1.Einleitung
In dieser Arbeit soll vordergründig der Film „Die Anruferin“ untersucht werden, der 2008 erschienen ist und in der Presse hochgelobt wurde, sowie mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. 1 Hierbei wurde er mit der psychischen Erkrankung „Schizophrenie“ in Verbindung gebracht. In dieser Arbeit soll zunächst darauf eingegangen werden, was eigentlich „Schizophrenie“ ist und anschließend nach einem kurzen Einblick in den Film soll diskutiert werden in wie weit hier von Schizophrenie zu sprechen ist. Wie das voranstehende Zitat schon andeutet, wird auch das familiäre Umfeld der Protagonistin noch genauer beleuchtet und die Frage ob hier Gründe einer eventuellen Schizophrenie zu finden sind.
2.1 Schizophrenie- Was ist das eigentlich?
„Schizophren“ wird umgangssprachlich sehr oft verwendet, allerdings herrscht meist ein diffuses Bild darüber, was Schizophrenie tatsächlich ist. Dies mag mitunter daran liegen, dass „Schizophrenie“ medizinisch gesehen eine ganze Gruppe von Erkrankungen ist, „die mit Realitätsverlust, Trugwahrnehmungen, Wahnvorstellungen, Bewusstseinsstörungen, Störungen des Denkens und der Gefühlswelt verbunden sind.“ 2 Anzumerken ist hierbei, dass „Schizophrenie“ relativ häufig auftritt 3 ; somit ist in fast jeder Nachbarschaft jemand erkrankt und dies mag zusätzlich das Halbwissen über die Krankheit befördern 4 .
Man unterteilt die Schizophrenie in drei grundsätzliche Untergruppen:
1.) Paranoide Schizophrenie: Die am häufigsten assoziierte Form der Schizophrenie wird von Wahnideen und Halluzinationen begleitet. Betroffene fühlen sich häufig verfolgt, glauben oft etwas sehr Wichtiges getan zu haben oder jemand ganz Besonderes zu sein (Stichwort: Größenwahn). 5 Die Halluzinationen können jede Sinneswahrnehmung bertreffen, wobei das „Hören von Stimmen“ am verbreitesten und auch am bekanntesten ist. 6
2.) Katatonie: Ein typisches Symptom ist „das Einnehmen einer starren oder fast bewegungslosen Haltung, in der sie stundenlang oder sogar tagelang ausharren können, falls sie nicht gestört werden“ 7 . Dieses Verhalten wird in der Psychologie dahingehend gedeutet, dass die Betroffenen mit einer aggressiven
1 Siehe hierzu Punkt 3
2 Homepage Jansen-Cilag GmbH (Produzent des zur Behandlung von Schizophrenie verwandten Neuroleptikum Risperidon): Schizophrenie. In: http://www.janssen-cilag.de/disease/detail.jhtml?itemname=schizophrenia_about&WT.srch=1&gclid=CJHnkMrx3qICFRqEzAodUwu4cQ. Zuletzt überprüft: 15.07.10.
3 Zwischen 0,5 und 1 Prozent der Bevölkerung gelten in westlichen Ländern als erkrankt Vgl. hierzu ebd.
4 Siehe hierzu: Hoffmann-Richter, Ulrike, Finzen, Asmus: Schizophrenie. In:
http://www.psychiatrie.de/diagnosen/schizophrenie/. Zuletzt überprüft am: 15.07.10.
5 Bourne, Lyle E.; Ekstrand, Bruce R.; Bourne-Ekstrand: Einführung in die Psychologie, Eschborn, 5., aktualisierte Aufl., 2008, S. 471.
6 Hoffmann-Richter, Ulrike, Finzen, Asmus: Schizophrenie. In: http://www.psychiatrie.de/diagnosen/schizophrenie/. Zuletzt überprüft am: 15.07.10.
7 Bourne, Lyle E.; Ekstrand, Bruce R.; Bourne-Ekstrand: Einführung in die Psychologie, Eschborn, 5., aktualisierte Aufl., 2008, S. 471.
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Emotion umzugehen versuchen, wofür auch spricht, dass die starren Phasen in einigen Fällen von Erregungsphasen abgelöst werden. 8
3.) Desorganisierte Schizophrenie (früher Hebephrenie): Zeichnet sich besonders durch eine „Inkohärenz des Denkens“ 9 aus, sowie durch „unangemessene Affekte“ 10 (d.h. Betroffene reagieren unpassend auf Situationen, z.B. lachen wenn sie etwas Trauriges erzählt bekommen 11 ). Auch emotionale Abstumpfung kann auftreten. 12 Bei diesem Typus treten zumeist zwar keine Wahnvorstellungen auf, aber es kommt oft zu extremer sozialer Zurückgezogenheit der Betroffenen. 13
Schizophrenie geht mit einem Realitätsverlust einher. Die Erkrankten scheinen in einer inneren Phantasiewelt zu leben. Kommunikation mit den Betroffenen ist bei der ersten Gruppe nicht möglich, mit der zweiten nur sehr begrenzt, denn die Schizophrenen sind von ständigem Misstrauen gegenüber anderen geprägt, und bei der dritten, kann häufig kaum Kommunikation mit den Betroffenen stattfinden, denn ihre Assoziationen sind für den Außenstehenden nur schwer bzw. überhaupt nicht nachzuvollziehen. 14
Schizophrenie tritt meist bei jungen Leuten auf. Erste Symptome zeigen sich in der Adoleszenz (bei Frauen etwas später als bei Männern); so gilt in „der anthropologischen Psychiatrie [..] die Schizophrenie als ,Erkrankung am Erwachsenwerden bzw. Nicht- Erwachsenwerden können‘ “ 15 Wie folgendem noch besprochen, hängt Schizophrenie eng mit der Sozialisation zusammen.
Festzuhalten bleibt, dass Schizophrenie mit Wahnvorstellungen auftreten kann, dies aber nicht zwingend notwendig ist. Gleichzeitig bedeutet das Auftreten von Wahnvorstellungen aber nicht automatisch, dass eine schizophrene Erkrankung vorliegt.
2.2 Ursachen der Schizophrenie
Wie und warum Schizophrenie entsteht, ist nach wie vor ein Punkt, über den die Wissenschaft streitet: Ist es eine genetisch vererbte, auf einem physischen Defekt beruhende Erkrankung, oder hängt es an der Umwelt und Sozialisation der Erkrankten?
Auf die bio- genetischen Ursachen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Dazu sei nur gesagt, dass es in einigen Familien zu Häufungen von schizophrenen Erkrankungen kommt. Ob dies aufgrund eines genetischen Defektes geschieht oder nicht, kann bisher weder bewiesen, noch widerlegt werden. 16
8 Ebd., S. 471- 472.
9 Ebd., S. 471
10 Vgl. Ebd..
11 Vgl. Ebd.
12 Vgl. Ebd.
13 Vgl. Ebd.
14 Siehe hierzu Ebd., S.470-471.
15 Hildenbrand, Bruno: Einführung in die Genogrammarbeit, Heidelberg, 2. Aufl., 2007, S. 68., zietiert nach: Blankenburg, W.: Schizophrene Psychosen in der Adoleszenz, 1983. In: Japanese Jouranl of Psychopathology 4, S.151-170.
16 Vgl. Krüll, Marianne: Schizophrenie und Gesellschaft. Zum Menschenbild in Psychiatrie und Soziologie, München, 1. Aufl., 1977, S.61-68. Siehe auch: Bourne, Lyle E.; Ekstrand, Bruce R.; Bourne-Ekstrand: Einführung in die Psychologie, Eschborn, 5., aktualisierte Aufl., 2008, S. 472- 475.
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In dieser Arbeit soll der Fokus aber auf der soziogenetischen Theorie liegen, die das Entstehen der Schizophrenie im familiären Umfeld und in der Sozialisation verortet. Nach dieser Theorie wird ein an Schizophrenie Erkrankter als jemand erachtet, der „die Widersprüche unseres gesellschaftlichenkulturellen Werte- und Normensystems nicht in einer Weise verarbeiten konnte, wie es von den Angehörigen unserer Kultur verlangt wird.“ 17 Die Häufung schizophrener Erkrankungen in einigen Familien wird in diesem Verständnis nicht durch genetische Vererbung weitergegeben, sondern durch ein „soziales Erbe“ 18 . Die zugrundeliegende Annahme ist, dass „[…]es keinen Schizophrenen gibt, dessen Herkunftsfamilie nicht hochgradig gestört war in ihren Interaktions- und Kommunikationsstrukturen“ 19 . Welcher Art diese Störung ist, wie sie zustande kommt und warum dies in einigen Fällen zur Schizophrenie führt, darüber gibt es sehr viele unterschiedliche Untersuchungen und Erklärungsansätze. Diese reichen von der Mutter- Kind- Beziehung 20 über Eheprobleme der Familie 21 über die verschiedensten Varianten der gestörten Kommunikation zwischen den einzelnen Familienmitgliedern 22 . Krüll selbst sieht hierbei als gemeinsamen „Nenner“: Der Auslöser der Erkrankung ist nicht alleine die Tatsache, dass die Interaktion in der Familie anders ist als dies gesellschaftlich in der Bezugsgruppe anerkannt ist, sondern die Art und Weise wie diese Diskrepanz zum allgemeinem Normensystem kommuniziert wird 23 . Wenn in einer Familie also zum Beispiel eine andere Rollenverteilung als in der Primärgruppe sonst vorherrscht, sorgt nicht dies für die Schizophrenie, sondern die Tatsache, dass den Kindern die Ungewöhnlichkeit der Rollenverteilung nicht kommuniziert wird. Die Problematik ergibt sich für die Kinder aus der Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen, außerhalb der Familie erlebten Normen und denen als „normal“ (also der Norm entsprechend) deklarierten Verhaltensstrukturen, die in der Familie vorgelebt werden.
17 Krüll, Marianne: Schizophrenie und Gesellschaft. Zum Menschenbild in Psychiatrie und Soziologie, München, 1. Aufl., 1977, S.60.
18 Vgl. Ebd., S.71.
19 Ebd. S.72.
20 S. Edb. S. 73.
21 S. Ebd. S.76.
22 Vgl. Ebd. S 74-76.
23 Vgl. Ebd., S.77-78.
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Arbeit zitieren:
Henrike Höpker, 2010, "Du... bitte erzähl mir eine Geschichte...?", München, GRIN Verlag GmbH
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