1. Einleitung
In der vorliegenden Seminararbeit werden die psychischen und psychologischen Erfahrungen Carl Gustav Jungs, resultierend aus dem Ersten Weltkrieg, untersucht. Um Jung in seinen familiären und kulturellen Beziehungen zu begreifen, wird die Biographie hinsichtlich religiöser, psychologischer und historischer Aspekte analysiert. Aus dem biographischen Kontext sollen die beruflichen Wege und Abwege Jungs genauer betrachtet werden, um die Entstehungsgeschichte eines seiner Hauptwerke, des Liber Novus, zu rekonstruieren. Das Rote Buch, wie das Liber Novus bezeichnet wird, dient der Untersuchung als Quelle, da Jung in diesem Werk eigene Visionen niederschrieb und analysierte. Um den Ursprung von Visionen, Vorahnungen und anderen Phänomenen in die Arbeit zu integrieren, wird die Geschichte des Okkultismus, im Besonderen des Spiritismus, erläutert. Die Zeit des Spiritismus, in welche Jung hineingeboren wird, ist insbesondere hinsichtlich seiner Visionen von umfassender Bedeutung. Folgt man weiterhin Jungs beruflichen Werdegang, wird deutlich, dass weder Jung noch diese Arbeit innerhalb des Spiritismus verweilen können. Die Psychologie und Jung selbst entwickelten, unter anderem, aus dem Spiritismus die psychologische Wissenschaft der Traumdeutung. Jungs Visionen und sein Abbruch aller beruflichen Beziehungen, liegen zeitlich eng zusammen. Aus diesem Grund werden diese Aspekte in der Arbeit aufgegriffen. Die Bedeutung des familiären Hintergrundes und die damit verbundene Auseinandersetzung mit Religiosität und okkulten Phänomenen, werden in einen engen Kontext zum beruflichen Werdegang gebracht, um die Visionen zu analysieren.
Das Ziel dieser Untersuchung wird es sein, die persönlichen und beruflichen Erfahrungen Jungs zu betrachten, um die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs darstellen zu können. Dabei wird ein besonderer Schwerpunkt auf Jungs Visionen und Reaktionen gelegt, die unmittelbar mit dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang stehen. Diese genauere Betrachtung konnte in der bisherigen Forschung nicht gefunden werden. Die Tatsache, dass es keine expliziten Quellen gibt, die Jungs Erfahrungen mit dem Ersten Weltkrieg wiedergeben, werfen Fragen auf. Aus diesem Grund wird ein Deutungsversuch impliziter Quellen stattfinden. An-hand der Analyse sollen die psychischen Erfahrungen Jungs mit dem Ersten Weltkrieg, sowohl aus privater, als auch aus beruflicher Perspektive, dargestellt 2
werden. Das erst kürzlich veröffentliche Werk Jungs „Liber Novus“, stellt eine noch beinahe unerforschte Quelle dar. Da das rote Buch bisher nur durch den Herausgeber Sonu Shamdasani untersucht und analysiert wurde, entstehen wissenschaftliche Schwierigkeiten, da Vergleichsmaterial fehlt. Ein weiterer schwieriger Aspekt bezieht sich auf die Einarbeitung in die psychologischen Theorien und deren Einordnung.
Im Bezug zum Seminar „Geschichte des Ersten Weltkriegs“, sollen in dieser Arbeit vor allem die psychologischen Aspekte, sowie die Wahrnehmung und Verarbeitung der Erfahrungen, einen zentralen Stellenwert einnehmen.
2. Carl Gustav Jung
Im folgenden Kapitel soll die Person Carl Gustav Jungs im Kontext zu seinem Wirken betrachtet werden. Das mitunter wichtigste Werk Jungs, das Liber Novus, wird als Quelle analysiert. Im Liber Novus enthaltende Visionen, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, werden untersucht. Hierbei sollen auch Jungs eigene Deutungsversuche betrachtet werden.
2.1. Biographie
Carl Gustav Jung wurde 26. Juli 1875 in Kesswil am Bodensee geboren. Jungs Vater, Johann Paul Achilles war Pastor der Schweizer Reformierten Kirche. Jung hatte eine neun Jahre jüngere Schwester, so dass er zuvor lange Zeit als Einzelkind verbrachte. 1 Jungs Großvater war Arzt und mütterlicherseits gab es einige Theologen in der Familie Preiswerk. Über die Mutter schreibt Jung selbst, dass sie eine sehr gute Mutter war, die „eine unbewußte Persönlichkeit“ in sich trug. Diese Persönlichkeit sei „ungeahnt mächtig“ gewesen. 2 Emilie Jung hinterließ zudem ein Tagebuch, in dem sie selbsterlebte „Spukphänomene, Vorahnungen und andere ‚Seltsamkeiten‘ aufgezeichnet hatte. 3 Zum Vater hatte Jung ein respektvolles,
1 Bennet, Edward Armstrong: C. G. Jung. Einblicke in Leben und Werk. Zürich 1963, S. 17 (im Folgenden zitiert als: Bennet, Jung).
2 Jaffé, Aniela: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung. 11. Aufl., Zü‐ rich, Düsseldorf 1999, S. 54 (im Folgenden zitiert als: Jung, Erinnerungen).
3 Jaffé, Jung: S. 15.
3
wenngleich skeptisches Verhältnis. Er selbst beschreibt eine Desillusionierung im Bezug auf die Kirche. 4
„Die Kirche war ein Ort, an den ich nicht mehr gehen durfte,
dort war für mich kein Leben, sondern Tod.“ 5
Dass Jung sich nicht wesentlich gegen die Religion wendete, sondern vielmehr die psychologischen Aspekte von Religiosität untersuchte, wird im weiteren Verlauf genauer dargestellt werden. Wie wichtig die Religion und der Glaube für Jung waren, wird vor allem bei Marie-Louise von Franz deutlich, die ihrer Biographie über Jung einen religiösen Schwerpunkt gibt. Franz ist es auch, die auf den vermeintlichen Verlust des Glaubens bei Jungs Vater eingeht. In anderen Biographien konnte diese These nicht wieder gefunden werden. 6 Zwischen der Religion und Jungs Träumen, Phantasien und Visionen, besteht ein enger Zusammenhang. Die Religion, die ihm durch das familiäre Umfeld vertrauter war, bildet die Basis, um mit dem Jenseits, dem Unbewussten und Irrationalen umgehen zu können. Seine ersten Träume begannen im Alter von vier Jahren, wie Jung sich später erinnert. Wenngleich diesen Träumen noch keine Deutungsversuche folgten, haben sie Jung tief beeindruckt und geprägt. 7 Die darauf folgenden Träume und Phantasien ließen in Jung das Bild zweier verschiedener Persönlichkeiten entstehen, die in zwei unterschiedlichen Zeiten existierten. Die beiden Persönlichkeiten wären jedoch nicht im psychologischen Sinn „gespaltene Persönlichkeiten“. Persönlichkeit Nr. 1 wird als die offensichtliche, nach außen gekehrte, Persönlichkeit charakterisiert. Wohingegen Persönlichkeit Nr. 2 die „Innenseite des Menschen“ sei. 8 In der Zeit seiner Berufswahl, hatte Jung seine zwei Persönlichkeiten bereits bewusst wahrgenommen. 9 Der Naturwissenschaftler fand sich in Persönlichkeit Nr. 1 wieder, während der Geisteswissenschaftler Nr. 2 war. Sie besaß keinen definierten Charakter, sondern war Teil der Geschichte, insbesondere des Mittelalters. Die zweite Persönlichkeit wird im Zusammenhang mit dem kollektiven Unbewussten eine immer stärkere Rolle einnehmen. Jung entschied sich bei der Berufswahl für Nr. 1 und somit für die Naturwissenschaften. Die beiden Persönlichkeiten begleiteten
4 Wehr, Gerhard: C.G. Jung, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 8‐9 (im Folgenden zitiert als: Wehr, Jung). 5 Jung, Erinnerungen, S. 61.
6 Franz von, Marie‐Louise: C.G. Jung, Sein Mythos in unserer Zeit. Frauenfeld 1972, S. 23 (im Folgenden zitiert als: Franz, Jung).
7 Bennet, Jung: S. 18.
8 Wehr, Jung: S. 12.
9 Wehr, Jung: S. 17.
4
ihn jedoch sein Leben lang weiter. 10 Jung begann 1895 das Medizinstudium, in welchem er auch das Interesse am Spiritismus entwickelte. 11 Daraus resultiert unter anderem die spätere Doktorarbeit, die den Titel „Zur Psychologie und Pathologie so genannter okkulter Phänomene“ trägt. Kurz vor seinem Examen, im Jahr 1900, war Jung sein künftiges Arbeitsgebiet in der Psychologie noch nicht bewusst. Das Lehrbuch der Psychiatrie von Krafft-Ebing soll Jung während des Examens beeinflusst und seinen Weg in die Psychiatrie geebnet haben. Somit lässt sich erklären, dass Jung, bereits am 10. Dezember desselben Jahres, in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich angestellt wurde. 12 Auf die Arbeitsweise und Psychologie Jungs wird im späteren Verlauf weitergehend Bezug genommen. Jung heiratet, 1903, Emma Rauschenbach. Insgesamt hatten sie fünf Kinder, vier Töchter und einen Sohn. Jung beschreibt in Erinnerungen, dass seine Familie für ihn von großer Bedeutung sei und ihm viel Kraft spende. 13 Im Sommer 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, ging Jung in den Militärdienst. Dort leitete er ein Lager für die internierten Soldaten der britischen Armee. Bennet zeichnet die Kriegserlebnisse nicht im Erfahrungshorizont des Krieges auf, sondern im Hinblick auf Jungs Auseinandersetzung mit dem Unbewussten. Daraus wird jedoch deutlich, dass die Werke Jungs, die in der Kriegszeit entstanden, für die Geschichte und Entwicklung der Psychologie bedeutend waren. 14 Franz hingegen weist auf die Visionen Jungs von 1913 hin, die sie mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Verbindung setzt. Die Erfahrungen im und mit dem Krieg finden bei Franz keine Erwähnung. 15 Die fehlenden Quellen von Jung selbst, über die eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, weisen entweder auf die Bedeutungslosigkeit, oder auf einen gewaltigen Eindruck dieser Erfahrung hin. Weiterführend könnte das darauf hindeuten, dass die intensive Beschäftigung mit dem Unbewussten, dem Beginn der Mandala-Zeichnungen und den Jenseitsreisen, eine Verarbeitung der eigenen Kriegserfahrungen war. Die impliziten Belege werden im Verlauf der Arbeit zunehmend von Bedeutung sein. In Jungs Werk „Erinnerungen, Träume und Gedanken“, welches er zum Ende seines Lebens verfasste,
10 Jung, Carl Gustav: Das rote Buch. Hrsg. und eingel. von Sonu Shamdasani, Düsseldorf 2009, S. 197 (im Folgenden zitiert als: Liber Novus).
11 Jung, Erinnerungen: S. 100.
12 Wehr, Jung: S.20‐23.
13 Franz, Jung: S. 30.
14 Bennet, Jung: S. 78‐79.
15 Franz, Jung: S. 131. 5
schildert er ausführlich und autobiographisch, welche Ereignisse in seinen Leben passierten und in wie fern diese ihn prägten.
2.2. Liber Novus - Das rote Buch
Das Liber Novus erlaubt einen Blick in die Seele eines Seelenforschers. Es besteht aus drei Teilen, dem Liber Primus, der auf Pergament verfasst wurde, dem Liber Secundus und dem später hinzugefügten Liber Tertius, ursprünglich mit „Prüfungen“ betitelt. 16 Die erste Seite des Liber Primus ist in lateinischer Sprache verfasst und wie auch das gesamte erste Buch im mittelalterlichen Stil gehalten, wenngleich die folgenden Seiten in deutscher Sprache niedergeschrieben wurden. Auf dieser ersten Seite zitiert Jung einige Stellen aus der Bibel. Unter anderem aus dem „Buch Jesaja und dem Johannesevangelium. Auf diese Weise wurde es als prophetisches Werk präsentiert.“ 17
Jedes Kapitel beginnt mit der Darstellung einer Phantasie. In jenen begegnet Jung einer Reihe von Figuren, mit denen er Dialoge führt. Er wird mit „unerwarteten Ereignissen und schockierenden Äußerungen konfrontiert“. 18 Die Phantasien wiederum sind chronologisch aus den Schwarzen Büchern übernommen. Die so genannten Schwarzen Bücher stellen die Sammlung der Visionen Jungs dar. Die schwarzen Bücher waren für den privaten Gebrauch bestimmt, wohingegen das rote Buch ursprünglich veröffentlicht werden sollte. 19 Die Phantasien wurden, bis auf wenige kleinere Korrekturen und die Einteilung in Kapitel, nahezu identisch aus den vorhergegangen Schwarzen Büchern übertragen Auf die Veröffentlichungsthematik wird am Ende dieses Abschnitts genauer eingegangen werden. Der daraus entstandene „Entwurf“ enthielt „Phantasien aus dem Zeitraum von Oktober 1912 bis Februar 1914“. 20 Nach der Darstellung folgt Jungs Deutung und Interpretation. Dadurch kann sowohl ein Eindruck in Jungs Individuationsprozess gewonnen werden, als auch zu Jungs Versuch ein allgemeines psychologisches Konzept auszuarbeiten. Thematisch betrachtet, wird im Liber Novus die Rückgewinnung der Seele Jungs dargestellt, die durch „die Wiedergeburt eines neuen Gottesbildes in seiner Seele und die Entwicklung einer neuen Weltsicht in Gestalt einer psycholo-
16 Liber Novus: S. 208.
17 Liber Novus: S. 205.
18 Liber Novus: S. 209.
19 Liber Novus: S. 204.
20 Liber Novus: S. 208. 6
Arbeit zitieren:
Anna-Lena Strotjohann, 2009, Carl Gustav Jungs Erfahrungen mit dem Ersten Weltkrieg im Kontext seiner Visionen, München, GRIN Verlag GmbH
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