vordergründig um die Frage warum gerade in Deutschland die Area Studies, bezüglich der universitären Ausprägung, wesentlich schwächer ausgebildet waren und sind als in den USA. Das Verhältnis von Fachdisziplinen und Area Studies soll nach einer Einführung am Beispiel der Geschichtswissenschaft erläutert werden. Dabei wird ein stärkerer Bezug auf die Afrikawissenschaft als Area Studies genommen und ein Für und Wider dieses Wissenschaftszweiges aufgezeigt. In diesem Zusammenhang soll versucht werden die folgende Frage zu beantworten: In welchem Verhältnis müssen Area Studies und Disziplinen stehen, um in einem umfangreichen Maße erkenntnisfördernd zu sein? Die folgende Arbeit wird ausschließlich Bezug auf die universitäre Ausprägung der Area Studies nehmen, weil darüber hinaus gehende Bezüge den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden.
2. Entwicklung und Synthese der Area Studies 2.1. Was zeichnet das Konzept der Area Studies aus?
Der Begriff Regionalstudien bzw. Regionalforschung hat sich in der deutschen Sprache analog zum Begriff der Area Studies im anglo-amerikanischen Bereich etabliert. 4 In Deutschland ist das Konzept der Area Studies im Vergleich zu den USA, aber auch Frankreich und Großbritannien ein eher junges Diskussionsthema. Diese Tatsache hängt nicht zuletzt mit historischen Abläufen zusammen, welche im Folgenden näher erläutert werden.
Unter Area Studies oder Regionalstudien werden hier in erster Linie interdisziplinäre Kooperationen sowie Schwerpunkt-, Zentren- und Institutsbildungen verstanden, die sich auf bestimmte Regionen beziehen. Es ist also (mehr oder weniger dicht) organisierte, in der Regel trans- und interdisziplinäre Regionalforschung gemeint. 5 Auf die weniger organisierte monodisziplinäre Forschung, die sich auch auf bestimmte Regionen beziehen kann, wird im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen.
4 Der vielfach gedankenlos benutzte Terminus Regionalwissenschaft(en), oft auch in der Verbindung Regional- und Kulturwissenschaften, wird hier bewusst vermieden. Der Begriff der sog. Regionalwissenschaften kann falsche Frontstellungen nahe legen zwischen den „eigentlichen“ Wissenschaften (den Disziplinen) und regionalen Varianten, womöglich minderer Dignität, abseits vom mainstream der Fächer und mit vermeintlich anderen Fragen, Methoden und Prinzipien. Dies ist jedoch der Sache nicht angemessen, denn es gibt keine Regionalwissenschaften als eigene Wissenschaften. Die Wissenschaften der area studies sind und bleiben die Fachdisziplinen, und organisierte Regionalforschung führt diese im besten Fall trans- und interdisziplinär zusammen und bündelt sie unter einem regionalbezogenen und thematisch fokussierten Erkenntnisinteresse (Vgl. Wissenschaftsrat S. 8).
5 Vgl. Puhle, Hans-Jürgen, Area Sudies im Wandel. Zur Organisation von Regionalforschung in Deutschland. S.1-2.
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Birgit Schäbler fast das Konzept der Area Studies unter folgenden Gesichtspunkten zusammen:
1. Wissenschaftliche Erforschung einer Weltregion/Weltzivilisation, d.h. eines sowohl geografisch als auch epistemologisch definierten Terrains. 2. WissenschaftlerInnen lernen die Sprachen ihrer Weltregion und betreiben dort selbst über längere Zeit Feldforschung. Sie setzen sich mit der lokalen Geschichte, den verschiedenen lokalen Standpunkten, Materialien und Interpretationen gemäß ihrer jeweiligen Disziplin oder interdisziplinär auseinander.
3. Die meisten WissenschaftlerInnen bemühen sich ihre Beobachtungen und Ergebnisse in die allgemeinen Themen und Theorien ihrer Disziplin oder interdisziplinär einzubringen.
4. Area Studies sind tendenziell inter- oder multidisziplinär angelegt, eben weil sie sich auf „fremde Regionen“ außerhalb der eigenen Gesellschaft beziehen und für deren Verständnis die Instrumentarien nur einer Disziplin oft nicht ausreichen. Dies spiegelt sich vor allen Dingen in den Organisationsformen der Area Studies wieder.
5. Darüber hinaus leisten Area Studies eine Analyse der globalen Verflechtungen und kulturellen Austauschprozesse zwischen den Regionen. Regionale Einheiten selbst sind dabei keine statischen Einheiten, sondern unterliegen, bedingt durch unterschiedliche Prozesse und Bewegungen wie Globalisierung, Migration oder politische Zäsuren, einem steten Wandel. Außerdem wird die Konstruktion räumlicher Einheiten beeinflusst von den jeweiligen Prioritäten und Konjunkturen des Forschungsinteresses. 6
Der soeben erläuterte Konzeptinhalt der Area Studies ist in abgewandelten Formen in einer Vielzahl einschlägiger Literatur zu finden und hat die Tendenz zum wissenschaftlichen Konsens. Es folgt zum besseren Verständnis des Themas ein Einblick in die Wissenschaftsgeschichte der Area Studies.
6 Vgl. Birgit Schäbler. Area Studies und die Welt. S.12-13.
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2.2. Wissenschaftsgeschichtlicher Abriss
Nimmt man die universitäre Ausprägung der Area Studies als Vergleichsgrundlage, so hat diese sich in Deutschland im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich schwächer ausgebildet. Woran könnte es liegen, dass die Area Studies in Deutschland eine derartige Entwicklung erfahren haben und deswegen nur begrenzt im internationalen und globalen Rahmen konkurrenzfähig sind? Im Folgenden soll versucht werden eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Die regionalwissenschaftliche Expertise entwickelte sich in den USA und in Deutschland in der ersten Hälfte des 20.Jhd. zunächst zeitgleich. Es gab in den 30ger und 40ger Jahren sowohl in Deutschland als auch in den USA und andernorts einen Entwicklungsschub dieses Wissenschaftszweiges. In Deutschland wurden allerdings die Auslandskunde bzw. Auslandswissenschaften von der Politik der Nationalsozialisten derart vereinnahmt, dass jede Kritik unterdrückt werden konnte. Diese Tatsache ist besonders und unterscheidet die Area Studies in Deutschland von denen der USA wesentlich. Die enge Verknüpfung der Auslandswissenschaften mit den expansionistischen Interessenlagen innerhalb der NS-Zeit führte dazu, dass nach 1945 die Entwicklung der damaligen Auslandswissenschaften sehr stark vom schlechten Ruf selbiger beeinträchtigt waren. Es war undenkbar an die bestehenden Formen der Auslandskunde in großem Stil anzuknüpfen. Nach 1945 gab es eine entgegengesetzte Entwicklung der Area Studies, denn in Deutschland war eine Weiterführung der Auslandwissenschaften höchstens innerhalb weniger Teildisziplinen möglich und in den USA expandierten die Area Studies, geprägt von Interdisziplinarität, in den 40ger und 50ger Jahren. An dieser Stelle sind Felix Brahm und Jochen Meissner zu erwähnen die den Aspekt der vermeintlich geringeren Bedeutung der Kolonialbindung als Begründung für die schwächere Entwicklung der Regionalwissenschaften in Deutschland in Frage stellen. Sie verweisen auf verschiedene jüngere Studien die gezeigt haben „[...],dass die kulturellen und gesellschaftlichen Wirkungen des Kolonialismus keineswegs unterschätzt werden und nicht an der Bedeutung des tatsächlichen Kolonialbesitzes gemessen werden dürfen.“ 7 Das Jahr 1945 verursachte einen immensen Einbruch im Bereich der universitären Lehre in Deutschland, bezüglich
7 Felix Brahm/Jochen Meissner. Von den Auslandswissenschaften zu den area studies. S.264.
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der außereuropäischen Regionen, und ist vermutlich der Hauptgrund für die vergleichsweise schwache Entwicklung der Area Studies in Deutschland. 8 Die verstärkte Etablierung und Ausweitung organisierter Regionalstudien ist in Nordamerika und Europa neben dem Zweiten Weltkrieg auch ein Produkt des Kalten Krieges. In den USA entstanden, wie bereits erwähnt, nach dem Ersten Weltkrieg sog. Area Studies, als es darum ging, sich ein möglichst umfassendes Bild von der aktuellen Situation in den sog. „Feinderkennungsgebieten“ zu machen. Vertreter verschiedener Disziplinen, schlossen sich in Zentren zusammen, um möglichst umfassende Kenntnisse über eine Region zu erarbeiten und zu vermitteln, auf die amerikanische Politik, Wirtschaft und Militär bei ihren Entscheidungen zurückgreifen konnten. Dieses politisch-strategische Interesse hat dann vor allem im Zeitalter des Kalten Kriegesgenauer gesagt in den ersten beiden Dekaden der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges - zu einem weiteren Aufschwung der Area Studies geführt, vor allen Dingen in den USA, aber auch im Kontext der Osteuropaforschung in der Bundesrepublik. Die ersten beiden Dekaden der Nachkriegszeit werden oft auch als eine Zeit der Beschleunigung des Globalisierungsprozesses beschrieben. Das Gesetz zur Nationalen Verteidigungserziehung und die damit im Zusammenhang stehende Sputnikkrise spielen eine besondere Rolle bezüglich der Entwicklung bzw. Entstehung der Area Studies. Im Folgenden soll die Sputnikkrise zum besseren Verständnis näher erläutert werden. Der Start des ersten russischen Satelliten Sputnik 1 im Oktober 1957 löste in den USA die "Sputnikkrise" aus. Daraufhin wurde im Januar 1958 der erste amerikanische Satellit Explorer 1 gestartet und im Oktober 1958 unter Präsident Eisenhower die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde NASA gegründet. Die USA hatten Befürchtungen von der Sowjetunion technisch bzw. wissenschaftlich überholt zu werden und darüber hinaus auch eine militärische Bedrohung für die USA darzustellen. Nach der Gründung der NASA bekamen Grundlagenforschung und angewandte Forschung, d.h. auch der Wissenschaftszweig der Area Studies, hohe staatliche Förderungen.
Die Area Studies waren und sind nirgendwo sonst so politisiert wie in den USA, eben weil sie im Spannungsfeld von realer Weltmachtpolitik und ihrer Analyse und ebenso Opposition stehen. Deswegen gab und gibt es heute immer noch den Vorwurf, die Area Studies seien eine Handlangerin US-amerikanischer Außenpolitik gewesen. Vor allem
8 Vgl. Felix Brahm/Jochen Meissner. Von den Auslandswissenschaften zu den area studies. S. 263-279.
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Arbeit zitieren:
Katharina Skerka, 2008, Area Studies im globalen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
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