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Inhalt
Zusammenfassung Seite 3
1. Einleitung 3
2. Quellenkritische Überlegungen 5
3. Wozu ein Psychogramm Bruckners? 6
4. Welche Symptome sprechen für eine Neurose Bruckners? 8
4.1 Zur Methodik 8
4.2 Exkurs: Kunst und Neurose 9
4.3.1 Reduziertes Selbstwertgefühl 11
4.3.2 Infantilität 12
4.3.3 Magisches Denken: Nekrophilie 13
4.3.4 Zwangsneurose - Depression 14
4.3.4.1 Sexuelle Konflikte 15
5. Fazit 17
6. Zeittafel 18
7. Literaturverzeichnis 20
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Zusammenfassung
Anton Bruckner litt an Beschwerden, die man seit Sigmund FREUD als Neurose bezeichnet. Symptomatisch sind hier unter anderem zwanghafte Verhaltensweisen Bruckners zu nennen, seine sexuellen Konflikte sowie die Neigung zu magischem Denken und Nekrophilie.
Eine Psychografie kann biografisch-anekdotische Schutzbehauptungen der traditionellen Biografik ausräumen und möglicherweise einen neuen Zugang zur Persönlichkeit Bruckners und zu seinem kompositorischen Werk eröffnen. In Ermangelung zeitgenössischer diagnostischer Befunde ist zunächst von den einschlägigen Lebensbeschreibungen auszugehen. In biografischen Zusammenhang gebrachte Selbstzeugnisse und Augenzeugenberichte dienen dabei als Quellen. Wegen ihrer historischen und geografischen Nähe zu Lebenszeit und -raum Bruckners liefert die von Sigmund FREUD begründete psychoanalytische Theorie die ätiologischen und symptomatologischen Grundlagen für die vorliegende psychografische Skizze.
1. Einleitung
Aus Anton Bruckners Musik die jeweils spezifische psychische Befindlichkeit ihres Komponisten heraushören zu wollen, hieße, der Willkür Tür und Tor zu öffnen; sie gar im Sinne eines Psychogramms verstehen zu wollen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Gewöhnlich wird man aus den Werken, die sich alle eines persönlich abgetönten musikalischen Idioms ihrer Entstehungszeit bedienen, gar nicht den Verdacht schöpfen, mit dem Komponisten sei „etwas nicht in Ordnung“ gewesen. Dahin gerät man erst, wenn man sich mit seiner Biografie beschäftigt - näher beschäftigt -, denn Bruckners Leben verlief, folgt man dem ersten Eindruck, durchaus erfolgreich. 1
1 Vgl. den biografischen Überblick (Zeittafel, S. 17f.) im Anhang. Bruckners Erfolge können sich in der
Tat sehen lassen: Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, erwarb er den Ruf eines der be-deutendsten Musiker im Wien seiner Zeit. Er war Professor am Wiener Konservatorium, Lektor und
Ehrendoktor der Universität Wien.
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Wenn jedoch ein einunddreißigjähriger, „gestandener“ Musiker, der im Begriffe steht, als Komponist Furore zu machen, schreibt 2 -
„Obwohlder ehrfurchtsvolle Bittsteller... sich durch seine Leistungen im Schulfache 3 wesentliche Verdienste erworben hat, so fühlt er jedoch schon von seiner Jugend an eine besondere Vorliebe für das Kanzleifach, weshalb er sich in seinen freien Stunden, um sich die nötigen Vorkenntnisse zu erwerben und sich eines derartigen Dienstes zu würdigen, schon seit dem Jahre 1851 ganz unentgeltlich diesem Dienste mit allem Fleiß und Hingebung widmete... in gnädigster hoher Berücksichtigung, daß der gehorsamste Bittsteller auf alle ihm mögliche Weise mit allem Fleiße und Hingebung bemüht war, sich für das Kanzleifach auszubilden, ...erlaubt er sich seine erfurchtsvolle Bitte nochmals zu wiederholen: Hohe k. k. Organisationskommission wolle bei Besetzung der künftigen k. k. Gerichtsstellen ihm eine Kanzlisten- oder eine seinen nachgewiesenen Kenntnissen und Fähigkeiten angemessene Dienstesstelle in hoher Gnade zu verleihen geruhen“ 4
- so kommt die Vermutung auf, er handle aus einer Art neurotischer Unsicherheit. Wenn aber sein Biograf zu dieser Briefstelle gar anmerkt - „...esfällt schwer, diese Mischung von Selbstbestätigung und Selbstverleugnung zu verstehen und zu motivieren... Neurotische Unsicherheit zu diagnostizieren wäre absurd, Bruckners Persönlichkeit war nicht unterminiert, sie war intakt. Die individuelle Psychologie, die für das Persönlichkeitsverständnis anderer Komponisten Erhellendes beitrug und noch beitragen wird, dürfte angesichts des Rätsels Bruckner kapitulieren...“ 5
2 Zitate sind in der Originalschreibweise wiedergegeben.
3 Bruckner war ursprünglich Lehrer gewesen.
4 Brief aus dem Jahr 1853, zitiert nach GREBE, S. 28
5 A. a. O.
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- dann trifft diese Vermutung auch ihn. Diese Art neurotischer Identifikation aber ist typisch für die gängige Bruckner-Biografik. Auffällig nämlich ist die ängstliche Be-sorgnis, mit der Bruckner-Forscher vehement und auch durch noch so augenfällige Belege unbelehrbar darauf insistieren, ihr „Idol“ sei psychisch völlig gesund und intakt gewesen: Der Neurotiker Bruckner - diese typologisch-diagnostische Behauptung sei hier bereits vorweggenommen - neurotisiert seine Biografen. Dennoch: Eine psychografische Skizze hat zunächst von den einschlägigen Lebensbeschreibungen ihren Ausgang zu nehmen, denn in Ermangelung zeitgenössischer diagnostischer Befunde müssen in biografischen Zusammenhang gebrachte Selbstzeugnisse und Augenzeugenberichte als Quellenmaterial dienen. 6 Im vorliegenden Fall hat die bereits zitierte „Standard“-Biografie von Karl GREBE 7 diese Aufgabe erfüllt.
2. Quellenkritische Überlegungen
Der besondere Reiz, zugleich aber auch die besondere Schwierigkeit, die mit der Erstellung einer psychografischen Skizze Anton Bruckners verbunden sind, liegen darin begründet, dass hier der Versuch unternommen wird, Züge seiner psychischen Entwicklung aufgrund von Quellen zu nachzuzeichnen, die ihrer Entstehung nach nicht für diesen Zweck bestimmt waren. Die Rede ist von Briefen und biografischen Mitteilungen.
Nun werden, wie im vorliegenden Fall, briefliche Selbstzeugnisse zwar mitunter auch in der Absicht verfasst, ihrem Leser die Befindlichkeit des Schreibenden mitzuteilen, und Lebensbeschreibungen werden auch mit dem Ziel verfasst, die Hintergründe zu beleuchten, vor denen ein Lebenswerk entstand; zumal, wenn es darum geht, etwas, das aus sich selbst heraus, losgelöst von seinem Urheber, mitunter verstörend wirkt, aus der empirischen Persönlichkeit des Autors zu erklären; auch hat eine romantisch gesonnene Hermeneutik von jeher versucht, Musik als eine Art „Umschrift“ seelischer
6 Eine Verschlüsselung von Bruckners Störungen nach ICD 10, V scheint somit weder sinnvoll noch
angebracht.
7 GREBE. Mittlerweile in 15. Auflage erschienen, ist dies die international meistverbreitete Biografie
Bruckners.
6
Regungen ihrer Schöpfer zu deuten - und umgekehrt. Für beide Quellenarten, Briefe wie auch biografische Darstellungen, aber gilt, dass sie nicht geschaffen wurden, um Grundlage einer Diagnose oder eines von typologischen Gesichtspunkten geleiteten Psychogramms zu sein. Anders gesagt: An diese Quellen werden also Fragen herangetragen, zu deren Beantwortung sie niemals gedacht waren.
Ohne in einen regelrechten Exkurs über Fragen der Quellenkritik einzutreten, kann festgehalten werden, dass eine in dreifacher Weise problematische Konstellation gegeben ist. Die Bruckner-Quellen bedürfen gleichermaßen einer historiografischen wie auch philologischen aber auch psychopathologischen Interpretation. Die Quellen müssen also „zum Sprechen gebracht“ werden, denn bestenfalls schweigen sie zu den an sie herangetragenen Fragen - im schlimmsten Falle lügen sie sogar! Wenn sie aber sprechen, dann gilt es, das, was sie sagen, zu interpretieren.
3. Wozu ein Psychogramm Bruckners?
Es gibt neben dem für die vorliegende Studie hauptsächlich herangezogenen Buch von GREBE zahlreiche weitere Biografien Anton Bruckners. Sie tragen häufig Titel, die dem Wortlaut oder wenigstens dem Sinn nach als Darstellungen von „Leben und Werk...“ auftreten. Während aber das Werk von den Autoren, meist handelt es sich bei ihnen um Musikwissenschaftler, kompetent untersucht und dargestellt wird, gerät die Person des Komponisten in diesen Schriften oft in ein seltsames Zwielicht. Lassen sich auf die Werkuntersuchungen historische und systematische Qualitätskriterien ohne weiteres anlegen, so handelt es sich bei den biografischen Kapiteln in der Regel um wenig mehr als Anekdotensammlungen, die Bruckner als harmlos-skurrilen ländlichen Tölpel darstellen: Dem Musiker wird Achtung gezollt, dem Menschen wird Mitleid geschenkt. 8
8 Dies betrifft vor allem die bis zu den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschienene Bruck-
ner-Literatur. Beispielhaft seien hier die Veröffentlichungen von AUER, ECKSTEIN, GÖLLERICH,
OBERLEITHNER und DEHNERT genannt. WAGNER erörtert diese Problematik anhand der von ihm
als rezeptionsstiftend erkannten Nekrologe Bruckners (vgl. WAGNER 1982, S. 307 - 334). GREBES
Darstellung basiert im Wesentlichen auf den Schriften von GÖLLERICH und AUER.
Arbeit zitieren:
Katja Rommel, 2010, Anton Bruckner: Eine psychografische Skizze, München, GRIN Verlag GmbH
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