baecker 1999, S. 23-24).
Die Unterscheidung produziert eine Zweiheit, eine Zwei-Seiten-Form. Beide Seiten sind anwesend, können aber nur nacheinander aktualisiert werden. Erst die Beobachtung der Beobachtung des Beobachters (Beobachtung zweiter Ordnung) ermöglicht den blinden Fleck der Beobachtung erster Ordnung zu erkennen. Dabei kann nur beobachtet werden, wie - mit
15 Exponentielles Wachstum führt zu Katastrophen (vgl. Lerf/Schuberth 2004, S. 228).
16 Der blinde Fleck dient als Metapher in Analogie zum Sehnerv-Phänomen des Auges, vergleiche Selbstexperiment zur Unvollständigkeit unseres Sehfeldes Anhang 1.
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welcher Unterscheidung - beobachtet wird, nicht was beobachtet wird. Auch die Beobachtung zweiter Ordnung ist wiederum blind für das, was sie nicht bezeichnet. Allerdings kann die Beobachterin zweiter Ordnung aus dem, was sie sieht, auf sich selbst schließen. In dem Moment, in dem der Beobachter die Frage nach der Einheit der Unterscheidung stellt, die er verwendet, entstehen Paradoxien 17 . Diese Paradoxien als Einheit, die für den Beobachter nur als Zweiheit gegeben sind, werden als konditionierte Koproduktionen bezeichnet (vgl. Lau 2006, S. 201).
Der Physiker Albert Einstein 18 machte auf die Relativität von Beobachtungen in Abhängigkeit zum jeweiligen Standpunkt des Beobachters aufmerksam. Die Erkenntnis, dass Beobachtungen das Beobachtete beeinflussen und so Vorhersagen unmöglich erscheinen, da die Unsicherheit der Beobachterin absolut ist, verdanken wir Werner Heisenberg. 19 Der Beobachtende zweiter Ordnung, zu finden in unterschiedlichsten Rollen, als Rivale, Dolmetscher, Vermittlerin, Bote, Forscherin, Doppelagentin, Berater etc., steht nicht mehr außerhalb des beobachteten Anderen. Als Bezugspunkt wurde die Beobachtung der Welt, welche diese erst entstehen lässt, herausgearbeitet. Daten sind als solche objektiv nicht gegeben, sondern werden von einem Beobachter erhoben. Elena Esposito formuliert: „Der Beobachter ist autonom in dem Sinn, dass er die, die Welt ordnenden Unterscheidungen trifft“ (2005, S. 299, vgl. Spencer-Brown 1997, S. xxxii).
Eine Beobachtung erster Ordnung lässt sich als Detailbeobachtung interpretieren. Der Blinkwinkel, als auch der blinde Fleck ist klein, sodann resultiert daraus eine Blindheit gegenüber Mustern. Eine Beobachtung zweiter Ordnung entspricht demgegenüber einer Vergrößerung des Blickwinkels mit einhergehender Vergrößerung des blinden Flecks. Allerdings ermöglicht die damit einhergehende Unschärfe eine Identifizierung von Mustern, wobei sich Mustererkennung an der Verflechtung von Systemkomponenten orientiert (vgl. Vester 2002, S. 21, 54). 20 Erst anschliessend an eine perzeptuelle Gruppierung verschiedener Konturen findet eine Identifizierung statt. Diese Szenensegmentierungen können vieldeutige
17 „Die Paradoxie ist … ein epistemologisches Warnlicht, das zu blinken beginnt, wenn - im Sinne von Glasersfeld - eine Konstruktion nicht mehr paßt [sic] oder … wenn es sich herausstellt, was die Wirklichkeit nicht ist.“ (Watzlawick 2008, S. 231). 18 Vgl. Allgemeine Relativitätstheorie.
19 Vgl. Heisenbergsche Unschärferelation 1927 (Unbestimmtheitsprinzip): Je exakter sich die Position bestimmen lässt, desto größer erscheint die Ungenauigkeit hinsichtlich der Geschwindigkeitsbestimmung. Dieses Prinzip gilt auch umgekehrt. 20 Vgl. Selbstexperiment zur Mustererkennung Anhang 2.
11
Lösungen haben (vgl. Singer 2002, S. 150). 21 Dabei ist zu reflektieren, dass wenn die Präzision steigt, die Relevanz abnimmt:
Wenn die Komplexität eines Systems zunimmt, wird unsere Fähigkeit geringer, präzise und signifikante Aussagen über sein Verhalten zu machen, bis ein Grenzwert erreicht wird, über den hinaus Präzision und Signifikanz (oder Relevanz) sich nahezu gegenseitig ausschließende Charakteristiken werden …. Ein zusätzliches Prinzip kann im Anschluß [sic] daran so formuliert werden …. >Je genauer man sich ein Problem der Welt anschaut, desto fuzziger wird seine Lösung<. (Lotfi Zadeh nach Kosko 1993, S. 180).
Für die Tätigkeit reflexiven Betrachtens fasst Weick zusammen, „wenn eine Person dies tut, ist es ihr nur möglich, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was schon passiert ist, nicht auf das, was noch kommen wird. Jedes Verstehen entspringt aus Reflexion und Rückwärtsschauen“ (1995, S. 277).
2.1.2 Die wissenschaftliche Beobachtung
„Steigerung des wissenschaftlichen Nichtwissens bedeutet ... vor allem, dass sich die Lücken, Grenzen und Ausblendungen des wissenschaftlichen Wissens in Form unerwarteter, unerkannter und unkontrollierbarer Effekte manifestieren.“
(Peter Wehling 2002, S. 261)
Für die traditionelle Wissenschaftstheorie lassen sich folgende charakteristische Aspekte zusammenfassen:
• Ontologische Grundannahme: Es existiert vor jeder menschlichen Erkenntnis eine objektiv wahrnehmbare Realität;
• Empirische Grundannahme: Das erkennende Subjekt generiert Erkenntnis über systematische Beobachtung in Form von Gesetzen und Theorien, die sich kausal erklären lassen;
• Methodologische Grundannahme: Die Wissenschaft liefert Regeln, die stetige Lernprozesse initiieren und kontrollieren;
• Philosophische Grundannahme: Die durch Lernprozesse entstehenden Erkenntnisse (Gesetze in Form von beschriebenen Ursache/Wirkungs- oder Input/Output Zusammenhängen) ermöglichen die technische Lösung von Problemen, wobei die Legitimation von Normen dem wissenschaftlichen Urteil nicht zugänglich ist (Scherer 2002, S. 10).
Diese Anforderungen möchte ich unter Berücksichtigung der dargelegten Eigenschaften des forschenden Beobachters reflektieren.
Im Hinblick auf das System Wissenschaft ermöglichen Programme, wie Theorien und Metho-
21 Vgl.Selbstexperiment zur Szenensegmentierung Anhang 3.
12
den, ein Operieren. Wie generiert die forschende Wissenschaftlerin durch die Operation der Beobachtung Erkenntnis? Realität lässt sich empirisch als eine nomologische und autopoietische Relation beobachten. Nomologische Realität ist formal logisch beschreibbar. Denotative Theorien behandeln nomologische Realität. Sie sind „abgrenzend, zuordnend und festlegend ... sie bieten kontextunabhängige, stabile und exklusive Muster“ (Schülein/Reitze 2002, S. 192-193).
Autopoietische Realität „ist nicht nur eigendynamisch und bringt ständig neue Variationen hervor, sie ist auch widersprüchlich, also nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen …. autopoietische Wirklichkeit [ist] zu umfangreich ..., um vollständig manipulierbar zu sein“ (ebd., S. 193-194; vgl. 2.2.2). Diese Realität verlangt nach konnotativen Theorien, die es ermöglichen, mit eigendynamischen, unbestimmten und widersprüchlichen Prozessen umzugehen: „konnotative Theorien stellen Verbindungen zwischen verschiedenen und veränderlichen Möglichkeiten und Wirklichkeiten her; sie variieren und sind verwendungsabhängig“ (ebd., S. 232). Qualitative Forschung scheint mir der interpretationsbedürftigen Betrachtung von Unternehmungen, verstanden als Systeme nicht-trivialer Maschinen (vgl. 2.2.1, Weick 1995, S. 128), im Besonderen gerecht zu werden. Sie hat den Anspruch, „Lebenswelten «von innen heraus» aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben“ (Flick/von Kardorff/Steinke 2004, S. 14). Ziel ist es Deutungs- und Strukturmerkmale sozialer Wirklichkeiten zu entdecken, die Nichtmitgliedern verschlossen und den Akteuren oft nicht bewusst sind. Als Basis der qualitativen Forschung gelten folgende Annahmen:
• soziale Wirklichkeit wird durch Bedeutungszuschreibungen zwischen mindestens zwei Personen konstruiert;
• dieser Prozess erfolgt reflexiv;
• Lebensbedingungen („objektive“) werden durch subjektive Bedeutungen wirklichkeitsrelevant;
• als Ansatzpunkt der Forschung dient der kommunikative Charakter sozialer Wirklichkeit (vgl. ebd., S. 22).
Für die Forschungspraxis kennzeichnend ist „die Reflexivität des Forschers über sein Handeln und seine Wahrnehmung im untersuchten Feld“, und das Erkenntnisinteresse besteht im Verstehen 22 von komplexen Zusammenhängen (ebd., S. 23): „Um eine Beobachtung »von innen« zu erreichen, müssen wir uns darüber hinaus an die Bedeutung halten, die die beobachteten Ereignisse für und durch die Wissenschaftler erhalten. Um zu diesen Bedeutungen zu gelangen, müssen wir uns der Sprache bedienen“ (Knorr-Cetina 1983, S. 50). Auch wenn Konsens in Bezug auf „Hermeneutik“ als Verfahren besteht, so lässt sich Unsicherheit bezogen auf die Form beobachten (vgl. Schülein et al. 2002, S. 171). Die Interessen hermeneutischer Forschung betreffen im wesentlichen menschliche Interaktionen. Das sogenannte „Forschungsobjekt“ ist demnach vielmehr Subjekt und Prozess (kausal zirkulär, rekursiv).
Eine objektive Betrachtung von außen erscheint nicht möglich. Von Foerster begründet die Popularität von Objektivität: „sie enthebt uns unserer Verantwortung“ (1993a, S. 289). Henri
22 Im Sinne eines methodisch kontrollierten Fremdverstehens heisst Verstehen, die Perspektive des Anderen nachzuvollziehen.
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Poincaré bemerkt: „ … nur in den Beziehungen muß [sic] die Objektivität gesucht werden; es wäre vergeblich, sie in den Dingen selbst, ganz ohne Beziehung zueinander suchen zu wollen“ (1906, S. 201). Konnotative Theorien, die diesen Aspekten versuchen gerecht zu werden, entscheiden über das Datum, welches erhoben wird, sie konstruieren ihren Gegen-stand. 23 Diese Betrachtung widerspricht den ontologischen und empirischen Grundannahmen der traditionellen Wissenschaftstheorie und steht damit unter Legitimationsdruck. Es kommt erschwerend hinzu, dass in der Praxis, der sich Wissenschaft zunehmend zu stellen hat 24 , Nomologie simuliert wird, um Entscheidungen zu rechtfertigen. Daraus resultiert, dass ein Umgang mit komplexen Systemen, verstanden als autopoietische Wirklichkeit, erst erlernt werden muss. Angenommen eine Beraterin oder ein Forscher versteht sich als einen Teil der zu erforschenden Menge, zum Beispiel als einen teilnehmenden Beobachter, so resultieren daraus Widersprüche, gekennzeichnet durch Selbstreferenz. Einhergehend wird das kultivierte Rationalitäts- und Wahrheitsverständnis hinterfragt und die Bedeutung sozialer Interaktionsprozesse und Strukturen deutlich. Olaf Behrend stellt fest: „Im Wetten ist der Hermeneut geübt, weil er häufiger in seiner Forschung wetten muss, als die an Stochastik orientierten Forscher“ (2005, S. 87). Die Komplexität zwischenmenschlicher Interaktionen, lässt die Vielzahl der Methoden qualitativer Forschung plausibel erscheinen. Mit Blick auf differierende Perspektiven und im Kontext kontinuierlicher Veränderungen, erscheinen die Möglichkeiten theoretischer und zeitpunktbezogener Konzeptualisierungen vielfältig und dynamisch. Ausgehend davon, dass es kein unbezweifelbares Bewertungssystem geben kann „aus dem sich Regeln wissenschaftlichen Arbeitens ableiten und gleichsam technisch anwenden lassen, muß [sic] sich der Wissenschaftstheoretiker ... auf eine Diskussion seines Beurteilungssystems einlassen“ (Scherer 2002, S. 33).
Als feste Konstante lässt sich die Tradition der methodologischen Grundannahme beobachten, die davon ausgeht, dass Wissenschaft Orientierungssysteme in Form von Methoden und Theorien liefert, die Lernprozesse initiieren und kontrollieren. Kernkriterien qualitativer Forschung, die der Bedeutung der Wissenschaftlerin in ihrer Rolle als Beobachterin und den Besonderheiten des „Untersuchungsgegenstandes“ gerecht werden, unterscheiden sich von quantitativen Kriterien. Hilfreich scheint ein Verzicht auf die Begriffe Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. Steinke 2004, S. 323). Wissen kann prinzipiell auch anders sein (vgl. 3.2), je nach Intention, angewendeten Methoden oder Kontext des Beobachters. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit von intersubjektiver Nachvollziehbarkeit in Form einer reflektierten Dokumentation des Forschungsprozesses. Dabei steht die Frage nach dem WIE der Beobachtung im Vordergrund: „Das WARUM des Verstehens mag noch geraume Zeit ein Geheimnis bleiben, aber das WIE, die Logik des Verstehens - der Hintergrund von Gesetzen oder regelmäßigen Zusammenhängen - ist erforschbar“ (Whorf 1999, S. 38). Beziehungen, ver-standen als Interaktionsprozesse oder „autopoietische Realität“ (Schülein et al. 2002, S. 191), können mit einer linearen Denkweise von Ursache und Wirkung, die durch die Fragen 'Was' und 'Warum' erforscht wird, nicht angemessen beschrieben werden: „Zu fragen wie erfordert oft, daß [sic] wir eine radikal naive Haltung einnehmen und das Offensichtliche zum
23 Ich entscheide mich daher formal für die erste Person Singular, um der unvermeindlichen Subjektivität meiner Beobachtungen gerecht zu werden.
24 Die Technologiefähigkeit von Forschung, die technische, ökonomische und soziale Verwertbarkeit betreffend, benennen Breuer und Reichertz (2001, [21]) als eigenständiges Wissenschaftskriterium.
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Problematischen machen“ (Knorr-Cetina 1984, S. 49; vgl. Watzlawick et al. 2000, S. 125). Linearität bezieht sich auf Quantität: „Ein Prozeß [sic], bei dem eine bestimmte Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft, ist dann linear, wenn die doppelte Ursache auch die doppelte Wirkung hat“ (Wiener 1952, S. 42). 25
Datenerhebung und Datenorganisation, verstanden als Basis und empirische Verankerung der eigentlichen interpretativen Theoriebildung, sollte nachvollziehbar dokumentiert werden. Anspruch, Intention, Annahmen und Erwartungen des Forschers; angewandte und begründete Erhebungsmethode(n) und -kontext(e); verwendete Informationsträger, Transkriptionsregeln, Analyse- und Auswertungsmethode; die Problematisierung von Verstehen bezogen auf Sprechakte, sowie aufgetretene Widersprüche und Irritationen etc. sind dabei von Interesse (vgl. Steinke 2004, S. 325). Die Bedeutung der Erfahrung, die mit der Nachvollziehbarkeit ermöglicht werden soll, ist im Kontext der Erkenntnis-/ Wissensgenerierung spätestens seit der Erfindung des Empirismus bekannt (vgl. Maturana 2002, S. 178-179). Die Dokumentation dient dazu, das Orientierungssystem des Forschenden verstehen zu lernen, sich durch die Augen des Anderen zu sehen. Nur so ist kommunikative Interaktion überhaupt möglich (vgl. von Foerster 1993a, S. 280). Im Kontext der Datenerhebung wird eben dieser Aspekt unter der Begrifflichkeit der „Kommunikativen Validierung“ diskutiert und betont. Die Selbstreflexivität der Erkenntnissubjekte wird hierbei vorausgesetzt, das Verhältnis zwischen Beobachterin und Beobachteten ist kooperativ und von einem Gewinn durch unterschiedliche Beobachtungsperspektiven wird ausgegangen (vgl. Breuer/Reichertz 2001, [19]). Intersubjektive Nachvollziehbarkeit ermöglicht, neben der Kompensation etwaiger Einseitigkeiten oder Verzerrungen, zudem neue Interpretationen. Dieser Aspekt, der zu einem tieferen Verständnis des Beobachteten führen kann, wird für die Phase im Feld unter dem Begriff der „Triangulation“ besprochen (vgl. Steinke 2004, S. 320).
Den Kern qualitativer wissenschaftlicher Arbeit sehe ich zum einen in der Reflexion der eigenen Unterscheidungen durch den Forschenden und zum anderen in der Interpretation der getroffenen Unterscheidungen. Dabei sollten sich Theorien „der Eigenlogik ihres jeweiligen Themas anpassen, ohne die reflexive Distanz zu verlieren“ (Schülein et al. 2002, S. 197).
Auch nicht-triviale Maschinen, wie Organisationen und Menschen, bilden Muster und Strukturen in Form von Eigenwerten 26 . Diese lassen sich als relativ stabile Gesetze in der Form von Routinen und Gewohnheiten beobachten, „die Leistung - die Kunst -, die von Theorie verlangt wird, ist also, das jeweilige Verhältnis von denotativer und konnotativer Theoriestruktur zu finden und zu formulieren“ (ebd., S. 203).
Wissenschaftliches Denken und Forschen stellt einen Prozess dar, in dem der Beobachter die Wahl hat, Unterscheidungen zu treffen. Diese Autonomie bedeutet Verantwortung und scheint auch mir an Individuen gebunden: „Eine Gesellschaft lässt sich nicht verantwortlich machen, man kann ihr nicht die Hand schütteln, sie nicht nach den Gründen ihres Handelns fragen - und es ist nicht möglich, mit ihr in einen Dialog einzutreten“ (von Foerster 2001, S. 39). Wissenschaftliches Wissen wird nicht als Abbild verstanden, sondern als dialogabhängig und relativ: „Wissenschaft hat sich selbst bei diesem Wandel zunehmend die Möglichkeit der
25 Fortschritt ist nicht zwingend mit einer linearen Aufwärtsentwicklung verbunden (vgl. Lerf/Schuberth 2004, S. 229). 26 Die Begriffe Eigenwert oder Eigenfunktion wurden von David Hilbert (1971) eingeführt.
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Erlangung von Erkenntnissicherheit abgesprochen“ (Breuer et al. 2001, [35]). Angenommen es gäbe absolute Erkenntnissicherheit, die wie ein Schatz zu heben ist, dann stände das System Wissenschaft über kurz oder lang vor einem existentielleren Legitimationsproblem. Beobachtbar ist der Verlust von Vertrauen in die Autonomie von Wissenschaft in der Öffentlichkeit - beispielsweise im Zusammenhang mit einer Thematisierung von Nichtwissen im Kontext der Gentechnik. Zudem wird „interne bzw. Selbst-Kontrolle der Wissenschaft ... zunehmend durch externe Fremd-Kontrolle ersetzt“ (ebd., [36]; vgl. Wynne 2001, S. 74). Die Eigenlogik des Systems Wissenschaft verändert sich und der mit diesem Wandel einhergehende Legitimationsdiskurs findet nicht nur systemintern, sondern gesellschaftlich statt. Vielleicht ist es inspirierend sich an Francis Bacon zu erinnern, für den der wesentliche Sinn der Wissenschaft im Bezeichnen von Trugbildern beziehungsweise Vorurteilen besteht (vgl. Bacon 1990, S. 163-165).
Franz Breuer und Jo Reichertz (2001, [38]) stellen resümierend die Frage:
... ob die Wissenschaft, nachdem sie Jahrhunderte benötigte, sich von dem Zugriff durch Kirche und Staat zu befreien, sich nun freiwillig der Logik der Wirtschaft, der Politik und der Medien unterwirft - als ob die Institution „Wissenschaft“ in Erwartung finanzieller und symbolischer Ressourcen die eigenen Kriterien der Bewertung und somit ihr bisheriges Monopol auf die Bestimmung der Verfahren zur Produktion gesicherten Wissens aufgibt.
Diese bezeichneten Szenarien würden, so lässt sich vermuten, zu einer Auflösung der Institution 'Wissenschaft' führen, da ohne Eigenlogik und Autonomie systemgenerierende Grenzen fehlen. Die Erkenntnis, dass sich Wissen permanent modifiziert und damit eine sich ändernde Bezeichnung von wahr und unwahr einhergeht, ist letztlich so alt wie die Wissenschaft selbst und unter vielen anderen mit David Hume und seinem Wahrheitsskeptizismus zu belegen. Neu ist die Auseinandersetzung durch die Annahme, dass der Beobachter Teil des Beobachteten ist und so die Form und Formen selbstreflektierter Beobachtungen von Prozessen diskutiert werden, das heißt, die Forscherin wird als Untersuchungsinstrument thematisiert. Der Vorwurf des Solipismus und der Beliebigkeit sowie die Reflektion wissenschaftlicher Verantwortung ist gegenwärtig ein Indiz dieses Diskurses. Plausibilität, Nachvollziehbarkeit und Transparenz zugrunde liegender Werturteile gewinnen einer Analyse von Amara Roy zufolge, an Bedeutung (vgl. nach Steinmüller 1997, S. 46). Aus der Thematisierung der Eigenverantwortlichkeit des Beobachters resultiert, dass wissenschaftliche Ergebnisse keine objektive Legitimation von Normen darstellen können. Die Ver-antwortung des Wissenschaftlers als Teil seines Wissenschaftssystems im Besonderen und der Wissenschaft im Allgemeinen begründet, aus meiner Sicht, die entscheidende Bedeutung eines kontinuierlichen Dialogs. Dieser betrifft beide Ebenen der Kommunikation, die interne ebenso wie die externe und sollte effektiver Weise interdisziplinär geführt werden. Interdisziplinarität ermöglicht eine Zusammenführung unterschiedlicher Beobachtungsebenen, die Daten, Informationen oder/und Wissen erzeugen können und als solche beobachtbar werden, wobei sich die Notwendigkeit der Entwicklung professioneller Reflexionsmethoden auch in Bezug auf den systemimmanenten Diskurs erkennen lässt.
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2.1.3 Die Beobachtung des Neuen
„Prinzipiell gilt: Keine Innovation ist ohne Risiko!“
(Arnim von Gleich 2004, S. 164)
Das Ursprungsparadoxon der Innovation - verstanden als „Neuheit“ 27 - formuliert Jacques Derrida mit den Worten: „Die einzige Möglichkeit der Erfindung ist ... die Erfindung des Unmöglichen“ (vgl. 2003, S. 32). Demnach muss der Erfinder zunächst das Unmögliche entdecken und beobachten lernen. Boris Groys bezeichnet „die Umwertung der Werte“ als Form der Innovation, „das als wertvoll geltende Wahre oder Feine wird … abgewertet und das früher als wertlos angesehene Profane, Fremde, Primitive oder Vulgäre aufgewertet“ (2004, S. 14). Er erinnert daran, dass „das Neue immer aus dem Alten besteht, aus Zitaten, Verweisen auf die Tradition, Modifikationen und Interpretationen des bereits Vorhandenen“ (ebd., S. 67, 44) und, dass das Neue als Differenz zu den im kulturellen Gedächtnis 28 aufbewahrten Werten des Alten, in Beziehung gesetzt wird und eine Umwertung erfolgt (vgl. ebd., S. 119). Diese Umwertung der Werte des Vergangenen zum Zweck der Abgrenzung zu Aktuellem generiert den Eigenwert von Innovationen. Das kulturelle Gedächtnis definiert Groys als die Summe archivierter kultureller Werte und Bezug nehmendes Eigenverhalten in Form von Erinnerung an erstmalige Vergleiche (2004, S. 49, 119). Paradox ist der Umstand, dass das zukünftig Neue in der Gegenwart mit Bewertungsmaßstäben des Alten bewertet und kommuniziert wird. Entscheidungsprämissen beruhen auf vergangenen Entscheidungen des Systems, da vergangene Entscheidungen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Groys resümiert, „der Ursprung des Neuen kann … nur das Vergessen der kulturellen Tradition und der Verzicht auf die Summe von Vorurteilen … sein“ (ebd., S. 29). Daraus lässt sich ableiten, dass die Moderation von Innovationsprozessen, die eigentliche Innovation darstellen kann (vgl. Jansen 2006, S. 15). Unternehmungen beobachten in der Regel die Umwelt, die das bestehende Geschäft betrifft. Damit liegen beispielsweise radikale Innovationen, die einen neuen Markt durch eine neue Technologie generieren, im blinden Fleck von Organisationen. Zudem erinnert Karl Weick: „Die Umwelt beeinflusst Organisationen durch die Art wie sie wahrgenommen wird“ (2001, S. 133). Die gleichzeitige Konzentration einer Unternehmung auf das gegenwärtige Geschäft (Routine) und die Entwicklung eines neuen Geschäfts (Innovation) erscheint als schwer realisierbar und unwahrscheinlich. Kernkompetenzen können sich beispielsweise als Kernrigiditäten auswirken (vgl. Willke 2002, S. 152).
Auch wissenschaftliche reflektierte Zukunftsprognosen bleiben an bereits etablierten „Erfahrungsräumen“ (Koselleck 1989, S. 349-375) gebunden. Ausgegangen wird zunehmend davon, dass unser Wissen gegenüber dem Neuen versagt.
Das 'Neue' ist als Qualität aktualisierbar. Quantität als Maßstab ist wenig hilfreich da jegliche Vergleichswerte fehlen. Als Konsequenz dieser Annahme muss demnach mit Überraschungen - die unseren Erwartungshorizont kreuzen - gerechnet werden.
27 Etymologisch lässt sich Innovation auf das lat. Wort innovatio zurückführen, welches „Erneuerung und Veränderung“ bedeutet, als Abstraktum zu lat. innovare „erneuern“ und zu lat. novus „neu“ (vgl. Kluge 2002, S. 442).
28 Der Begriff Gedächtnis erinnert etymologisch an „mhd. gedæhtnisse, ahd. githrhtnissi »das Denken an etwas«. Adjektiv-Abstraktum zum Partizip von (ge)denken …. Später »Erinnerung« und »Erinnerungsvermögen«“ (Kluge 2002, S. 336).
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Die Innovation besteht bei Derivaten beispielsweise darin, dass einzelne Risiken (Zins, Kurs etc.) vom Finanzierungsgeschäft gelöst, verbrieft und damit mobilisiert werden. Die Teilrisiken werden von Finanzmarktteilnehmern unterschiedlich eingeschätzt und können gegen eine Risikoprämie veräußert werden. Risiko wird zum Geschäft. Handlungen und Entscheidungen die auf mögliche zukünftige Entwicklungen abstellen, können hier zu einer „Kolonialisierung der Zukunft durch gegenwärtige Wissensansprüche“ führen (Rehmann-Sutter 2002, S. 230). Der „unendlich offene Möglichkeitsraum“ (ebd.) der Zukunft wird von der Gegenwart determiniert, in dem Moment, in dem wir zu wissen glauben, was die Zukunft bringen wird. Die Szenariomethode ermöglicht eine Identifizierung von Trend- und Themenindikatoren -verstanden als Indikatorvariablen des Systems - innerhalb des Umfelds und zeichnet sich durch ihr Potenzial aus, Routinen in Form von Eigenwerten und die Existenz von blinden Flecken zu reflektieren.
2.2 Die Kybernetik - eine Erkenntnistheorie
„Wenn »Epistemologie« nicht als Theorie der Erkenntnis bzw. des Wissens an sich, sondern als Theorie des Erkenntnis- und Wissenserwerbs verstanden wird, dann ist Kybernetik - so behaupte ich - der für eine solche Epistemologie angemessene begriffliche Rahmen; denn die Kybernetik ist die einzige wissenschaftliche Disziplin, die eine strenge Behandlung kreiskausaler Phänomene ermöglicht.“
(Heinz von Foerster 1993a, S. 50)
Eine explizite Benennung der Aspekte, auf welche sich die Theorie bezieht, beziehungsweise welche Bedingungen minimal erfüllt sein müssen, damit das in der Theorie beschriebene Phänomen auftritt, ist wünschenswert, um eine Einschätzung der situativen Angemessen-heit der Daten in und für die Praxis 30 zu ermöglichen. Kybernetik 31 ist eine Wissenschaft von der 29
Struktur komplexer Systeme. Diese beschäftigt sich mit Problemen der Lenkung von Systemen, die sich auf Maschinen 32 und mit der Kybernetik zweiter Ordnung auch auf Menschen beziehen lassen. Navigieren ist die Tätigkeit des kybernetischen Beobachters und dient dynamischen, selbstregulierenden Systemen dazu, ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten und ein vorgegebenes oder immanentes Ziel zu erreichen. Zwei kybernetische Grundprinzipien sind dabei charakteristisch: Steuerung und Regelung. Bei der Steuerung wirkt ein Steuerelement auf eine Steuerstrecke ein, um von der Steuerstrecke einen gewünschten Output, den eine Führungsgröße für die Steuereinrichtung definiert, zu erhalten. Vorraussetzung dafür ist eine exakte Kenntnis des Verhaltens der Steuerstrecke und der einwirkenden Störgrößen, um den exakten Input (Stellgrößen) geben zu können.
Diese Vorraussetzung ist selten gegeben, deshalb wird bei der Lenkung von Systemen oft eine Rückkopplung einbezogen. Die Rückkopplung führt zum zweiten Prinzip, dem der Regelung, „auf der Grundlage ihrer [der Maschine] tatsächlichen statt ihrer erwarteten Verrich-
29 Auchdie traditionelle Subjekt-Objekt-Sichtweise kann sich als situativ angemessen erweisen.
30 Ich verstehe theoretische und wissenschaftliche Auseinandersetzungen im Medium der Sprache, als einen Akt praktischen Handelns. 31 Begründer der Kybernetik im modernen Kontext ist der Mathematiker Norbert Wiener (1968).
32 Der Begriff ‚Maschine’ bezieht sich hier auf „funktionale Eigenschaften einer abstrakten Größe“ (von Foerster 1993a, S. 206).
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tung“ (Wiener 1952, S. 23). Es ist keine exakte Kenntnis des Verhaltens mehr notwendig, da der Regler abhängig von dem Verhalten der Regelstrecke (Black Box) auf einen gegebenen Input die Stellgrößen variiert. Durch die permanente Interaktion (Rückkopplung) lassen sich Muster der Regelstrecke erkennen, auf die der Regler gezielter einwirken kann. Die Methode der Eingangsmanipulation und Ausgangsklassifikation stellt einen kausalen zirkulären Prozess dar, wobei die Kybernetik erster Ordnung von trivialen Maschinen ausgeht. Diese sind vorhersehbar, analytisch bestimmbar und geschichtsunabhängig (vgl. von Foerster 1993a, S. 246).
Von der Idee des geschlossenen Kausalkreises ausgehend, ist ein zentrales Thema der Kybernetik Zirkularität und Rekursivität im Unterschied zu linearer Kausalität (vgl. von Foerster 1993b, S. 63; ebd. 1993a, S. 51; Watzlawick et al. 2000, S. 47).
Ein Beispiel, um die Zirkularität zu erläutern ist das Steuern eines Bootes, da der Begriff der Kybernetik auf das griechische Wort für Steuermann zurückgeht. Ein Steuermann, der ein Boot sicher in einen Hafen manövrieren will, absolviert kein ein für allemal festgelegtes Programm. Er variiert dies permanent indem Kursabweichungen ins Kalkül gezogen werden. Er steuert entsprechend gegen, gemäß seines Zieles, das er erreichen möchte, den Hafen. Das Betätigen des Steuers, eine Ursache, erzeugt eine kurskorrigierende Wirkung. Jede Wirkung wird wieder zur Ursache und stellt einen zirkulär kausalen Steuermechanismus dar. Hier findet das statt, was Ludwig Wittgenstein bezeichnet mit: „Das Resultat einer Operation [kann] ihre eigene Basis werden“ (1989, S. 100).
Bei Organisationen, Institutionen und Individuen handelt es sich um unvorhersehbare, analytisch nicht bestimmbare, synthetisch determinierte und geschichtsabhängige Systeme. Ein zentrales Problem besteht darin, dass der Mensch in Unternehmungen, aufgrund unvollkommener Information und beschränkter Informationsverarbeitungskapazität nicht als triviale Maschine betrachtet werden kann. Die Kybernetik, die sich mit der Selbstorganisation durch selbstreferenzielle Interaktion von nicht-trivialen Maschinen, beispielsweise Menschen oder Unternehmungen beschäftigt, bezeichnet von Foerster als Kybernetik zweiter Ordnung.
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2.2.1 Kybernetik zweiter Ordnung
„Das auszeichnende Merkmal der trivialen Maschine ist Gehorsam, das der nicht-trivialen Maschine augenscheinlich Ungehorsam.“
(Heinz von Foerster 1993b, S. 247)
Mit der Kybernetik zweiter Ordnung betritt der Beobachter die Bühne und die Möglichkeit der Selbstreflexion kommt ins Spiel, da sich Begriffe zweiter Ordnung erkenntnistheoretisch auf sich selbst anwenden lassen.
Nicht-triviale Maschinen reagieren auf einen gegebenen Stimulus nicht immer wie bereits zu einem früheren Zeitpunkt beobachtet. Gregory Bateson prägte den Begriff der „Kontextmarkierung“: „Ein Organismus reagiert auf »denselben« Reiz in verschiedenen Kontexten verschieden“ (1985, S. 374). Von Foerster belegt, dass es unmöglich ist, das Verhalten einer nicht-trivialen Maschine mit einer endlichen Anzahl von Tests zu erschließen. Wenn beliebig viele nicht-triviale Maschinen interagieren, entspricht das Resultat dem einer nicht-trivialen Maschine, bei der das Ergebnis ihrer Operation zirkulär auf sich selbst zurückwirkt (ebd. 1993a, S. 358-360). Diese rekursive Operation oder operationale Schließung lässt sich als charakteristisch für selbstreferenzielle Systeme benennen. Selbstreferenz entsteht, wenn wir um das Instrument einer Analyse analysieren zu können, dasselbe als Instrument benutzen müssen. Das bedeutet, das ICH steigt als Sprecher in das, was gesprochen wird, hinein. Dies wiederum bedeutet, dass die Funktion plötzlich ihr eigenes Argument wird. Wenn das passiert, findet unentwegt eine Oszillation zwischen zwei unterschiedlichen Werten statt. Das beobachtbare Ergebnis einer dauerhaften Selbstreferenz 33 einer nicht-trivialen Maschine bezeichnet von Foerster als Eigenwert. Damit entsteht in einem zirkulären Prozess etwas Neues, unabhängig vom Startpunkt der Operationen, d.h. keine der nicht-trivialen Maschinen ist allein die Ursache. Dies gilt Allgemein für Nichtlinearität. Wiener erinnert: „Indessen ist keine der wirklich katastrophalen Erscheinungen in Natur und Experiment auch nur annähernd linear“ (1952, S. 42). Es werden potenziell vorhandene Strukturen realisiert, die sich nicht vorhersehen lassen, da sie emergent sind, d.h. sie ergeben sich durch die Interaktion der einzelnen Teile. Kommunikationstheoretisch folgt daraus, dass interagierende Akteure Eigenverhaltensweisen ausbilden, „die in der Sicht eines Beobachters als Kommunikabilien (Zeichen, Symbole, Wörter usw.) erscheinen“ (von Foerster 1993a, S. 279-280). Begriffe, Rituale, Bräuche oder auch Kulturen können als Eigenverhalten oder Eigen-
33 Maturana/Varela(1987) verwenden synonym den Begriff der ‚strukturelle Kopplung’.
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werte verstanden und beobachtet werden. Die neue Perspektive ist eine konstruktivistische, d.h. der Beobachter und das Beobachtete sind miteinander verknüpft. 34 Berücksichtigt wird der Zustand in welchem sich die nicht-triviale Maschine zum Zeitpunkt des Inputs befindet: „Mit Hilfe des Zustandsvektors, der sich aus dem Anfangszustand und dem bisher erfolgten Input ergibt und somit die zukunftsrelevante Vergangenheit darstellt, wird ein Verständnis für dynamische Aspekte von Systemen erzeugt“ (Debus 2002, S. 29).
Von Foerster beobachtet drei Strategien im Umgang mit nicht-trivialen Maschinen: Ignoranz, Trivialisierung und die Entwicklung einer Epistemologie der Nicht-Trivialität (vgl. ebd., S. 360). Der letztgenannten Strategie folgend, widme ich mich den „Laws of Form“ von George Spencer-Brown, da sie mir im Umgang mit Widersprüchen, welche sich aus rekursiven Prozessen ergeben können, hilfreich erscheinen. Spencer-Brown hat als erster einen mathematischen Formalismus entwickelt, der die praktisch beobachtbare Selbstbezüglichkeit legitimierte. Zum Verständnis von Selbstreferenz, möchte ich zuvor das Konzept der Autopoiese skizzieren.
34 Im Sinne Kants und seiner „Kritik der reinen Vernunft“.
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2.2.2 Die Autopoiese - ein Konzept
„Was Zukunft betrifft, heißt Autopoiesis, dass keine Entscheidung einen abschließenden Systemzustand, einen Ruhezustand erzeugt, sondern jede Entscheidung eine Zukunft mit weiteren Entscheidungen vor sich sieht.“
(Niklas Luhmann 2006, S. 181)
Autopoietische Organisation ist der grundlegende Mechanismus des Lebendigen. Sie bezeichnet den Prozess der Selbsterschaffung und -erzeugung eines Systems und will damit die Tatsache betont wissen, dass Lebewesen grundsätzlich autonom sind. Humberto Maturana und Francisco Varela verstehen Autonomie folgendermaßen: „Ein System ist autonom, wenn es dazu fähig ist, seine eigene Gesetzlichkeit beziehungsweise das ihm Eigene zu spezifizieren“ (1987, S. 55). Als Konsequenz dieser Autonomievorstellung ergibt sich nun, dass Interaktionen systeminterne Reaktionen und Veränderungen nur auslösen, sie jedoch in keinerlei Weise determinieren oder vorschreiben können. Das System ist durch systemimmanente Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse mit seinem Milieu verbunden. Zwischen beiden besteht eine strukturelle Kopplung, die sich durch stabile rekursive Interaktionen entwickelt hat, welche in allen Beteiligten wechselseitige Strukturveränderungen auslöst.
2.3 Die „Laws of Form“ - ein Kalkül
„Das Potential einer formalen Theorie liegt für die praktische Arbeit darin, über eine Kommunikationsebene zu verfügen, die geteilt werden kann, auch wenn sich inhaltliche Differenzen ergeben oder so verschiedene Kontexte, dass eine Verständigung auf inhaltlicher Ebene unmöglich scheint. Auf der Ebene der Form kann es möglich werden, sich über verschiedene Kulturen oder Meinungen hinweg zu treffen.“
(Katrin Wille 2004, S. 259)
Im Weiteren folge ich der Vermutung, dass die 'Gesetze der Form' das Potenzial besitzen, neue Perspektiven innerhalb der Auseinandersetzung mit Nichtwissen und unbekanntem Nichtwissen zu generieren.
Unbekanntes Nichtwissen verweist, so meine ich, auf inhaltliche Unklarheiten und Differenzen sowie auf eine Präferenz der inhaltlichen Ebene. Das Potenzial formaler Theorien wird, meiner Beobachtung nach, zugunsten spezieller inhaltlicher Daten vernachlässigt. Das kann zu Verwirrungen und Verzerrungen führen, die Nichtwissen befördern und erzeugen. Deshalb halte ich eine Reflexion unbekannten Nichtwissens auf der Ebene der Form für wesentlich. Eine Theorie kann hier Klarheit erzeugen, weil sie ein formales Fundament zur Verfügung stellt, dass sich hinter inhaltlich differenzierten Phänomenen verbirgt. Mit den Gesetzen der Form ('Laws of Form') von Spencer-Brown liegt uns ein mathematisches Kalkül vor, das den Anforderungen einer verbindenden Theorie gerecht wird. Das
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Dipl. Kommunikationswirtin Judith Pfeffing, 2009, Unbekanntes Nichtwissen in der Szenario-Technik, München, GRIN Verlag GmbH
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